--- S.67 BILDUNGSSERIE TEIL 3 RECHTSCHREIBUNG Mit den Eltern Klartext reden
Riegel, 62, ist Schulleiterin der Helene-Lange-Schule in Wiesbaden. Die Gesamtschule gilt als innovative Reformschule in Hessen. -------------------------------------------------------------------
Unter den Zeugnissen der Kinder, die zur 5. Klasse unserer Schule angemeldet werden, stehen häufig Sätze wie: »Martins Rechtschreibleistungen sind nicht in der Deutschnote enthalten.« Oder: »Verena muss sich mehr anstrengen in der Rechtschreibung.« Tobias, ein sonst guter Schüler, hat in Deutsch die Note 4. Es hapere halt »ein bisschen an der Rechtschreibung«, erklären die Eltern verlegen.
Die Zahl der »Neuen«, die auffallend schlecht schreiben, hat deutlich zugenommen. Derzeit sind es bei uns fast 30 Prozent. Zahlreichen Zeugnissen liegen Gutachten bei, die eine »Lese-Rechtschreib-Schwäche« attestieren. Viele der Kinder haben eine Odyssee hinter sich - vom Kinderarzt über den Schulpsychologen und Sprachtherapeuten bis zum privaten (und teuren) Nachhilfe-Institut.
Manche Zehnjährige können eigentlich überhaupt nicht schreiben. Sie sind nicht fähig, ohne große Mühe auf einer DIN-A4-Seite zu schildern, was sie erlebt haben. (Ein halbes Dutzend Fehler würde mich nicht sonderlich stören!) Selbst zu einer Frage, die ihnen besonders wichtig ist, können sie ihre Gedanken nicht niederschreiben. Und weil sie es nicht können, mögen sie es auch nicht. Fast alle aus dieser Gruppe wollen auch nicht lesen.
Die Pisa-Studie stuft knapp 10 Prozent der 15-jährigen Schüler in Deutschland als so genannte funktionale Analphabeten ein, junge Menschen, die oft nicht viel mehr als ihren Namen und ihre Adresse schreiben können. Weitere 13 Prozent können bestenfalls auf einfachstem Grundschulniveau lesen. Diese insgesamt 23 Prozent hat Pisa als »potenzielle Risikogruppe« unter den Schülern bezeichnet. Die Erfahrungen an unserer Schule sind ähnlich. Noch vor ein paar Jahren waren das seltene Einzelfälle.
Zugleich steigen ständig die Anforderungen in Beruf und Alltag. Wer problemlos lesen kann, erfährt vielleicht erst aus Bernhard Schlinks Buch »Der Vorleser«, dass Analphabetismus in unserer Gesellschaft ein ständiges Sich-verstecken-Müssen bedeutet.
Wo liegen die Gründe für die erschreckende Veränderung? Anscheinend gelingt es den Grundschulen nicht mehr, dass fast alle einigermaßen sicher lesen und schreiben lernen. Warum nicht? Natürlich sind die Kinder nicht dümmer geworden und die Grundschulen nicht schlechter.
Schreiben und lesen zu lernen ist für die meisten Kinder mühselig. Vermutlich ist die wichtigste Voraussetzung, diese Mühsal durchzustehen, das Vorbild in der Familie. Wenn die Kinder dort mitbekommen, dass Schreiben und Lesen offensichtlich wichtig, etwas Nützliches oder gar Kostbares sind, fördert das die eigene Motivation.
Umgekehrt: Wenn die Erwachsenen möglichst wenig schreiben, wenn der Anruf beim Großvater einen Geburtstagsbrief ersetzt, wenn Lesen daheim keine Rolle spielt und über Bücher kaum ernsthaft oder gar begeistert gesprochen wird, warum sollten die Kinder dann Schreiben-Können wichtig oder gar toll finden?
Die modernen Medien verstärken die Misere. Fernsehbilder sind ebenso flüchtig wie die Texte auf dem Computerbildschirm. Die Schnittfolgen auch der normalen Fernsehfilme werden immer rasanter, den Videoclips immer ähnlicher. Das erschwert, dass sich der jugendliche Zuschauer gründlich auf das Geschehen einlässt. Besser ist: »zappen« und »surfen«. Nichts versäumen, schnell zu Interessanterem wechseln, wenn etwas zu schwierig wird.
Die Grundschule ist schlicht überlastet durch ständig mehr werdende Zusatzaufgaben - von der Integration der Mitschüler aus Kasachstan oder aus den Türken-Vierteln in unseren Städten über Früh-Englisch bis hin zur Verkehrserziehung oder dem »Tag der Milch«. Das bedeutet: weniger Zeit für die elementaren Kulturtechniken.
Interessant ist, dass in vergleichbaren Gesellschaften wie etwa der finnischen die Schüler offenbar deutlich geringere Probleme mit dem Lesen und Schreiben haben als unsere. Einer der Hauptgründe dürfte sein, dass in den meisten der erfolgreichen Pisa-Länder weit mehr in den Grundschulbereich investiert wird als in Deutschland, sowohl finanziell als auch an persönlicher Zuwendung im Schulalltag.
