TELEKOMMUNIKATION »Der Staat zahlt drauf«
So etwas hatte Büdelsdorf noch nicht erlebt. Mehr als tausend Beschäftigte der Telefonfirma Mobilcom drängten sich am vergangenen Donnerstag vor der Unternehmenszentrale und legten den Verkehr in der schleswig-holsteinischen Gemeinde lahm.
Fast alle trugen rote T-Shirts, und alle trieb die gleiche Sorge auf die Straße: die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes. »Bei einem Aus für Mobilcom«, ahnte der Büdelsdorfer Bürgermeister Jürgen Hein, »wird die Arbeitslosenquote in der Stadt dramatisch hochschnellen.«
Nur wenige Stunden später war aus der Sorge Gewissheit geworden. Trotz aller Mahnungen aus dem Bundeskanzleramt in Berlin entschied der Aufsichtsrat von France Telecom (FT) am Donnerstagabend, seinen deutschen Partner Mobilcom nicht weiter zu unterstützen.
Ohne Hilfe aus Paris ist die Firma praktisch pleite. Ende September ist ein Kredit von 4,7 Milliarden Euro fällig - wenn nicht die Bundesregierung kurzfristig mit einer Staatsbürgschaft einspringt, muss Mobilcom-Chef Thorsten Grenz spätestens am Dienstag Insolvenz .
Das Desaster von Büdelsdorf markiert einen neuen Höhepunkt in der schweren Krise, die vor zwei Jahren die europäische Telekommunikationsbranche erfasste und inzwischen fast alle Firmenchefs den Job gekostet hat. Nach Juan Villalonga (Telefónica), Peter Bonfield (British Telecom), Paul Smits (KPN), Kaj-Erik Relander (Sonera) und Ron Sommer (Deutsche Telekom) kündigte am vergangenen Freitag auch FT-Chef Michel Bon seinen Rücktritt an.
Die Rücktrittswelle ist symptomatisch. Denn die einst von den Aktionären hoch gelobten Manager sind dafür mitverantwortlich, dass aus dem Wachstumsmotor Mobilfunk eine Konjunkturbremse wurde, die die ganze Wirtschaft in Mitleidenschaft zu ziehen droht. Wo früher ohne Zögern Milliarden in neue Technik und Marketingkampagnen gesteckt wurden, regiert jetzt der Rotstift. Und die Zulieferindustrie von Ericsson bis Siemens wird mit in den Strudel gerissen. Die Folge: Unternehmen, die vor kurzem noch händeringend Arbeitskräfte suchten, entlassen nun Tausende Mitarbeiter.
Die bedrohliche Krise kulminiert in dem Kürzel UMTS. Berauscht vom weltweiten Erfolg der Mobilfunktechnik GSM, hatte sich die Branche Ende der neunziger Jahre in ein fast absurdes Megaprojekt mit dem Namen Universal Mobile Telecommunications System (UMTS) gestürzt. Per Handy, so die Hoffnung, würden bald Millionen Kunden im Internet surfen, Bankgeschäfte erledigen, Filmvorschauen ansehen oder elektronische Postkarten verschicken.
Blind vertraute die Branche den Schwindel erregenden Prognosen von Analysten und Beratern, die den Firmen Umsätze in dreistelliger Milliardenhöhe und fortwährend sprudelnde Gewinne vorgaukelten. Blauäugig glaubten sie den Aussagen der Techniker und Gerätehersteller, die eine rasche Realisierung der mobilen Multimedia-Welt versprachen.
Auf dem Höhepunkt des Wahns galt UMTS als Lizenz zum Gelddrucken. Und alle wollten dabei sein, als die Regierungen in Europa die knappen Frequenzen für die neue Handy-Technik versteigerten.
Auch Mobilcom-Gründer Gerhard Schmid glaubte fest daran, sich mit dem Einstieg in das UMTS-Geschäft »eine goldene Nase verdienen« zu können. »Wer das Ding nicht hat, kriegt Probleme«, meinte der Unternehmer, der die Firma 1991 gegründet und sechs Jahre später als erstes Unternehmen am Neuen Markt platziert hatte. Rund 20 Millionen Euro kassierte Schmid damals, denn der frühere Sixt-Manager galt als Marketing-Genie, das mit flotten Sprüchen, guten Ideen und niedrigen Preisen dem Ex-Monopolisten Deutsche Telekom erfolgreich Konkurrenz machte.
