BILDUNGSSERIE TEIL 7 ABITUR Zeugnis ohne Wert
Der Bundespräsident hat es nicht, der Außenminister auch nicht, und der Kanzler hat es erst spät auf dem zweiten Bildungsweg errungen: das amtliche Zeugnis der geistigen Reife, das den Besuch der Universität erlaubt und den Aufstieg zur Elite des Landes ermöglichen soll. Man kommt auch weiter, ohne dem deutschen Gymnasium bis zum Ende die Ehre zu geben.
Manchmal hilft es schon, wenn man es hat. Der Altphilologe und Studienrat Franz Josef Strauß donnerte unbotmäßige Fragesteller gern an: »Haben Sie überhaupt Abitur, junger Herr Riehl-Heyse?« Der Reporter der »Süddeutschen Zeitung« konnte immerhin nicht nur das Abgangszeugnis des Gymnasiums in Burghausen an der Salzach vorweisen, sondern auch noch die zweite juristische Staatsprüfung mit der Befähigung zum Richteramt.
Aber was hilft es Herbert Riehl-Heyse heute - dem Kisch-Preisträger, leitenden Redakteur und hoch angesehenen Journalisten? »Ich würde das Abitur nicht geschafft haben«, bekennt er im Frühjahr dieses Jahres, 61 Jahre alt, angesichts der Prüfungsaufgaben, die das bayerische Kultusministerium unter Leitung der Strauß-Tochter Monika Hohlmeier an den Gymnasien des Freistaats zentral gestellt hat.
Im Leistungskurs Deutsch sollten die armen Abiturienten am Beispiel eines Streits zwischen Vater und Sohn Piccolomini in Friedrich Schillers Drama »Wallenstein« »diese Behandlung eines Generationenkonflikts mit einem anderen literarischen Werk samt dessen zeit- und literaturgeschichtlichem Hintergrund vergleichen«, erregt sich Riehl-Heyse: Ein »ungeheurer Anspruch, dessen Zwillingsschwester die Hochstapelei der zu Prüfenden ist und sein muss«. Das Zeugnis für das Abitur fällt vernichtend aus: »Was in dieser Reifeprüfung verlangt wird, ist die hohe Kunst des Schwafelns.«
Das Abitur, einst unbestrittener Eintrittsausweis einer bildungsbürgerlichen Gesellschaft, was ist es noch wert? Numerus clausus und die Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) haben das Zeugnis der Allgemeinen Hochschulreife schon längst zu einem Faktor unter vielen im Rennen um die Zulassung zur Universität gemacht.
Der Bundesländervergleich der Pisa-Studie zeigt wieder einmal, dass die Abgangszeugnisse zwischen Bayern und Schleswig-Holstein, zwischen alten und neuen Ländern, zwischen unions- und sozialdemokratisch geführten Kultusbürokratien höchst unterschiedlichen Maßstäben unterliegen. Unternehmen und Hochschulen vertrauen kaum noch allein auf den Abiturdurchschnitt von Bewerbern und prüfen lieber noch einmal in eigener Regie nach, was eigentlich die Lehrer bestätigen sollten: Dieser Schüler, diese Schülerin ist reif für das Leben, für das sie ja angeblich gelernt haben.
Moritz Wilkening, 19, vom Münchner Willi-Graf-Gymnasium, nahm das Abi 2002 ziemlich cool. »Wenn man das System Schule kapiert hat«, meint er, »reicht ein Tag Vorbereitung auf die Prüfung.« Am Abend vor dem Schriftlichen trank er mit seinen Eltern ein Bier, und dann noch eins.
