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BRANDENBURG Deutsche gegen Deutsche

In Wittstock eskaliert die Gewalt zwischen Rechtsradikalen und Russlanddeutschen. Nach dem Mord an einem Kasachen schlagen die Aussiedler zurück.
• aus DER SPIEGEL 27/2002
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Die SMS kam um ein Uhr morgens, und sie war das letzte Lebenszeichen von Kajrat Batesov. »Sind noch unterwegs«, mailten der Kasache und sein Freund Maxim nach Hause. Dann war der Akku ihres Handys leer.

Was danach in jener Nacht des 4. Mai in Wittstock an der Dosse wirklich geschah, lässt sich nur bruchstückhaft rekonstruieren. Die drei Deutschen, die die Polizei festnahm, schweigen. Die etwa zehn Zeugen, alles einheimische Jugendliche, wollen nichts gesehen und nichts gehört haben. Nur der junge Aussiedler Maxim erzählt.

Auf dem Heimweg waren Kajrat, 24, und Maxim, 21, noch bei »Peter« eingekehrt, einem Disco-Schuppen am nördlichen Stadtrand von Wittstock nahe dem Aussiedlerheim. Als die beiden Kasachen zurück zu ihren Fahrrädern schlenderten, so gab es Maxim zu Protokoll, seien sie draußen vor der Tür aus einer Gruppe von etwa einem Dutzend Jugendlicher heraus angepöbelt worden. Maxim hörte einen Frauenschrei, spürte einen Schlag von hinten und ging k. o. Sein Freund wurde ebenfalls gestoßen.

Als Kajrat schon wehrlos am Boden lag, hämmerte einer der Täter mehrfach mit einem Feldstein auf ihn ein. Die Mordwaffe, stellte die Polizei später fest, war 30 Zentimeter lang und wog 15 Kilo. Um 4.45 Uhr, »beim Eintreffen der Polizei«, heißt es im Ermittlungsprotokoll lakonisch, »waren die beiden Geschädigten längst nicht mehr ansprechbar«. Genau genommen war Maxim leicht verletzt und Kajrat Batesov tödlich getroffen.

Die Staatsanwaltschaft vermutet Fremdenfeindlichkeit als Motiv für den Mord, und seitdem herrscht in Wittstock an der Dosse Ausnahmezustand. Die Polizei spricht von einer »Spirale der Gewalt« zwischen Rechtsradikalen und Russlanddeutschen, Brandenburgs Innen-Staatssekretär Eike Lancelle (CDU) verlangt, dass »die Eskalation mit allen Mitteln unterbunden wird«, und der zuständige Gottesmann, Superintendent Heinz-Joachim Lohmann, fürchtet, dass »aus der Krise ein offener Bandenkrieg wird«. Denn anders als die meisten Vietnamesen, DDR-Kubaner und türkischen Döner-Betreiber, die seit der Wende Opfer rechter Gewalt im Osten wurden, schlagen die aus der ehemaligen Sowjetunion stammenden Auswanderer zurück.

In der Tatnacht konnte die Polizei nur einen der Verdächtigen identifizieren, einen 22-jährigen Wehrdienstleistenden. Die Russlanddeutschen bildeten daraufhin Patrouillen und fahndeten auf eigene Faust nach weiteren Tätern.

Anfang Juni fuhr dann ein weißer Nissan an der örtlichen Elf-Tankstelle vor, dem Treffpunkt der Wittstocker braunen Szene. Fünf angetrunkene Aussiedler, darunter der wieder genesene Maxim, sprangen heraus und wollten von zwei herumlungernden Jungrechten nur wissen: »Seid ihr Nazis?« Schließlich zogen sie einem der beiden eine Flasche über den Kopf und fuhren davon. Weil die Immigranten auch in den Schulen suchten, schwirren durch Wittstock »unbewiesene Gerüchte« (Chefermittler Steffen Decker), die Russlanddeutschen würden in einer Art sibirischer Selbstjustiz mit vorgehaltener Pistole Jagd auf Rechte machen.

