Miles and Moritz - DER SPIEGEL
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GRÜNE Miles and Moritz

Weil nach der Hunzinger-Affäre neue Enthüllungen über Flüge drohten, trat der Fischer-Vertraute Cem Özdemir zurück.
Von Horand Knaup, Felix Kurz und Roland Nelles
• aus DER SPIEGEL 31/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Diesmal wollte er keine Fragen mehr beantworten. So auskunftsfreudig er sonst immer war, am vergangenen Freitag entzog sich Cem Özdemir, 36, allen weiteren Recherchen durch Flucht: Ohne die übliche Krawatte war der sonst so smarte Grüne vor die Presse getreten und hatte in dürren Worten erklärt: »Ich habe Fehler gemacht. Dafür trage ich die volle Verantwortung.« Dann ging er.

Es war das - zumindest vorläufige - Ende einer hoffnungsfrohen Karriere. 20 Jahre lang hatte sich der »anatolische Schwabe« und rigorose Vegetarier nach oben gekämpft. Der Sturz vollzog sich innerhalb weniger Tage.

Eher pflichtgemäß und »mit großem Respekt« quittierten die Fraktionschefs Rezzo Schlauch und Kerstin Müller die Entscheidung des Kollegen. Insgeheim freilich auch mit einiger Erleichterung: Acht Wochen vor dem Wahltag wollte sich die grüne Spitzen-Crew keine weiteren Schlagzeilen mehr leisten.

Es war ein Ende auf Raten. Gerade noch schien es, als hätte Özdemir seine erste richtige Affäre überstanden. Der PR-Berater und Lobbyist Moritz Hunzinger hatte dem Grünen 1999 einen zinsgünstigen Kredit über 80 000 Mark gewährt. Özdemir selbst räumte ein, dass er »naiv« gehandelt habe.

Am vergangenen Donnerstag drohte - via »Bild am Sonntag« - neues Unheil: Die Journalisten fragten nach Immobiliengeschäften und hatten herausgefunden, dass Özdemir seine Lufthansa-Bonusmeilen, die sich jeder Vielflieger gutschreiben lassen kann, für private Flüge nutzte. Özdemir wollte am Freitag keine Erklärungen mehr geben.

Unter anderem soll er sich mit seiner Freundin Pia Castro einen Trip nach Nizza gegönnt haben. Auch seine Mutter, so räumte Özdemir Freunden gegenüber ein, habe von seinem Vielflieger-Konto profitiert.

Seit Jahren gilt für Abgeordnete eine Selbstverpflichtung: Wer dienst- oder mandatsbedingt fliegt, stellt die Bonusmeilen dem Bundestag zur Verfügung. Allerdings: Alles findet »auf Vertrauensbasis« statt - eine Kontrolle gab es nie.

Eine Verlockung für viele, wie Parlamentarier einräumen. »Wenn man die Flüge aller Abgeordneten durchleuchten würde«, bekennt ein Volksvertreter, »wäre jeder Zweite dran.«

Anstatt die Vorhaltungen der Boulevard-Journalisten zu entkräften, informierte Özdemir am Rande der Bundestagssondersitzung erst einmal seinen politischen Förderer, Außenminister Joschka Fischer. Der drängte zwar nicht auf ein schnelles Ende, doch Özdemirs Entscheidung war offenbar schon gefallen - und Fischer tat nichts, ihn umzustimmen.

In der Sitzung der Bundestagsfraktion fragte der Tübinger Winfried Hermann leise an, ob denn »der Cem nicht von seinem Amt als innenpolitischer Sprecher zurücktreten soll«. Doch da war Kritik noch nicht gefragt.

Unter Özdemirs Realo-Freunden herrschte noch die Meinung vor, wenn es nur der Kredit war, »da muss er jetzt durch«. Doch jede weitere Geschichte bedeute das Karriere-Ende. Özdemir sah an diesem Tag »so schlecht wie noch nie« aus, befand Kollege Oswald Metzger, der Özdemir zudem attestierte: »Wer Dein und Mein nicht auseinander halten kann, gehört nicht in die Politik.«

Der Aufsteiger war erkennbar wund gerieben. Hämische »Bild«-Schlagzeilen ("Ist er gierig oder einfach dumm?") und die anhaltende Debatte um Person, Lebensstil und Finanzgebaren erhöhten den Druck.

Noch am Wochenanfang hatte die Grünen-Spitze geglaubt, die Hunzinger-Affäre durchstehen zu können. Kuhn sprach von einer »Eselei« Özdemirs, der Gerüffelte selbst glaubte, seine Zinsvorteile durch eine Spende von 5200 Euro an eine Menschenrechtsorganisation wettmachen zu können.

Doch in der Partei gärte es weiter. Zu glatt schien den einen die Karriere des Aufsteigers. Zu nah bewegte er sich für andere an der Seite der Spitzen-Realos. Zu wendig war er Dritten, wenn er zwar in Multikulti-Kreisen hohe Anerkennung genoss, aber auch - ganz ungrün - als Model für hochwertige Textilien posierte.

Erst im zweiten Wahlgang hatte er sich Mitte April - zur Freude der Realos in der Partei - auf der baden-württembergischen Landesliste gegen seine Konkurrenten Hermann und Metzger durchsetzen können.

Eitelkeit attestierten ihm viele, was er ungerecht fand. Seine Bestätigung suchte er in unzähligen Talkshows und bei Auftritten fernab der Basis. Sein Wahlkampf war immer auch Personality-Show, in seiner Aktentasche schlummerten die Autogrammkarten gleich in dreifacher Ausfertigung - »für die Jungen, die Älteren und die Internet-Freaks«, wie er zu berichten wusste.

Bei einer Telefonschaltung der Partei- und Landesspitzen am Freitagabend - Özdemir hatte seinen Rücktritt bereits bekannt gegeben - war der Tenor einhellig: Wenn gegen die Selbstverpflichtung verstoßen wurde, müssten Konsequenzen gezogen werden. Schnell und ohne Lamento.

Auch der baden-württembergische Landesvorsitzende Andreas Braun findet es »richtig, dass er zurückgetreten ist. Es gab keine Alternative«.

Zum Verhängnis wurde Özdemir nicht zuletzt, dass grüne Politiker noch immer höheren moralischen Anforderungen unterliegen als die Kollegen aus anderen Parteien. »Die Tugendbolde haben es schwerer«, stöhnte ein grüner Spitzenpolitiker.

Die Fischer-Truppe rechnet ihm den beherzten Abgang hoch an. Auch deshalb herrscht Einigkeit in der Parteispitze: »Der Cem kommt wieder.« HORAND KNAUP,

FELIX KURZ, ROLAND NELLES

* Am vergangenen Freitag in Berlin.

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