PAKISTAN »Wir sind die dunkle Bestie«
Auch wenn der Nawab in Gedanken versinkt und eine nicht enden wollende Schweigepause einlegt, hängen die Krieger wie hypnotisiert an seinen Lippen. An die 250 Männer sind es, kaum einer ohne Kalaschnikow, die in der Mittagsglut vor dem Haus ihres Herrschers im Lotussitz ausharren. Mohammed Akbar Khan Bugti, 75, Oberhaupt des Bugti-Stamms, hält Audienz.
Mitten im öffentlichen Nachdenken des Nawab fällt der Strom aus. Oder haben Pakistans Militärs, die das Städtchen Dera Bugti seit Jahren umzingelt halten, wieder schikanös ein Kabel durchgeschnitten? Unter dem Blechdach, das als Versammlungshalle dient, verstummen die Ventilatoren. Nur die rabiaten Attacken einer Schmeißfliege, die einen Turban nach dem anderen rammt, sind in der andächtigen Stille zu vernehmen.
Aufgerissene Augen, todernste Mienen, heroische Posen: Vor Besuchern lässt Akbar Bugti seine Kämpfer wie Stummfilmstatisten auftreten. Auch dank solcher Inszenierung ist der Chieftain des Bugti-Stamms seit über einem halben Jahrhundert der bekannteste Feudalherr der Wüstenprovinz Belutschistan. Schon im zarten Alter von zwölf Jahren hat Jung-Akbar, wie die Sippe stolz verbreitet, seinen ersten Gegner umgebracht. Die Bluttat begründete das Ansehen des Frühreifen. Mit 29 wurde er Verteidigungsminister der Islamischen Republik Pakistan.
Inzwischen eine leicht tattrige Würde ausstrahlend, ist »Nawab Sahib« (so die Anredeform) 46 Jahre später ganz auf seinen Stammsitz Dera Bugti zurückgeworfen. Eine Stadtmauer aus Lehm umschließt das Labyrinth fensterloser Häuser: eine zugesperrte, verwinkelte, verdreckte kleine Welt in der Mondlandschaft Belutschi-stans, überquellend von Menschen. Hundert Meter vor dem Stadtwall haben Grenzschutzsoldaten des Traditionsregiments Bambore Rifles einen demütigenden Kontrollposten errichtet. Nawab Bugti setzt den pakistanischen Militärs Maschinengewehr-Nester entgegen, aus denen auch Panzerfäuste herausragen.
Ein Expertenteam der US-Bundespolizei FBI in Karatschi scheint Wüstenfestungen wie Dera Bugti neuerdings dem Netz des globalen islamistischen Terrors zuzurechnen: dem Schattenreich der Qaida. Die große Flucht der Gefolgsleute Osama Bin Ladens aus Afghanistan hat in die beiden westlichen Grenzprovinzen des Nachbarn Pakistan geführt - auch in die Wüstengebirge des wilden Belutschistan, das gut zwei Fünftel der Gesamtfläche Pakistans ausmacht und etwas größer ist als Italien.
Al-Qaida unter den Belutschen? Vor Ort erscheint der Gedanke aberwitzig: Vielen dieser scheuen Ziegenhirten und Kameltreibern mit Nachnamen Bugti, die stolz auf ihre mächtigen Schnurrbärte und Schießeisen sind, ist die Existenz New Yorks unbekannt. Seit dem 11. September 2001 indessen gehört Aberwitz zum realistischen Kalkül: Warum sollten Killer und Drahtzieher der Bande, die die Südspitze Manhattans verwüstete und dem Westen weitere Vernichtung in Aussicht stellt, nicht eine Bleibe in Belutschistan haben?
Die Informationen aus dieser »ungezähmten Gegend«, auf die das FBI sich laut »Washington Post« stützt, scheinen aus abenteuerlicher Quelle zu stammen: Ein amerikanischer Amateurfilmer mit »dem Gewand eines Pakistaners, dem Turban eines Afghanen und dem wehenden Bart eines Paschtunen« habe im Mai herausgefunden - ja sogar gefilmt -, dass »Taliban und al-Qaida komfortabel als Ehrengäste in Belutschistan leben«.
