Redet nicht, handelt! - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 34 / 123

Redet nicht, handelt!

Von Andrea Stuppe
• aus DER SPIEGEL 25/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Paradies für deutsche Lehrer liegt in Enger, einer Kleinstadt am Teutoburger Wald. In dem flachen Siebziger-Jahre-Bau der Realschule bekommen die Lehrkräfte das, was ihnen die Gesellschaft gemeinhin versagt: Anerkennung und Anteilnahme. Auf den Hinterbänken in den Klassenzimmern sitzen Staatssekretäre, Wissenschaftler, Studenten und bestaunen ein kleines Bildungswunder: Lehrer, die mit Spaß unterrichten.

So wie Geschichtslehrer Ralf Dornbusch, 39. Quellenlektüre zur Königswahl Ottos des Großen - kein einfacher Originaltext, den er mit der Klasse 7 b Abschnitt für Abschnitt untersucht. Die Schüler machen konzentriert mit, teilen sich dann in Kleingruppen, wälzen Nachschlagewerke. »Wir müssen unbedingt noch rauskriegen, wie der Krönungsort aussah«, sagt Felicitas Riepe, 14, »was die Leute anhatten und was sie aßen.« Denn Dornbusch dreht mit der 7 b einen Videofilm über die Königswahl - und die Schüler suchen nach passenden Requisiten.

Engagierte Lehrer, gibt''s die? »Faule Säcke« hatte Gerhard Schröder den Lehrstand pauschal gescholten, als er noch volksnah und stammtischverbunden in Niedersachsen herrschte. In der demoskopischen Wertschätzung der Berufe rangieren Studienräte auf Platz 14, zwischen Journalist und Offizier. Seit 1966 ist ihr Ansehen kontinuierlich um mehr als die Hälfte gesunken - nur Grundschullehrer stehen neuerdings etwas besser da. Die Lehrer bestätigen die gängigen Vorurteile, wenn sie - wie jüngst in Hamburg - eine Verlängerung der Wochenarbeitszeit um eine Stunde in Massenprotesten zum Rathaus treibt. Und wenn der internationale Wissenstest Pisa Deutschland einen beschämenden Platz im unteren Drittel zuweist, heißt es natürlich nicht: die blöden Schüler, sondern: die unfähigen Lehrer!

Unendlich lange her ist der sozialdemokratische Bildungsaufbruch Anfang der siebziger Jahre, als auch Arbeiterkinder gleiche Chancen für einen Platz an Gymnasien und Universitäten bekommen sollten und die Lehrer, fr isch aus der 68er-Revolte, sich als Avantgarde des gesellschaftlichen Fortschritts fühlten. Die »bildungsfernen Schichten« entfernten sich während der Kohl-Ära wieder von den höheren Lehranstalten - der Anteil der Arbeiterkinder an Schulen und Universitäten sank rapide. Die meisten enthusiastischen Lehrer der 68er-Generation wurden beim langen Marsch durch die Institution Schule lahm oder gelähmt vom reglementierten Lehramtsalltag.

Karrierebewusste Abiturienten streben in die wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten, zu den Informatikern oder in ein Studium mit dem Berufsziel Medizin - die Staatsprüfungen für das Lehramt lockten bis vor kurzem immer weniger Studierende. Dabei steht ein dramatischer Generationswechsel an: In den nächsten 10 bis 15 Jahren geht etwa die Hälfte der 670 000 Pädagogen in Pension. In Fächern wie Chemie oder Mathematik herrscht jetzt schon Lehrermangel.

Doch das geringe Prestige des Lehrerberufs macht die Werbung für qualifizierten Nachwuchs mühsam. Im Siegerland des Pisa-Tests, in Finnland, haben Pädagogen einen ganz anderen Stellenwert. Da Bildung dort als Investition in die Zukunft allgemein anerkannt ist, gelten auch die Bildungsvermittler als Protagonisten einer Zukunftsbranche.