Als Schmid Anfang 2000 weitere 28 Prozent seiner Aktien für rund vier Milliarden Euro an France Telecom verkaufte, avancierte er zu einem der reichsten Männer Deutschlands und schwelgte in kühnen Plänen. »Das wird ein Quantensprung für das Unternehmen«, schwärmte Schmid, als er zusammen mit dem neuen Partner Michel Bon für 8,4 Milliarden Euro eine UMTS-Lizenz ersteigerte. Schon Anfang 2002 werde er als erster Netzbetreiber UMTS anbieten und dann »aus der Pole-Position in die Multimedia-Zukunft« vorstoßen.
Nun ist der Traum vorbei. Die hoch gelobte Zukunftstechnik ist noch längst nicht einsatzfähig und wird frühestens in einem Jahr auf den Markt kommen. Und die Skepsis, ob die Kunden überhaupt Tag und Nacht am Handy hängen und für teures Geld multimediale Inhalte konsumieren wollen, wächst von Tag zu Tag.
Am schlimmsten aber drückt die Schuldenlast von 110 Milliarden Euro, die sich die Handy-Konzerne im Fieberwahn für die UMTS-Lizenzen in Europa aufgehalst haben. Damit bescherten sie zwar den Finanzministern unerwartet hohe Sondereinnahmen, lavierten sich aber gleichzeitig in einen Teufelskreis von Schulden, sprunghaft wachsenden Zinsen und rapide fallenden Aktienkursen. Weitere Milliarden für den Netzausbau und die Übernahme anderer Firmen, mit denen sie in der neuen Ära ihr Geschäft international absichern wollten, verschärften die Krise.
Nun fressen die Zinsen die Gewinne auf. Mobilcom-Partner Bon etwa, der die Schulden bei FT von 15 Milliarden auf fast 70 Milliarden Euro hochschraubte, muss jeden Tag gut 10 Millionen Euro aufbringen, um die Zinsen zahlen zu können. Für Investitionen beim deutschen Partner blieb da am Ende kaum noch Geld übrig.
Selbst politische Verwicklungen mit der Regierung in Berlin und die Schadensersatzklagen in Milliardenhöhe, die Mobilcom-Gründer Schmid nun androht, schreckten die Franzosen vergangene Woche nicht mehr davon ab, Mobilcom fallen zu lassen. Zu tief hatten sich die Manager des halbstaatlichen Konzerns in den Schuldensog ziehen lassen.
Angesichts der Krise wächst die Zahl der Kritiker an der europäischen Lizenzpolitik. »Europa«, klagt der französische Wirtschaftsminister Francis Mer, »hat nicht den Mut gehabt, intelligente Lösungen vorzuschlagen«, dadurch sei die Chance verpasst worden, »eine Industriepolitik auf dem Feld der neuen Medien zu haben«.
Auch in Deutschland wächst die Skepsis, dass sich die Milliardeneinnahmen des Bundes als Eigentor erweisen. Noch lassen sich die Folgekosten der UMTS-Versteigerung nicht beziffern. Doch Georg Erber vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) ist überzeugt: »Der Staat zahlt drauf.«
So habe der Bund, der 43 Prozent der Telekom-Aktien hält, durch den Kursrutsch der T-Aktie massiv an Vermögen verloren. Zur Zeit der Auktion waren die Bundesanteile gut 60 Milliarden Euro wert, jetzt sind es nur noch 18,8 Milliarden Euro.
Außerdem erstattet der Fiskus einen Teil der Lizenzgebühren den Unternehmen zurück. Denn die dürfen die Aufwendungen abschreiben, was die Steuerschuld mindert. Die Folge: geringere Steuereinnahmen und höhere Belastungen des Staatshaushalts.
Selbst die Verwendung des Gewinns, so der DIW-Forscher, habe sich ungünstig auf die Wirtschaft ausgewirkt. Zwar habe Finanzminister Hans Eichel alte Schulden zurückgezahlt, dafür hätten sich aber die Unternehmen im Gegenzug um den gleichen Betrag verschulden müssen. Dabei seien risikoarme Staatspapiere durch unsichere Anleihen der Telekommunikationsfirmen ersetzt worden.
Der Tausch habe fatale Auswirkungen auf die weitere Kreditvergabe der Banken. Denn die neuen Kredite mussten mit einem viel höheren Eigenkapitalanteil unterlegt werden als die vergleichsweise sicheren Bundesschatzbriefe. Dieses Geld stehe aber nicht mehr für Kredite an andere Firmen zur Verfügung. Eichel, klagt Erber, habe der Wirtschaft dadurch indirekt »den Kredithahn zugedreht«. Direkte Folgekosten entstehen dem Staat und den Kommunen erst recht, wenn die Unternehmen unter der Last der Schulden zusammenbrechen und ihre Mitarbeiter entlassen müssen. Und da könnte Büdelsdorf als eine der ersten Kommunen besonders hart betroffen sein. Denn im Windschatten von Mobilcom waren dort in den letzten Jahren zahlreiche neue Firmen entstanden. Fällt Mobilcom, ist auch deren Existenz gefährdet.
