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PRAKTIKA UND JOBS IN DER MUSIKBRANCHE SIND HARTE ARBEIT - KAUM SEX, WENIG DRUGS, UND ROCK'N'ROLL IST AUCH OUT.
• aus UNI SPIEGEL 4/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Man kann sich das ungefähr so vorstellen: Aufwachen am frühen Nachmittag, eine Hand voll Aspirin einschmeißen, dann erst mal zum Relaxen eine CD in den Apparat. Später ein Anruf in der Firma, an guten Tagen sogar ein kurzer Besuch dort, und bei der Gelegenheit mal wieder eine astreine Newcomerband entdeckt. Was gefeiert werden will. Es trifft sich, dass gerade die angesagteste Band der Welt in der Stadt ist. Also aufs Konzert, Aftershow-Party, zusammen in vier Clubs, drei Bars, zwei Speakeasies und natürlich die perfekte Chill-Out-Lounge. Am frühen Morgen endlich im Bett mit Madonna.

So kann man sich das vorstellen. Die meisten tun das auch. Und liegen komplett daneben.

»Dieses Sex-and-Drugs-and-Rock'n'Roll-Ding ist natürlich das größte Klischee und auch die größte Illusion, mit der die Leute ins Musikgeschäft einsteigen«, sagt Jörg Tresp, 32, Marketing Manager des Bereichs Rock/Alternative bei WEA Records in Hamburg. Die Wirklichkeit sei härter: »Du arbeitest zehn Stunden, und dann kommt die Party noch on top.« Drei- bis viermal die Woche geht Tresp auf Konzerte, um Künstler des Hauses zu sehen oder die der Konkurrenz im Auge zu behalten, oft muss er dafür durch ganz Deutschland reisen. Überstunden werden keine abgerechnet. Locker, das lernen auch Berufseinsteiger schnell, ist in der Musikbranche nur der Umgangston.

Bettina Appel beschreibt den vermeintlichen Traumjob noch nüchterner. Sie ist »Director Human Resources« bei Sony Music Entertainment Germany und damit das, was man in weniger hippen Branchen schlicht Personalchefin nennt. Rund 120 Bewerbungen treffen monatlich in ihrem Büro im zehnten Stock des Berliner Sony Centers ein, wobei nicht wenige das Haus am Potsdamer Platz für eine Partyzentrale oder eine Art professionellen Hobbykeller für passionierte Musikfreaks halten. Fehlanzeige: »Ein Major«, erklärt Appel stellvertretend für alle großen Tonträgerfirmen, »ist strukturiert wie ein klassisches Markenartikel- Unternehmen, also marketing- und vertriebsorientiert.« Es geht hier nicht um die grundsätzliche Beurteilung von Musik, sondern um die Klärung der Frage, ob eine bestimmte Form von Musik einen Platz am Markt finden kann. Entsprechend »werden weniger Musikwissenschaftler gesucht als Menschen, die wissen, was eine Zielgruppe ist«.

Der klassische Einstieg in die Branche läuft über Langzeitpraktika und so genanntes Training on the Job in einem der drei Geschäftsbereiche: Die sind das begehrte, aber sehr kleine »Artists and Repertoire Management« (A&R), wo Künstler entdeckt und vertraglich ans Haus gebunden werden; das »Product Management«, wo für die Arbeit dieser Künstler ein Marketing-Konzept von Zielgruppendefinition über Covergestaltung bis hin zu Vertriebsstrategien entwickelt wird; und die Promotionabteilung, die jene »Products« in die Medien bringt. Kaufmännische Grundkenntnisse setzt Appel schon beim Praktikum voraus; für eine feste Stelle sollte idealerweise ein abgeschlossenes Studium der Betriebswirtschaftslehre oder Kommunikationswissenschaft/Marketing mitgebracht werden.

Natürlich gibt es auch bei Sony Quereinsteiger. Aber jene Zeiten, wo pure Musikbegeisterung für einen Job in der Musikindustrie ausreichte, sind definitiv vorbei.

Was nicht bedeutet, dass keine Begeisterung mehr da ist. »Wenn ich sehe, wie ein Song die Charts raufkraxelt, und weiß, ich habe den auf meiner Compilation mit drauf, ich habe jetzt auch einen Hit - das ist schon sehr, sehr geil«, erklärt Irina Jansen, 28. Sie macht seit Februar ein Praktikum im Strategic Marketing bei Sony Music Media. Keinesfalls als Greenhorn: Im September hat sie ihr Studium am Institut für Marketing und Kommunikation (IMK) in Berlin erfolgreich mit einer Diplomarbeit über »Customer Relationship Management im Internet« abgeschlossen, und eine Lehre als Industriekauffrau sowie drei Jahre Berufserfahrung im Personalbereich hat sie auch schon hinter sich. Doch Jansen wollte ins Musikgeschäft, und dafür, sagt sie, fehlten ihr »die Basics«.

