WAHLKAMPF Die Damen-Qual
Höfliches Geplänkel, nette Worte bei einer Spendengala: Doris Schröder-Köpf und »Bild«-Verlegerin Friede Springer begegneten sich stets freundlich. Bis letzte Woche: »Schmutz-Journalismus« und »Demokratieverachtung«, schimpfte des Kanzlers Gattin in einem offenen Brief über eine Politikerschelte im Springer-Blatt.
Kaffee und Gebäck reichte dagegen Karin Stoiber den Reporterinnen von »Frau
im Spiegel«, die sich sogleich über die »zierliche Frau im sportlich-eleganten, blauen Hosenanzug« begeisterten. »Mein Mann schöpft viel Kraft aus unserer Ehe«, schwärmte Frau Stoiber beim »Damengipfel in der bayerischen Staatskanzlei«.
Frontal-Attacke versus Charme-Offensive, neue Dünnhäutigkeit gegen alten Familiensinn, die oder ich: Zwei Ehefrauen kämpfen ums Kanzleramt. Keine Woche vergeht ohne ein weiteres wortreiches Interview: Von der »Bunten« ("Im Garten der Kanzlergattin") bis zur »Frankfurter Rundschau« ("Baccara-Rosen, seit 34 Jahren") lassen die beiden kein Mikrofon und keine Kamera mehr aus. First- und Fast-First-Lady erobern alle Kanäle.
Deutschland hat erstmals die Damen-Qual. Wie nie zuvor inszenieren die Parteimanager beider Lager die Schau an seiner Seite: Hier die junge, einst allein erziehend, berufstätige Mutter. Dort die konservative Hausfrau aus Wolfratshausen. Die Medienstrategie hat Kalkül: Es gibt 2,6 Millionen mehr Wählerinnen als Wähler; und rund 30 Prozent der Frauen haben sich noch nicht entschieden, welchem Kandidaten sie ihr Kreuzchen schenken.
Hilft das geballte Damenprogramm also beim Stimmenfang unter Deutschlands Studentinnen und Hausfrauen, Angestellten und Rentnerinnen? Immerhin finden es 53 Prozent der Frauen gut, dass sich die Gattinnen stärker als früher im Wahlkampf engagieren - so das Ergebnis einer SPIEGEL-Umfrage von Infratest dimap (siehe Grafik Seite 156).
Oder riskieren Stoibers Wahlkampfmanager Michael Spreng und sein SPD-Konkurrent Matthias Machnig mit einer Überdosis Weiblichkeit von Schröders »Dörchen« (so deren Kosename) und Stoibers »Muschi« am Ende einen Überdruss der Wähler an den Frauen ohne Mandat?
Schon stöhnen Medienberater wie Ex-RTL-Chef Helmut Thoma: »Es wird a bisserl viel.« Erste Blattmacher wenden sich mit Grausen: »Was bringt es, wenn die Leser erfahren, wie Doris Schröder-Köpf ihre Blumen gießt«, lästert »Gala«-Chefredakteur Peter Lewandowski. Der Wahlkampf sei ohnehin »oberflächlich genug«.
Schließlich scheint der Informationsbedarf des Volkssouveräns bereits übererfüllt. Dass Frau Stoiber liebend gern durch Bad Tölz bummelt, schon mal am »Schnäppchentag« ("Berliner Zeitung") bei Aldi einkauft oder gern eine Packung »Bounty« futtert - wer will das wissen? Oder dass Doris Schröder-Köpf alle Strophen von »Meerstern, ich dich grüße« auswendig kann ("Max"), ihre Tochter Klara um acht Uhr ins Bett schickt ("Frankfurter Rundschau"), den Bundespresseball anstrengend findet ("Berliner Zeitung"), Apfelstrudel liebt und Reisauflauf ("Tagesspiegel")?
Nie in der Geschichte der Bundesrepublik gab es neben dem üblichen Hahnenkampf ein vergleichbares Hennenrennen aufs Kanzleramt. Hannelore Kohl hielt es meist in Oggersheim. Und unter ihren zahlreichen Konkurrentinnen stach von Liselotte (Vogel) bis zu Jutta (Scharping) eigentlich keine richtig hervor.
In diesem Sommer soll es nun erstmals richtig professionell laufen mit der medialen Frauenvermarktung - ganz so wie in den USA. »Ehefrauen sind Kernbestandteil jeder Wahlkampfstrategie«, sagt Dick Morris, der die Kampagnen für Bill Clinton organisierte und dabei dessen Frau Hillary gegen Barbara Bush positionierte. Die Zeiten, in denen es ausreichte, »die stumme Frau an seiner Seite zu sein«, meint Morris, »sind längst vorbei«.