Morgens war er doch etwas aufgeregt und eine Dreiviertelstunde zu früh vor der Schule in der Nähe des Olympiaparks. Er machte die Tür seines Autos auf und hörte laut Musik. Der Puls ging hoch, als er dann die Treppe zum dritten Stock hinaufstieg. Da standen die Tische mit dem Schild »Kein Zugang. Abitur«, die Moritz Wilkening schon seit der fünften Klasse mit ehrfürchtigem Schauder gesehen hatte. Jetzt ging es um einen bedeutsamen Verwaltungsakt, das zeigten die amtlichen Stempel auf den Aufgaben, das streng reglementierte Kartenziehen für die Sitzplätze im Prüfungsraum.
Und dann kam die »Hasenkatastrophe«. Von Robert Musil. Den Titel hatte der Prüfling noch nie gehört. Erschließen Sie den Text, hieß die Vorgabe im Deutsch-Abitur, und vergleichen Sie, wie die Natur zum Fortschreiten der Handlung beiträgt. Ein Hund jagt da ein Hasenkind, und Moritz Wilkening fühlte sich wie das gehetzte Häschen. »Es ging mir schlecht«, sagt er und tröstete sich nur damit, dass es den anderen noch schlechter ging.
Inzwischen hat der schwer Geprüfte das Abitur dann doch bestanden - wie rund 240 000 andere deutsche Gymnasiasten und Fachoberschüler in diesem Jahr. Dass der Junge Abi machen sollte, war nie eine Frage in der Familie. Vater und Mutter haben es und sind Juristen, der Sohn soll es auch werden. Aber nachdem Moritz Wilkening in der Staatsbibliothek die künftigen Kommilitonen dieser Fachrichtung gesehen hat, möchte er wohl doch lieber etwas anderes machen, Journalist vielleicht oder Arzt.
Das Abitur jedenfalls ist für den Jahrgang 2002 weiterhin »das Beste, was man machen kann«, wie Moritz Wilkening sagt. Und sein Schulkamerad Johannes Hofer, 19, ergänzt: »Weil einem da alle Wege offen stehen auf der höchsten Schiene.«
Wenn sie sich da mal nicht täuschen. An den Universitäten ist der Kurs des schulischen Reifebeweises ziemlich abgestürzt. »Das Abitur, eine Errungenschaft des preußischen Kulturstaats, verkommt zunehmend zu einem Hochschuleintrittsbillett von zweifelhaftem Wert«, behauptet etwa der Präsident der Technischen Universität München, Wolfgang Herrmann.
Der Professor spricht aus, was die Mehrheit seiner Kollegen an den deutschen Hochschulen denkt. Nur gut jeder zehnte Universitäts- und Fachhochschullehrer hält das Abitur für einen sicheren Nachweis der Studierfähigkeit, ergab eine Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) im vergangenen Jahr. Fast die Hälfte der Befragten traut dem Abgangszeugnis nur teilweise oder gar nicht, rund 40 Prozent halten es immerhin »überwiegend« für einen Ausweis tatsächlicher Hochschulreife.
Entsprechend skeptisch fällt das Urteil über die Qualität der Studienanfänger aus. In den drei Schulfächern, die von den Professoren als die wichtigsten eingestuft werden, gibt es viele schlechte Noten. 41 Prozent der Hochschullehrer bescheinigen den Erstsemestern wenig oder gar nicht ausgeprägte Kenntnisse in Mathematik. Ein Drittel konstatiert erhebliche Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache. Etwas besser sieht es bei Englisch aus: Da kritisieren nur ein gutes Viertel der Befragten den Ausbildungsstand der Abiturienten. In weiteren sechs Fächern sind jedoch sogar mehr als die Hälfte der Professoren unzufrieden mit den Jungakademikern: in der zweiten Fremdsprache, Geschichte, Wirtschaft, Philosophie, Kunst und Musik.
Erhebliche Defizite bemängeln die Hochschullehrer auch bei den Grundlagen wissenschaftlicher Arbeit. Es fehle den neuen Studenten an analytischen Fähigkeiten und Abstraktionsvermögen, meint über ein Drittel der Befragten. Rund die Hälfte der Professoren bekunden, die Abiturienten
verfügten über keine ausreichende sprachliche Ausdrucksfähigkeit. Alles in allem halten ein knappes Drittel der deutschen Hochschullehrer den Nachwuchs, der ihnen von den Gymnasien geliefert wird, schlicht nicht für das Studium geeignet.