Demnach wären in Wüstenforts wie Dera Bugti gründliche Hausdurchsuchungen fällig. »Mögen die Bambore Rifles doch kommen!«, höhnt Mohammed Akbar Bugti am Abend über seinem Hammelragout. »Ich glaube nur nicht, dass General Musharraf verrückt genug ist, solch einen Befehl zu geben. Die Rifles haben 5500 Mann in der Region, sind besser bewaffnet als wir, könnten Dera Bugti sogar aus der Luft beschießen. Aber ...«
Nach längerer Kunstpause fügt der Nawab hinzu: »Nur ein kleines Detail: Meine Leute haben kein Problem mit dem Sterben. Die Operation würde in einem gewaltigen Massaker enden. Und Präsident Musharrafs Machtstellung ist nicht so beschaffen, dass er seinem Generalstab tausend Gefallene zumuten könnte.«
Würde es sich denn überhaupt lohnen, im Hause Bugti nach verdächtigen Arabern und Afghanen zu suchen? »Es versteht sich für fromme Muslime von selbst, verfolgten Glaubensbrüdern das Gastrecht zu gewähren«, erwidert der Stammesführer. »Von wem werden die Qaida-Krieger denn verfolgt? Von den Amerikanern. Und von wem noch? Von der größten Hure, die sich die Amerikaner in Asien halten - dem Militärregime unseres Diktators Musharraf.« Rhetorisch fragt nun Bugti: »Gibt es einen Zweifel, Sir, wem da die Sympathien der 140 Millionen Pakistaner zufallen?«
Der alte Nawab genießt sichtlich die Rolle des Enfant terrible aus der Wüste, die er lebenslang gespielt hat. Sie gehört zu seiner Erbmasse: 1846 hatten die britischen Kolonialherren den Bugti-Stamm kollektiv zum Outlaw erklärt und für jedes Mitglied, tot oder lebendig, einen Kopfpreis von zehn Rupien ausgesetzt, was damals noch Geld war. »Könnte ja sein, dass wir es verdient hatten«, bemerkt Akbar Bugti mit einem hohen Kichern.
Dieser Nawab (Fürst), Sardar (Gebieter) und Tumandar (Kommandant) - um nur die geläufigsten seiner Titel zu nennen - verfügt über 200 000 Untertanen, die auf einem unbarmherzigen, 4000 Quadratmeilen großen Gebiet aus Wüste und Gebirge leben. Die Gesetze Pakistans, die auch in der übrigen Republik nicht viel gelten, sind hier vollends außer Kraft: Nawab Bugti spricht selber Recht. Die Häuptlinge der kleinen Stämme, die ihn nach der Audienz aufsuchen, wischen demütig Staub von seinen Sandalen, bevor sie ihre Hand grüßend an die eigene Stirn führen.
Dennoch ist dieser Stammesführer nicht an den primitiven Gesellen zu messen, die in Afghanistan als »Warlords« firmieren. Akbar Bugti wirkt eher als wandelndes Museumsstück: eines der letzten lebenden Relikte des versunkenen Britisch-Indien. Sein Großvater, Sir Shahbaz Khan Bugti, wurde von Queen Victoria in den Ritterstand erhoben. Auch sein Vater durfte die koloniale Ehrung erwarten, hätte ein Halbbruder ihn 1939 nicht per Giftmord aus der Welt befördert - worauf Akbar einen britischen Vormund erhielt. Ausgebildet wurde er am Chief's College in Lahore, dem Internat für angehende Duodez-Fürsten. Bugtis Englisch ist kultivierter als das der meisten heutigen Briten.
Ohne Militäreskorte der Bambore Rifles - zwei Jeeps mit aufmontiertem Maschinengewehr - wäre das Bugti-Gebiet kaum zu erreichen. Dass überhaupt Konvois mit Geleitschutz hinauffahren, ist dem Erdgas zu danken: Ein Drittel der intensiv bewachten Zapfstellen der Pakistan Petroleum Ltd. liegen in Sui, 50 Kilometer von Dera Bugti entfernt. »Vom Profit bekommen wir natürlich nichts«, sagt der Nawab. »Ist es da überraschend, wenn Banditen des Bugti-Stamms ohne meine Erlaubnis einmal eine Gasleitung in die Luft jagen oder einen Ingenieur entführen?«
Als Pakistans Verteidigungsminister dürfte der junge Mann eine markante Erscheinung gewesen sein - bis Feldmarschall Ayub Khan sich 1958 an die Macht putschte und die Demokratie durch Kriegsrecht ersetzte. Von da an war Akbar Bugti mit seiner verschleierten Begum und seiner schwedischen Geliebten eine Art Feudalrebell, der die Politisierung des Stammeskriegs betrieb.
Vorher hatten ganze Sippen sich im Kampf um Weidegründe, um ein Kamel oder eine Frau gegenseitig ausgerottet. Bugti knüpfte lieber an das Great Game an - das alte Spiel der Großmächte um die Kontrolle Zentralasiens. Er kokettierte mit dem Plan eines unabhängigen Belutschistan, das Stammesgebiete auch in Iran und Afghanistan umfassen sollte. Und er glaubte, die Zukunft gehöre dem Sowjetkommunismus.
