ARCHITEKTEN DES HIMMELS - DER SPIEGEL
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leben ARCHITEKTEN DES HIMMELS

DIE BEZEICHNUNG »STUDENTENBAND« MÖGEN SLUT GAR NICHT. ABER OHNE STUDIUM FÄNDEN SIE DAS LEBEN AUCH LANGWEILIG.
Von Jörg Böckem
• aus UNI SPIEGEL 3/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ihre große Chance hätten die fünf Jungs aus Ingolstadt fast verpasst. Stunden vor dem Konzert von Robbie Williams in München klingelte bei der Band Slut das Telefon, die englische Gruppe Toploader, die eigentlich das Vorprogramm bestreiten sollte, war kurzfristig ausgefallen. Der zuständige EMI-Mitarbeiter mag den Gitarren-Pop der musizierenden Studenten und will die fünf als Ersatz.

Aber die sagen zuerst einmal ab: »Das war uns alles zwei Nummern zu groß«, erinnert sich Sänger und Gitarrist Christian Neuburger, »wir hatten seit Wochen nicht geprobt, die Zeit war irrsinnig knapp, unser Busfahrer gerade mit einer anderen Band unterwegs - alles viel zu kompliziert.« Außerdem hat die Band am Vorabend mit ihrer Plattenfirma den Erfolg eines neuen Albums ausgiebig gefeiert, die meisten liegen nachmittags noch verkatert in ihren Betten.

Doch dann dämmert es ihnen, dass dies der Durchbruch ihrer bisher eher Insidern bekannten Gruppe sein könnte. Also reißen sich die Jungs zusammen und stehen dann trotz eines irrwitzigen Vorbereitungschaos rechtzeitig auf der Bühne. Was folgt, ist eines der gelungensten Konzerte der Bandgeschichte. »Eine der wenigen Gelegenheiten, in denen alle mit einem Auftritt zufrieden waren«, sagt Bassist Gerd Rosenacker.

Das war im März 2001, rund ein Jahr nachdem Christian Neuburger, sein jüngerer Bruder Matthias, Rainer Schaller, Gerd Rosenacker und René Arbeithuber beschlossen hatten, jetzt endlich richtig loszulegen.

Bisher hatten Slut ihren Gitarren-Pop eher als Hobby betrieben, mit viel Leidenschaft und Begeisterung zwar und durchaus erfolgreich, aber eher so nebenbei - Christian hatte in den Jahren zuvor ein Architekturstudium absolviert, Rainer war an der FH zum Fahrzeugingenieur ausgebildet worden, Gerd hatte nach einem kleinen Ausflug in die Soziologie ein Journalistikstudium begonnen, René hatte Grafik-Design studiert.

Doch jetzt hatten Christian und Rainer ihr Studium beendet, Matthias hatte sein Abitur bestanden, Gerd war bereit, einige Zeit an der Uni zu pausieren, und René begann sowieso gerade, sich in den Hörsälen und Seminaren zu langweilen. Der richtige Zeitpunkt also, ihre gesamte Zeit und Energie der Band zu widmen.

Einer dieser Jetzt-oder-nie-Momente. »Wir wollten es jetzt einmal gescheit machen«, berichtet Christian, 30. »Die Entscheidung ist uns ziemlich schwer gefallen. Und die erste Zeit war dann auch ziemlich hart.«

Davor hatte Slut kaum Geldprobleme gekannt. Wenn Demo-Aufnahmen oder andere größere Ausgaben anstanden, schossen die Neuburger-Eltern zu, und jeder der Jungs hatte einen Nebenjob während des Studiums. Christians Arbeit in einem Architekturbüro warf gutes Geld ab. Doch jetzt wurde es eng. »Wir konnten uns nicht mal ein Auto leisten«, erzählt Christian. »Zu den Proben sind wir mit dem Schulbus gefahren, mitten zwischen randalierenden Pennälern. Das war schon irgendwie erniedrigend.«

Da gab es diesen Tag, die Band renovierte gerade ihren Probenraum, und seit Wochen hatten die fünf nichts anderes als Kartoffeln gegessen, da die Materialkosten alles Geld aufgefressen hatten, an diesem Tag gingen wirklich die allerletzten Märker dahin. Sie stammten von Matthias, der damals seinen Zivildienst leistete und als Einziger über ein Einkommen verfügte. Gerd hatte für den Rest des Geldes Bier gekauft.

»Wir saßen abends alle um den Küchentisch und haben diese Dose wie ein Heiligtum behandelt«, erinnert sich Rainer, 29, »jeder hielt sein Glas mit beiden Händen, damit ja nichts verschütt ging. So andächtig habe ich nie wieder ein Glas Bier getrunken.«

Die Jungs hatten irgendwann 1995 angefangen, statt Fußball mit ihren Instrumenten zu spielen, und schon ein Jahr später unterschrieben sie den ersten Plattenvertrag. Auftritte gestalteten sich mitunter abenteuerlich, da Matthias noch das Gymnasium besuchte und nie klar war, ob er für Konzerte schulfrei bekam.

Wurde er nicht offiziell beurlaubt, stahl er sich davon, die anderen warteten mit laufendem Motor an der Ecke, bis er in den Wagen sprang. Sie fühlten sich wie das »A-Team«, das vor jedem Einsatz Murdock aus der Psychiatrie befreien muss.

