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TELEKOMMUNIKATION »Blutiges Schlachtfeld«

Wie im Fieberwahn rangelten die Telefonkonzerne um die milliardenteuren Lizenzen für das Handy-Geschäft der Zukunft und stürzten damit eine ganze Branche in die Krise. Nun steht mit Mobilcom der erste UMTS-Anbieter vor der Pleite.
Von Klaus-Peter Kerbusk
• aus DER SPIEGEL 25/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Gerhard Schmid strotzte vor Selbstbewusstsein. Bis zu zwölf Milliarden Euro, versicherte der Gründer der Büdelsdorfer Telefonfirma Mobilcom, werde er sich den »Quantensprung für das Unternehmen« kosten lassen: den Einstieg als Netzbetreiber ins Handy-Geschäft. Damit, so Schmid, »kann man sich eine goldene Nase verdienen«.

Das war im August 2000, und Schmid hatte sich gerade bei der teuersten Auktion der Wirtschaftsgeschichte mit 8,3 Milliarden Euro in das »wahrscheinlich letzte Oligopol einer Zukunftstechnologie« eingekauft. Nun, kündigte damals der stolze Besitzer einer UMTS-Lizenz an, werde er der Deutschen Telekom einen »gnadenlosen Wettbewerb« aufzwingen.

Knapp zwei Jahre später ist der Traum vom Aufstieg in die Oberliga der Kommunikationsindustrie ausgeträumt. Schmid steht vor dem Scherbenhaufen seiner hochtrabenden Expansionspläne. Die Aktie dümpelt unter zehn Euro - vom einstigen Börsenwert, der in den Glanzzeiten bei 11,4 Milliarden Euro lag, sind magere 500 Millionen übrig geblieben.

Vergangene Woche kündigte auch noch sein bislang spendabler Partner Michel Bon, der Chef von France Télécom (FT), »endgültig und unwiderruflich« den vor gut zwei Jahren geschlossenen Kooperationsvertrag, der Schmids UMTS-Pläne finanziell absicherte. Mobilcom, verschuldet mit gut sieben Milliarden Euro, steht damit am Rand der Pleite. Ende Juli muss Schmid einen Kredit über 4,7 Milliarden Euro an die Banken zurückzahlen. Gelingt das nicht, dann, so Finanzvorstand Thorsten Grenz, »greifen die Vorschriften der Insolvenzordnung«.

Das Mobilcom-Debakel ist mehr als der illustre Kampf zwischen einem arroganten Elitemanager aus Frankreich und einem Betonkopf aus Büdelsdorf. Aufstieg und Fall des Selfmademan aus der Provinz sind ein Lehrstück über den Übermut und den anschließenden Katzenjammer einer ganzen Branche - einer Industrie, in der noch vor wenigen Jahren staatliche Monopolisten das Sagen hatten und den Fortschritt bremsten und die im Gefolge des Handy-Booms zum stärksten Wachstumsmotor der neunziger Jahre avancierte.

Berauscht vom unerwarteten Erfolg der digitalen Mobilfunktechnik GSM, die den Europäern erstmals seit langem auf einem Hightech-Gebiet wieder einen klaren Vorsprung gegenüber den Erzkonkurrenten USA und Japan verschaffte, stürzte sich die Branche Mitte der Neunziger in ein fast absurdes Megaprojekt: UMTS - Universal Mobile Telecommunications System.

Schon Anfang des neuen Jahrtausends, so die ehrgeizige Vision, sollten mobile Telefone die Leistung von Bürocomputern erreichen. Per Handy, so die Hoffnung, würden dann Millionen von Kunden an fast jedem Ort der Erde im Internet surfen, Bankgeschäfte erledigen, Filmvorschauen ansehen, Kinokarten buchen oder elektronische Postkarten verschicken. PC und Festnetzanschluss würden überflüssig, das Multimedia-Handy würde dank europäischer Ingenieurskunst zum Kommunikationsmittel für jede Lebenslage.

Nicht nur die Branche überschlug sich in immer gigantischeren Zukunftsvisionen. Marktforscher, Analysten, Banker, Politiker und auch die Presse heizten die Erwartungen an die neue Supertechnik weiter an. Umsätze in dreistelliger Milliardenhöhe lockten, und am Ende schien allen klar, dass keine Telefonfirma abseits stehen konnte: »Wer das Ding nicht hat, kriegt Probleme«, glaubte Mobilcom-Chef Schmid, denn »entweder man ist dabei, oder man ist raus aus dem Spiel«.

