»Begeisterung diszipliniert«
SPIEGEL: Warum schneiden deutsche Schüler bei der Pisa-Studie so schlecht ab?
Scheich: Viele Schüler lernen nicht mehr, zwischen Grundlagen- und darauf aufbauendem Wissen zu unterscheiden. Sie halten Referate über ökologische Nischen wie den Teich, ohne etwas über den prinzipiellen Unterschied zwischen Fischen und Fröschen zu wissen. Sie hören viel von Wirtschaft und Arbeitslosigkeit, ohne je erklärt zu bekommen, welche Rolle Geld dabei spielt. Dabei brauchen sie solche Grundlagen für jeden nachhaltigen Lernerfolg.
SPIEGEL: Warum ist dies so wichtig?
Scheich: Wissen im Gehirn zu verankern ist, anders als beim Computer, kein reiner Abspeicherungsprozess, sondern ein Einordnungsprozess. Jede neue Information muss einen sinnvollen Platz im bereits vorhandenen Wissen einnehmen und sich entsprechend damit vernetzen. Dabei müssen die Informationen hierarchisch geordnet vermittelt werden, vom Wichtigen zum Unwichtigen. Denn nur was als wichtig empfunden wird, vernetzt sich ausreichend im Langzeitgedächtnis. Setzen Lehrer ihren Schülern alles als gleichwertige Information vor, entsteht Chaos im lernenden Gehirn.
SPIEGEL: Was hat das für Folgen?
Scheich: Lehrreich ist die Computerdebatte: Viele Jugendliche glauben inzwischen, es sei wichtiger, eine Computersprache zu beherrschen, als einen klaren Gedanken im Deutschaufsatz formulieren zu können. Dies hat zur Folge, dass sie Texte nicht mehr verstehen. Die Vermittlung von Grundlagen braucht Zeit - und da hapert es in vielen Bundesländern. Wenn Fächer wie Chemie oder Physik nur jedes zweite Jahr und dann auch jeweils nur zwei Stunden pro Woche unterrichtet werden, wird kein Basiswissen im Gehirn verankert.
SPIEGEL: Welche Unterrichtsform halten Sie für geeignet?
Scheich: Die größte Chance, dass Informationen vom Kurzzeitgedächtnis ins Langzeitgedächtnis gelangen, bietet heute eine Ganztagsschule. Dort lassen sich die wichtigsten Lerninhalte am Nachmittag vertiefen, dadurch kann die Verankerung im Langzeitgedächtnis gesteuert werden. Außerdem bietet sie einen gewissen Schutz vor allzu viel moderner Zerstreuung - und damit reduziert sie die Zahl der Informationen, die mit dem Unterrichtsstoff um einen Platz im Gedächtnis wetteifern.
SPIEGEL: Dennoch zeigt die Pisa-Studie, dass Lernerfolge offenbar unabhängig von einem bestimmten Schulsystem sind.
Scheich: Ob ein Kind eine schwedische Gleitzeitschule oder ein bayerisches Gymnasium besucht, spielt für den Lernerfolg nicht die ausschlaggebende Rolle. Das kindliche Gehirn entwickelt sich durch die Erfahrung von Erfolg und Misserfolg. Das heißt: Jeder Schüler muss neben Erfolgen auch die Grenze seiner Möglichkeiten kennen lernen. Dabei sollten die Kriterien für Erfolg und Misserfolg durchschaubar und verbindlich sein. Nur dann bildet das kindliche Gehirn eine Messlatte für eigene Leistung.
SPIEGEL: Wieso führen verbindliche Regeln zu besseren Lernerfolgen?
Scheich: Sie bewirken, dass ein Kind nicht jede Anstrengung in Frage stellt, sondern versucht, so viel zu leisten, wie ihm möglich ist. Wenn im Unterricht jederzeit Regeln und Absprachen über den Haufen geworfen werden können, wird keinem Kind verständlich, warum es sich dauerhaft anstrengen soll.
SPIEGEL: Sprechen die Erkenntnisse der Hirnforscher also eher für einen an traditionellen Werten - Disziplin, Autorität - orientierten Unterricht ?
Scheich: Auch Autorität macht nur Sinn, wenn sie prompt ausgeübt wird und verbindlichen Regeln folgt: Wenn einer am Ende des Jahres sitzen bleibt, sozusagen als Abschlussquittung für die Bummelei im ganzen Jahr, bringt das für den Lernerfolg gar nichts. Das Hirn braucht sofort ein Feedback. Ich habe allerdings eher die Vorstellung, dass Lehrer ihre Schüler begeistern müssen. Vorbilder sind für das noch unfertige Gehirn als Orientierung enorm wichtig. Und auch Begeisterung wirkt disziplinierend - man will es dem Vorbild ja recht machen.
SPIEGEL: Sollten Schüler, wie in manchen Klassen üblich, mit darüber entscheiden, was sie lernen wollen?
Scheich: Kein vernünftiger Mensch kann annehmen, dass Unterrichtsformen, in denen Kinder sich ihre Ziele vollständig selbst setzen, zu etwas führen. Ihre sich entwickelnden Gehirne können das gar nicht leisten; es fehlt noch die Struktur, die dem Kind signalisiert: Dieses und jenes neue Wissenshäppchen ist wichtig - und außerdem muss ich dringend noch etwas in meinen Speicher für systematische Zoologie tun, sonst versteh ich das Ökosystem Teich nicht. Die neuronalen Strukturen, die dem Heranwachsenden helfen, neue Informationen zu bewerten, werden durch den Lernprozess ja gerade erst geschaffen.
* Mit einer Maus, die lernen soll, bei einem Piepton über einHindernis zu hüpfen.