1997 mieteten sie mit Freunden ein ehemaliges Schloss bei Ingolstadt. Das ursprüngliche Schloss Westerhofen war im Dreißigjährigen Krieg abgebrannt und später zum Gutshof umgebaut worden. Hier richteten sie Probenräume und ein Aufnahmestudio ein.

Gerd und Rainer wohnen noch heute dort, zusammen mit ihrem Tourbusfahrer und dem Live-Mixer. Die anderen drei teilen sich eine Wohnung im Zentrum Ingolstadts. Schloss Westerhofen ist weiter der Lebensmittelpunkt der Band, die Stimmung erinnert an eine Mischung aus Künstlerkommune und Studenten-WG - ein Flipper im Flur, an der Wand ein überlebensgroßes Poster von Kylie Minogue in H&M-Unterwäsche.

Musik und Studium zu verbinden fiel damals nicht immer leicht - der Plan, Plattenaufnahmen und Tourneen auf die Semesterferien zu legen, scheiterte schon daran, dass Rainer an der FH völlig andere Ferientermine hatte als Christian an der Uni, meist gab es nicht mehr als eine Woche Überschneidung.

Und im Tourbus für die Uni zu lernen klappte natürlich auch nicht. »Die eine oder andere Prüfung hab ich wegen der Band schon sausen lassen«, sagt Rainer. »Wenn wir gerade im Studio waren, konnte ich mich einfach auf nichts anderes konzentrieren. Und nachher hatte ich dann ein schlechtes Gewissen.«

Kaum einer der Mitstudenten mochte die gleiche Musik wie er, auf Bewunderung oder gar Groupies mussten die angehenden Popstars verzichten. In Rainers Studiengang gab es unter 260 Studenten nur eine Frau, und die war extrem ehrgeizig und hatte mit Popmusik wenig im Sinn.

»Deutsche Studenten sind irgendwie ein ganz eigenes Völkchen«, glaubt auch Christian, »in Amerika haben Studenten großes Interesse an Lifestyle und Pop, an deutschen Unis hat das scheinbar erst mal nichts zu suchen.« Deshalb mag auch keiner der fünf den Terminus »Studentenband«. Weil das freudlos, verkopft und nach »deutschen Texten voller Befindlichkeiten im Versmaß« klänge.

Trotzdem haben Christian und Rainer ihr Studium als inspirierend empfunden, sowohl für ihre persönliche als auch ihre musikalische Entwicklung. »Gerade das Hüpfen zwischen Studium und Musik fand ich damals super«, sagt Christian, »das war spannend und abwechslungsreich. Die Musik allein lastet mich nicht hundertprozentig aus, zumindest nicht geistig. In der Branche spürt man oft eine Art geistige Armut und Einseitigkeit. Da sehnt man sich nach dem Studium zurück.«

Auch nach dem Examen hat Christian sich bemüht, den Anschluss an die Architektur, neben der Musik seine größte Leidenschaft, nicht zu verlieren. Gerade entwirft er mit einem ehemaligen Studienkollegen zwei Privathäuser. »Nur Musik machen ist mir zu wenig, und nur arbeiten wäre mir auch zu wenig«, sagt er, »beides kombinieren zu können wäre ein Traum.«

Dann schwärmt er von den Gemeinsamkeiten, die die Architektur mit der Musik verbinden, dass beide davon lebten, eine Idee zu haben, die, auf das Wesentliche reduziert, Bestand haben müsse. Referiert über die Architektur der Töne, auch wenn ihm das ein wenig hochgegriffen erscheint, und dass in der Vergangenheit große Architekten ihre Entwürfe der Rhythmik von Musikstücken nachempfunden hätten. Musiker seien Architekten des Himmels, hat einmal ein kluger Mann gesagt. Christian fällt nur gerade nicht ein, wer das war.

So ähnlich wie Christian geht es allen Bandkollegen, keiner der fünf will sich auf die Musik festlegen. Gerd schreibt Plattenkritiken für eine Musikzeitschrift, René gestaltet Alben, Poster und T-Shirts von Slut und seiner zweiten Band, Pelzig, und malt nebenher. Rainer hat sich einen Nebenjob in einer Tankstelle an einer Autobahnraststätte gesucht und freut sich über jeden Kunden, der nicht weiß, wie er seine neuen Scheibenwischer montieren muss, weil er dann endlich wieder Hand an ein Auto legen kann.

Auch sonst läuft bei Slut seit zwei Jahren alles so ziemlich nach Plan: Ihr 2001er Album »Lookbook«, das erste nach ihrem Wechsel von einem Indie-Label zum Branchenriesen Virgin, wurde hoch gelobt, und ihre beschwingt-melancholischen Pop-Melodien begeisterten den Regisseur Hans-Christian Schmid so sehr, dass er sie in den Soundtrack seines Erfolgsfilms »Crazy« integrierte. Ein Beitrag für den Soundtrack zu »Engel & Joe« folgte.

Seit ein paar Wochen arbeiten die Jungs an ihrem neuen Album, im Uphon-Studio von Mario Thaler, wo auch The Notwist ihr Hit-Album »Neon Golden« eingespielt haben, und die Aufnahmen laufen gut. Gerade waren Christian, René und Matthias in einer Kirche, wo sie auf dem Harmonium eines ihrer neuen Stücke gespielt haben. Der Klang, sagen sie, sei phantastisch, genau wie beabsichtigt - getragen und schwermütig. Nur dass die erfolgreichen Ingolstädter sich selber derzeit ganz anders fühlen: »Leicht und locker.«

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