AFGHANISTAN Geburt einer neuen Nation
Eigentlich wollte Fawzia Popal, 53, den Boden küssen. Schnell raus aus dem Flugzeug, die Gangway hinunter und dann niederknien auf der Erde, die sie seit 23 Jahren nicht mehr betreten hat.
Eine klapprige Boeing 727 hatte die Afghanin, die während ihres Exils Lehrerin in Hamburg war, vergangenen Mittwoch von Dubai ins staubige Kabuler Höhenbecken geflogen. An der »Loya Jirga« wollte sie teilnehmen, der Großen Ratsversammlung der Afghanen, die vorige Woche zum ersten Mal seit 1964 zusammentrat, um über die Zukunft des Landes zu entscheiden.
Doch die dreckigen Pisten des mit ausgebrannten Wracks übersäten Flughafens und die heiße, dünne Luft in 1800 Meter Höhe haben auf Besucher meist eine ernüchternde Wirkung. Das schlammbraune Kabul verursacht Kopfschmerzen, kaum einer denkt da noch an Küsse. Also legte sich Frau Popal ein Kopftuch über die Haare, stieg in ein Taxi und fuhr zum Tagungsgelände am Rande der Stadt.
Am Abend, im klobigen Hotel Kabul, weinte sie in ihr Kissen. Wieder erwachte Heimatgefühle drückten ihr schwer aufs Gemüt. Und die Enttäuschung, denn »niemand fühlt sich hier für irgendwas verantwortlich, nicht mal die Kellner im Hotel«.
Getröstet wurde Popal schließlich in der Talsenke im Westen der Stadt. Dort drängten sich fast 1600 Menschen auf einem gut 40 Fußballfelder großen Gelände. Aus allen Teilen des zerstörten Landes waren Afghanen angereist, dazu ein 150-köpfiges Kontingent aus Übersee und Europa. Obwohl mehr als ein Dutzend Delegierte in den Wochen vor der Loya Jirga gewaltsam zu Tode kamen, blieb das befürchtete Chaos, blieben blutige Fraktionskämpfe aus.
»Das Land braucht Einheit und will Frieden«, erklärte der bisherige Premier und Präsidentschaftskandidat Hamid Karzai, 44, bei seiner Rede. Zu dem eleganten Aristokraten, der im glänzend-grünen Chapan-Umhang und mit grün-anthrazit gestreiftem Turban die Hoffnung auf ein sinnlicheres, reicheres Afghanistan darstellt, gab es keine wirkliche Alternative. Er wurde mit 82,22 Prozent der Stimmen zum Staatsoberhaupt gewählt. Die zwei Gegenkandidaten, darunter die Ärztin Masuda Dschalal, waren chancenlos.
»Ich habe für ihn gestimmt«, sagt Fawzia Popal aus Hamburg, »auch wenn er oft Kompromisse macht.«
Eine teils wehmütige, teils hoffnungsfrohe Stimmung hatte Kabul vergangene Woche erfasst. Alten Männern schossen beim Tee Tränen in die Augen, als im Radio das Lied zur Ratsversammlung gespielt wurde, ein mit der afghanischen Robab gespieltes Gesangsstück aus vielen Molltönen und trotzigen Akkorden. Und in der Stadt hörte man außer hupenden Autos und klappernden Eselskarren plötzlich wieder Kinderstimmen.
Jungen und Mädchen dürfen, sieben Monate nach Vertreibung des Taliban-Regimes aus Kabul, wieder auf den Straßen spielen. Exilanten kehren zurück. Frauen werfen ihre Burkas weg. Kabul gilt in den Tagen der Loya Jirga als sicher. Schließlich bewachen 10 000 Soldaten, darunter 2500 Ausländer, die Stadt. Und in dem riesigen weißen Modul-Zelt, das schon auf dem Münchner Oktoberfest zum Einsatz kam, übt ein ganzes Volk Demokratie.