Gewiss spiegeln diese negativen Einschätzungen auch das übliche Vorurteil der älteren Bildungselite gegenüber der angeblich von Computerspiel und Fernsehsoap verflachten Generation wider. Doch die so gescholtenen Kids zweifeln selbst, ob sie das Gymnasium wirklich auf das Leben an der Hochschule vorbereitet.
»Ich habe schon Angst, dass mir an der Uni viele Grundlagen fehlen«, sagt Fabian Dannenberg, der gerade an der Georg-Herwegh-Oberschule in Berlin-Hermsdorf Abitur gemacht hat. Und seine Mitschülerin Khûe Phamin weiß schon: »Ich werde aus allen Wolken fallen an der Uni.«
Zwar gab es an ihrer Schule Studenten, die in der Oberstufe von der Welt der Seminare und Vorlesungen berichteten, oder Exkursionen an Universitäten und Fachhochschulen, doch im Unterricht selbst fehlt die Vorbereitung auf das akademische Arbeiten. Ein wenig Einführung in strukturelles Denken im Geschichtskurs oder im zwölften Schuljahr eine Lektion, wie man selbständig mitschreibt und einen Ordner führt, das war''s - »ich habe nie gelernt, richtig zu lernen«, sagt eine Schülerin, die Grundschulpädagogik studieren möchte.
Schon der normale Stoff kommt zu kurz, wenn Lehrer - wie in der elften Klasse - wochenlang ausfallen, ohne dass sie vertreten werden, und Fächer wie Erdkunde nur das halbe Schuljahr unterrichtet werden können. »Die Lehrer sind echt überlastet«, gibt Khûe Phamin zu. Doch sie meint, dass die Qualitätsmängel des Abiturs auch am Bildungssystem liegen, das eine möglichst hohe Quote von Hochschülern produzieren will: »Die schlechteren Schüler müssen auf die Realschule, das bringt nichts, alle durchzupeitschen.« So sieht es auch ihre Schulleiterin Gabriele de Tinseau: »Das Abitur kann nicht leisten, die Schüler so auf die Hochschule vorzubereiten, wie die sich das vorstellt.«
Wie die Berliner Abiturienten denken viele junge Deutsche mit dem frisch erworbenen Berechtigungsschein für das Studium. 80 Prozent der Studienanfänger des Wintersemesters 2000/2001 bekannten bei einer Befragung ernsthafte Wissens- und Fähigkeitsdefizite am Beginn ihrer akademischen Laufbahn. Nach der Studie des Hochschul-Informations-Systems (HIS) in Hannover meint ein Drittel der Befragten, die Schule habe sie schlecht auf die Universität vorbereitet. Besonders Mediziner, Sprach- und Kulturwissenschaftler sowie Studenten der Mathematik und Naturwissenschaften beklagen sich darüber.
Das Ausmaß an Selbstkritik bei den Abiturienten stimmt erstaunlich genau mit der Schelte der Professoren überein. Nur in der Gewichtung ihrer Unfähigkeiten setzen die Erstsemester andere Akzente. Sie halten sich für weit fitter in Deutsch (67 Prozent), als die Dozenten sie einschätzen, und vermissen am meisten praktische Computerkenntnisse (41 Prozent) - da trauen ihnen die wohl nicht so computererfahrenen Dozenten erheblich mehr zu. Den Schulen, vermuten die HIS-Forscher, ist gar nicht bekannt, »welches Wissen und welche Fähigkeiten für die Aufnahme eines Studiums in den verschiedenen Studienrichtungen vorausgesetzt werden«.
