FUSSBALL Gier und Größenwahn
Peter Woodward ist 64 Jahre alt, ihm gehört ein kleiner Bauernhof in der Nähe von Nottingham, und er liebt drei Dinge auf der Welt: den Notts County Football Club, seine Frau und seine Kühe. »Genau in dieser Reihenfolge«, sagt er und klingt dabei nicht, als wäre ihm das irgendwie peinlich.
Er sitzt im Wohnzimmer auf dem Sofa, trägt Filzpantoffeln und wühlt in einer Kiste mit Autogrammkarten, Stadionheften aus den sechziger Jahren und vergilbten Zeitungsausschnitten. Momentaufnahmen eines Fanlebens mit Notts County. Woodward war zehn, als sein Vater ihn 1947 das erste Mal mitgenommen hat an die Meadow Lane. Notts schlug Norwich City mit 1:0. »Von da an war ich süchtig«, sagt er.
Inzwischen hat Woodward über 2300 Spiele des Clubs gesehen. Seit 30 Jahren kauft er sich jede Saison eine Dauerkarte, und noch immer begleitet er das Team zu Auswärtsspielen. Einmal, im Oktober 1994, als Notts überraschend den Erstligisten Tottenham Hotspur aus dem Pokalwettbewerb warf, hat er hemmungslos geheult.
Ob sich Woodward seiner Sucht noch allzu lange hingeben kann, ist jedoch zweifelhaft. Der Drittligist Notts County, ältester Fußballclub der Welt, gegründet 1862, hat gut 3,4 Millionen Pfund Schulden, das sind rund 5,3 Millionen Euro. Vor fünf Wochen haben drei Insolvenzverwalter die Geschäftsführung übernommen. Woodward erfuhr davon aus der Zeitung. Danach hat er erst mal einen Schnaps getrunken, morgens um acht. »Wenn der Club stirbt«, murmelt er jetzt und starrt ins Leere, »sterbe ich auch.«
Typen wie Woodward gibt es im Mutterland des Fußballs zuhauf. Und viele von ihnen machen sich dieser Tage Sorgen um ihren Club und deshalb um sich selbst.
Im Prinzip befindet sich nämlich der gesamte englische Profi-Fußball unterhalb der Premier League im Ausnahmezustand. Von den 72 Clubs der First, Second und Third Division sind zurzeit 6 zahlungsunfähig; 25 weitere kämpfen akut ums Überleben. Bradford City zum Beispiel kündigte 16 Spielern. Insgesamt haben über 600 Kicker ihren Job verloren, und die Aussichten, einen neuen zu finden, sind überaus mies. Zustände, wie man sie aus der New Economy kennt.
Glück hatte, wer wenigstens mit einer Abfindung ins Nichtstun entlassen wurde. So wie Lee Sandford.
»Der Manager rief mich in sein Büro und erklärte mir, dass ich nicht mehr gebraucht werde. Alles ging sehr schnell«, sagt er. 1996 hat Sheffield United eine halbe Million Pfund Ablöse für Sandford ausgegeben. Er malochte in der Abwehr und brachte es bis zum Mannschaftskapitän.
Sandford, 34, hatte zwar noch eine Saison Vertrag, aber wie alle Clubs muss auch United sparen. Um 1,4 Millionen Pfund will der Zweitligist die Gehaltskosten senken. »Da haben sie halt die alten und teuren Profis rausgeworfen«, sagt er.
Wenn Sandford jemals in das Klischee des abgebrühten Profis passte, dann weiß er es an diesem Nachmittag im »Cino«, einem Café in Sheffields Innenstadt, gut zu verbergen. Seine Erscheinung ist imposant, sein Auftritt erbärmlich. Der Modellathlet wirkt beklommen, fahrig, unsicher. Von dem Scheck, den ihm der United-Manager Anfang Juni in die Hand gedrückt hat, könne er in der nächsten Zeit zwar ganz gut leben, sagt er und trommelt mit den Fingern auf den Tisch. »Wie ich allerdings in einem halben Jahr zurechtkommen soll, weiß ich nicht.« Wenn er bis dahin noch keinen neuen Arbeitgeber gefunden hat, wird er die Spielergewerkschaft PFA wohl um einen Zuschuss aus der Unterstützungskasse bitten.
Arbeitslos melden will sich Sandford auf keinen Fall. Er käme sich krank vor. Es fällt ihm so schon schwer, sich zu motivieren. Um fit zu bleiben, joggt er jeden Morgen sechs Meilen und geht nachmittags für zwei Stunden ins Sportstudio Gewichte stemmen. Den Rest des Tages schlägt er in seinem Apartment die Zeit tot, nervt seine Freundin und wartet auf Angebote.