In den Ländern, die bei Pisa vorn liegen, sind nicht nur »kleine Klassen für kleine Kinder« selbstverständlich. Dort haben Grundschüler (übrigens auch Sekundarschüler), die beim Schreiben und Lesen nicht mitkommen, ein Anrecht auf individuelle, maßgeschneiderte Förderung.
Eine weitere, gelegentlich angeführte Ursache für die Schwierigkeiten, die immer mehr Kinder und Jugendliche beim Schreiben und Lesen haben, kann man allerdings getrost vergessen: die Rechtschreibreform. Alles in allem ist die neue Rechtschreibung logischer, kennt weniger Regeln und weniger Ausnahmen. Aber sie wird das Problem nicht lösen, höchstens ein wenig mildern.
Besorgt sein muss man nicht um die Kinder, die als Zehnjährige »dass« weiterhin mit »ß« schreiben oder immer noch unsicher sind, ob es »radfahren« oder »Rad fahren« heißen muss. Sondern um die, die auch als 14-Jährige unfähig sind, in fünf oder sechs Sätzen den Ablauf eines Verkehrsunfalls so aufzuschreiben, dass ein Dritter es lesen und sich ein Bild machen kann. Oder um die, die nicht im Stande sind, die Fragen im Test für ihren Mopedführerschein zu verstehen.
Was ist zu tun? Ein Patentrezept gibt es nicht. Doch wenn zu Hause das Schreiben und Lesen nicht als wichtig erlebt wird, hat die Schule einen schweren Stand. Und auch, wenn zu Hause die Kinder lieber stundenlang vor dem Fernsehgerät geparkt werden, anstatt mit ihnen zu reden und zu spielen, ihnen etwas vorzulesen oder sogar gemeinsam mit ihnen etwas zu lesen.
Notwendig ist, dass die Schule mit den Eltern Klartext redet. Die Lehrer müssen den Eltern klar machen: Wir wollen euren Kindern helfen. Aber wir werden fast nichts ausrichten, wenn ihr unsere Arbeit nicht ernsthaft unterstützt. Gelegentliche Ermahnungen eurer Kinder reichen nicht.
Wie oft habt ihr euren Kindern eigentlich schon mal einen sorgfältigen und anschaulichen Brief geschrieben? Habt ihr ihnen deutlich gemacht, wie sehr ihr euch über einen Brief von ihnen freut? Habt ihr ihnen gezeigt, dass ihr euch für die Texte interessiert, die sie schreiben, und ihre Fortschritte bewundert? Dass es euch freut, wenn sie euch etwas vorlesen oder von Gelesenem erzählen?
Wenn euch die Zukunft eurer Kinder wirklich wichtig ist, dann müsste das Konsequenzen für euren eigenen Lebensstil haben. Also: Prüft ehrlich, ob eure Kinder an eurem Verhalten erleben können, wie wichtig Lesen und Schreiben sind.
Nicht mehr Zeit für gemeinsames Fernsehen, sondern füreinander ist wichtig. Zeit, in der man beispielsweise einen Text gemeinsam studieren kann - selbst wenn es nur die Aufbauanleitung für die neue Schrankwand ist oder der Abschnitt aus dem Reiseführer über das nächste Urlaubsziel.
Vor allem aber: Kein eigenes Fernsehgerät für den Sohn oder die Tochter! (Dafür unter Umständen auch einen wochenlangen Krach in der Familie aushalten.)
Noch ein paar Sätze zur Lese-Rechtschreib-Schwäche. Das Etikett ist hilfreich, aber auch gefährlich. Es entlastet die Eltern und entmündigt sie zugleich: Mein Kind ist »eigentlich« kein Versager; es hat eine amtlich anerkannte, von niemandem verschuldete Krankheit wie einen Herzklappenfehler oder Asthma. Auf die ist bitte Rücksicht zu nehmen. Oder gar: Selbstverständlich hat die Schule diese Krankheit zu »therapieren«.
Tröstlich immerhin die Erfahrung: Den meisten dieser Kinder kann - zumindest ein wenig - geholfen werden, wenn ein Erwachsener, geduldig, einfallsreich und manchmal auf Umwegen mit ihnen übt.
Im Übrigen wird die Schule immer wieder verdeutlichen müssen, dass das Lesen und das Schreiben (ja, gelegentlich auch das »schöne« Schreiben) wichtig sind und geschätzt werden. Die Schule muss den unterschiedlichen Kindern auf ihren unterschiedlichen Wegen zur Schrift individuelle Hilfen anbieten - auch denen, die in den ersten vier Schuljahren nicht sehr weit kommen. Das gilt insbesondere für die Kinder aus Elternhäusern, in denen kein Deutsch gesprochen wird. Oder in denen Vater und/oder Mutter selbst kaum lesen und schreiben können.
Also: Viele Anlässe für Schreiben und Lesen schaffen - aber kein sinnloses Üben; statt dessen Wandzeitungen, Klassentagebücher, Vorlesen selbst geschriebener Geschichten, die anschließend vielleicht zu schönen Büchern gebunden werden. Aufführen von selbst verfassten kleinen Theaterstücken, Briefwechsel zwischen Lehrern und Schülern, zwischen einer Klasse in Hamburg und einer in Oberammergau.
Flüssig und gern zu schreiben und zu lesen lernt man vor allem, indem man viel schreibt und liest.