Statt jeden mit Abitur an die Uni zu lassen, würden sich die Professoren ihre Studenten am liebsten selbst aussuchen. Fast 80 Prozent der Befragten in der IW-Studie wollen die Hochschulen an der Auswahl beteiligen, teils nur bei Fächern mit Bewerberüberhang, fast die Hälfte aber grundsätzlich bei jedem Studium. Wenn er nur einen Wunsch frei hätte, um die
deutschen Universitäten zu ändern, meint der langjährige Präsident der kalifornischen Stanford University, Gerhard Casper, »würde ich der Hochschule das Recht gewähren, sich ihre Studenten selbst auszuwählen«.
Sogar die Abiturienten, deren Reifezeugnis bei solchen Verfahren abgewertet wird, sind keineswegs total gegen solche Testverfahren. Knapp die Hälfte, so die HIS-Befragung, sind ganz oder mit Einschränkungen für Aufnahmeprüfungen. »Das ist total gut«, meint Jonas Jacek, 19, der gerade am Gymnasium Eppendorf in Hamburg das Abitur geschafft hat, »da werden die rausgefiltert, die es wirklich wollen.« Seine Kollegin Christin Lübcke, die in den USA einen Mathe-Test kennen gelernt hat, hält die Auswahl durch die Unis für gerechter: »Dann sind die Voraussetzungen für alle gleich.«
Einen Teil der Studenten könnten die Universitäten schon jetzt selbst auswählen. In Numerus-clausus-Fächern wie Psychologie, Medizin oder Betriebswirtschaft dürfen die Unis seit knapp zwei Jahren 20 Prozent der Studienanfänger durch Bewerbungsgespräche aussuchen - ab dem nächsten Wintersemester gar 24 Prozent. In Baden-Württemberg sind es auf Grund einer Sonderregelung sogar 40 Prozent.
Doch bis jetzt machen sich wenige Hochschulen wirklich die Mühe eines intensiven Tests. Denn das derzeitige Verfahren hat aus Sicht der Professoren einen schwerwiegenden Konstruktionsfehler: Abgelehnte Bewerber können letztlich als Nachrücker über das Zuteilungssystem der ZVS doch an die Uni gelangen.
Da verzichten viele Hochschullehrer lieber auf langwierige Gespräche mit den Interessenten, delegieren den Auswahljob an Assistenten oder verlassen sich doch auf die Abiturnoten, die allenfalls entsprechend der Studienrichtung nach bestimmten Fächern gewichtet werden. Bayerns Wissenschaftsminister Hans Zehetmair ärgert sich über diese Bequemlichkeit. »Wenn sie wollen, dass die ,richtigen'' Studenten auch zu den ,richtigen'' Professoren kommen, dann müssen sie das Selbstauswahlverfahren auch ernst nehmen«, fordert der CSU-Politiker, »da müssen sich die Professoren schon selbst engagieren.«
Die TU München, deren Präsident Herrmann vehement für eine Uni-Auswahl ficht, sucht zum Wintersemester in sechs Studiengängen mit Eignungsfeststellungsverfahren, wie die Tests amtlich heißen, nach den Besten, etwa bei Mathematik. In Briefen an alle Gymnasialdirektoren warb Herrmann für seine Initiative »Abi + (Chancen für Jede und Jeden)«. Neben Abgangszeugnis und Lebenslauf sollen die Interessenten zunächst auf ein bis zwei Seiten begründen, warum sie das Fach und die TU gewählt haben.
Wer diese Hürde nimmt, darf in einem Gespräch von 20 Minuten zeigen - so der Leitfaden im Internet -, ob er »erwarten lässt, das Ziel des Studiengangs mit seiner anwendungsorientierten Ausrichtung auf wissenschaftlicher Grundlage selbständig und verantwortungsbewusst zu erreichen«. So sollen Motivation und Grundverständnis für das angestrebte Fach erforscht werden. Wie die »Handreichungen« der Kultusminister versichern, könnten so auch »individuelle Lebensumstände und Einzelschicksale« berücksichtigt werden.