Er hat jeden Spielerberater angerufen, den er kennt, aber bis jetzt konnte ihm keiner helfen. Ein Amateurclub hatte Interesse. Doch Sandford, der nie tiefer als in der First Division gespielt hat, sieht sich immer noch als Berufsfußballer. Er will nicht unter seinem Wert kicken und nicht unter seiner Würde. »Da mache ich lieber etwas ganz anderes.« Die Frage ist bloß: was?
Ein Regierungsmitglied hat kürzlich vorgeschlagen, die erwerbslosen Spieler sollten zu Sportlehrern umgeschult werden. Sandford findet die Idee nicht schlecht. Außerdem hat er neben dem Fußball an der Universität ein Zertifikat in Betriebswirtschaft erworben. Vielleicht lässt sich damit ja irgendetwas anfangen.
Mit dem Big Business hat Sandford sowieso noch eine Rechnung offen. Er fühlt sich als »wehrloses Opfer« von Gier, Größenwahn und Inkompetenz. Und er vermag auch den Schuldigen zu benennen: ITV Digital, einen britischen Bezahlsender. »Gäbe es ihn noch«, sagt er, »hätte ich meinen Job behalten.«
ITV Digital hatte im Juni 2000 die Übertragungsrechte für die Spiele der Football League erworben, also für die zweite, dritte und vierte Liga. In drei Jahren wollte der Pay-TV-Kanal insgesamt 315 Millionen Pfund (etwa 500 Millionen Euro) zahlen - mehr als das Vierfache dessen, was der vorherige Rechteinhaber BSkyB überwiesen hatte.
Die Clubs erlagen einer Art Goldrausch. Sie rüsteten ihre Kader auf und investierten Geld, das sie noch gar nicht besaßen. Neue Spieler mit irrwitzigen Gehältern wurden verpflichtet, Leistungsträger durch verbesserte Bezüge langfristig gebunden. Grimsby Town, einem Provinzclub an der Ostküste, waren die Dienste des chinesischen Nationalspielers Zhang Enhua 13 000 Pfund wert - pro Woche.
Zum Problem geriet allerdings, dass die Menschen in Grimsby und andernorts nicht bereit waren, für die Segnungen der modernen Mediengesellschaft monatlich 9,99 Pfund auszugeben. Nur 200 000 Briten abonnierten das Sportprogramm von ITV Digital. Manche Spiele wie die Partie Nottingham Forest gegen Bradford City schalteten gerade mal 1000 Zuschauer ein. Bei Kosten von 1,2 Millionen Pfund wäre es billiger gewesen, jeden Kunden persönlich zu Hause abzuholen, ins Stadion zu kutschieren und nach dem Match in einem Luxushotel einzuquartieren.
Die erste Tranche an die Football League zahlte ITV Digital pünktlich, die zweite auch. Im März meldete der Sender Insolvenz an, stellte kurz darauf seinen Betrieb ein und wird inzwischen liquidiert. Die im August fällige Rate wird nicht kommen.
Manche Clubs klammern sich an die Hoffnung, dass die Gesellschafter von ITV Digital gerichtlich gezwungen werden können, den Vertrag zu erfüllen und die ausstehenden 178,5 Millionen Pfund zu zahlen. Die Verhandlung vor dem Londoner High Court beginnt am Freitag und soll drei Tage dauern. Es geht dabei nicht nur um Sieg oder Niederlage, sondern um die Unterhaltungsware Fußball als Spekulationsobjekt.
Das Schicksal von Notts County hätte nämlich um ein Haar auch den FC St. Pauli ereilt, und morgen kann es nach Lage der Dinge den AC Florenz treffen und übermorgen den FC Valencia. Nicht nur die Manager von ITV Digital haben den Markt heillos überschätzt. Leo Kirch hat sich verhoben, die italienischen Bezahlkanäle Telepiù und Stream ächzen, die RAI verhandelt mit den Clubs über die Halbierung der Honorare, auch Spaniens Sender schreiben kräftige Verluste im Fußballgeschäft. Alle haben die Blase aufgepumpt - in England ist sie geplatzt.
