Bin Ladens willige Helfer - DER SPIEGEL
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TERRORISMUS Bin Ladens willige Helfer

Der Anschlag von Bali offenbart: Indonesien diente gewaltbereiten Islamisten lange als sicherer Hafen - und die desolate Wirtschaftslage trieb ihnen immer mehr Anhänger in die Arme.
Von Rüdiger Falksohn, Jürgen Kremb und Holger Stark
• aus DER SPIEGEL 43/2002
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Es ist kein Zufall, dass die Büros des indonesischen Untergrundmagazins »Darul Islam« am Rande der Südstadt von Jakarta untergebracht waren. Bei Einheimischen gilt das Viertel entlang der Neuen Straße Nr. 1 als »Araberdorf«, denn so mancher konspirative Besucher aus Nahost fand in dem Gewirr enger Gassen Unterschlupf.

Welchem Glaubensbruder die Redakteure besonders zugetan sind, darüber ließen sie nie einen Zweifel. Die Wände drapierten sie mit Konterfeis von Osama Bin Laden, mit Karten von Afghanistan sowie Faltblättern der indonesischen Unruhegebiete Ambon und Zentral-Sulawesi. Dort kamen in den vergangenen Jahren bei Kämpfen zwischen Christen und Muslimen fast 10 000 Menschen ums Leben.

»Darul Islam« bedeutet »Haus des Islam«. Der Name steht für jene Bewegung, die einen islamischen Staat in Südostasien anstrebt. Indonesiens erster Diktator Sukarno schlug sie bereits Anfang der Sechziger nieder, heute gilt sie den meisten radikalen Muslimen Indonesiens wieder als eine Art Dachorganisation. Die Regierung von Präsidentin Megawati Sukarnoputri aber hält solche Gruppen neuerdings für Schädlinge der Nation - weshalb die »Darul Islam«-Redaktion vorige Woche wie der Blitz verschwand.

Gesucht werden die Verantwortlichen für den schlimmsten Terrorakt seit dem 11. September, für das Bombeninferno in Denpasar und Kuta Beach auf Bali, bei dem vorletzten Samstag über 180 Menschen starben und mehr als 300 verletzt wurden. Auch ohne konkrete Beweise scheint die Schuldfrage schon beantwortet: Eine gewaltbereite Minderheit der rund 200 Millionen indonesischen Muslime steht dringend unter Tatverdacht.

Und weil die mit äußerster Menschenverachtung ausgeführten Anschläge exakt am zweiten Jahrestag der Sprengstoffattacke auf das Kriegsschiff USS »Cole« vor der jemenitischen Hafenstadt Aden erfolgten, weil sie sich gegen ein aus fundamentalistischer Sicht westlich verseuchtes Sündenbabel richteten, weil sie außerdem Wirtschaftssabotage großen Stils bedeuten, liegt es nahe, dass Bin Ladens Hassbrigaden federführend waren.

Am Donnerstag vernahm die Polizei einen Jemeniten, angeblich Kopf einer Terrorzelle, und seinen mutmaßlichen Stellvertreter. Für Samstag war Abu Bakar Ba'asyir zum Verhör einbestellt, der als Indonesiens Oberislamist und Chef der radikalen Gruppe Jemaah Islamiah gilt. Doch Ba'asyir erlitt tags zuvor einen Schwächeanfall und musste ins Krankenhaus.

Die schnelle Reaktion der Politiker und Sicherheitskräfte war auch eine Flucht nach vorn. Denn die Toten von Bali bedeuten eine Niederlage für das Kabinett Megawati - nicht nur, weil nun die Urlauber wegbleiben (Seite 141) und Indonesiens marode Wirtschaft weiter geschwächt wird. Die Regierung hat den Vormarsch des radikalen Islam sträflich toleriert. Vizepräsident Hamzah Haz, selbst ein Islamist, sah in den eindringlichen Warnungen der CIA noch am Tag vor dem Blutbad nur einen Versuch, den Rechtgläubigen zu schaden.

Unmittelbar vor dem Anschlag hatte auch der Bundesnachrichtendienst intern gewarnt, ein spektakulärer Coup von al-Qaida könne bevorstehen - wahrscheinlich in der Dritten Welt gegen »soft targets«, Wahrzeichen etwa oder große Firmenniederlassungen, wie es Bin Laden in seiner angeblich am 6. Oktober per Tonband verbreiteten »Botschaft an das amerikanische Volk« angekündigt hatte: »Die Jugend Gottes bereitet für euch Dinge vor, und sie zielt auf eure wirtschaftliche Lebensader, bis ihr Unterdrückung und Aggression stoppt.«

Mit tödlicher Präzision setzten die Bali-Attentäter diese Vorgabe um. In einer der beiden einander schräg gegenüber liegenden Bars in Kuta zündeten sie nachts gegen halb zwölf einen Sprengsatz, nicht größer als eine Bowlingkugel, und trieben damit die Gäste auf die Straße. Dort blockierten sie mit einem Kleinbus die Fluchtwege und ließen die aus dem militärischen Sprengstoff C-4 bestehende Autobombe hochgehen.

