TIERE Randale unterm Dach
Das Epizentrum der Bewegung liegt am Sängelsrain in Kassels Stadtteil Harleshausen. Pünktlich um zehn Uhr abends kommen die tapsigen Horden hinter dem Altenzentrum der Arbeiterwohlfahrt aus dem Unterholz geschlichen. Gleich im Dutzend hangeln sie sich auf die Mülltonnen und schnabulieren die Reste von Karbonade und Kartoffelbrei.
Etwa 500 Meter weiter die Straße hinunter rappelt es gleichzeitig gewaltig im Dachgebälk: Morgenrabatz bei Familie Nimmersatt. Marlene Kilkowski selig lebte hier bis vor acht Wochen in puscheliger Gesellschaft. »16 Stück hatte Oma im Haus«, berichtet Schwiegertochter Inge. 20-mal habe der Dachdecker kommen müssen. »Aber von mir werden Sie nichts Schlechtes über die Bären hören - Oma hat die Tiere abgöttisch geliebt.«
In Kassel ist der Bär los. Genauer gesagt: der Waschbär. Procyon lotor, so sein wissenschaftlicher Name, hat die hessische Stadt fest im Griff. Und nicht nur sie: In zahlreichen Städten der Republik übernimmt der possierliche Kleinbär inzwischen das Regiment. Von Gießen bis Hannover dinieren die Waschbären im Schutz der Dunkelheit an den Komposthaufen. In Berlin, Hannoversch Münden und Bad Harzburg raschelt es auf den Dachböden. In Hamburg spazieren die dickfelligen Banden mittlerweile durch St. Pauli.
Bereits zwischen 100 000 und einer Million Waschbären leben nach Schätzungen in Deutschland. Die Städte haben es den Tieren besonders angetan. Zehnmal so viele Waschbären wie im Wald können dort auf der gleichen Fläche leben, haben Forscher herausgefunden - Rangeleien mit der zweibeinigen Urbevölkerung inklusive.
»Kaum ein Tier polarisiert so sehr wie der Waschbär«, sagt Ulf Hohmann von der Gesellschaft für Wildökologie und Naturschutz. Für die einen knuddelige Schmusetiere, seien Waschbären für die anderen die Plage schlechthin. Hohmann: »Da treffen Welten aufeinander.«
Kassel ist die Waschbär-Hauptstadt Europas. Wie Finger greifen die Wohnviertel im Westen in den Naturpark Habichtswald hinein. »Waldnähe, große Grundstücke, viele Obstbäume und wenig Verkehr«, nennt Hohmann als Gründe, weshalb die Stadtteile Harleshausen, Brasselsberg und Wilhelmshöhe bei den Tieren so beliebt sind. Seit über einem Jahr verfolgen der Zoologe und sein Waschbär-Forscherteam im Auftrag der hessischen Landesregierung die vierbeinigen Stadtstreicher. Konfliktstoff ist reichlich vorhanden. Geplünderte Kirsch- und Mirabellenbäume oder ausgeräumte Mülltonnen gehören noch zu den Kavaliersdelikten der marodierenden Heerscharen. Wenn Waschbären sich so richtig heimisch fühlen, geht es an die Bausubstanz.