Die Anwärter für die Schullaufbahn kommen aus dem »bestqualifizierten Viertel aller Studenten«, sagt Jukka Sarjala, Chef von Finnlands Schulbehörde: »Wenn man die Leute fragt, in welche Institutionen sie Vertrauen haben, dann landen Polizei, Justiz und Schule ganz vorn.«

Deutschland macht es dagegen schon in der Ausbildung dem Lehrer schwer, sich auf die Anforderungen der viel beschworenen Wissensgesellschaft einzustellen. Zu wissenschaftlich, zu praxisfern lautet das durchgehende Zeugnis der Bildungsexperten. Referendare stehen manchmal erst nach sieben Jahren Studium zum ersten Mal vor einer Klasse - und merken, dass sie mit leibhaftigen Schülern nicht zurechtkommen. Die Kandidaten verfügen über profundes Wissen in Quantenphysik oder mittelhochdeutscher Dichtung - aber wie sie das einer unausgeschlafenen, aufmüpfigen Bande beibringen sollen, haben sie auf der Hochschule nicht gelernt.

Das schwer gängige Räderwerk der deutschen Kultusminister-Bürokratie versucht inzwischen zwar, neuen Schwung in die Lehrerausbildung zu bringen - mit Praxissemestern und Schnupperwochen für Studienanfänger oder neuen Bachelor- und Master-Studiengängen. Bis das System allerdings die neuen Lehrer, die das Land braucht, produziert hat - das kann dauern.

Doch nicht alle wollen so lange warten. Überall im Land gibt es kleine Inseln der Innovation, wo engagierte Lehrer in Eigeninitiative proben, wie der Unterricht der Zukunft aussehen könnte.

Im Gebäudeteil T, sechster Stock, Zimmer 241 der Universität Bielefeld, sitzt ein bärtiger Mann, der gern träumt: Klaus-Jürgen Tillmann, Professor für Erziehungswissenschaften, Bildungsforscher, Mitgestalter der Pisa-Studie. Er träumt vom idealen deutschen Lehrer.

Tillmanns idealer Lehrer findet Kinder spannend. Und dann erst seine Fächer. Er nennt sich Experte für Vermittlung. Und nicht Anglist oder Germanist. »Wir brauchen an den Schulen keine verhinderten Fachwissenschaftler«, sagt dieser Mann, »die immer nur Sehnsucht nach ihren paar Stunden Leistungskurs haben.«

Tillmanns idealer Pädagoge blickt über Fächergrenzen hinweg. Er begeistert sich für mindestens ein Fach, das er nicht studiert hat. Wenn ein Schüler ein Naturphänomen erklärt haben will, sagt er nicht: »Das ist Chemie, ich kann nur Physik.«

Tillmanns idealer Lehrer findet es nicht ärgerlich, wenn seine Schüler unterschiedliche Stärken und Schwächen haben. Er unterrichtet nicht einen fiktiven Durchschnittsschüler, sondern möglichst viele Einzelwesen. Er doziert nicht, sondern verteilt Aufgaben, bildet Lerngruppen.

Ein paar hundert Meter von Tillmanns Schreibtisch entfernt, in einem knallroten Gebäude, müssen solche Träume den Praxistest bestehen. An der bekanntesten deutschen Versuchsschule, der Laborschule Bielefeld, proben 660 Schüler und 70 Lehrer unter Tillmanns wissenschaftlicher Leitung den Unterricht der Zukunft.

Einst, in den siebziger Jahren, wollten Fahnen schwingende Überzeugungstäter an dieser Gesamtschule von Ostwestfalen aus die Welt verbessern. Heute zählen immer mehr Pragmatiker wie Lutz Plass, 33, die »einfach nur guten Unterricht« machen möchte, zum Lehrerkollegium.

Ein fabrikhallengroßer Gemeinschaftsklassenraum, rot-weiße Stoffzelte, Drachen unter der Decke - Schule ist hier vor allem eins: bunt wie das Leben. Im Laborraum unterrichtet Plass, gelernter Biologie- und Sozialwissenschaftslehrer, seine 6. Klasse in Naturwissenschaft. Die Schüler bauen einen Experimentierkasten für Elektrizitätslehre, hantieren mit Drähten, schneiden Kabel, schließen Glühbirnen an.

Zu jedem Arbeitsschritt gehört ein kleiner Versuch, der dokumentiert und ausgewertet wird. Plass, von Physik-Fachkollegen eingewiesen, malt den Montageplan für das neue Bauteil an die Tafel, hilft bei Nachfragen, hält sich ansonsten im Hintergrund. Selbständiges Arbeiten - hier funktioniert es, hier motiviert es ganz offensichtlich die Schüler.