Bei privaten Hochschulen sind Tests ohnehin die Regel, die Elite-Unis leisten sich aber weit aufwendigere Aufnahmeprüfungen. Die Hamburger Bucerius Law School lässt die Aspiranten für den Juristenberuf etwa im schriftlichen Test auch einen Essay verfassen. Selbst beste Abiturnoten helfen nicht, wenn der Prüfling dabei versagt. Im mündlichen Teil müssen die Bewerber nicht nur in Einzelgesprächen b estehen, sondern auch bei Vorträgen und Diskussionen mit Konkurrenten brillieren.
Solche luxuriösen Veranstaltungen werden sich staatliche Hochschulen mit ihren Massenfächern wohl nie gestatten können. Die Tester von der TU München halten sich immerhin zugute, Interessenten mit völlig falschen Vorstellungen vom gewählten Fach in die richtige Studienrichtung zu bugsieren und so die hohen Abbrecher- und Wechselquoten zu reduzieren.
Doch selbst perfekte Auswahlverfahren würden nichts an dem Problem ändern, dass die Gymnasien aus Sicht von Professoren wie Studenten nur unzureichend auf die Hochschule vorbereiten. Und wenn wirklich bundesweit alle Unis ihre Erstsemester aussuchen würden - was sollte aus jenen Abiturienten werden, die bei keinem Eignungstest durchkommen? Die Vorsitzende der Kultusministerkonferenz, Dagmar Schipanski (CDU) aus Thüringen, meint: »Es kann den Hochschulen nicht zugemutet werden, dass sie jeden aufnehmen müssen, selbst wenn er das Abitur mit Note vier gemacht hat.«
Natürlich studiert schon jetzt nicht jeder, der Abitur hat. Während in den siebziger Jahren noch rund 90 Prozent der Besitzer einer »Hochschulzugangsberechtigung« von dieser auch Gebrauch machten, waren es in den neunziger Jahren rund 70 Prozent. Die Abiturienten drängten beispielsweise in Bank- oder Kaufmannslehren, die bislang Realschülern vorbehalten waren. Aber ist es sinnvoll, dazu vorher eine Gymnasial-Kollegstufe zu durchleiden?
Wenn aber die Uni-Auswahl als Abiturersatz nur bedingt brauchbar ist, dann muss die allseitige Kritik am Wert der Reifeprüfung zu Veränderungen an den Gymnasien selbst führen. Die eingängigste Forderung ist die nach einem Zentralabitur in allen Bundesländern, am besten sogar bundesweit einheitlich. So wünschen es sich die Unternehmen, die sich vergleichbare Zeugnisse von Bewerbern erhoffen, ebenso wie die Hochschulrektorenkonferenz, die damit den angeblichen Billig-Abis mancher Länder den Garaus machen will.
In Bayern, Baden-Württemberg, dem Saarland, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern geben die Kultusministerien schon länger die Aufgaben für die schriftlichen Abschlussprüfungen an allen Gymnasien vor. Brandenburg will das Zentralabitur im Schuljahr 2004/2005 einführen. Neben einer besseren Vergleichbarkeit angesichts »immer individuellerer Bildungsmöglichkeiten«, so der zuständige Minister Steffen Reiche (SPD), soll damit auch eine Entlastung der Lehrer erreicht werden. Auch in Hamburg, Hessen und Niedersachsen wird über die Einführung der Einheitsprüfung debattiert.
Die Forderung ist ungemein populär. Rund 90 Prozent der Deutschen verlangen nach einer Umfrage des Dortmunder Instituts für Schulentwicklungsforschung landesweit einheitliche Prüfungen zum Schulabschluss. Die Gelehrten allerdings streiten sich, ob das Zentralabitur wirklich entscheidend etwas an der deutschen Bildungsmisere ändert. Die Bildungsforscher des Berliner Max-Planck-Instituts, das die internationalen Mathe- und Naturwissenschafts-Tests Timss und auch die Pisa-Studie betreut, meinen, dass auch die einheitlichen Aufgaben für das Abitur nicht generell das Leistungsniveau steigern. Unterschiede zwischen den Schulen des Landes gibt es dennoch.