»Der Waschbär ruckelt so lange an den Dachziegeln herum, bis eine der Schindeln endlich nachgibt«, berichtet Biologie-Diplomand Sascha Ljubisavljevic, der in Kassel die Schlafplätze der »Stadtbären« auskundschaftet. Selbst dicke Schichten Isolierwolle verwandle das Tier ruck, zuck in handliche Schnipsel. Einmal in einen Dachstuhl eingezogen, lasse der gesellige Schwerenöter dann kaum mehr locker: »Wenn es dem Waschbär gefällt, bleibt er für immer.«
Eine Posse deutscher Tierliebe brachte den in Nordamerika heimischen Kleinbären einst nach Deutschland. Mit Schreiben vom 8. Februar 1934 schlug der hessische Geflügelzüchter Rolf Haag dem örtlichen Forstamtsleiter die Auswilderung von zwei Waschbärpärchen am nordhessischen Edersee vor - »aus Freude, unsere heimische Fauna bereichern zu können«, wie Haag anmerkte. Der leichtfertige Waschbärfan ahnte nicht, dass hinter den unschuldig dreinblickenden Knopfaugen seiner Käfiginsassen der Tatendrang gewiefter Alleskönner steckte. 1956 schätzten Forstleute die Zahl der Waschbären schon auf 285 Tiere. 1970 waren es bereits rund 25 000 Exemplare. Weitere Waschbären folgten den Pionieren vom Edersee. 1945 etwa entkamen 25 Waschbären aus einer Waschbärzucht bei Berlin. Und 1966 ließen amerikanische Air-Force-Piloten ihre Waschbärmaskottchen in die Wälder von Saint-Gobain im französischen Departement Aisne zurück. Andere Tiere büxten aus Zoos aus.
Inzwischen ist der Siegeszug des Waschbären nicht mehr aufzuhalten. Auch im Harz, im Schwarzwald oder im Bayerischen Wald wuseln die Tiere nächtens durchs Unterholz (siehe Grafik). Von der Bretagne bis in den Kaukasus, so glaubt Hohmann, könnten Waschbären künftig heimisch werden. Die Städte, so weiß der Forscher inzwischen, nehmen sie auf ihrem Eroberungsfeldzug im Sturm.
Ortstermin im Habichtswald bei Kassel: Hohmann, drahtig und im sandfarbenen Overall, erklimmt Waschbär-Schlafplatz Nummer 03380. In zehn Meter Höhe stemmt sich der Zoologe in die alte Eiche und lugt vorsichtig in eine der Baumhöhlen. Dann setzt er ein Blasrohr an und jagt mit geblähten Backen einen Betäubungspfeil ins Dunkel. »Getroffen«, flüstert Hohmann vom Baum. Zehn Minuten später wird eine eingeschlafene Waschbärin, Kennnummer »2005«, abgeseilt.
Ein Jahr lang hat das Tier seinen 80 Gramm schweren Halsbandsender durch die Nächte getragen. Nun nehmen die Biologen das Gerät ab. Sie wiegen die Fähe, werfen einen Blick auf das Allesfresser-Gebiss der Sechs-Kilo-Waschbärin und auf die feingliedrigen Vorderpfoten. Sie gehören zu den wichtigsten Sinnesorganen des Tieres. Selbst winzige Insekten kann der Waschbär mit ihnen etwa am Grund kleiner Gewässer ertasten.
Nach einer Stunde berappelt sich Waschbärin »2005« und befreit sich selbst aus der »Aufwachkiste«, in die sie nach der Prozedur verfrachtet wurde. Mit Handantenne und UKW-Empfänger hat Ljubisavljevic das Tier über Monate verfolgt. »Diese Fähe schläft noch in einer Baumhöhle im Wald, holt sich ihr Fressen aber schon auf den Komposthaufen in der Umgebung«, berichtet der Biologe. Damit gilt »2005« dem Forscher noch als schüchternes Exemplar der Gattung Procyon. Andere Waschbären seien inzwischen ganz in die Stadt gezogen.
»Casanova« etwa, den Ljubisavljevic bis Mai beobachtete, war ein echter City-Bär. Tagsüber schlief er in der Martini-Brauerei, bei DaimlerChrysler oder über dem Verkaufsraum eines Sexshops. Nachts schlich der »echte Kerl« durchs Rotlichtviertel und tollte im Park vor der Orangerie.