»Eigentlich«, verkündet Elena Laker, 12, »interessiere ich mich momentan eher für den Zweiten Weltkrieg.« Bei der Montage der Prüfstrecke in ihrem Baukasten ist das Mädchen mit dem blonden Pferdeschwanz trotzdem eine der schnellsten, »weil ich danach selbst ausprobieren kann, welche Materialien leiten: Metall, Glas oder Holz«.

Auf Teamarbeit, kombiniert mit neuen Medien, setzt Hennes Weiß, 50, Lehrer an der Alfred-Delp-Schule im hessischen Dieburg. In einer Doppelstunde sollen die Gymnasiasten des Deutsch-Leistungskurses, Jahrgang 12, Themenschwerpunkte des Romans »Das Parfüm« von Patrick Süskind erarbeiten und optisch interessant präsentieren.

Christian Stypa, 18, und seine Gruppe basteln am Laptop mit einem speziellen Programm eine Gedächtniskarte zum »18. Jahrhundert als Rahmen für Süskinds Roman«. Carola Heider, 18, malt Moderationskarten und Plakate zu »Grenouille - ein genialer Außenseiter«. Später steht die junge Frau im pinkfarbenen Pulli lässig vor der Klasse, hält pointiert einen Fünf-Minuten-Vortrag über den Romanhelden - eine »sehr gute Grundlage für die Abiturvorbereitung«, lobt Lehrer Weiß.

»Ich bin stolz auf euch«, sagt in der letzten Bankreihe Jörg Weißmantel, 40, Wirtschaftspädagoge und freiberuflicher Kommunikationstrainer, der die Klasse und ihren Lehrer in Präsentationstechniken geschult hat. Alle könnten nun strukturieren, frei sprechen, Karteikarten benutzen, lobt Weißmantel, der an bundesweit rund 100 Schulen Trainingstage anbietet. Der Durchschnittslehrer dagegen, meint er, sei oft schon mit Selbstverständlichem überfordert: einen Zehn-Minuten-Vortrag auf den Punkt bringen, eine Folie gestalten, Blickkontakt zur Gruppe halten.

Weißmantel hat auch andere Erfahrungen. Selbstkritik, sagt er, sei vielen Pädagogen fremd. Oft genug erlebe er, dass zur Fortbildung abkommandierte Lehrer in seinem Seminar sitzen »und demonstrativ Zeitung lesen«.

An der Alfred-Delp-Schule ist interdisziplinäres Arbeiten längst Routine. »Faust« etwa steht nicht nur im Deutschkurs von Lehrer Weiß auf dem Stundenplan. In Biologie behandeln Schüler Gentechnik im Goethe-Roman. Im Kunstunterricht machen sie aus »Faust«-Zitaten Bildcollagen am Computer. Schülerin Teresa Schierle,

18, recherchierte für das Thema »Kindsmord bei Faust« bei der Caritas und der Polizei, interviewte sogar eine Psychotherapeutin.

Von solchen Unterrichtserfolgen kann Marlies Bock, 59, nur träumen. »Wir kriegen lauter Verlierer«, sagt die Leiterin der Martin-Luther-Hauptschule in der Ruhrgebietsstadt Herten. Frustrierte Kinder, die von anderen Schulen zurückgeschickt werden, Kinder aus zerrütteten Familien, die zu Hause keinerlei Hilfe bekommen. Ein Drittel des Unterrichts gehe dafür drauf, aggressive und unmotivierte Schüler zu bändigen. Am Ende, sagt die Pädagogin, »fehlen dadurch zwei Jahre Wissensvermittlung«.

Krisenzentrum Hauptschule: Gerade am unteren Ende des deutschen Schulsystems ist der Veränderungsdruck besonders groß. Gymnasiallehrer können leistungsschwache Kinder problemlos an andere Schulformen aussortieren. Wer nicht mitkommt, so allzu oft die selbstgerechte Devise der Pädagogen, ist selbst Schuld. Im deutschen Schulsystem kontrolliert niemand, wie weit auch unfähige Lehrer Mitschuld haben am Versagen ihrer Zöglinge.

Hauptschulpädagogen müssen sich mit denen abmühen, die übrig bleiben - und zusehen, wie sie auch die fürs Leben nach der Schule trimmen.