Die, und einiges darüber hinaus, bekommt sie bei Sony vermittelt. Anfangs musste sie die Jahres-Charts »zusammenschreiben«, also nach hauseigenen Produkten, Künstlern anderer Firmen und Platzierungen ordnen. Das entspricht in etwa dem Excitement-Level, den die Praktikanten-Kollegen in der Promotionabteilung beim Aktualisieren des Adressverteilers haben. Im Laufe der Zeit wurde Irina Jansen jedoch in immer verantwortungsvollere Aufgaben einbezogen, telefonierte mit anderen Labels, um deren Künstler auf der neuen Compilation »The Sound of Sage« präsentieren zu dürfen, überlegte mit bei der Cover-Gestaltung, gab Tipps für die TV-Kampagne und wurde schließlich zuständig für die Verbindung zum Berliner Sage Club, mit dem Sony diese Dance-Compilation-Reihe entwickelt.

Im Anschluss an das sechsmonatige Praktikum hofft Jansen, bei Sony als Junior Product Manager übernommen zu werden. Was jedoch nicht allein von ihrer Qualifikation, sondern von einer freien Planstelle abhängt. Und die gibt es, in den auch für die Musikindustrie nicht mehr rosigen Zeiten, nurmehr durch Fluktuation.

Auch Jan Köpke begann als Praktikant bei einer großen Tonträgerfirma. Heute, viele Praktika, Aushilfen und Jobs später, ist Köpke, 33, gemeinsam mit seinem Partner Christoph Wieland, 27, Besitzer eines eigenen kleinen Labels. Popup Records, gegründet vergangenen Mai in Hamburg, soll unentdeckte Talente der elektronischen Clubmusik von Downbeat bis Drum'n'Bass fördern. Die Idee dazu kam Köpke und Wieland, als sie bei einem Internet-Musikportal jobbten. Auch Bands ohne Plattenvertrag konnten dort einfach ihre Songs ins Netz stellen - teilweise, wie die beiden fanden, tolle Produktionen, die nicht mit dem erfolglosen Internet-Musikgeschäft wieder von der Bildfläche verschwinden sollten. Also beschlossen sie, die Musik auf CD herauszubringen.

Musikalisch liegen die beiden auf einer Linie, geschäftlich ergänzen sie sich. Wieland hat eine zweijährige Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann bei World of Music (WOM) absolviert, Köpke studierte Angewandte Kulturwissenschaften mit den Schwerpunkten Musik, BWL, Medien- und Öffentlichkeitsarbeit in Lüneburg. Seine Magisterarbeit schrieb er zum Thema »Vermarktungsmöglichkeiten Gema-freier Musik«.

Den Weg in die Selbständigkeit erleichterte Popup ein staatliches Existenzgründerprogramm. Sechs Monate lang konnte das kleine Label dabei ein ausgestattetes Büro gratis nutzen. Seit Juni müssen nun die Kosten selbst getragen werden - was vor allem dadurch gelingt, dass Popup auch als Promotionagentur für große Labels tätig ist, also beispielsweise Record-Release-Partys für Universal Music ausrichtet.

Zwei Praktikanten werden noch gesucht, ein freier Mitarbeiter ist schon gefunden: Fred Scheidemann, 26, BWL-Student im 6. Semester. Erfahrungen sammelte er nicht nur in der Musikbranche, sondern auch als Teamchef des Promotionbusses »Verwöhnmobil« von Jacobs Krönung.

Verkaufen heißt verkaufen, aber Produkt ist nicht gleich Produkt. Musik hat einen emotionalen Mehrwert, der viele trotz hohem Zeitaufwand und - zumindest anfangs - geringer Bezahlung in die Branche drängen lässt. Entschädigt wird durch Beats und magische Momente: Wenn bei Popup von den ersten eigenen Downbeat-Compilations ("Bésame"), dem Hildegard-Knef-Remix-Album oder gar dem in Kürze erscheinenden ersten Künstleralbum (Mica: »Jetsetmusic") gesprochen wird, leuchten die Augen der coolsten Jungs.

Bei den Majors wird der Idealismus gemeinhin härteren Tests unterzogen. Bis Jörg Tresp, dessen Anfänge bei WEA unfreiwillig lange mit dem Schauspieler Diether Krebs verbunden waren, eines Tages Madonna gegenüberstand, war er »schon so lange in der Branche, da konnte gar nichts mehr schocken«. Trotzdem bekommt sein Blick manchmal noch dieses besondere Blitzen: »Wenn du die neue Red Hot Chili Peppers einlegst und weißt, du bist der Erste in Europa, der die jetzt hört - dann ist das einfach ein echter Magic Moment.« CHRISTIANE KÜHL

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