»War die Football League jemals 105 Millionen Pfund pro Saison wert?«, fragt David Burns und liefert die Antwort gleich mit: »Natürlich. Sie ist ein erstklassiges Produkt.«
Er muss das sagen. Burns ist Chef der Football League. In seinem Arbeitszimmer stapeln sich die Akten. Früher arbeitete der Jurist bei Airtours in München, jetzt soll er klagen, verhandeln und erörtern, um die klammen Clubs vor dem Ruin zu retten. Von der Regierung erhielt er allerdings schon eine Abfuhr. Tessa Jowell, Ministerin für Sport und Medien, hat staatliche Unterstützung abgelehnt.
Trotzdem sitzt Burns siegesgewiss mit geradem Rücken auf seinem Stuhl. »Wir sind moralisch im Vorteil - wir haben den Vertrag nicht gebrochen.« Er hat die Fans aufgerufen, vor den Gebäuden der ITV-Gesellschafter Carlton Communications und Granada Group zu demonstrieren. Die Mutter-Unternehmen gelten in der Branche als profitabel. »Wir haben ein Recht auf den vollen Betrag«, sagt Burns.
Dass sich die Clubs selbst in ihre heikle Lage manövriert haben, weist Burns von sich. »Wenn man so viel Geld bekommt und es nicht in die Mannschaft steckt, steigt sie irgendwann ab«, sagt er. »Und das ist nicht der Sinn von Fußball.«
Er könne vielmehr verstehen, dass viele Clubs »mit aller Gewalt« versuchen, in die Premier League zu kommen. Dort kassiert ein Aufsteiger immerhin mehr Fernsehgelder als Bayern München für seine Bundesliga-Partien. Oder anders ausgedrückt: Im Aufstiegsspiel der First Division um den letzten freien Platz in der Premier League ging es vor einigen Wochen zwischen Norwich und Birmingham um 27 Millionen Pfund.
Anfang Juli hat Burns die Rechte an der Football League neu verkauft. BSkyB hat die konfuse Marktsituation ausgenutzt: Für vier Jahre zahlt der Murdoch-Kanal 95 Millionen Pfund. Das ist weniger, als ITV Digital in einem Jahr aufbringen wollte.
Für Albert Scardino, 54, bedeutet das den Rückfall ins vergangene Jahrhundert. Was soll ihm die Kleckersumme bringen? Der Eigner von Notts County hat die Füße auf einem Schränkchen abgelegt und die Hände gefaltet. »Wir haben ziemlich viel Geld für Spieler ausgegeben«, sagt er. »Dass sich das rächen wird, konnten wir nicht ahnen.« Scardino redet wie einer, der sich verteidigen muss.
Aber die Fakten sprechen gegen ihn. So gönnte sich Notts unter anderen den Stürmer Darren Caskey für jährlich 125 000 Pfund. Üblich war im Club bis dahin eine Gage von 55 000 Pfund. In der Saison 2000/01 überstiegen allein die Ausgaben für Gehälter die Gesamteinnahmen des Vereins um 31 Prozent.
Im Februar konnte Notts County seine Profis nur noch bezahlen, weil die Spielergewerkschaft einen Kredit gewährte. Im März bettelte der Club bei den Fans um Spenden. Am 17. Juni war dann endgültig Schluss - Notts meldete Insolvenz an.
Scardino hätte gern ein Darlehen von der Stadt, aber die hat bereits den Lokalrivalen Nottingham Forest subventioniert. Der Europapokal-Sieger von 1979 und 1980 musste zudem die Gehälter von 7 auf 4,5 Millionen Pfund runterfahren. Forest verkaufte Stars, um den Kollaps zu vermeiden.
Stellenabbau ist auch bei Notts County Teil des Sanierungskonzepts. Auslaufende Verträge wurden nicht verlängert, dazu keine neuen Spieler engagiert. 28 Profis waren letzte Saison im Kader, jetzt sind es noch 19, davon 3 Torhüter. »Was soll ich denn machen, wenn sich welche verletzen?«, rätselt Coach Billy Dearden und lacht bitter. »Ich kann ja nicht selbst auflaufen.«
Dearden, 58, ist ein hagerer Mann mit Halbglatze, und der Frust steht ihm ins Gesicht geschrieben. Er sieht müde aus, hat Ringe unter den Augen. »Ich flehe zu Gott, dass wir heil aus der Sache rauskommen und dass meine Jungs ihren Arbeitsplatz behalten«, sagt er. Das wichtigste sei, die Probleme so gut wie möglich von der Mannschaft fern zu halten.
Aber das ist nicht ganz einfach. Denn schon jeden neuen Ball, den er kaufen will, muss einer der Insolvenzverwalter genehmigen. MAIK GROßEKATHÖFER