Die meisten Schüler, sagt Rektorin Bock, machen schon »bei Texten von einer Dreiviertelseite schlapp«. Sie sind über Sprache kaum zu erreichen, schalten einfach ab, wenn der Lehrer zu reden beginnt. »Mit traditionellem Frontalunterricht geht hier gar nichts.«

Deshalb probieren die Lehrer von Herten seit Jahren Neues aus - mit Erfolg. Sie arbeiten nicht im 45-Minuten-Takt, sondern nach Tages- und Wochenplänen. Das nimmt Schülern Zeitdruck. Sie verbinden Kopf- und Handarbeit in praktischen Unterrichtsprojekten. Das gibt auch Lernschwachen Erfolgserlebnisse. Und weil es sonst oft niemand macht, übernehmen sie auch Eltern-Aufgaben.

Wie etwa bei der Lehrstellensuche. Im Jahr vor dem Hauptschulabschluss sucht der Klassenlehrer jedem Schüler einen Ausbildungsbetrieb, in dem der einen Schultag pro Woche arbeitet. Der Lehrer geht regelmäßig in die Firmen, vermittelt bei Problemen, fragt nach Schwächen. Die Schüler hätten zu wenig Ausdauer, könnten nicht im Team arbeiten, seien wenig zupackend, meldeten die Chefs.

Um das zu ändern, gründeten Schüler und Lehrer die Bauhütte - ein selbst gemauerter Neubau auf dem Schulgelände, in dem Zehntklässler einmal im Monat fürs Leben lernen. Sascha Brocki, 17, bringt unter den kritischen Blicken des ehrenamtlichen Maurerpoliers Hubert Müller, 66, Wärmeputz an. »Ganz schön rauer Umgangston hier«, sagt Brocki, »aber eine gute Vorbereitung auf die Lehre.« Wie 60 Prozent der Schüler hat er dank seines Jahrespraktikums schon vor Schulabschluss einen Ausbildungsplatz sicher.

Drinnen in der Bauhütte plant Hermann Kuhl, 46, eigentlich Deutsch- und Englischlehrer, mit seiner Klasse 10 a demnächst die neue Regenwasser-Verrieselungsanlage für das Schuldach. Die Klasse muss Kostenvoranschläge einholen, Material bestellen, Handwerker anheuern, die bei der Eigenarbeit helfen. »Ganz andere Menschen«, sagt Kuhl, würden die Schüler bei solchen Unterrichtsprojekten: »wissbegierig, engagiert, selbstbewusst«.

In der Bauhütte muss jeder Lehrer zusammen mit einem Sozialpädagogen auch regelmäßig Abendsprechstunden für Schüler, Eltern und Ehemalige halten. Ärger in der Lehre, Stress mit der Freundin - bei allen Alltagsproblemen wird Hilfe angeboten. Lehrer sollen in Herten Lebenshelfer sein, die die Familien kennen, auch bei privaten Krisen eingreifen.

Noch sind sie Inseln in der deutschen Bildungslandschaft, die innovativen Schulen. Ob eine Schule es schafft, den Unterrichtsalltag besser und spannender zu machen, hängt meist von dem Engagement einzelner Schulleiter oder Lehrer ab, die andere Kollegen mitreißen.

In der Realschule Enger wird nichts Hochwissenschaftliches geprobt, nichts nie Dagewesenes getestet, aber es werden pragmatische Ideen für besseren Unterricht kombiniert, weiterentwickelt und im Schulalltag umgesetzt.

»Jan, du hast zu viel gestottert«, »Nicole, bei dir war der Inhalt sehr gut«, »Sebastian, sag doch nicht immer äh« - im Deutschunterricht der Klasse 7 d wird heftig gelobt und viel kritisiert. Schüler bewerten gegenseitig ihre Kurzvorträge zum Thema Spielsucht.

Klassenlehrerin Sonja Gerland-Péus, 34, die die Übung in den Lerntechniken Brainstorming, Mind-Mapping und Präsentieren eingeleitet hat, muss nur selten eingreifen. »In diesem Schulsystem«, sagt sie, »kann ich mit 15 Minuten Vorbereitung 90 Minuten spannenden Unterricht machen.« Auch deshalb, weil die Lehrer zusammenarbeiten und Unterrichtskonzepte austauschen.

