Schneetreiben im Paradies
Hätte sie es auch versucht, wenn sie geahnt hätte, was passieren würde? Wenn sie das Meer bei Nacht und das Schlauchboot gekannt hätte, wenn sie gewusst hätte, dass 50 Menschen in dem Ding sitzen oder stehen würden, wenn man ihr erzählt hätte, was die Bugwelle eines dieser monströsen Tanker mit einem Schlauchboot macht und dass deshalb ständig, eigentlich jedes Mal, irgendjemand über Bord geht und ersäuft?
»Natürlich hätte ich es versucht«, sagt Joy, »wenn man zu Hause lebendig begraben ist, riskiert man ja nichts mehr, nicht mal mehr das Leben.«
Joy Ofoni, 23 Jahre alt, eine schmale Frau mit Zahnlücke und kurzen Haaren, geboren in Kano im Norden Nigerias, sechstes Kind eines Priesters ohne Gehalt, allein in der Welt, ist allein auf der Suche nach Deutschland. »Die Deutschen sind nett, in Deutschland gibt es Arbeit«, sagt sie und guckt auf diesen Schwarzweißfernseher mit der schiefen Zimmerantenne und dem absurd schlechten Bild, Schatten im Schneegestöber.
Denn Joy Ofoni hat es zwar geschafft nach Europa, ins Paradies der Afrikaner. Aber sie ist das, was die Behörden »illegal« nennen, ein Mensch mit den falschen Papieren. Darum versteckt sie sich seit zwei Monaten in einem abgedunkelten Zimmer in Algeciras in Südspanien und wartet.
Worauf?
»Kannst du mich nicht nach Deutschland bringen? Kann nicht irgendetwas passieren?« Dann zieht sie ihre rote Jacke zu, weil es kalt ist im Paradies, und starrt wieder auf den Fernseher.
Schatten im Schnee.
Es gibt hier in Andalusien Tausende wie Joy, und es gibt drüben in Nordafrika Zehntausende, die das Gleiche planen wie sie, und diese Menschen sind der Grund dafür, dass die spanische Regierung von »Illegalen« spricht, von einer »Flut«, einer »Lawine«, der Grund dafür, dass all die aggressiven Wörter fallen, die die Angst der Spanier vor den Fremden schüren und ihren Hass.
Europa hat die Grenzen abgeschafft, im Innern. Nach außen zieht Europa Mauern hoch. Europa macht das vor allem an der Küste Andalusiens: Hier stehen inzwischen Wachtürme und Zäune, hier patrouilliert die Guardia Civil mit Nachtsichtgeräten an den Stränden und auf der Nationalstraße 340. Es sieht hier aus wie im Kriegsgebiet - Europa verteidigt sich.
Der Abwehrkampf kann die Flut, die Lawine allerdings nicht stoppen. »Nichts hält einen Hungernden davon ab, sich etwas zu essen zu suchen«, sagt Joy. Der Abwehrkampf macht bislang nur die Fluchtversuche immer irrwitziger: Er verlängert die Routen mancher Flüchtlinge bis nach Gran Canaria oder Fuerteventura und treibt andere dazu, sich im Hafen von Tanger auf die Motorblöcke von Lastwagen zu legen.
Die meisten Afrikaner versuchen es immer noch hier, an der Straße von Gibraltar, weil sie hier das Paradies von Afrika aus sehen können. Sie sehen die Lichter von Tarifa und Algeciras, und wenn die Nacht klar ist, steuern sie die Neonreklamen der Strandbars wie Leuchttürme an.
Das Problem ist, dass der Estrecho, die Meerenge von Gibraltar, an der schmalsten Stelle zwar nur 14,2 Kilometer breit ist, aber überall mörderisch. Weil sich hier Mittelmeer und Atlantik treffen, sind Winde und Strömungen gewaltig. Weil hier 90 Tanker am Tag hindurchfahren und jede Menge Passagierschiffe, gibt es Nacht für Nacht Kollisionen. Denn weil die Flüchtlinge immer ohne Licht unterwegs sind, bemerkt sie kein Steuermann, und niemand weiß, wie viele Tote es deshalb gibt.
