Verrücktes Blut - DER SPIEGEL
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TÜRKEI Verrücktes Blut

Die Zeit im Exil ist dem Münchner Problemkind »Mehmet« gut bekommen. Ob er nach den Jahren in der türkischen Provinz auch in Bayern klarkommt, bleibt indes die Frage.
• aus DER SPIEGEL 30/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

An dem Abend, als sich im Kreisverwaltungsreferat München die Ahnung zur Gewissheit verdichtet, dass der Schrecken von Neuperlach zurückkehrt, sitzt Muhlis A. alias Mehmet vor seinem Stammlokal »La Pizza« im türkischen Çerkezköy, zündet sich eine Zigarette an, lehnt sich zurück und atmet die blanke Zufriedenheit aus.

Ein angenehm trockener, heißer Wind weht von der bulgarischen Grenze auf die endlosen Weizenfelder Thrakiens herüber. Muhlis, 18 Jahre alt und zu einem stattlichen Mannsbild mit Gladiatorenhaarschnitt herangewachsen, trägt ein flatterndes Hawaiihemd und genießt den Sommer, als hätte er gerade das Abitur bestanden.

»Allah razi olsun, Gott sei''s zufrieden«, erwidert er Glückwünsche zum Urteil des Bundesverwaltungsgerichts, das ihm nach einem Jahre währenden Rechtsstreit vergangene Woche die Rückkehr nach Deutschland erlaubte. Dass er selbst in Berlin nicht dabei sein konnte, weil sich kurz vor dem Abflug herausstellte, dass sein Pass abgelaufen war - Pech gehabt, mal wieder nicht aufgepasst.

»Aber vielleicht war es auch besser so«, sagt Muhlis, »es hätte wahrscheinlich doch wieder nur einen Mordsärger gegeben.«

Dass der Fall »Mehmet« in Deutschland selbst vier Jahre nach seiner spektakulären

Abschiebung das Kaliber eines Wahlkampfthemas hat, dass Politiker wie CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer seinetwegen das Ausländerrecht ändern lassen wollen und »Bild« an Muhlis'' theoretischem Beispiel ausrechnet, wie viel ein Sozialhilfeempfänger den Steuerzahler kostet - all das liegt am äußersten Rand seines etwas ungeordneten Gedankenkosmos.

Die Geschichte vom Schulmassaker von Erfurt hat er aufmerksam verfolgt und das Schicksal des Jungen von Reichenhall, der mit den Waffen seines Vaters vier Menschen und sich selbst erschossen hat. Aber Wahlkampf? Sozialhilfe? Laurenz Meyer?

Auch die Erinnerung an die Schauplätze und die 62 Untaten seiner eigenen wilden Kindheit zwischen Taufkirchen und Fürstenfeldb ruck scheint allmählich zu verblassen. Die Rückkehr nach München, von seinem Anwalt Alexander Eberth mit bemerkenswerter Hartnäckigkeit und Advokatenkunst verfolgt, hat sich über die Jahre zu einer immer abstrakter werdenden Idee verselbständigt.

Zwar wiederholte Muhlis gebetsmühlenartig und am Ende juristisch zielführend, wie einsam und verlassen er sich fühle im türkischen Exil. Sein ganzer Habitus jedoch weist ihn aus als einen, der fürs Erste davongekommen ist und Wurzeln geschlagen hat im Heimatland seiner Eltern. »Der ,Mehmet'' ist tot«, sagt er in einem Anflug von Selbsterkenntnis. »Spätestens mit dem Urteil diese Woche ist er gestorben. Ich bin jetzt der Muhlis.«

Noch am wenigsten haben dazu die ersten Monate in der Millionen-Metropole Istanbul beigetragen. Der Musiksender »Kral-TV«, durch die Berichterstattung über seine Abschiebung auf Muhlis aufmerksam geworden, heuerte ihn als Moderator einer Videoclip-Sendung an. Eine mit Freispruch abgeschlossene Affäre um einen geklauten Computer beendete das unglückliche Intermezzo. Krach mit einem Mitbewohner und trübe Wochen, in denen er von einem Istanbuler Kinderheim ins andere abgeschoben wurde, folgten.