Am Wandschrank von Direktor Joachim Blombach klebt ein Zettel: »Don''t talk, act!« - Redet nicht, handelt. Seit Blombach 1995 die Leitung der neu gegründeten Realschule übernommen hat, hält er sich an das Motto. Er hat mit seinen Kollegen festgelegt, was neben dem Lehrplanstoff jeder Schüler beherrschen soll, etwa Zeitplanung, effektives Lernen, Strukturieren, Präsentieren, Projektarbeit. Er hat mit den Klassen- und Fachlehrern Konzepte entworfen, wie das Gelernte im Unterrichtsalltag angewendet werden kann - beispielsweise im Geschichtsunterricht von Lehrer Dornbusch.

»Ein Schock«, sagt Dornbusch, sei es für ihn zunächst gewesen, an diese Schule zu kommen - weil er von Lehr- und Lernmethoden, die er in Enger täglich braucht, »im Studium noch nie was gehört« hatte. Doch an der Realschule sei er von Anfang an »gefordert und gefördert« worden, schwärmt der Bremer, durch Kollegen, das Schulleiter-Team, externe Berater. Heute verteilt Dornbusch routiniert Aufgaben für sein Videoprojekt. Die Schüler sollen den Quellentext zum Drehbuch umformulieren. Beim Pastor nach einer Drehgenehmigung in der Stiftskirche fragen. Und eng anliegende Beinkleider für die Film-Adeligen besorgen - »notfalls Mamas Leggins«.

Dreimal hat der Geschichtslehrer bereits mit einer Klasse zur Einführung in die Quellenkunde ein Video gedreht. Drei Proben, ein Drehtermin - bei straffer Organisation, sagt er, halte sich der Aufwand für den Lehrer in Grenzen. Der Nutzen solcher Unterrichtsprojekte sei freilich unübersehbar: »Motivierte Schüler, zufriedene Lehrer - wir haben in Enger einfach paradiesische Verhältnisse.«

Doch Enger ist nicht überall. Zwischen Kuhwiesen und Kirchtürmen ist die S chulwelt noch in Ordnung. Kaum Disziplinprobleme, keine Drogen, keine Gewalt. Wer eine Klasse betritt, klopft an. Wer den Schulleiter trifft, schmettert »guten Morgen, Herr Blombach«. Hier müssen Lehrer nicht Ersatzeltern und Aufpasser spielen, sondern dürfen unterrichten.

Ganz anders als an der Heinrich-Böll-Gesamtschule im Kölner Brennpunkt-Stadtteil Chorweiler. Manfred Etscheid, 57, ist hier Spanischlehrer. Einer, der mal alles besser machen wollte. Der gegen Folter in Brasilien und die portugiesischen Kolonialkriege demonstriert hat. Der 1978 »ganz bewusst« an eine Gesamtschule ging. Heute hat er resigniert. Vielen seiner Abiturkandidaten, sagt er, sei eine zweite Fremdsprache einfach nicht beizubringen. Die haben als Migrantenkinder noch genug Probleme mit dem Deutschen.

Morgens im Lehrerzimmer erkundigt er sich erst mal, welcher Schüler diesmal eine schlechte Nacht hatte, wessen Mutter gesoffen und wessen Vater geschlagen hat. »Dann weiß ich«, sagt er, »wen ich im Unterricht schlafen lassen muss.«

Etscheid ist Mitglied der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, »eigentlich immer schon«. Von Reformen erwartet der Alt-68er nur noch Schlechtes: »Das geht immer gegen uns Lehrer.«

Es gibt sie an fast jeder Schule, die frustrierten Lehrer, die sich und ihre Schüler durch den Alltag quälen. Aber vielerorts prägen sie nicht mehr die Stimmung in den

Kollegien. Die neue Lehrergeneration ist pragmatisch und ideologiefrei, die Träume der 68er sind den meisten egal. Sie wollen einen guten Job machen und Spaß dabei haben.

Leicht macht ihnen die Bildungsbürokratie das nicht.