Die Spitzenländer bei den Vergleichstests, Bayern und Baden-Württemberg, halten zwar beide ein Zentralabitur ab. Aber unter den Hinterbänklern der neuesten Pisa-E-Rangfolge finden sich ebenfalls Länder mit Einheitsprüfung wie Mecklenburg-Vorpommern oder das Saarland.
Die Praxis des Zentralabiturs gleicht oft einem schlichten Pauken. Die bayerischen Abiturienten etwa bereiten sich dank ihres zentralistischen Systems mittels Abi-Trainern auf die Prüfung vor. Die Bücher enthalten die Aufgaben der letzten Jahre in Fächern wie Biologie, Mathe oder Physik. Nach dreimaligem Durcharbeiten fühlte sich der Münchner Gymnasiast Wilkening »ziemlich perfekt - das Prinzip, nach dem die Aufgaben konstruiert sind, ist leicht durchschaubar«.
Nur einmal in den neunziger Jahren hatten die Benutzer der Abi-Trainer ein Problem, als die Schulbürokratie von einem Jahr aufs andere in Biologie die Struktur der Aufgaben änderte.
»Von der Fairness ganz in Ordnung« findet Wilkening das Zentralabitur - doch es bleibt das sture Lernen nach Schema: »das Problem der Sinnlosigkeit von diesem ganzen Kram«. Der Berliner Bildungsforscher Volker Hagemeister fürchtet, »dass zentrale Standards, die in Prüfungen eingesetzt werden, negative Rückwirkungen haben«. Die Erziehung zur Bildung bleibe auf der Strecke: »Die kurzzeitig prüfbare Leistung wird zum faktisch bedeutsamsten Ziel der Schule.«
Das Zentralabitur allein, das sehen auch seine heftigsten Verfechter, hilft wenig - dazu muss eine Reform der Oberstufe kommen. Die letzte Großreform gilt als obsolet: Mit der Einführung des Kurssystems an der dann so genannten Kollegstufe wollten die Kultusminister in den siebziger Jahren die Gymnasiasten an das freie System der Vorlesungen und Seminare in der Universität heranführen - es war die hohe Zeit der Bildungsdemokratie auch an den Schulen. Nun rollt das System wieder rückwärts, zu eingeschränkter Fächerauswahl und engeren Klassenverbänden in der Oberstufe.
»Einen Weg zu mehr Konzentration, zur Stärkung von Orientierung, zur Stabilisierung eines Fundaments« verlangt Edmund Stoibers Kompetenzfrau für Bildung, Annette Schavan. In Baden-Württemberg schreibt die Kultusministerin künftig sieben verbindliche Fächer für alle in der Oberstufe vor - Deutsch, Mathematik, Geschichte, zwei Fremdsprachen und zwei Naturwissenschaften. Im Abitur gibt es dann fünf statt bisher vier Prüfungsfächer.
In eine ähnliche Richtung geht auch Hessen unter CDU/FDP-Führung. Das sozialdemokratisch regierte Niedersachsen führt eine »Profiloberstufe« mit beschränkteren Wahlmöglichkeiten ein, die auch im benachbarten Hamburg erprobt wird. Das Profil kann naturwissenschaftlich, sprachlich oder künstlerisch-musisch sein, zwei Fächer aus dem Schwerpunkt sind bindend vorgeschrieben, etwa Biologie und Chemie bei den Naturwissenschaften, und die Gruppe wird pro Woche mindestens 16 Stunden zusammen unterrichtet.