»60 Leichen im vergangenen Jahr«, sagt Alférez Alonso von der Guardia Civil. Hässliche, aufgedunsene, angefressene Körper sind das, und manchmal werden sie sogar im feinen Marbella angeschwemmt, meistens aber an der Playa de los Lances, dem 4600 Meter langen Mekka der Wassersportler, und dann müssen die Surfer Slalom fahren.
»60 Leichen waren es an der spanischen Küste, aber die in Marokko und die vielen hundert, die im Meer verschwinden, zählt keiner«, sagen die Leute von Algeciras Acoge, einer Hilfsorganisation für Illegale, und darum nennen sie den Estrecho das größte Massengrab der Welt.
»Beim ersten Versuch waren wir über 50 Leute im Schlauchboot. Als die Wellen kamen, verschwand Loveth, meine Freundin. Einfach weg, kein Schrei, nichts zu sehen, nur schwarzes Wasser«, sagt Joy Ofoni. Anderthalb Jahre lang waren sie gemeinsam unterwegs gewesen, Joy und Loveth, zwei Mädchen auf ihrer Tour durch Afrika.
Joy ist 18, damals in Nigeria, als sie beschließt zu gehen. Sechs Jahre Schule hat sie hinter sich, oder was man so Schule nennt in einem Dorf, in dem selbst der Lehrer nicht lesen kann. Es habe viele Tote gegeben in diesem Dorf, sagt Joy, mal sei ihr Stamm der Ejo überlegen gewesen, dann wieder ein anderer, und nie gab es eine Perspektive. »Glaubt tatsächlich irgendjemand in Europa, dass auch nur ein Afrikaner seinen Kontinent verlassen würde, wenn er nicht müsste?«, fragt Joy und pustet Luft durch ihre Zahnlücke. Dann: »Glaubst du, dass ich in Deutschland vielleicht bei einer Bank arbeiten kann?«
Für Joys Reise legen die Familie und die Freunde der Familie zusammen, was sie haben; sie alle warten seitdem auf Schecks aus dem Paradies. Joys Reise führt zunächst zu Fuß, per Bus und per Anhalter über die so genannte Marlboro-Route, die Strecke der Zigarettenschmuggler, nach Niger und weiter nach Algerien. Kamele bringen Joy durch die Sahara, und natürlich gibt es unterwegs viele Männer, die gefährlich sind.
Es gibt Polizisten, die die Flüchtlinge in Lager bringen oder zurück an die Grenze. Führer, die den Weg durch die Wüste kennen oder zu kennen vorgeben. Diebe. Vergewaltiger. Menschenhändler, die Mädchen zwar nach Europa helfen können, aber nur in Europas Bordelle. Joys Geld hilft, aber die 4000 Dollar sind schnell weg.
Sie erreicht Maghnia in Algerien, und von dort muss sie laufen, bis sie im November 2001 in Tanger in Marokko ankommt.
Tanger ist so etwas wie die Börse der Flüchtlinge. Feucht und faul riecht es in den engen Winkeln der Altstadt, der Medina, zwischen all diesen Läden und Bars wie dem »Café Schengen«, vor denen die Männer kiffen und Minztee trinken und warten. Sie haben nur ein Thema hier: Europa. Jeder kennt einen, der einen kennt, der weiß, welcher Kapitän das nächste Schlauchboot hinübersteuern will. Übermorgen, morgen, heute Nacht.
Diese Männer verlangen 1000 Dollar für einen Platz auf dem Gummirand und 1500 Dollar für einen Platz in der Mitte, wo man nur selten ins Wasser fällt, nur dann halt, wenn ein Riff den Boden aufschlitzt. Auch Schwimmwesten für 250 Dollar sind im Angebot und Pauschalreisen, im Hänger eines Lastwagens und per Fähre, für 4000 Dollar. Leute wie Collins aus Nigeria sind die Broker dieser Börse; Collins wollte selbst nach Europa, aber jetzt hängt er schon seit zwei Jahren in Tanger fest, weil er von den Provisionen auch nicht schlecht lebt.
»Manche zahlen viermal, bis sie endlich auf einem Boot sind«, sagt Joy.