Alexander Hein, 29, ist Mathe- und Physikreferendar in Neunkirchen bei Saarbrücken. Er hat ein Einser-Examen, ist hoch motiviert, »den wichtigsten Rohstoff in unserem Land« zu bearbeiten - die Schüler. Doch ihm fehlt pädagogisches, methodisches und didaktisches Handwerkszeug. Das Studium, sagt er, gehe »völlig am Lehrerleben vorbei«. Er habe zwar gelernt, »wie der Pawlowsche Hund vor seinem Fressnapf reagiert«, aber nicht, »wie ich mit Schülern umgehe, die den Unterricht stören«. Am Lehrerseminar bleibe zu wenig Zeit für so was. Eine passende Fortbildung, »gern auch in den Ferien«, sei bislang nicht zu bekommen gewesen.

Ben Thustek, 33, fünf Berufsjahre, ist Politik- und Religionslehrer im niedersächsischen Duderstadt. Er hat zusammen mit einer Software-Firma eine Datenbank entwickelt, in der Schüler künftig didaktisch bearbeitete Internet-Texte finden. Rund 200 Stunden Freizeit hat er in das Pilotprojekt gesteckt, das er sogar im Europaparlament vorstellen durfte.

Der Single hat nur eine Zwei-Drittel-Stelle bekommen, verdient rund 1500 Euro netto. Thustek, Gewerkschaftsmitglied »wegen der Gruppenversicherung«, würde sich auch öfter bei Unterrichtsbesuchen kontrollieren lassen - und bei guten Ergebnissen rasch Karriere machen. Eine Schule, meint er, sollte wie ein mittelständisches Non-Profit-Unternehmen geführt werden, »gern auch mit Leistungslohn«.

Leistungsprämien für Lehrer - auf dem Papier sind sie vielerorts längst möglich, in der Praxis scheitern sie aber meist noch an leeren Landeskassen und Widerständen in Kollegien und Gewerkschaften. Nur in Bayern, Rheinland-Pfalz und Sachsen bekommen Lehrer bislang Lohnzuschläge für besonderes Engagement.

Wer nach Leistung bezahlen will, muss erst mal Leistung messen und verbindliche Kriterien dafür finden. Mehr regelmäßige Unter-

richtskontrolle, vielleicht sogar Zeugnisse für Lehrer - Ideen, die in Deutschland meist auf reflexartige Ablehnung bei Pädagogen und ihren Berufsverbänden stoßen. Zu Unrecht, meinen Bildungsforscher wie Tillmann.

Deutsche Lehrer, sagt der Bielefelder Wissenschaftler, dürften nicht länger »in Einsamkeit und Freiheit« unterrichten, müssten sich endlich an Evaluation gewöhnen. Es sei eine der »Merkwürdigkeiten des Lehrerberufs«, dass er »hinter verschlossenen Türen fast ohne jede Kontrolle« ausgeübt werde.

Lehrerbewertungen erfüllen freilich nur dann wirklich einen Sinn, wenn die Ergebnisse auch Konsequenzen haben. Gute Lehrer müssten gefördert, schlechte auf der Karriereleiter zurückgestuft werden. Es müssten endlich Verfahren gefunden werden, fordert Tillmann, »offensichtlich unfähige Lehrer aus der Schule zu entfernen«.

Doch selbst wenn ein mieser Pädagoge im Einzelfall gehen muss, ist nicht sichergestellt, dass ein besserer nachrückt. Junge Lehrer sind gute Lehrer - die These stimmt längst nicht immer. Je nach Bundesland hat ein angehender Pädagoge während des Studiums nur vier bis acht Praxiswochen an einer Schule gehabt, um herauszufinden, ob er sich für den Knochenjob Lehrer eignet.

An der Universität musste er zwar Seminare in Pädagogik und Psychologie besuchen. Allerdings werden die von den meisten Studenten als lästige Nebensache abgehakt: Ihr Anteil am Studium beträgt je nach Bundesland 5 bis maximal 20 Prozent.

Die Einsicht, dass sich dringend etwas tun muss, ist längst von den Bildungsforschern zu den Politikern hinübergeschwappt. Und in vielen Bundesländern wird an Reformen der Lehramtsstudiengänge gearbeitet.