Dass deutsche und türkische Medien auch am Bosporus rastlos hinter ihm her waren, setzte den Neuperlacher Dschungelkampf auf anderer Ebene fort und heizte die Machtphantasien des labilen Jungen zusätzlich an: »Ich kenne einen Typen«, erzählt er, »als der mich zum ersten Mal fotografiert hat, war er ein armer Hund mit einer zerbeulten alten Kamera. Neulich war er wieder hier: brandneuer Fotoapparat, erstklassiger Haarschnitt, super Klamotten. Ist doch klar, dass ich da auch was davon haben wollte.«

Bei 2000 Euro liegt derzeit die Verhandlungsbasis für ein Muhlis-Porträt. Er kennt seinen Marktwert, doch scheint es ihm inzwischen fast unangenehm zu sein, überhaupt jemanden um Geld zu fragen.

Ein paar Monate nach der »Kral-TV«-Episode wurde es ruhig um Muhlis, und er zog zu seiner weitläufigen Verwandtschaft in die thrakische Provinz. Ein Freund der Familie vermittelte ihm, für 38 Euro die Woche, einen Job bei einer Lackiererei; sein Vater, der in München bei BMW arbeitet, gab ihm den Schlüssel zur elterlichen Ferienwohnung und schickte monatlich Geld aus Deutschland.

Der Lackierer ging in Konkurs und verschwand aus Çerkezköy. Muhlis musste sich, wie die meisten seiner türkischen Altersgenossen seit der Wirtschaftskrise, mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser halten.

Irgendwann in diesen Jahren scheint ihm der Übergang vom »Delikanli« zum »Abi« gelungen zu sein - vom »verrückten Blut« zum »großen Bruder«. In der patriarchalisch geprägten Türkei hat jeder Entwicklungsschritt eines jungen Mannes seinen festen Verhaltenskodex. Den »Delikanli« steuern seine Instinkte, doch ein »Abi« zu sein heißt Coolness zu verbreiten, sich im Griff zu haben und ungefähr zu wissen, was Gott gefällt und was man besser bleiben lässt.

Als der Muezzin von der Osmanli-Moschee neben dem »La Pizza« zum Gebet ruft, kommt ein Schuhputzjunge vorbei. Muhlis hält ihm die Füße hin und ist wortkarg wie ein Erwachsener. »Gib dir Mühe, Kleiner«, sagt er. »Wird gemacht, Abi«, antwortet der Junge.

Es gibt Gerüchte im Dorf, dass sein Umgang in letzter Zeit etwas zu wünschen übrig lasse. Muhlis'' Onkel Süleyman Saydam, ein angesehener älterer Herr, dem sein Neffe manchmal beim Gärtnern hilft, lächelt entwaffnend: »Stimmt schon«, sagt er, »in Deutschland haben seine Freunde den Jungen verdorben. Doch bei uns hat er sich prächtig entwickelt. Man kann ihm ruhig ein bisschen was zutrauen.«

Auch Can, der Sohn seiner Cousine Münevver, spricht mit erkennbarem Stolz von seinem Vetter, für den die Leute sogar aus Istanbul aufs Dorf herauskommen. Gerade neulich war wieder das Fernsehen hier.

Wie er sich den Übergang vorstellt von der heilen Provinz in seine alte Münchner Umgebung mit den alten Kumpels und den alten Versuchungen? »Schule oder Privatlehrer«, sagt Muhlis bayerisch-bedächtig, wie immer, wenn er Deutsch spricht. »Auf jeden Fall muss ich einen Abschluss machen. Der Herr Eberth hat da eine Idee.«

Angst hätte er jedenfalls keine, fährt er auf Türkisch fort, denn »Angst muss man nur vor Leuten haben, die stehlen, rauben und lügen. Wer an Gott glaubt, dem kann man vertrauen«. BERNHARD ZAND

* Am 15. Juli auf dem internationalen Flughafen, wo ihm vonTurkish Airlines das Boarding verweigert wurde, weil der Reisepassabgelaufen war.

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