Wie das geht, zeigte sich gleich zu Beginn des Großen Rates. Als vergangenen Dienstag eine Versammlungsleitung gewählt werden sollte, kippten die Delegierten einfach die Tagesordnung. Nach 23 Jahren Krieg, Zerstörung und Hunger wollten sie nicht gleich irgendwen wählen. »Wenn hier schon alles vorherbestimmt ist, können wir doch gleich nach Hause gehen«, maulte ein Mann aus Jalalabad.
Die Stimmung im Zelt war zunächst angespannt. Nur ein paar Stuhlreihen trennten frühere Feinde. »Ist das hier ein Militärtreffen? Es sind viel zu viele Warlords im Saal«, beklagte sich ein älterer Teilnehmer mit weißem Bart. Ein anderer schrie sich den Frust von der Seele: »Wenn wir hier die Einheit der Nation nicht besiegeln, können wir gleich wieder rausgehen und uns abschlachten! Wollen wir das?«
Nein, das will kaum noch einer in Afghanistan. Und so verständigten sich schon bald die Strippenzieher all der Tadschiken, Hazara, Paschtunen, der Königstreuen und Republikaner, der prowestlichen und antipakistanischen Gruppen darauf, den Lautstärkeregler nach unten zu fahren.
Polarisierende Reden unterblieben, zeitweilig erinnerte die Rhetorik an einen evangelischen Kirchentag. »Ich möchte erst mal meine Gefühle ausdrücken«, begann eine Frau aus Kabul ihre Rede. Übertrieben versöhnlich ging das aber doch nicht ab. Weil ihre Familie einst mit den Kommunisten paktiert hatte, drehte ihr der Versammlungsleiter nach fünf Minuten den Strom ab: »Du hast genug geredet.«
Ähnliches bekam eine Gruppe um den ehemaligen Mudschahidin-Führer und afghanischen Präsidenten Burhanuddin Rabbani zu hören, als sie kurz die Bühne eroberte. »Haut ab! Ihr habt unser Land zerstört. Was wollt ihr schon wieder hier?« Rabbani war seinerzeit daran beteiligt gewesen, die schönsten Stadtteile Kabuls in Schutt und Asche zu legen. Die Loya Jirga hatte es nicht vergessen und buhte ihn aus.
Nur am Mittwoch zerriss die Stimmung zweimal. Beide Male bewegten sich deutsche Soldaten dabei auf der dünnen Linie zwischen Krieg und Frieden.
Morgens kam es auf der Straße nach Jalalabad zu einem Showdown zwischen einer Militärpatrouille und marodierenden Kämpfern der Nordallianz in zwei roten Pick-ups. Als die Afghanen die Deutschen sahen, luden sie ihre Gewehre durch. Die Deutschen entsicherten daraufhin ein MG. Weil aber ein MG mehr anrichten kann als eine Kalaschnikow, gaben die Afghanen auf. Jetzt sind sie im Gefängnis wegen Verstoßes gegen das Waffenverbot in Kabul.
Abends dann fielen Schüsse am Hotel Intercontinental, das nahe dem Loya-Jirga-Campus liegt. Aus dem Maschinengewehr eines deutschen Dingo-Geländewagens hatte sich eine Feuergarbe gelöst und einen TV-Übertragungswagen neben dem Pressezentrum durchsiebt.
Fast hätte dieser Zwischenfall das Land wieder in einen Abgrund gestürzt: Zwei Stunden früher wären vermutlich afghanische Politiker und internationale Journalisten getroffen worden, die an dieser Stelle gern Interviews machen, weil es im für die Presse hergerichteten »Ball-Room« des Hotels zu heiß und stickig ist.
Der deutsche General Carl Hubertus von Butler ließ sich nichts anmerken, als er am Morgen nach der Beinahe-Katastrophe den Tatort inspizierte. Doch seine Stimme klang, wenige Tage vor seiner Ablösung als Kommandeur der Isaf in Kabul, ungewohnt nervös, als er die daumengroßen Einschusslöcher in der Karosserie betrachtete. »Wohin zeigt das MG?«, herrschte er anschließend den Schützen des Dingo an. »Richten Sie das Ding in die Luft!«
Die Schüsse kamen vielen Afghanen wie Echos aus einer bösen Vergangenheit vor. »Das hat viele Menschen hier geängstigt«, sagte Wiederaufbauminister Amin Farhang, der im Intercontinental jeden Morgen frühstückt. Trotzdem haben Kriegsfürsten und Aufwiegler derzeit keine Chance mehr in Kabul.