Die »anspruchsvolle Methodik« habe auf die größtmögliche Opferzahl abgezielt, sagt ein Ermittler. »Auswahl, Symbolik und die Parallelität mehrerer Detonationen tragen eindeutig die Handschrift von al-Qaida.« Die CIA ist mittlerweile überzeugt, dass die Schüsse auf US-Soldaten in Kuweit und der Bootsangriff auf den französischen Tanker im Jemen Teile dieser abgestimmten jüngsten Offensive von al-Qaida sind.

Indonesien bot sich als Terror-Schauplatz geradezu an. »Die Radikalen können bei uns längst machen, was sie wollen, weil unsere Regierung zu schwach ist«, sagt Jusuf Wanandi, bekanntester Politikwissenschaftler des Landes. Ein Jahr nach ihrem Amtsantritt besteht Megawatis Politik nur noch aus Lavieren und Aussitzen. Erst sechs Tage nach dem Anschlag erließ sie Notstandsgesetze zum Kampf gegen Terrorismus. Korruption und Arbeitslosigkeit treiben das Land ins Elend und sind Nährstoff für Ideologen. Elf muslimische Gruppen gelten als gewaltbereit. Teile der Armee unterstützen sie, um von etwaigen Konflikten zu profitieren.

So soll »Laskar Jihad«, die sich drei Tage nach den Anschlägen von Bali überraschend auflöste, eine Gründung von Offizieren sein. Die »Islamische Jugendbewegung« (GPI) wiederum wird vom einflussreichen General a. D. Djadja Suparman gefördert.

Die Finanziers kommen häufig aus Arabien oder Vorderasien. »Schon 1998 bereisten Abgesandte Bin Ladens Indonesien und suchten Kontakt zu islamistischen Untergrundgruppen«, erinnert sich al-Chaidar, über Jahre Chefredakteur des »Darul Islam«-Magazins. »Wir brauchten nur zu sagen, wie viel Geld wir benötigen, und die Schecks wurden ausgestellt.« Als Geldgeber seien der iranische Schiit Abu Chalidi, Scheich Abu Bakr aus Jordanien sowie der saudi-arabische Scheich Abu Sahir genannt worden.

Al-Qaida-Gefolgsleute waren es auch, die im Frühjahr 2000 ein Treffen verschiedener islamischer Gruppen am Rande der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur initiierten. Dabei soll der als Bin-Laden-Vertraute geltende Zacarias Moussaoui, der jetzt wegen terroristischer Verschwörung in den USA vor Gericht steht, den Kuweiter Omar al-Faruk beauftragt haben, vier Tonnen Ammoniumnitrat für Anschläge auf westliche Botschaften zu besorgen. Zudem sollte eine mit der Chemikalie beladene Barkasse ein US-Kriegsschiff rammen, das die javanische Hafenstadt Surabaya besuchte.

Auf Bali kam außer TNT und C-4, die vor zwei Jahren 17 USS-»Cole«-Soldaten das Leben kosteten, womöglich auch Napalm zum Einsatz. Der Qaida-Kenner und Buchautor Rohan Gunaratna erklärt jedenfalls so den verschmorten Zustand vieler Leichen.

Indonesien galt im Anti-Terror-Feldzug zunächst als Nebenschauplatz. Die USA beschränkten sich in Südostasien auf ein Vorgehen gegen die philippinische Abu Sayyaf. In deren Einzugsgebiet, in der überwiegend christlichen Stadt Zamboanga, töteten Donnerstag vergangener Woche zwei Bomben sieben Kunden zweier Kaufhäuser. Am Freitag starben mindestens drei weitere Menschen bei einem Anschlag auf einen Bus in der philippinischen Hauptstadt Manila.

Dass Indonesien als größter islamischer Staat der Welt zum Rückzugsgebiet und Sammelbecken versprengter Terroristen werden könnte, dämmerte der CIA erst mit Verspätung. Mehrere im kubanischen Guantanamo Bay Inhaftierte hatten in ihren Handys die indonesische Nummer 0812-957-6852 gespeichert - Faruks Anschluss. Auf Drängen der USA verhaftete daraufhin Indonesiens Geheimdienst BIN Faruk am 5. Juni und überstellte ihn zur US-Militärbasis im afghanischen Bagram.

Dort packte der Kuweiter am 9. September aus. Er gab nicht nur zu, über Jahre als Chefrepräsentant Bin Ladens in Indonesien fungiert zu haben, sondern warnte vor Anschlägen mit Auto- und Lkw-Bomben gegen westliche Vertretungen und touristische Einrichtungen. Als willige Helfer bezeichnete er die Gruppe Jemaah Islamiah und deren angeblichen Führer Abu Bakar Ba'asyir - der nun als geistiger Brandstifter im Verdacht steht.

Anfang voriger Woche reisten indonesische Ermittler nach Bagram und knöpften sich Faruk noch einmal vor. Das Ergebnis beunruhigt vor allem die Regierung und bestätigt, was ihr auch schon die CIA vor dem Bali-Anschlag berichtete: dass Faruk angeblich nicht nur hinter einer Serie von Bombenanschlägen in Indonesien steckt, sondern auch geplant habe, Präsidentin Megawati zu ermorden. RÜDIGER FALKSOHN,

JÜRGEN KREMB, HOLGER STARK

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