Probleme hat er nun genug - aber vor allem wegen UMTS. Konkurrenten wie die Stuttgarter Debitel, die sich nicht auf das Abenteuer UMTS eingelassen haben, stehen vergleichsweise glänzend da.

Der Grund ist klar: Unmittelbar nach der Jahrtausendwende hatten auch die Politiker das ungeheure Potenzial der neuen Technik entdeckt. Da die Frequenzen, in denen die UMTS-Handys funken, knapp sind und nur eine begrenzte Anzahl von Netzbetreibern tätig werden kann, wollten die Regierungen die Lizenzen möglichst teuer verkaufen, um schon vorab am Zukunftsmarkt kräftig mitverdienen zu können. Schließlich wurde die Eintrittskarte in die neue Multimedia-Welt von vielen als Lizenz zum Gelddrucken angesehen.

Besonders hartnäckig rangelten die Konkurrenten in Deutschland um die Lizenzen. Nach 15 Versteigerungstagen und 173 Runden konnte Finanzminister Hans Eichel schließlich bei den sechs Gewinnern rund 51 Milliarden Euro kassieren - fast 20 000-mal mehr, als seine Vorgänger für die vier GSM-Lizenzen einnahmen.

Wenige Wochen zuvor hatte der englische Schatzmeister von den Mobilfunkfirmen 38 Milliarden Euro bekommen. Rund 12 Milliarden Euro blätterten die Handy-Konzerne in Italien hin, 10 Milliarden in Frankreich, 2,7 Milliarden in den Niederlanden, fast 2 Milliarden in Polen. Am Ende hatte die Branche in Europa gut 110 Milliarden Euro für die - meist auf 15 bis 20 Jahre begrenzte - Lufthoheit über die Handy-Frequenzen gezahlt.

Damit nahm das Desaster seinen Lauf, denn alle, so ein UMTS-Bieter, »hatten den ökonomischen Sachverstand an der Eingangstüre abgegeben«. »Da ist viel Geld verbrannt worden«, stöhnte Maximilian Ardelt, damals Chef von Viag Interkom, die heute als Tochter von British Telecom unter dem Kürzel O2 firmiert. »Niemand«, staunte Philipp Nimmermann von der BHF-Bank, »hat mit solch gewaltigen Summen gerechnet.«

Zusätzlich zu den horrenden Eintrittsgebühren waren ja auch noch einmal einige Milliarden Euro für den Aufbau jedes Netzes fällig. »Der UMTS-Markt wird sich in ein blutiges Schlachtfeld verwandeln«, ahnte bald Lars Godell, Telekom-Analyst bei der US-Unternehmensberatung Forrester Research. Auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung fürchtete, manchem Lizenznehmer könnte ganz schnell die Luft ausgehen.

Die meisten Manager der Glitzerbranche ließen sich von solchen Warnungen nicht beirren. Sie warfen weiter auf ihren Einkaufstouren mit Milliarden um sich. Besonders begehrt waren aufstrebende Mobilfunkfirmen, Geld schien keine Rolle zu spielen.

So zahlte Telekom-Chef Ron Sommer rund 33 Milliarden Euro für die US-Firma Voicestream, 34 Milliarden machte FT-Chef Bon für die englische Mobilfunkfirma Orange locker, und Vodafone-Chef Chris Gent toppte alle: 190 Milliarden Euro ließ er sich die spektakuläre Übernahme von Mannesmann kosten.

Bei Ladenschluss, als die Börse die spendablen Firmenchefs mit immer dramatischer fallenden Kursen abstrafte, hatten allein die sieben größten europäischen Netzbetreiber einen Schuldenberg von insgesamt gut 230 Milliarden Euro angehäuft - eine Summe, die dem Bruttoinlandsprodukt von Belgien entspricht.

Nun fressen die Zinsen fast die Gewinne auf, für den Aufbau der einst hoch gelobten UMTS-Netze ist kaum noch Geld da. Allein für die Zinsen gehen bei der Deutschen Telekom in Bonn oder bei France Télécom in Paris mehr als zehn Millionen Euro drauf - täglich.

Der Absturz der Börsenkurse verschärft die Probleme noch. Denn inzwischen sind die im Wachstumsfieber zusammengekauften Firmen längst nicht mehr so viel wert, wie sie einst gekostet haben. In den Bilanzen müssen die Finanzchefs deshalb gewaltige Wertberichtigungen vornehmen - 32 Milliarden Euro sind es allein in der jüngsten Vodafone-Bilanz.