»Für die Tiere ist die Stadt fast optimal«, sagt der 31-jährige Forscher. Fast jede Fähe könne sich Nachwuchs leisten, weil es so viel Nahrung gebe. »Der Waschbär ist anpassungsfähig, kann sehr gut klettern und frisst fast alles«, preist Ljubisavljevic die pfiffigen Tiere. Zudem könne er sich mit vielen Artgenossen den Schlafplatz teilen:
»Ich habe in einzelnen Häusern schon 30 bis 40 Waschbären gezählt.«
Für die Bewohner der waldnahen Stadtteile sind das schlechte Nachrichten. Anfangs fanden viele die maskierten Untermieter noch putzig. Inzwischen jedoch liegen die Nerven blank. »Bei mir haben die Tiere die Firstziegel abgeräumt«, klagt etwa Stefan Hoffmann. Der 34-jährige Altenpfleger wohnt im Seniorenheim »Habichtswald« in der Eschebergstraße. Vor einem Jahr sah Hoffmann erstmals eine Fähe mit ihren Jungen die Hainbuche neben seinem Haus hinaufklettern. Seither ist Randale unterm Dach. Im Nachbargebäude haben die Tiere sogar schon teure Dekubitusmatratzen zerfetzt. Geplatzte Christbaumkugeln und zerrissene Akten bedecken dort den Dachboden. »Nachts prügeln die sich«, berichtet Hoffmann. »Dann kann es ziemlich laut werden.«
Auch Ehepaar Seeliger aus Brasselsberg hat einen unerwünschten Untermieter im Dach. Vor zwei Jahren tauchte der Waschbär erstmals auf. »Kotstellen und Raubtiergeruch« beklagt die Lehrerin im Ruhestand seither. Mit Bruckner und Mozart auf Maximallautstärke versuchte Seeliger schon, den Eindringling zu verscheuchen - ohne Erfolg. Neuerdings setzt das Ehepaar einen »elektronischen Hund« ein: eine Art jaulendes Mini-Megafon aus dem Supermarkt. Seither bellt es nachts blechern bei Seeligers. Den Waschbären kümmert auch das kaum.
»Die Tiere sind eine wahre Plage«, erregt sich Frank Becker. Der 41-Jährige verkörpert die Radikallösung im gärenden Kasseler Waschbärkonflikt. Becker ist Jäger und daher notfalls für die Todesstrafe. »Ich greife da ein, wo''s brennt«, sagt der Waidmann. Erst am Vortag hat Becker wieder einen Stadtbären in der selbst gebauten Falle gefangen. Als Köder nimmt er Knoblauchwurst oder Marzipanstollen. Hat Becker ein Tier erwischt, fährt er in den Wald und erschießt es. »Spaß macht das nicht«, sagt er. »Aber sagen Sie mal jemandem, der vor Randale nicht mehr schlafen kann, dass er einfach mit den Tieren leben soll!«
Seit zehn Jahren geht Becker in Kassel auf Waschbärjagd. Der Waschbär gehöre einfach nicht hierher, findet der Jäger. Das Tier plündere Singvogelnester, klagt er, und mache heimischen Mardern oder Fledermäusen die Schlafplätze streitig. »Die haben hier keine Feinde - das ist ein Riesenproblem«, glaubt Becker. Da muss der Waidmann ran. Jährlich 50- bis 100-mal rückt er aus. Einen Waschbärpelz hat er inzwischen sogar zur Waschbärmütze verarbeitet. »Doch wann ziehe ich die an?«, fragt sich Becker. »Damit traue ich mich nicht vor die Tür.« Denn auch der Jäger weiß, dass die einfallsreichen Kleinbären durchaus viele Fans in Kassel haben. Judith Sommer etwa lebt seit vier Monaten mit zwei Waschbärjungen zusammen. Freiwillig. Vom Förster übernahm die 24-Jährige den wenige Tage alten Waschbärrüden »Brain«, dessen Mutter vom Auto überfahren wurde. Fähe »Mickey« kam später hinzu.