Sie wohnt drei Monate lang im Hotel »Monaco«, einer jener Pensionen mit schmierigem Eingang, in denen der Rezeptionist der König ist. Er kann das Maul halten, das wäre gut; er kann sich umhören, das wäre besser; er kann von der Polizei bezahlt sein, dann ist wieder Razzia morgens um vier, und die Flüchtlinge, die immer in Jeans und Schuhen schlafen, springen zu Dutzenden aus den Fenstern.
Es ist der 5. Februar, als Joy das Geld erhält, auf das sie gewartet hat; ihre Tante Princess, die es vor Jahren nach Spanien geschafft hat und in Algeciras als Kellnerin arbeitet, hat es geschickt. Joy bezahlt ihren Broker und hat Glück. Glaubt sie. Ein Kleinlaster bringt sie nach Osten, an den Stadtrand von Ceuta, und jetzt sind es nur noch 14 Kilometer bis zum Paradies.
Ceuta ist ein Anachronismus aus Kolonialzeiten, eine spanische Exklave für 73 000 Einwohner, und hat etwas vom geteilten Berlin. Drinnen ist die Erste, draußen die Dritte Welt, und zwischen den Welten stehen zwei Stacheldrahtzäune, acht Kilometer lang, 30 Wachtürme, Flutlichtmasten, und überall laufen Männer mit Maschinenpistolen herum. Europa zieht seine Mauern inzwischen schon auf dem afrikanischen Kontinent hoch, denn die Erste Welt schützt sich vor der Dritten. Das Flüchtlingslager »Ceti« im Vorposten Europas ist ziemlich verwaist. Ein paar Männer lungern hier herum und rauchen, bewacht von deutschen Schäferhunden, und erzählen, sie seien Fußballer, über 30 Jahre alt zwar, seit ein paar Jahren raus aus dem Geschäft, aber »Fußballer verdienen gut in Europa, oder?« Es ist ruhig im Lager, weil keine Neuen mehr kommen.
Und José Manuel Rebello Gómez, Hauptmann der Guardia Civil, fährt den Todesstreifen ab und ist sehr stolz, weil die Anlage, die 40 Millionen Euro gekostet hat und von der besorgten EU bezahlt wurde, so wunderbar funktioniert und schon seit Monaten keiner durchgeschlüpft ist. Aber zugleich ist Gómez durchaus realistisch. »Wenn ich ehrlich bin«, sagt er, »weiß ich natürlich, dass die Flüchtlinge nun einfach von der marokkanischen Küste aus nach Europa aufbrechen.«
»Sie finden ihren Weg, notfalls irgendwann mit Gewalt. Die Afrikaner, die sich auf den Weg machen, das sind die jungen und die starken«, sagt Encarna Márquez, Sprecherin von Algeciras Acoge, der Hilfsorganisation.
Joys erste Überfahrt beginnt in der Nacht vom 10. auf den 11. Februar. Der Sturm kommt so plötzlich, wie Stürme in der Straße von Gibraltar immer kommen. Die 50 Passagiere schaufeln das Wasser mit den Händen über Bord und sehen die Tanker erst, als sie ein paar Meter vor ihnen sind. Loveth versinkt im Meer, zwei andere fallen hinterher, und der Skipper wendet, zurück nach Marokko.
Joy schläft nun in den Bergen vor Ceuta und wartet. Ihre zweite Überfahrt beginnt am 21. Februar. Diesmal sind nur 32 Leute an Bord, aber zwei Ahnungslose am Motor. 45 Minuten würde es dauern, sagen sie, aber da sie neu im Geschäft sind, haben sie nicht genug Sprit dabei. 18 Stunden lang treiben sie herum, und dann sehen sie das Boot der Guardia Civil.
Für die paramilitärische Polizei der spanischen Provinz Cádiz ist es eine Nacht wie 364 andere. 10 000 Afrikaner schicken sie jährlich zurück in ihre Heimat; die 13 534 im letzten Jahr waren zwar ein Rekord, aber wirklich neu war nur, dass so viele schwangere Frauen dabei waren.
