Kleiner Unterschied - DER SPIEGEL
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MEDIKAMENTE Kleiner Unterschied

An impotenten Männern verdient der Viagra-Hersteller Pfizer Milliarden. Mit einer Patentklage will der Monopolist jetzt den Rivalen Bayer vom Markt fern halten.
• aus DER SPIEGEL 44/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Rund 5000 Moleküle testete der Bayer-Chemiker Erwin Bischoff, 59. Dann endlich fand er eine Substanz mit befriedigender Wirkung: Sie verstopft ein Enzym im Schwellkörper und hilft auf diese Weise schlaffen Penissen auf.

Der erhebende Effekt des Stoffs verwundert nicht. Das Molekül sieht dem Wirkstoff der bewährten Potenzpille Viagra des Rivalen Pfizer verblüffend ähnlich und wirkt auf die gleiche Weise. »So weit ist unsere Substanz nicht von Viagra weg«, räumt Bischoff ein, der im Bayer-Forschungszentrum in Wuppertal arbeitet. »Wir konnten aber nachweisen, dass sie noch fester an das Enzym Phosphodiesterase im Penis bindet.«

Der kleine Unterschied hatte große Folgen. Bayer erhielt weltweit Patente auf den Gliedaufrichter, der als »Levitra« im nächsten Jahr zugelassen werden soll. Gemeinsam mit dem britischen Pharmakonzern GlaxoSmithKline (GSK), der ein Heer von 40 000 Außendienstmitarbeitern und Marketingleuten befehligt, will Bayer das Mittel aggressiv in den Markt drücken und einen Jahresumsatz von einer Milliarde Euro erzielen.

Doch jetzt versetzt der Noch-Monopolist Pfizer der drohenden Potenz-Konkurrenz einen unerwarteten Schlag. Das amerikanische Unternehmen hat vorigen Dienstag vor einem Bezirksgericht in Wilmington (US-Bundesstaat Delaware) gegen seine Mitbewerber geklagt - wegen angeblicher Patentverletzung.

Neben dem Pakt Bayer/GSK sieht sich auch das amerikanische Firmenbündnis Eli Lilly/Icos einer Klage ausgesetzt. Die US-Partner haben ebenfalls einen Phosphodiesterase-Hemmer in der Pipeline: Er wirkt wie ein Potenz-Turbo - rekordverdächtige 24 Stunden lang soll »Cialis« (so der vorgesehene Handelsname) mangelnde Gliedsteife beheben.

Der Zoff markiert eine neue Dimension in den Patentkriegen von Pharmakonzernen. Pfizer will sich ein komplettes Wirkprinzip schützen lassen: in diesem Fall das Blockieren des Penis-Enzyms.

Eine ähnliche Pfizer-Klage hat ein britisches Beschwerdegericht zwar erst Anfang des Jahres zurückgewiesen. Doch vergangenen Dienstag erhielt Pfizer ein neues, offenbar weit reichendes Patent in den USA. Das 23 Seiten umfassende Dokument (US-Patent 6469012) schützt nach Pfizer-Sicht »generell« die Anwendung von Phosphodiesterase-Hemmern, die man zur Behandlung von Erektionsstörungen oral einnimmt. Viagra sei deshalb »in den Vereinigten Staaten bis 2019« geschützt.

Dass Pfizer mit seiner großzügigen Interpretation vor Gericht bestehen wird, bezweifeln Branchenkenner jedoch. Laut Michael King, Analyst von WestLB Panmure in New York, wird das politische Klima in den USA zunehmend kritisch gegenüber allzu weit gefassten Patentanträgen. US-Präsident George W. Bush selbst wetterte in der vergangenen Woche öffentlich gegen künstliche Patentverlängerungen in der Pharmaindustrie.

Gelassen sieht Bayer dem bevorstehenden Rechtsstreit entgegen. »Wir werden uns in angemessener Weise zur Wehr setzen«, sagt Sprecherin Christina Sehnert. »Wir gehen davon aus, dass Levitra wie geplant im nächsten Jahr auf den Markt kommt.«

Eigentlich sollte die Bayer-Pille schon in diesen Tagen die Manneskraft stärken. Doch auf dem Weg zu den Impotenten erlebte sie zwei Rückschläge. Im Juli forderte die amerikanische Gesundheitsbehörde überraschend weitere klinische Studien; im September wurde dann der ursprünglich vorgesehene Produktname ("Nuviva") in Levitra geändert. Spötter gaben der Potenzpille, die seit Monaten in der Warteschleife hängt, einen noch anderen Namen: »Stand-Bay«. JÖRG BLECH

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