Mehr Praxis heißt die Leitidee. In Bayern, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Hamburg sind die Neuerungen am weitesten gediehen: deutlich mehr Schulaufenthalte für die Studenten, ein verbindliches, auf den Schulalltag abgestimmtes pädagogisches Begleitstudium und eine bessere Zusammenarbeit der Lernorte Universität, Studienseminar und Schule: Das ist die Mischung, die die neuen Lehrer hervorbringen soll.

Baden-Württembergs Kultusministerin Annette Schavan (CDU) schreibt von Herbst dieses Jahres an beispielsweise ein 13-wöchiges Praxissemester für Lehramtsstudenten vor. Ihre bayerische Kollegin Monika Hohlmeier (CSU) setzt vier Schnupperwochen an den Anfang des Studiums, weitere Praktika folgen.

Nordrhein-Westfalens Bildungsministerin Gabriele Behler (SPD) will noch mehr: bessere Lehrer, die sich zugleich die Berufswahl länger offen halten können. Ab Herbst erproben die Universitäten Bielefeld und Bochum als Modellversuch ein zweigliedriges Studium: In einem sechssemestrigen Bachelor-Studium (BA) werden Fachwissenschaften und Vermittlungstechniken gelehrt, die sich auch in einem anderen Beruf, etwa als Museumspädagoge, anwenden lassen. Erst in einem sich anschließenden viersemestrigen Master-Studium (MA) folgt die Spezialisierung aufs Lehramt und seine pädagogischen Tücken.

International anerkannte BA/MA-Modelle für die Lehrerausbildung werden auch anderswo in Deutschland geplant. Rheinland-Pfalz beispielsweise will alle Lehramtsstudiengänge auf reine »Lehrer-BAs« umstellen, mit berufspraktischen Studien vom ersten Semester an und ab dem dritten Jahr sogar Spezialisierung auf Schularten. Während Tillmann das Mainzer Modell »erfreulich berufsorientiert« findet, fürchten Kritiker wie der Berliner Bildungsforscher Heinz-Elmar Tenorth als Ergebnis Schmalspurpädagogen, bei denen die Theorie zu kurz kommt.

Der Königsweg scheint simpel: Die Verbindung von Wissenschaft und Praxis vom ersten Semester an. Bislang müssen sich Studenten ihre Praxiserfahrungen mit Schülern meist selbst verschaffen - in der Freizeit. Wie etwa Wiebke Bredemeier, 21, Lehramtsstudentin im dritten Semester aus Minden, die viermal pro Woche einer Gruppe von Ausländerkindern Deutschunterricht gibt. »Hier lerne ich, wie ich Grammatik so erkläre, dass sie jeder begreift«, sagt sie.

Rebecca Brinkmann, 25, steht im weißen Kittel im Experimentier- und Mitmach-Labor »teutolab« in Bielefeld an der Mikrowelle, nimmt eine Tasse mit weißer Flüssigkeit heraus, kippt Farbe und Essig hinein - Vorbereitungen für den Besuch von 80 Schülerinnen, denen sie zeigen will, wie man aus Milch Kunststoff gewinnt.

Die Examenskandidatin in den Lehramtsfächern Französisch und Chemie betreut Kinder beim Experimentieren, weil ihr »insgesamt zehn Stunden selbständiges Unterrichten in Chemie« aus ihrem Schulpraktikum nicht ausreichen. Inzwischen beherrscht sie gut 20 Experimente »aus dem Effeff«, weiß, wo Schüler nachfragen, was sie interessant finden - und hat damit offenbar manch altgedientem Chemielehrer etwas voraus.

»Viele Lehrer können Formeln aufmalen ohne Ende«, sagt Chemieprofessorin und »teutolab«-Chefin Katharina Kohse-Höinghaus, »aber was Chemie mit dem Alltag zu tun hat, das können sie den Schülern nicht erklären.« Deshalb hilft sie mit ihrem privat und öffentlich finanzierten »Motivationslabor für Lehrer« nach. 200 Lehrer, 30 Studenten und 5000 Kinder haben hier seit Sommer 2000 gelernt, wie man mit Milch, Kartoffeln, Biodiesel und Brennstoffzellen spannende Unterrichtsexperimente machen kann.