Zwar versuchte der im Osten des Landes gefürchtete Warlord Padscha Khan auf der Loya Jirga noch Stimmung gegen Karzai zu machen und unzufriedene Paschtunenführer um sich zu scharen. Er forderte einen stärkeren Einfluss von Ex-König Zahir Schah, denn mit einer erneuten Inthronisierung des Alten könnten jene Zeiten des Feudalismus zurückkehren, auf die viele Paschtunen hoffen, die 1978 Land bei einer Bodenreform verloren hatten.
Doch Zahir Schah schüttelte Khan ab wie eine lästige Fliege: »Niemand spricht für mich außer mir selbst!« Das war auf Leute wie Khan gemünzt, die im Osten unter Berufung auf Zahirs Namen raubmorden - aber auch auf die königliche Familie samt Hofschranzen, die sich oft den Medien andienen und Gerüchte in die Welt setzen.
Alle nennen ihn den König, selbst erbitterte Gegner. Aber der 87-Jährige aus dem römischen Exil will gar kein Herrscher
mehr sein und schon gar keine neue Dynastie gründen. Seine Paschtunen verprellte Zahir Schah, indem er die Vielvölkerversammlung von seinem erhöhten schwarzen Sessel aus auf Dari - Persisch - ansprach. Und seine Söhne und Enkel scheinen von der Politik nicht viel zu halten, »sie reden nur vom Sport und Jagen«, weiß ein enger Freund. Die schöne und blitzgescheite Enkelin gäbe wohl eine passable Königin ab. Aber eine Frau an der Macht in Afghanistan? Undenkbar.
Nun erhält Zahir Schah den unverbindlichen Titel »Vater der Nation«. Er soll Orden verleihen und einer Verfassungskommission vorstehen. Und er soll wieder in seinen alten Palast ziehen, damit er im Haus seiner Ahnen in Ruhe sterben kann.
Das klingt fast nach einem Happy End am Hindukusch. Karzai hat in Kabul 1295 von 1575 Stimmen hinter sich vereinigen können, viel mehr, als er zu hoffen gewagt hatte. Aber ob das Land nun geschlossen hinter ihm steht, ist eine andere Frage.
»Wir müssen jetzt Härte gegenüber den Warlords zeigen«, fordert Amin Farhang, den Karzai wieder ins Kabinett nehmen will. Die erneute Berufung von Verteidigungsminister Mohammed Fahim, einem alten Mudschahid mit zweifelhaftem Ruf, zeigt, in welch engen Grenzen Karzai seinen Aufbruch gestalten kann. Fahim ist unbeliebt, kaum einer traut ihm. Aber er befehligt die Armee, und die Macht kommt in Afghanistan immer noch aus den Gewehrläufen.
Will die Afghanin Popal dennoch heim ins Land ihrer Väter? »In Hamburg habe ich ein schönes Leben, gutes Essen, ein Haus«, sagt sie. Aber ihr fehle dort etwas, »als wäre ich amputiert«. Trotz wilder Müllkippen an den Straßen, trotz stinkender Kanäle und verdorrender Parks in Kabul überlegt sie nun zurückzukehren. Vor 40 Jahren ging sie hier zur Schule, »damals gab es kaum Burkas, wir waren nicht reich, aber es war sauber, und uns ging es gut«.
Vielleicht wird sie bald Mädchen unterrichten in Kabul und mit vielen anderen dafür sorgen, dass die Stadt wieder so wird, wie sie einmal war.
CLAUS CHRISTIAN MALZAHN
* Am 12. Juni bei der Untersuchung des Zwischenfalls vor demHotel Intercontinental.