Die Folge: Die einst renditestarken Konzerne rutschen reihenweise in die Verlustzone. Und das ist auch der Grund für den Rosenkrieg zwischen France Télécom und Mobilcom. Weil er sich weitere Schulden nicht mehr leisten kann, will FT-Chef Bon die Ausgaben für den Aufbau des deutschen UMTS-Netzes möglichst weit strecken.

Ex-Partner Schmid drängt dagegen auf schnellen Start und will 2002 noch gut eine Milliarde Euro in die neue Technik investieren. Nachdem der erste Versuch, den störrischen Firmengründer aus der Firma zu drücken, gescheitert ist, soll der Aufsichtsrat am kommenden Freitag erneut über Schmids Abwahl abstimmen.

Gelingt die nicht, ist Bon offensichtlich bereit, Mobilcom in die Pleite schlittern zu lassen und sich ganz aus Deutschland zurückzuziehen. Abgeschrieben hat er sein milliardenschweres Mobilcom-Engagement ohnehin schon.

Nicht nur Schmid, auch die Finanzminister, die einst triumphierend die UMTS-Erlöse einstrichen, bekommen nun das Desaster der Branche schmerzlich zu spüren: Dividenden der Telefonkonzerne schrumpfen, Steuerzahlungen fallen aus, Mitarbeiter werden entlassen, und am Ende werden einige Firmen sogar ganz dichtmachen - mit schweren Folgen für die Städte und Gemeinden, in denen sie residieren.

Als eine der ersten Kommunen könnte Büdelsdorf, der Sitz von Mobilcom, betroffen sein. Schon jetzt spürt die schleswig-holsteinische Kleinstadt die Folgen des UMTS-Wahns: Im Jahr 2000 konnte Bürgermeister Jürgen Hein noch Gewerbesteuereinnahmen von knapp 7,8 Millionen Euro kassieren, vergangenes Jahr verbuchte er ein Minus von 112 000 Euro. Nun hat er »große Angst vor einer Insolvenz«.

Doch wäre das Debakel abwendbar gewesen? Hätte es womöglich eine Alternative gegeben zu den milliardenschweren Lizenzversteigerungen?

Ja, sagt Bernd Eylert. »Wir hatten schon früh für andere Vergabeformen plädiert«, bemerkt der Chef des UMTS-Forums, eines internationalen Branchenverbands aus Handy-Herstellern und Netzbetreibern. »Unsere Studien hatten ergeben, dass zu hohe Lizenzkosten die gesamte Volkswirtschaft lähmen könnten.«

Das in London ansässige Forum hatte sich deshalb für so genannte Schönheitswettbewerbe der Netzbetreiber ausgesprochen, wie sie auch Anfang der Neunziger bei der Vergabe der GSM-Lizenzen praktiziert wurden. Bei den UMTS-Lizenzen kamen aber nur noch wenige Länder darauf zurück. Auch Provisionszahlungen, wie sie jetzt in Frankreich eingeführt wurden, wären nach Ansicht des Forums eine passable Lösung gewesen, da nicht der gesamte Betrag auf einmal fällig ist, noch ehe die Firmen einen Cent verdient haben.

Für solche Überlegungen ist es nun zu spät. Und insgeheim käme der Branche ein Konkurs von Mobilcom ganz gelegen. Mit sechs UMTS-Netzbetreibern gilt der deutsche Markt inzwischen als überbesetzt. Neue, billige Konkurrenztechniken wie das so genannte W-Lan lassen die Erfolgsaussichten der Handy-Konzerne weiter schwinden (siehe Seite 170).

Experten gehen deshalb davon aus, dass von den sechs UMTS-Lizenznehmern nur drei übrig bleiben. Aber schon die Reduzierung auf fünf Netzbetreiber würde die Chancen der Anbieter beim UMTS-Start im kommenden Jahr verbessern.

Einen neuen Konkurrenten, der die Lizenz billig aus der Konkursmasse übernimmt, müssen die Telefonfirmen jedenfalls kaum fürchten. Geht Mobilcom Pleite, dann fällt die Lizenz zum Nulltarif an den Staat zurück. »Was wir dann damit machen«, heißt es in der Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post, »ist noch völlig offen.« KLAUS-PETER KERBUSK

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