Auch die Prüfungsordnungen mussten für einen frischeren Unterricht entrümpelt werden. Am Darmstädter Studienseminar etwa werden die Referendare in Unterrichtsmethoden mit neuen Medien unterwiesen, die Schüler zu eigenständigem Lernen über längere Zeit anregen. Für ihre Examenslehrproben indes können die Seminarteilnehmer diese Methoden nicht nutzen. »Eigenarbeit von Schülern ohne Lehrer, die länger als zehn Minuten dauert«, sagt Deutschlehrer Weiß, der am Studienseminar unterrichtet, »ist eigentlich nicht erlaubt.«

Universitätslehrpläne müssen sich nicht zuletzt ändern, weil sich die Aufgaben der Schule längst geändert haben. Was nützen einem angehenden Lehrer Detailkenntnisse in der Differentialgeometrie, wenn er noch nie Schüler mit Rechenschwächen gesehen hat? Was nützt es, wenn ein Student im Examen die Rezeptionsgeschichte Goethes herunterbeten kann, aber nichts über die Konzentrationsschwierigkeiten von Fünftklässlern weiß?

Da Eltern immer mehr Erziehungsaufgaben an die Schule abgeben, müssen Lehrer schon im Studium mehr über bindungslose, psychisch gestörte, gewalttätige Kinder erfahren - sonst werden sie künftig kaum noch unterrichten können. Mehr Psychologie, mehr Sozialpädagogik sollten Pflicht im Lehrerstudium werden.

Schule ändert sich langsamer als Kirche, hat Richard Gross von der Stanford University behauptet. Er könnte Recht behalten. Selbst wenn alle Bundesländer blitzartig die Lehrerausbildung umstellen - die ersten »neuen Lehrer« kämen frühestens in sieben Jahren an die Schulen. Bis sie in wichtigere Positionen aufrücken und Einfluss bekommen, dürften noch mal zehn Jahre ins Land gehen.

Zu lang, um darauf zu warten, findet nicht nur Bildungsforscher Tenorth. Er rät Eltern und Schülern, den »Veränderungsdruck auf Schulen und Lehrer kräftig zu erhöhen«. Überall, wo es möglich sei, sollten Eltern »mit den Füßen abstimmen«, für ihre Kinder sorgfältig die Schulen mit den besten Lehrern und den besten Schulprogrammen auswählen.

Die Realschule im Lehrerparadies Enger jedenfalls kann sich über Schülerzuwachs nicht beklagen. Damit die Zahl der Neuzugänge nicht explodiert, hat der Stadtrat beschlossen, alle auswärtigen Bewerber abzulehnen.

Die Bildungstouristen aus Hessen und Niedersachsen, Brandenburg und Süddeutschland dürfen weiter kommen. In der ostwestfälischen Provinz, sagt Direktor Blombach bescheiden, könne er ihnen zwar keine »Revolution der deutschen Schul-Welt« vorführen. Aber, immerhin, eine »Schule in Bewegung«.

Und weil Bewegung im Bildungswesen Not tut, haben die Lehrer von Enger zwei praxisnahe Bücher zur Verbesserung des Unterrichts geschrieben. Aus den Einnahmen werden gleich weitere Neuerungen finanziert: Laptops für den Computerraum. ANDREA STUPPE

Der ideale Lehrer findet Kinder spannend.

Und dann erst seine Fächer.

Er nennt sich Experte für Vermittlung.

Und nicht Anglist oder Germanist.

Ob eine Schule es schafft, den Unterrichts-

alltag besser und spannender zu machen,

hängt meist vom Engagement einzelner Lehrer

ab, die andere Kollegen mitreißen.

Leistungsprämien für Lehrer - auf dem Papier

sind sie längst möglich, in der Praxis aber

scheitern sie an leeren Kassen und Wider-

ständen in Kollegien und Gewerkschaften.

Selbst wenn alle Bundesländer blitzartig

die Lehrerausbildung umstellen -

die ersten »neuen Lehrer« kämen frühestens

in sieben Jahren in die Schulen.

* Probe der Klasse 7 b in Enger.* An der Alfred-Delp-Schule in Dieburg.* An der Hauptschule Herten.Im nächsten Heft:Was taugt das Abitur?Professorenschelte für Abiturienten - Tests durch dieUniversität statt Abi-Noten - Zentralabitur oder mehr Freiheit fürdie Schulen? - Essay: Welche Bildung wird gebraucht?

Zur Ausgabe
Artikel 34 / 123

Mehr lesen über