Dem US-Vorbild folgen nun also die beiden Blondinen aus Hannover und Wolfratshausen - und sollen dabei all jene Fehler vermeiden, die beim ersten amerikanisierten Wahlkampf Deutschlands, den Berliner Senatswahlen im vergangenen Jahr, gemacht wurden. Die Inszenierung von Katja Steffel als künftiger First Lady neben ihrem Mann und CDU-Spitzenkandidaten Frank geriet damals zum Fiasko, nicht nur weil die kinderlosen Steffels kurzerhand mit Patentöchterchen posierten: Die im Konfetti-Regen gefeierten »Kennedys von der Spree« blieben Teppichhändler aus Frohnau; Bürgermeister wurde stattdessen der bekennende Homosexuelle Klaus Wowereit (SPD).
Peter Radunski war der Regisseur des skurrilen Schauspiels, und er hat daraus gelernt. »Die Damen müssen aufpassen, dass sie nicht den Eindruck von Mitregierenden erwecken«, sagt der langjährige Wahlkampfmanager der Union, der vor dem Berlin-Spektakel schon die Kampagnen Helmut Kohls von 1983 bis 1990 organisierte. Zu viel Engagement ohne Mandat komme bei den Wählern »erfahrungsgemäß sehr schlecht an«.
Freilich, ohne Frauen passt es auch nicht. Es gehe darum, die Kandidaten »imagemäßig abzurunden«, sagt Radunski, aber auch ganz einfach um deren Entlastung, denn: »Kein Kandidat kann den Medien während des gesamten Wahlkampfs allein genug Futter liefern.«
Anders formuliert: Niemand, jedenfalls unter den Frauen, wird einen Politiker mögen oder wählen, der vor allem als humorloser »Aktenfresser« brilliert; oder einen Kabinettschef, der Frauen und Familie mal eben als »Gedöns« abtut.
So etwas wäre in der Ära des öffentlichrechtlichen TV-Monopols durchgegangen, als ein stets übellauniger Ernst Dieter Lueg in der Bonner »Elefantenrunde« Politiker staubtrocken zu Sachthemen befragte. Heute geht das nicht mehr. In der Ära von Talkshow-Gastgebern wie Gabi Bauer oder Johannes B. Kerner sind die weichen, warmherzigen Seiten gefragt.
Zumindest in dieser Hinsicht liegt der Kanzler im Trend - er wählte die junge Köpf zur rechten Zeit als Partnerin. Denn Ex-Frau Hiltrud, die sich, etwas vorschnell, gar das Kanzleramt zutraute, »wäre heute ein Nachteil für Schröder«, lästert Kommunikationsberater Hans-Hermann Tiedje, der Kohl 1998 im Wahlkampf betreute. Der »Frauentyp Doris kommt bei den Wählerinnen besser an als der Frauentyp Hillu«, ist der Ex-»Bild«-Chef überzeugt.
Im Grunde handelt der Wähler kaum anders als ein Unternehmer, der auch die Ehefrau kennen lernen will, bevor er einen leitenden Manager einstellt. Die Einschätzung von Menschen und ihrem Umfeld fällt jedem leichter als die Bewertung irgendwelcher Konzepte. Parteistrategen haben das erkannt.
»Die Frauen werden in den Medien bewusst eingesetzt, um den Kandidaten Profil und Wärme zu geben«, sagt Meinungsforscher Richard Hilmer, Chef von Infratest dimap. Logisch, dass das jeweils inszenierte Rollenbild der Gattin auf genau definierte, weibliche Wählergruppen zielt.
* Doris Schröder-Köpf, 39, wird als jung, selbstbewusst und modern vermarktet und für Kampagnen etwa zu BSE oder Kampfhunden eingesetzt - bei ihren Altersgenossinnen kommt auch Schröder gut an.
* Karin Stoiber, 59, steht für ein traditionelles Familienmodell, ist eine Generation älter und hält sich aus der Politik heraus - so gefällt es der weiblichen Klientel ihres Mannes.
Natürlich hat Deutschland längst über die Performance der Polit-Ladys abgestimmt. Laut aktueller Emnid-Umfrage für die Zeitschrift »Lisa« erreicht Schröder-Köpf mit fast 39 Prozent deutlich höhere Sympathiewerte als ihre Münchner Konkurrentin (rund 25 Prozent).
