Endstation Sehnsucht
Straßenschlachten zwischen farbigen Jugendlichen und der französischen Polizei, brennende Barrikaden im britischen Bradford, Flüchtlingskrawalle am Kanaltunnel: Negativschlagzeilen rund um Europas Zuwanderungsregionen bestimmen die Debatte über Asylanten und Immigranten.
Der Streit von Stammtischen und Staatskanzleien vermengt dabei Angaben zu farbigen Mitbürgern, umworbenen Gastarbeitern und rechtmäßigen Asylanten mit Schätzungen über kriminelle Flüchtlinge und heimliche Grenzgänger: Legal, illegal - ganz egal.
Unbestritten bleibt aber eine Tatsache: EU heißt die neue Endstation Sehnsucht. Der alte Kontinent, selbst einst Ursprungsland Hunderttausender Exilanten, mutierte seit den achtziger Jahren zur Rekord-Destination. »Weltweit ist Europa«, so die Tageszeitung »Le Monde«, »Zuwanderungskontinent Nummer eins«.
Zwar machen die 19 Millionen Ausländer nur 5,1 Prozent der EU-Bevölkerung aus. Und werden von dieser Zahl jene 6 Millionen Europäer abgezogen, die in einem benachbarten EU-Land arbeiten oder ihr Rentnerdasein genießen, dann tummeln sich unter 380 Millionen EU-Bürgern gerade 13 Millionen Fremde - 3,4 Prozent.
Der saubere statistische Durchschnitt vermittelt indes einen falschen Eindruck, denn die Ausländer sind ungleich verteilt. Deutschland beherbergt mit 7,3 Millionen Menschen das größte Kontingent von Fremden, gefolgt von Frankreich mit 3,3 Millionen und Großbritannien mit 2,2 Millionen.
Keine Invasion, doch die Zahlen vernachlässigen, dass sich die Zuwanderer oft in ethnischen Ballungsgebieten konzentrieren; die exotischen Enklaven, mit hoher Arbeitslosigkeit und bedrohlicher Kriminalität, schüren Vorurteile und Fremdenhass.
Länder wie Dänemark, Großbritannien, Italien oder die Niederlande verschärften deshalb schon mal im Alleingang ihre Fremdengesetze. Kopenhagens neue Mitte-rechts-Regierung, die unlängst harte Asylauflagen verabschiedete, setzte die Altersgrenze für eine Heirat und Zuzug mit Ausländern herauf und erschwerte die Bedingungen für den Familiennachzug.
Geht es nach dem Willen der britischen Regierung, werden illegale Immigranten kurzfristig abgeschoben; Zuwanderer, die bislang Pensionen und Gasthäuser beziehen und vorzugsweise in London untertauchen, werden künftig in Auffanglagern untergebracht.
Italiens Koalition unter Premier Silvio Berlusconi drückte seinerseits vergangene Woche ein beinhartes Zuwanderungsgesetz durch. Umstritten vor allem: Neubürger von außerhalb der EU, die sich zwischen Sizilien und Alpenrand niederlassen wollen, müssen ihre Fingerabdrücke abgeben.
Auch die Niederlande setzen auf Abschreckung. Zuwanderer müssen künftig die Hälfte des obligatorischen Einbürgerungskurses - Kostenpunkt 6000 Euro - selbst bezahlen. Nachziehende Ehepartner müssen den Unterricht in Sprach- und Landeskunde schon im Herkunftsland absolvieren. Außerdem gilt der Familiennachzug nicht mehr für Kinder über zwölf Jahre.
Selbst in Spanien, wo die rund 1,1 Millionen Ausländer nicht mehr als 2,7 Prozent der Bevölkerung ausmachen, warnen Parteifreunde des konservativen Premiers José María Aznar vor einer »gewissen Sättigung mit Fremden«. Die Regierung, die seit 1999 bereits zweimal das Ausländergesetz verschärfte, will ausländische Arbeitnehmer künftig nur noch in ihren Heimatländern anwerben.
Denn auch die Zahl der legalen Zuwanderer ist wieder gestiegen - nach einem Rekordhoch von bis zu 1,5 Millionen Zuwanderern jährlich zwischen 1989 und 1993 war der Trend europaweit zurückgegangen, bevor die jährliche Immigration um die Millenniumswende wieder 700 000 Menschen erreichte.
Stabilisiert hat sich die Anzahl der EU-Asylbewerber: 1992, auf dem Höhepunkt des Bürgerkriegs in Jugoslawien, baten 675 000 Flüchtlinge um Schutz vor Verfolgung; im vergangenen Jahr waren es rund 385 000 Menschen - ein Wert nur knapp über dem Durchschnitt für den Zeitraum 1992 bis 2001.
Nicht erfasst im Zahlenwerk von EU und OECD ist jedoch die Dunkelziffer der »Illegalen": Wirtschaftsflüchtlinge aus Afrika, Migranten aus Asien oder Schwarzarbeiter aus Osteuropa, die zu Hungerlöhnen in der Landwirtschaft, in Hotels und auf dem Bau malochen.
Auf mindestens drei Millionen veranschlagen Experten jene »Sans-Papiers« - andere Berechnungen schätzen die jährliche Zahl der ungesetzlichen Zuwanderer auf etwa 500 000 Menschen.
Mittlerweile befürwortet selbst der Uno-Hochkommissar für Flüchtlinge (UNHCR) Beschränkungen gegen das Einsickern dieser illegalen Immigranten. »Wir müssen die Zahl jener senken, die keine Flüchtlinge sind«, sagt UNHCR-Sprecher Rupert Colville. »Und gestoppt werden muss der verheerende Einfluss der Menschenschmuggler.« STEFAN SIMONS