AFGHANISTAN Herrscher ohne Land
Der Fluch gilt noch immer in Asiens Herzland, dessen turbulente Geschichte eine breite Blutspur gewaltsamer Umbrüche durchzieht: Herrscher in Afghanistan werden in der Regel gestürzt und die meisten dabei auch gleich umgebracht.
Hamid Karzai weiß das. Der Paschtunenfürst bittet Besucher oft, für ihn zu beten. Seit er nach der Vertreibung des Taliban-Regimes sein Amt ausübt, hat Afghanistans Staatschef bereits zwei Minister durch Mordanschläge verloren. Nun fliegt der Tod in Kandahar nur ein paar Zentimeter an Karzais Kopf vorbei. Doch er bemerkt die Gewehrkugeln nicht einmal.
Zu der Erkenntnis, dass hier gerade ein Anschlag auf sein Leben stattgefunden hat, braucht der meistgefährdete Mann in Afghanistan am vergangenen Donnerstag ein paar Momente. »Bloß ein Terrorist«, sagt er später. Ärgerlich, aber keine große Sache: »Ich habe so etwas erwartet, mir geht es gut.«
Karzai bleibt ganz ruhig und vermeidet jeden angestrengten Ton. Angst oder Aufregung würde nur noch mehr offenbaren, wie schwach dieser Herrscher von Kabuli-
stan eigentlich ist. Nirgendwo im Land ist er sicher. Von nun an werden ihm seine amerikanischen Bodyguards kaum noch erlauben, den von der Internationalen Friedenstruppe kontrollierten Talkessel der Hauptstadt zu verlassen. Wie soll Karzai da jene Provinzen außerhalb regieren, in denen das Wort der Warlords und Stammesführer gilt?
Karzai wollte zur Hochzeit seines jüngsten Bruders. Die Familie stammt aus einem Dorf in der Nähe Kandahars, Karzai hat hier eigentlich viele Freunde.
Doch Kandahar war einst auch die Hochburg der Taliban und die erste Stadt, welche die von Pakistan geförderten »Koranschüler« 1994 eroberten. Hier residierte ihr einäugiger Führer Mullah Omar in einem kitschigen Palast. Und hier lebte auch Abdul Rahman, ein Paschtune und früherer Taliban-Anhänger, der vor ein paar Wochen sein Dorf verließ und sich bei den Truppen des Gouverneurs von Kandahar um eine Stellung als Sicherheitsmann bewarb. Als Rahman auf seinen neuen Präsidenten feuerte, trug er eine Armeeuniform.
Das Attentat hat Rahman nicht überlebt, mit ihm wurden zwei Unbeteiligte von den amerikanischen Leibwächtern erschossen. Hamid Karzai kehrte noch am selben Abend in ein trauerndes Kabul zurück. Dort hatte wenige Stunden vor dem Mordanschlag von Kandahar auf einem Markt die Explosion einer Autobombe 26 Menschen in den Tod gerissen - vom Handwerk des Terrors versteht man etwas in Afghanistan.
Die Attacken kommen ein Jahr nach dem monströsen Anschlag auf das New Yorker World Trade Center und der Ermordung des Taliban-Gegners Schah Massud, der damals die Truppen der afghanischen Nordallianz befehligte. Sie signalisieren vor allem eines: Osama Bin Ladens Killer aus dem Terrornetz der Qaida sind noch da, und auch die Taliban wollen sich mit ihrer Niederlage vom vergangenen Jahr keineswegs abfinden. Im Gegenteil: Sie sind nach Erkenntnissen westlicher Geheimdienste offensichtlich in den an Pakistan grenzenden Ostprovinzen mit Guerrilla-Trupps wieder auf dem Vormarsch.
Deshalb werden wohl noch mehr Bomben im Land explodieren, vor allem in der Hauptstadt. In letzter Minute entdeckte die Polizei erst im Juli ein Auto, das mehrere hundert Kilo Sprengstoff geladen hatte und in der Nähe des Präsidentenpalastes gefunden wurde. Die Explosion hätte ganze Straßenzüge vernichtet.
In den vergangenen Wochen verging dann kaum ein Tag ohne Attentatsdrohung oder Anschlag: Ein britischer Soldat wurde am helllichten Tag durch einen Sprengkörper verletzt, ein Kino durch eine Bombe zerstört. Weitere Ziele: Pensionen von Uno-Mitarbeitern, Restaurants, Ministerien.
Die Amerikaner stehen, elf Monate nach Beginn der Operation »Enduring Freedom«, am Hindukusch wie einst die Sowjets vor einem Debakel. Denn Hamid Karzai, der US-Wunschkandidat im afghanischen Präsidentenpalast, hat in seinem Land immer weniger Einfluss.
Längst bestimmen Warlords und Gouverneure, wo es in den Provinzen langgeht. Karzai hat nur ein paar hundert eigene Soldaten in Kabul, außerhalb der Stadt werden seine Regierungstruppen von den militärisch starken Regionalfürsten kaum geduldet. Richtlinienkompetenz aus Kabul? Solch ein Wort kennt man nicht in Afghanistan.
Nun rächt sich auch, dass die Militärpräsenz der Internationalen Schutztruppe auf die Hauptstadt begrenzt blieb. Dabei hatte Karzai jedem westlichen Staatsgast mit seiner inständigen Bitte um mehr Militärpräsenz in den Ohren gelegen.
Der Präsident drängte sowohl amerikanische wie europäische Besucher, die Schutztruppe möge doch auch in Städten wie Jalalabad, Khost, Masar-i-Scharif und Kandahar für Sicherheit sorgen.