Was für die Flüchtlinge das Spiel des Lebens ist, die letzte und einzige Chance, ist für die Guardia Civil längst Routine: Mit ihren Nachtsichtgeräten können Alférez Alonso und seine Jungs schon beobachten, wie die Boote drüben an der Küste von Ceuta ablegen; sie können zählen, wie viele Menschen einsteigen; sie können sogar die Vergewaltigungen beobachten, die es an Bord gibt, immer wieder.
Joy, nass und durchgefroren, wird von Polizisten aus dem Schlauchboot gezogen und landet da, wo alle landen: in den Containern der Cruz Roja, des Roten Kreuzes, im Hafen von Tarifa, wo Männer wie Luis Hidalgo, einstiger Besitzer einer Hafenkneipe und nun ehrenamtlich guter Mensch von Tarifa, zwischen Bergen von Matratzen und Schuhen und Kekspackungen auf neue Afrikaner warten.
»Sie kommen jeden Tag«, sagt Hidalgo und zeigt auf die Klippen, wo die Reste jener Boote hängen, die draußen auf den Riffen zerstückelt wurden.
Und wenn sie kommen, ist es so wie in dieser Nacht am Strand von Paloma: Ein paar Anwohner bringen Tee und Decken. Die Taucher suchen die Toten; vier ziehen sie heute an Land, und wie immer werden die für ein paar Wochen gelagert und dann eingeäschert und in Urnen per Fähre nach Marokko zurückgebracht werden. Die Marokkaner und die Nigerianer rennen in die Büsche, weil sie schon Stunden später abgeschoben würden. Und die anderen, mit deren Heimatstaaten die spanische Regierung noch keine Abkommen geschlossen hat, warten auf die Polizisten oder rufen sie sogar an, weil sie nicht abgeschoben werden können, jedenfalls nicht sofort; sie erhalten Papiere für 40 Tage, und das reicht zum Verschwinden, um nach Frankreich oder Deutschland oder in die Niederlande zu kommen, weil es von Tarifa an keine Grenzen mehr gibt.
Das Ganze ist deshalb ein bizarres Haseund-Igel-Spiel, weil Andalusien die Ausländer eigentlich braucht: Ohne die Illegalen, die keine Fragen stellen, wäre die Produktion von Obst und Gemüse in der Region von Almeria, wären die drei Ernten pro Jahr unter den insgesamt 35 000 Hektar Plastikplane nicht zu schaffen.
Aber Europa lässt keine Wahl: Menschen wie Joy sind Feinde, die Nummern haben und keine Geschichte. »Wir haben Befehle«, sagt Alférez Alonso.
Joy, aus Kano im Norden Nigerias, hat dann doch noch so etwas wie Glück. Ihre Tante Princess macht sie mit den Leuten von Algeciras Acoge bekannt. In deren Haus, auf das irgendjemand »Inmigración No!« gesprüht hat, trifft sie den Liberianer John Ampan, 32, der selbst sechs Jahre lang unterwegs war - von Liberia nach Ghana, von dort nach Niger und Lagos, von dort als Gefangener des Militärs zurück nach Niger, von dort nach Burkina Faso, von dort nach Mali, Senegal, Mauretanien und schließlich nach Ceuta.
Ampan hat auch die Straße von Gibraltar überlebt. Sein Plan war, in Europa pro Tag einen Euro zu sparen und in fünf Jahren mit 1825 Euro nach Liberia zurückzukehren - aber als er in Spanien war, sagten ihm die Ärzte, er sei HIV-positiv.
Seitdem hilft er. Er bringt Joy unter, besorgt ihr einen Anwalt, ist ihr Pizzabote, und sonntags holt er sie ab und fährt sie zur Kirche. Aber auch Ampan und der Anwalt können nichts daran ändern, dass Joy seit Ende Februar in ihrer roten Jacke in diesem Keller am Stadtrand von Algeciras sitzen muss, zwischen Kisten und Müll, mit einer Matratze und dem erbärmlichen Fernseher. Ginge sie vor die Tür, würde sie geschnappt, und dann säße sie Stunden später im Flugzeug nach Lagos.
»Joy« heißt Genuss oder Freude. Joy sieht vom Paradies, was ihr Fernseher hergibt. Als auch noch die Schatten verschwinden, tritt sie gegen den Bildschirm. KLAUS BRINKBÄUMER