Die sonst so vorbildlichen Bayern haben dagegen vergangenen Monat die geplante Kollegstufenreform erst mal gestoppt - und damit auch das vorgesehene Abi mit fünf Pflichtfächern. Das schon im Ministerrat beschlossene Konzept soll nun, ungewöhnlich genug, noch einmal in einer Expertenkommission diskutiert werden. Kultusministerin Hohlmeier verspricht sich davon eine »Debatte ohne Tabus«. Doch zumindest soll bis zu den Landtagswahlen im nächsten Jahr Ruhe an der Bildungsfront herrschen - die Reformpläne hatten nämlich zu erheblichem Aufruhr unter Lehrern und Schülern geführt.
Vielleicht ist ja die stärkere Reglementierung der Oberstufe auch gar nicht der beste Weg, um das Abitur wieder zu einem Zeugnis von Wert zu machen. Denn die Anforderungen des Lebens an die Schule gehen künftig in eine Richtung, die sich nicht so leicht in Tests oder Prüfungen abfragen lässt. Nach Interviews mit etwa 80 Führungskräften und Bildungsexperten kommt die Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) zu dem Schluss: »War der Unterricht bislang in erster Linie wissensorientiert, so verlangt die Arbeitswelt der Zukunft von der Schule, fähigkeitsorientiert auszubilden.« Oder, wie es Ulrich Leitner, Direktor für Corporate Organization bei DaimlerChrysler, griffig formuliert: »Am Ende werden wir nicht mit Wissen gewinnen, sondern mit Persönlichkeiten.«
Natürlich kommen da Anforderungen auf die Schulen zu, die manchen erstarrten Lehrkörper erschrecken: Dynamik und Eigeninitiative, Kreativitätstechniken und Recherchierfähigkeit, Argumentationslehre und Ideenentwicklung sollen die Gymnasien vermitteln, fordert die BCG-Studie »Die Zukunft bilden«. Von der »einseitigen Fixierung auf das Abitur« hält die für Bildungsprojekte zuständige BCG-Vizepräsidentin Antonella Mei-Pochtler nichts, ebenso wenig wie vom Zentralabitur. Das tauge allenfalls für gewisse Standardabfragen, dazu aber müssten die einzelnen Schulen entsprechend ihrem Profil »individuelle Module, zum Beispiel auch in den musischen Fächern«, prüfen.
Denn die Schulen der Zukunft brauchen eine neue Freiheit, um diesen Anforderungen entsprechen zu können. Das meint auch Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD): »Die Schulen müssen erheblich mehr Rechte und Eigenständigkeiten erhalten, den Unterricht zu organisieren, Lehrer einzustellen und zu bewerten.«
Schon jetzt müssen die Gymnasien vielerorts wegen sinkender Schülerzahlen wie Unternehmen im Wettbewerb um ihre jugendliche Kundschaft werben. Dabei wird zunehmend eine Rolle spielen, was die Schule an Besonderheiten bieten kann - ein breites oder auch originelles Angebot an Kursen, die Zusammenarbeit mit anderen Institutionen wie Hochschulen und Firmen, die Qualität der Lehrer und damit schließlich den spezifischen Wert des Abiturs dieses Gymnasiums.
Als Wert an sich hat das Abitur dagegen nicht bestanden. Man muss schon ein bisschen verrückt sein, um noch wirklich daran zu glauben, wie die Soziologie-Professorin Sibylle Tönnies am Beispiel von zwei ältlichen Insassen einer psychiatrischen Anstalt zeigt. Die beiden Damen litten unerträglich darunter, dass sie kein Abitur hatten. Eine mitleidige junge Ärztin baute schließlich einen langen Tisch auf und veranstaltete für die beiden Abi-Losen eine feierliche Prüfung. »Die beiden Alten«, berichtet die Professorin, »sollen zwar weiterhin verrückt, aber seither glücklich gewesen sein.«
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Im nächsten Heft:
* Bei der Überreichung der Zeugnisse am 26. März in Dessau.* Der Georg-Herwegh-Oberschule Berlin-Hermsdorf, in der erstenReihe Khûe Phamin (2. v. r.).