Jedes Wochenende streifen nun Sondereinheiten von Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) durch die Region, um »einen Schutzring um die Aussiedler zu bilden« (Lancelle).

Seit ein paar Jahren schon gilt Wittstock der Polizei als Brennpunkt, eine Hochburg der rechtsradikalen Szene. Irgendwann muss die Stimmung gekippt sein, seitdem marschiert die NPD fast jeden Monat auf. »Die Nazi-Kader«, weiß Superintendent Lohmann, »sind in Wittstock besonders militant.«

Im Februar 1999 schleuderte ein halbes Dutzend junger Neonazis Molotow-Cocktails auf einen Döner-Laden, das Wohnhaus ging gleich mit in Flammen auf. Das galt den »Türken«.

Im April vergangenen Jahres prügelten Rechte acht US-Amerikaner aus dem Wittstocker McDonald's. Das galt den »Besatzern«.

Und im Mai vergangenen Jahres jagten fünf teilweise vermummte Neonazis einen 18-jährigen Deutschen mit dunkler Hautfarbe durch eine Plattenbausi edlung, bis sich der Junge von einem Balkon im zweiten Stock stürzte. Das galt den »Negern«.

Im vergangenen Herbst waren erstmals die Russlanddeutschen dran. Zunächst malträtierte eine Übermacht rechter Jugendlicher auf dem Marktplatz von Freyenstein fünf jugendliche Spätaussiedler, eine Woche später gab es eine ähnliche Schlägerei in der »Papageiensiedlung« von Wittstock, einem Neubauviertel mit 400 Sozialwohnungen, die zur Hälfte von Aussiedlern belegt sind.

Seitdem würden ihnen die Deutschen regelmäßig Katzenkot auf den Balkon ihrer Wohnung kippen, klagt die Kasachin Irina, 16. Im Wittstocker Gymnasium, Klasse 10, beschimpften Mitschüler sie als »stinkende Russin«. Mitunter würden ihre Kinder in den Schulen von den Klassenkameraden nicht einmal auf die Toiletten gelassen, berichteten die Russlanddeutschen der Stadtverwaltung bei einem Krisengespräch nach Kajrats Tod. 87 Prozent der Wittstocker Schüler gestanden bei einer Befragung ein, an ihrer Schule gebe es Ausländerfeindlichkeit.

Die Ausländerbeauftragte machte sich eilends auf den Weg, der DGB sandte seinen Landesvorsitzenden und die besorgte Landesregierung eine Delegation in Abteilungsstärke, die klären soll, was wohl schief gelaufen ist in und um Wittstock.

Dort sitzt Bürgermeister Lutz Scheidemann (FDP), 57, in seinem Büro im dritten Stock eines Plattenbaus mit dem dezenten Charme einer MfS-Kreisstelle. Auf dem Schreibtisch liegt ein Büchlein. Darin hat er Vorschläge notiert, wie die Übergriffe gestoppt werden könnten. Noch sind nicht viele Seiten beschrieben.

Gerade erst musste der Bürgermeister entscheiden, ob er im kommendem Jahr die letzte verbliebene Schwimmhalle oder die einzige Bibliothek der Stadt schließt. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 20 Prozent, das »Tor zur Mecklenburgischen Seenplatte«, wie die Kommune sich preist, hofft nun auf den Tourismus. Das ist nicht leicht in einer Stadt, deren bekanntester Ort das Autobahndreieck Wittstock/Dosse an der A 24 ist. Und schon gar nicht, weiß Scheidemann, mit diesem Image: »Weil hier jetzt so eine Truppe am Werk ist, heißt es, Wittstock ist rechts. Wittstock ist nicht rechts.«

Wittstock ist ein Ort, den immer mehr Bürger fluchtartig verlassen. Statt elf Schulanfänger-Klassen wie früher gibt es heute nur noch vier, statt 14 500 Einwohner einst jetzt nur noch 12 500 - und als Folge davon 800 leer stehende Wohnungen.