Unter dem T-Shirt trug Sommer die anhänglichen Kleinbären zunächst umher. Inzwischen bewohnen die spitzschnauzigen Waschbär-Teenager ein eigenes Zimmer in Sommers Wohngemeinschaft. Ein desolater Kletterbaum steht in der Mitte. Mehrere Katzenklos muffeln vor sich hin. Es stinkt nach Raubtierkäfig. »Ideale Hausbewohner sind die Tiere nicht«, räumt die Biologiestudentin ein, während sich Brain und Mickey auf der Spüle in der Küche um den Platz am tröpfelnden Wasserhahn balgen. »Aber mir macht das Chaos Spaß - ich würde sie immer wieder nehmen.«
Kein Zweifel: An den possierlichen Tieren scheiden sich die Geister. Hohmann und Ljubisavljevic wollen die erhitzten Gemüter mit Fakten kühlen. Die Tiere zu verhätscheln halten die Biologen genauso für falsch wie sie zu verteufeln.
Viele der hessischen Tiere seien mit einem Spulwurm infiziert, der in seltenen Fällen eine für Menschen tödlich verlaufende Hirnentzündung verursachen könne, warnt Hohmann. Zu Hause im Wohnzimmer hätten die Wildtiere daher nichts zu suchen. Gleichzeitig will der Forscher jedoch auch etwa den Vorwurf, dass der Waschbär die heimische Vogelwelt bedränge, so nicht stehen lassen: »Kein Waschbär macht sich die Mühe, extra auf Bäume zu klettern, um Vogelnester auszuräumen.« Auch die Jagd auf die Tiere hält er nicht für sinnvoll: »Wenn Waschbären intensiv bejagt werden«, so Hohmann, »bekommen die jungen Weibchen mehr Nachwuchs und gleichen den Schwund sofort wieder aus.« Wer einzelne Störenfriede abschieße, mache einfach nur Platz für das nächste Tier.
»Wir werden uns mit den Waschbären arrangieren müssen«, sagt der Forscher. Den Stadtvätern rät der Zoologe, den »Komposthaufen-Wildwuchs« einzudämmen und leer stehende Gebäude - als Schlafplatz besonders begehrt - abzureißen. Für Hausbesitzer gelte als oberste Regel, dem Störenfried den Weg aufs Dach zu verwehren.
Familie Lohr am Sängelsrain hat die Botschaft schon verstanden. Während viele Anwohner ihre Häuser mit nutzlosen Katzenmanschetten aus spitzen Metallstäben zu schützen versuchen (Hohmann: »Da sitzt der Waschbär drauf und kratzt sich"), gilt das Haus von Familie Lohr den Forschern tatsächlich als »waschbärfest«. Breite, glatte Bleche über den Fallrohren verhindern, dass die Tiere aufs Dach kommen. Die Hecke, über die Familie Waschbär früher das Lohrsche Anwesen erkletterte, ist gestutzt. Ein schwerer Stein beschwert den Mülltonnendeckel.
Vier Jahre ist es her, dass sich die Tiere im Haus der Lohrs einnisteten, »hinter dem Zimmer meiner Tochter«, wie Martina Lohr berichtet. Die Tochter schlief fortan bei den Eltern. Lohr ließ Dachdecker kommen, tränkte Tücher mit stinkendem Öl - doch ohne Erfolg: »Eines Abends tröpfelte es dann aus der Ziehtreppe zum Dachboden.« Die Tiere hatten sich durch die Verkleidung gebissen und den Speicher erobert.
Erst die Beratung durch die Waschbärexperten brachte Abhilfe. »Dieses Abenteuer hat uns mehrere aufreibende Jahre und mindestens 5000 Mark gekostet«, sagt Lohr heute. »Es ist wirklich schön, das eigene Haus wieder für sich allein zu haben.« PHILIP BETHGE
* Links: mit betäubter Waschbärin auf deren Schlafbaum; Mitte:zerfetzte Matratzen, die als Nest dienten.