Klar auch, dass beide Lager voller Häme über die jeweilige Rivalin herfallen: So feixen Schröders Berater über das »fast archaische Frauenverständnis« von Karin Stoiber. »Es wäre falsch, das zu verstärken, aber das überzeugt in der Breite als Lebensgefühl nicht«, heißt es im Wahlkampfteam der SPD.
Und umgekehrt findet es Stoiber-Berater Spreng »anmaßend, wenn die Ehefrau in der Öffentlichkeit eine politische Rolle beansprucht, die sie in Wirklichkeit nicht hat«. Schließlich würden in Deutschland »nicht Ehepaare gewählt«.
Freilich ist auch dem Unionsstrategen nicht entgangen, dass sein Schützling ein Defizit bei den Frauen hat, vor allem bei den jungen. Seit Wochen schon steht deshalb
dem Ministerpräsidenten bei Interviews auch Tochter Constanze zur Seite: Die 31jährige Anwältin und Mutter wird als bayerisches Gegenbild zu Schröder-Köpf verkauft.
Strikt nach Drehbuch laufen denn auch die TV-Auftritte der drei Damen. Da darf sich Schröders Doris in einem 45-minütigen WDR-Porträt von der alten Internatslehrerin loben lassen ("gewissenhaft und fleißig") oder im ZDF ("Kampf ums Kanzleramt") samt Ehemann einen Jazz-Club besuchen. »Er bewundert Frauen, die sich hinstellen und kämpfen«, haucht sie zielgruppen-gerecht ins Mikrofon.
Und weil die gelernte Journalistin ("Bild«, »Focus"), immerhin die vierte Frau Schröder, auch das traditionelle SPD-Milieu nicht gar zu sehr verschrecken soll, gibt es selbst für diese Gruppe gelegentlich Zucker. »Ich finde das praktischer, wenn ich das selber mache«, antwortet sie auf die Investigativ-Frage von Gabi Bauer: Bügeln Sie auch?
Anders Karin Stoiber, die sich vor der Kamera fast ausschließlich auf ihren Hausfrauenjob konzentriert und zum Beispiel im ZDF-Porträt die Krawatten ihres Mannes auswählt oder bei Kerner vom Urlaub in der Toskana schwärmt ("unsere zweite Heimat"). »Ich nehme ihm die familiären Sachen ab«, sagt Frau Stoiber und beschwört eine Zeit, in der die klassische Rollenteilung noch ohne größere Probleme funktionierte.
Für die Moderne ist ja Tochter Constanze zuständig - oder für das, was man in Bayern darunter versteht: Mehr Krippen- und Kindergartenplätze fordert Stoibers Älteste vom Vater, mit dem sie ansonsten beim Plauderstündchen mit Alfred Biolek ganz prima harmoniert: »Ich bin ein konservativer Mensch«, gesteht sie da, und dass sie mit ihrem und des Landes Vater eigentlich immer derselben Meinung sei. Der sitzt daneben und tätschelt ihr verständnisvoll den Hinterkopf.
Zumindest in dieser Disziplin liegen beide Paare bislang gleich auf: Streicheln, Küsschen, Händchenhalten gehören für Schröders wie Stoibers als selbstverständlicher Nahkampf zum öffentlich praktizierten Repertoire; zumindest vor der Bundestagswahl.
Echte Gefahren lauern am Ende anderswo: »Die Wähler wollen, dass sich die First Ladys öffentlich präsentieren und engagieren«, sagt US-Wahlkampfexperte Morris in Anspielung auf Hillary Clinton, »aber sie fürchten auch ihren Einfluss hinter den Kulissen.«
In dieser Falle droht sich nun Schröder-Köpf zu verstricken: Ihre Presseschelte der »Bild«-Zeitung provozierte Widerspruch auf breiter Medienfront - vom WDR bis zur »Frankfurter Allgemeinen«.
Selbst Harald Schmidt, der Doris bereits längere Zeit vor ihrem hannoverschen Reihenhäuschen observieren ließ, schloss sich der Protestwelle an. »Unsere verehrte Kanzlergattin«, spöttelte der Sat.1-Talker, habe »ihr Nervenkostüm wohl in der Reinigung«. FRANK HORNIG, MARCEL ROSENBACH
* Mit Friede Springer am 19. Dezember 2001 auf einerBenefizgala in Berlin, mit Ehemann Gerhard in ihrem Arbeitszimmerim Kanzleramt, mit der Popgruppe Bro''Sis in Hannover.* Mit ihren Töchtern Veronika und Constanze in München, mitEhemann Edmund bei Johannes B. Kerner, beim Frühstück inWolfratshausen.* Mit Schwiegertochter Laura (1. v. l.).