Sieben Jahre in pakistanischen Gefängnissen haben den Nawab vorsichtig werden lassen. Die Ermordung seines liebsten Sohns und dreier seiner Enkel hat Züge der Mutlosigkeit in sein Antlitz gekerbt. Ob Abenteuergeist den geübten Verschwörer abermals zu subversiven Spielen verleiten mag - zur Zusammenarbeit mit den Fanatikern des islamistischen Terrors?
Sicher ist, dass das Regime Präsident Musharrafs, das Dera Bugti im Würgegriff zu halten versucht, den Stammesführer kaum daran hindern könnte: Spät nachts, im Geländefahrzeug, führt ein Neffe des Nawab in schneidiger Kurvenfahrt vor, wie der Kontrollring der Bambore Rifles auch ohne Bestechungsgeld zu überwinden ist.
Moralisch-intellektuelle Schranken sind an Akbar Bugti ohnehin kaum erkennbar. Die humanistische Bildung, die er von den Briten empfing, hat bei ihm eine Art Schuljungen-Nihilismus hinterlassen. Nietzsche hat es dem Nawab angetan - und offenbar auch der Gebrauch, den die Nazis von ihm machten.
»Ihr Deutschen wart das Raubtier des 20. Jahrhunderts«, sagt Bugti, in der Erinnerung nach Worten kramend und dem Original ziemlich nahe kommend: »Die prachtvolle, nach Beute und Sieg lüstern schweifen-de blonde Bestie, nicht wahr?« Dann ergänzt er spielerisch: »Das Leben geht weiter. Nun sind wir die ,dunkle Bestie', die der Welt den Schre-cken einjagt.« Mehr frotzelnd als drohend wiederholt der Elder Tribesman von Belutschistan: »Remember - the dark beast! And have a good night.«
Dass die Glaubenskrieger Osama Bin Ladens einmal Zuflucht bei den Stammeshäuptlingen in Pakistan suchen würden, war ein geografisch nahe liegender Verdacht. In Belutschistan allein gibt es 59 Hauptstämme, entlang der Nordwestgrenze sind es noch mehr. Als die Hammerschläge der US-Luftwaffe und die Russenpanzer der Nordallianz das Taliban-Regime verjagten, mussten die terroristischen Hausgäs-te der Steinzeit-Islamisten um ihre Existenz bangen. Pakistan lockte mit löchrigen Grenzen.
Von den Glaubenskriegern der Qaida, die aus den Verstecken um Kandahar oder Tora Bora lebend entkamen, sind »Hunderte, wenn nicht tausend« zum Nachbarn entwichen, verkündete US-Generalleutnant Dan McNeill, Oberkommandierender der Koalitionsstreitmacht in Afghanistan. Zwar unterstütze Präsident Pervez Musharraf in Islamabad den US-Krieg gegen den Terror, erklärte McNeill, doch in den Stammesgebieten hätten »Sympathien für al-Qaida« die Oberhand.
Das kann Pakistan nicht auf sich sitzen lassen. Ehrpusselig wies General Musharraf die Behauptungen des großen Verbündeten zurück. Innenminister Moinuddin Haider nannte McNeill »falsch informiert« und giftete: »Al-Qaida ist nicht in Pakistan, sondern in Afghanistan - dort, wo die USA ihren Krieg führen.« So weit der aktuelle Stand der viel gerühmten Zusammenarbeit zwischen Pakistan und den USA bei der Terror-Bekämpfung.
»You can run, but you can't hide«, hatte George W. Bush nach dem Massaker von Manhattan den Jüngern Bin Ladens nachgerufen: Ihr könnt davonlaufen, doch ihr werdet weltweit kein Versteck finden. Der erste Teil der Bush-Prophezeiung ging nach drei Monaten in Erfüllung, als die Menschenfalle um das Höhlensystem von Tora Bora nicht zuschnappte: Hunderten al-Qaida-Kadern gelang die Flucht.
An den zweiten Teil der Bush-Prognose aber will die Wirklichkeit sich nicht hal-ten: Die ausgezehrten Gestalten, die bei Tora Bora auf pakistanisches Gebiet gelangten, fanden eine gastfreundliche Umwelt vor. Dörfler empfingen die Dschihadis als Volkshelden, heißt es, boten Mahl und Nachtquartier, Lastesel und landeskundige Führer - zumal die Fremden nicht knausrig waren. Die Araber haben in Afghanistan genug Paschtu gelernt, um sich auch in Pakistan durchschlagen zu können. Untertauchen ist nicht so schwer.