Selbst die Russlanddeutschen wollen weg, in den Westen. Sie wurden der Stadt zugeteilt, die Kreisverwaltung vermittelte ihnen einen Sprachkurs und eine Sozialwohnung, wies noch darauf hin, dass sie nach dem Aussiedlergesetz drei Jahre lang nicht wegziehen dürften, das war's. Arbeit fand kaum einer, und angesichts der Sprachkenntnisse der Kasachen von Wittstock wirkt Berlin-Kreuzberg linguistisch wie eine hochdeutsche Oase.

Etwa 400 Spätaussiedler leben in der Region Wittstock, das sind 1,67 Prozent der dortigen Gesamtbevölkerung. Doch so, wie die Einheimischen reden, liegt die gefühlte Zahl der Störenfriede mindestens zehnmal so hoch. »Es ist schwer, jemand zu integrieren, der nach drei Jahren sowieso in die alten Bundesländer umsiedeln will«, erklärt Bürgermeister Scheidemann.

Die Batesovs kamen an einem Herbstabend Anfang November vergangenen Jahres nach Freyenstein, einer 1300-Seelen-Gemeinde, 14 Kilometer nördlich von Wittstock. Kajrat, sein jüngerer Bruder Murat, 19, und die Mutter Raissa, 44, trugen die Koffer hoch in den ersten Stock in das Apartment in der Meyenburger Straße, drei Zimmer, 450 Euro Miete. Dann gingen sie den Ort anschauen: den kleinen »Schlecker«-Markt, den Tischler mit angeschlossenem Bestattungsunternehmen, die Bushaltestelle. Kajrat schrieb sich den Fahrplan ab, das ging schnell. Der Busverkehr von und nach Wittstock wird in Freyenstein werktags um 15.35 Uhr eingestellt. In Freyenstein, sagen sogar die Wittstocker, hat man es als Fremder schwer. Selbst wenn es die prüg elnden Rechten nicht gäbe.

Nun wehren sich vor allem die männlichen Jugendlichen unter den Spätaussiedlern. Oft gegen ihren Willen mit den Eltern nach Deutschland gekommen, haben sie wenig zu verlieren. Und die einzige Gemeinschaft, die funktioniert, ist das eigene Netzwerk.

Dass mit den kräftigen Kasachen und Weißrussen nicht zu spaßen ist, hat sich mittlerweile auch bei den Rechten rumgesprochen. Geschichten wie die aus Bernau beeindrucken auch die vermeintlich so harten Neonazi-Schläger.

In der Brandenburger Kleinstadt war der Konflikt vor knapp drei Jahren fast so eskaliert wie heute in Wittstock. Seit aber drei Aussiedler gleich acht Nazis in die Flucht schlugen und dabei einigen mit einem Wagenheber die Knochen brachen, hält sich dort die braune Szene von den ungemütlichen Gegnern fern.

Aus Angst vor solch demütigenden Niederlagen wollen auch führende Rechtsradikale aus Wittstock einlenken. Deutsche sollten keine Deutschen schlagen, appelliert der NPD-Landesvorsitzende Mario Schulz, der auch Chef der örtlichen Parteisektion ist. »Wir würden die Russlanddeutschen sogar gern zu unseren Veranstaltungen einladen.«

Raissa Batesova empfindet das als Hohn. Die Familie will weg, möglichst sofort. Ob sie es bedauert, nach Deutschland gekommen zu sein?

»Nein«, antwortet Raissa Batesova, die in Kasachstan als Krankenschwester gearbeitet hat. »Ich bedauere nur, nach Brandenburg und nicht nach Baden-Württemberg gekommen zu sein.« Dort, bei Verwandten in Krautheim, ließen die Batesovs auch Kajrat beerdigen. Mit mehreren Bussen fuhren die Wittstocker Aussiedler zur Beerdigung. Fast alle kamen mit.

Bürgermeister Scheidemann hat davon gehört, über Dritte. Gesprochen hat er mit der Familie des Erschlagenen bislang nicht. »Vor dem Tod ihres Sohns wollten die Batesovs doch noch von Freyenstein nach Wittstock ziehen«, sagt Scheidemann. »So schlimm kann es bei uns nicht sein.« HOLGER STARK

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