Doch mehr als warme Worte hatte keiner der Kabul-Besucher für den 44-jährigen Paschtunen übrig. »Dazu sehe ich im Moment überhaupt keine Möglichkeit«, sagte auch Peter Struck bei seinem jüngsten Antrittsbesuch als Verteidigungsminister. Denn eine Ausweitung der Truppenpräsenz wäre nicht nur in Deutschland hoch umstritten.
Dafür gibt es begreifliche Gründe: Niemals konnten fremde Mächte oder deren Satrapen die Bergstämme am Hindukusch auf Dauer beherrschen. Diese Lektion mussten auf dem Friedhof der Invasoren vor den Russen schon die Makedonen Alexanders des Großen, Dschingis Khans Mongolen und auch die Kolonialtruppen der Briten-Königin Victoria lernen.
Als der russische Bär ausgeblutet war mit wenigstens 15 000 Toten, zogen sich 1989 die Sowjets auf Gorbatschows Geheiß aus Asiens Herzland zurück. Nun führten die Afghanen Krieg gegen sich selbst, Zehntausende starben im Feuersturm um Kabul.
Am Ende stand 1996 der Einmarsch der fundamentalistischen Taliban, und Mullah Omar holte sich als Mentor und Finanzier den saudischen Multimillionär Osama Bin Laden ins Land. Dem wiederum folgten Tausende Araber und Pakistaner, um in Militärcamps der »Welt-Islam-Front« für den Heiligen Krieg zu trainieren gegen »Juden und Kreuzzügler«. Afghanistan wurde zur Operationsbasis des Terror-Netzwerks der Qaida und für Bin Ladens Krieg gegen die USA mit den Anschlägen des 11. September.
Vorübergehend ausmanövriert, wartete derweil im iranischen Exil einer der übelsten Akteure des Bürgerkriegs auf eine neue Berufung: Gulbuddin Hekmatjar, gebürtiger Paschtune, zeitweiliger Premier und notorischer Frontenwechsler. Im Kampf gegen die Sowjets hatte dieser Ur-Mudschahid schon den Waffen-Finanzier Bin Laden schätzen gelernt ("ein guter Kumpel").
Karzai sei als Washingtons Statthalter in Kabul gleichsam ein westlicher Babrak Karmal, höhnte Hekmatjar in einem SPIEGEL-Interview (42/2001). Der werde genauso enden wie seinerzeit »die Puppe Moskaus«. Zugleich kündigte der Fundamentalist den Amerikanern den Kampf an, die für ihre Ölpipelines und ihr Hegemoniestreben Afghanistan bräuchten »als ein zweites, zentralasiatisches Israel«.
Als Iran ihn im Februar auswies, tauchte Hekmatjar, 54, am Hindukusch unter. Zwei Versuche amerikanischer Spezialkommandos, den Milizenführer zu liquidieren, schlugen fehl. Inzwischen ist er offenkundig wieder in seiner Machtbasis Kunar angelangt, einer der unwegsamen Ost-Provinzen Afghanistans mit Zugang zu den »tribal areas« von Pakistan. In diesen wilden, halb autonomen Stammesgebieten der Paschtunen, die beiderseits der Grenze leben, haben Pakistans Polizei- und Sicherheitsorgane nur wenig Kontrollmöglichkeiten, sind klassische Straßensperren leicht umgehbar.
Hierher, in die Tribal Areas, hatten sich auch die Spitzenkader der Taliban und Bin Ladens zurückgezogen, nachdem sie von den Amerikanern aus ihrer Zitadelle Kandahar und dann aus den Höhlenfesten um Tora Bora vertrieben worden waren. Eine Zeitlang hieß es, Bin Laden sei tot, pulverisiert von US-Bomben irgendwo bei Tora Bora. Doch dafür gibt es »keinerlei Beweis«, wie der amerikanische Oberkommandierende für Afghanistan, Tommy Franks, noch vorletzte Woche einräumte.
Offenbar gelang dem Terror-Paten die Flucht. Durch eine Splitterbombe an der Schulter leicht verletzt, soll er sich in einem Konvoi von neun Jeeps nach Pakistan abgesetzt haben. Dort nehme er die Loyalität ihm seit langem ergebener Stammesführer in Anspruch und werde, begleitet von saudischen und jemenitischen Vertrauten, angeblich von Versteck zu Versteck geschleust.
Trotz ihrer exzellenten Abhör- und Überwachungsfähigkeiten ist für die Amerikaner der Meistgesuchte aber nicht greifbar. Seine markante, weiche Stimme wurde von Abhörspezialisten zuletzt im Funksprechverkehr der Qaida-Kämpfer bei der Schlacht um Tora Bora mitgeschnitten. Jetzt wollen pakistanische Kundschafter sie in einem regionalen Telefonat nochmals geortet haben.
Auf »etwa 1200 Mann« wird von westlichen Geheimdienstlern derzeit der im Grenzgebiet operierende Kern der verbliebenen Kämpfer von Taliban und al-Qaida geschätzt. Mullah Omar soll mit einigen Getreuen in die Provinz Oruzgan nördlich von Kandahar zurückgekehrt sein. Und es soll nun auch »operative Absprachen« geben mit dem Fundamentalisten Hekmatjar, eine formidable Allianz.
Der einstige Premier präsentiert sich bereits als Frontmann aller Islamisten. In einer Tonband-Botschaft rief Hekmatjar vergangene Woche dazu auf, wie einst die Sowjetunion nun auch die neue Be-satzungsmacht und deren Verbündete zu bekämpfen: »Es geht gegen Amerika.« OLAF IHLAU,
CLAUS CHRISTIAN MALZAHN
* Unmittelbar vor dem Mordanschlag in seinem Dienstfahrzeug inKandahar vorigen Donnerstag.