Das Böse wie eine Nadel im Heuhaufen suchen - so hat ein Amerikaner die Terroristenfahndung in Pakistan definiert. Das Gefühl, dass in der islamischen Republik jede Jagd versackt, ist in der scheinbar menschenleeren Wüstenei Belutschistans ebenso überwältigend wie in der Zwölf-Millionen-Metropole Karatschi oder im geschäftigen Gewimmel auf dem tiefgrünen Schwemmland des Indus. Die einzige nennenswerte Razzia auf al-Qaida, bei der sich wenigstens eine Führerfigur der Organisation im Netz verfing, ging fern der afghanischen Grenze im Punjab über die Bühne, in der drögen Provinzstadt Faisalabad.
Selbst im einst verschlafenen Wüstennest Quetta, der Hauptstadt von Belutschistan, bewegen sich in den Vorstädten afghanische Taliban ganz freimütig; sie haben oft pakistanische Personalausweise und müssen nicht einmal ihren schwarzen Turban abwickeln. Wer alter Kämpfer ist oder doch nur einfacher Mullah, können höchstens die afghanischen Flüchtlinge selbst ausmachen, von denen es allein in (und um) Quetta 500 000 gibt.
Im Stadtzentrum ist immer noch die alte Inschrift aus der britischen Kolonialzeit zu finden - »Mutton Market« -, obwohl es den Hammelmarkt nicht mehr gibt. Dort sind die Zeitungsstände für die Blätter in den Landessprachen zu finden, die die arabische Schrift benutzen. Auch wer kein Wort entziffern kann, bekommt etwas mit - wenn beim Aufblättern ein buntes Porträt des Qaida-Führers in Plakatgröße herausfällt. Die Botschaft in Urdu lautet, wie der Dolmetscher gern bestätigt: Hosanna, Bin Laden.
Auf Märkten, die vom Mittelalter nicht weit entfernt sind, erblüht das Zeitalter der totalen Kommunikation. Es gibt Internet-Cafés in Quetta, wenngleich kein Kaffee serviert wird. »Wir haben schon mindestens ein Dutzend solcher Lokale«, erläutert der Betreiber des Net Café Al Hunza. Sie würden nur von Männern besucht, und die Hauptattraktion sei Pornografie. Das suggerieren auch die dicken grauen Vorhänge, die jede Einsicht in die Computerkabinen versperren.
Zum Verdruss der Terroristenfahnder des FBI dürften die Internet-Cafés aber auch für propagandistische und konspirative Zwecke missbraucht werden - gerade von den Taliban oder von al-Qaida-Kräften, die nach örtlichen Talenten Ausschau halten. Ob die jungen Männer hinter den Vorhängen des Net Café konspirieren oder masturbieren - wer kann es kontrollieren?
Ganz ohne die Hilfe von Computern müssen dagegen die Koranschüler der Matla al-Ilm (Stätte des Wissens) von Quetta auskommen, die zum politischen Apparat des radikal-islamistischen Maulana Fazulur Rehman gehört. Hier werden dem Fremdling - ganz gegen die Landessitte - keine Erfrischungen angeboten, nicht einmal ein Glas Wasser. »Und das ist noch eine unserer freundlichsten Madrassen«, flüstert ein ortsansässiger Reporter.
Das Interview mit den beiden federführenden Schriftgelehrten wird von deren Fragen beherrscht: »Warum haben Sie die Taliban bombardiert? Warum geben Sie nicht zu, für den israelischen Geheimdienst zu arbeiten?« Beim Verlassen der Madrassa erklingt der Ruf: »Tod den Gotteslästerern.« Die Kinder in der Obhut dieser Erziehungsanstalt machen keinen glücklichen Eindruck.
Vom abgründigen Hass auf alles Westliche, der an der Stätte des Wissens gepredigt wird, war im Wüstenfort Dera Bugti nichts zu spüren. Der Nawab klagte darüber, keine englische Übersetzung der »Leiden des jungen Werther« zu besitzen. Und er erinnerte sich an einen Deutschland-Besuch, den er 1953, nach der Krönung der jungen Königin Elizabeth in London - zu der er als Exot geladen war -, unternommen hatte.
Im Nachkriegs-Berlin frequentierte der hünenhafte Belutsche damals, ganz als englischer Gentleman ausstaffiert, ein Tanzcafé mit Rohrpost und Tischtelefon. Mohammed Akbar Khan Bugti spricht das deutsche Wort »Damenwahl« immer noch mit einer gewissen Andacht aus.