Noch ist allerdings nicht ganz klar, was die Ankündigung der Franzosen vom vergangenen Freitag konkret bedeutet. Vollziehen die Manager in Paris einen harten Schnitt und weigern sich, die Schulden zu übernehmen? Dann wäre der Bankrott von Mobilcom unausweichlich.
Oder verzichten sie nur auf die weitere Finanzierung des Partners, übernehmen aber gleichwohl die Milliardenschulden, die an der UMTS-Lizenz hängen? Mobilcom hätte dann durchaus Chancen, einen neuen Partner zu finden und zumindest Teile des Geschäfts aufrechtzuerhalten.
Egal, wie das verbissene Geschacher ausgehen wird - die Entscheidungen der nächsten Tage haben für die ganze Branche weit reichende Konsequenzen. Entsprechende Hektik herrschte am Freitag bei den Konkurrenten des Büdelsdorfer Unternehmens. Heerscharen von Juristen bei der Telekom, Vodafone oder E-Plus spielten alle nur denkbaren Szenarien durch.
Was passiert im Falle einer Insolvenz mit der UMTS-Lizenz? Was geschieht mit den rund fünf Millionen Mobilcom-Kunden? Werden sie den Firmen zugeteilt, auf deren Netzen sie telefonieren? Oder müssen sie nach einer Insolvenz teuer aus dem Unternehmen herausgekauft werden? Fragen, auf die auch die Juristen am Freitag noch keine endgültigen Antworten geben konnten.
Sicher ist nur, hieß es beispielsweise bei der Telekom, »dass wir die Kunden von Mobilcom nicht im Regen stehen lassen«. Und sicher ist auch, dass die verbliebenen Handy-Firmen durch die Aufgabe der Franzosen kräftig profitieren. Im Idealfall würden die Kunden auf die Netze aufgeteilt, auf denen sie bereits mit Mobilcom-Verträgen telefonieren. Danach bekämen Telekom und Vodafone jeweils rund zwei Millionen neue Kunden. E-Plus könnte immerhin einen Zuwachs von einer Million neuen Handy-Kunden verzeichnen.
Vor allem aber haben sich die Ausgangsbedingungen für den UMTS-Start im nächsten Jahr für die verbliebenen Netzbetreiber nun deutlich verbessert. Sah es vor kurzem noch so aus, dass sie sich den Markt unter sechs Konkurrenten aufteilen müssten, ist nun der Anteil für jeden Wettbewerber deutlich gewachsen.
Denn noch vor dem Ausstieg der Franzosen hatte der Münchner UMTS-Lizenznehmer Quam, ein Gemeinschaftsunternehmen der spanischen Telefónica und der finnischen Sonera, die Notbremse gezogen
und den Geschäftsbetrieb in Deutschland eingestellt. Von den sechs Firmen, die eine UMTS-Lizenz ersteigerten, sind somit nur noch vier übrig.
Noch ist unklar, was mit den frei werdenden Lizenzen von Quam und Mobilcom, die streng genommen unverkäuflich sind, geschehen soll. Zwar könnte die Regulierungsbehörde in Bonn auf sofortige Rückgabe bestehen, weil die Voraussetzungen zum Netzaufbau, der bis Ende 2003 eine Abdeckung des Landes von 25 Prozent vorschreibt, wahrscheinlich nicht mehr gegeben sind. Auf diesen harten Schnitt wird man aus politischen Gründen allerdings wohl verzichten.
Vielmehr soll den Unternehmen die Möglichkeit gegeben werden, vielleicht doch noch einen Partner zu finden, der in das Geschäft einsteigt. Erst wenn auch diese Chance verspielt ist, will die Behörde die Lizenz zurückfordern.
Von einer erneuten Versteigerung will man bei der Regulierungsbehörde aber nichts wissen. Vielmehr soll eine so genannte offene Marktbefragung eruieren, ob es überhaupt Interessenten für die zwei UMTS-Blöcke gibt. Ist dies - wie erwartet wird - nicht der Fall, werden die freien Frequenzen zum Sonderpreis an die verbliebenen Lizenzinhaber verkauft.
FRANK DOHMEN, KLAUS-PETER KERBUSK,
CHRISTIAN REIERMANN
* Am 15. Juli 2000.