NAMIBIA Vertreibung aus der Savanne
Als Verwalter einer Touristenranch im Nordwesten Namibias verfügte der deutschstämmige Namibier Harald Rust stets über ein ordentliches Auskommen. Doch seit er den Job gekündigt hat, um die Ländereien seines Vaters zu übernehmen, beschleicht ihn immer häufiger der Gedanke, womöglich einen Fehler gemacht zu haben.
Zwar fühlt sich Rust nirgends heimischer als in der baumlosen Savanne des trockensten Staats im südlichen Afrika. Doch Landwirtschaft im so genannten Durstland Namibias, jener extrem regenarmen Region am Rande der Namib-Wüste, war selten profitabel. Auch muss der 34-jährige Farmer neuerdings befürchten, dass Politiker ihn von seinem Land treiben wollen.
Viele Rinder- und Schafzüchter, die nicht rechtzeitig auf Gäste- oder Jagdfarmen umgestiegen waren, hatten während einer Dürreperiode in den achtziger Jahren aufgeben müssen. Mehr als die Hälfte des Landes im Bezirk Omaruru befindet sich deshalb heute in ausländischer Hand. Die neuen Besitzer sind Fabrikanten aus Deutschland, Zahnärzte aus der Schweiz und Mafiabosse italienischer Abstammung. Selten leben sie selbst auf der Farm.
Damals kam auch Rusts in Berlin wohnender Arbeitgeber, der Generalsekretär des deutschen Handwerks Hanns-Eberhard Schleyer, an seine 10 000 Hektar große Farm »Etendero«. Niemals in all den Jahren, in denen Rust Touristen im Jeep zum Sonnenuntergang auf den Lallas-Berg fuhr, hätte er es für möglich gehalten, dass eines Tages Landhunger die Wohlstandsinseln im Durstland gefährden könnte.
Umso schockierter war der junge Verwalter, als der Staatschef der einstigen deutschen Kolonie Ende August seinen Landsleuten und der Weltöffentlichkeit unmissverständlich zu verstehen gab, dass die Besitzverhältnisse in Namibia nicht so bleiben können, wie sie sind.
Auch zwölf Jahre nach der Befreiung von den südafrikanischen Besatzern, welche die deutschen Kolonialherren nach dem Ende des Ersten Weltkriegs ablösten, ist ein Großteil des nutzbaren Bodens in weißer Hand. Allein den etwa 240 ausländischen, überwiegend deutschen und südafrikanischen Grundbesitzern gehört mehr Nutzfläche als dem Staat. Die 1,8 Millionen Schwarzen müssen sich mit Feldern und Weiden auf kommunalem Land begnügen.
Dass Rust nach seinen Lehrjahren auf der Schleyer-Farm das väterliche Jagdgut übernehmen würde, war eigentlich immer eine ausgemachte Sache. Doch seit Sam Nujoma auf dem Uno-Gipfel in Johannesburg Simbabwes Staatschef Robert Mugabe zur Vertreibung der weißen Farmer beglückwünschte, fragt sich Rust, ob er noch eine Zukunft in seiner afrikanischen Heimat hat.
Zwar weiß er, dass das dünn besiedelte Namibia im Gegensatz zu Simbabwe gar nicht genug Menschen mobilisieren könnte, um eine Invasion der weißen Farmen zu orchestrieren. Zwar geloben überdies die zuständigen Minister, dass es in Namibia niemals zu einer gewaltsamen Landnahme kommen werde. Doch ist die Enteignung von 192 Großgrundbesitzern, die, wie Rusts Arbeitgeber Schleyer, ihre Farmen aus der Ferne managen, bereits beschlossene Sache. Und das, mutmaßt der junge Verwalter, könnte der Anfang vom Ende sein.
»Dies hier ist Afrika«, sagt er, »da ist alles möglich.« Erst kürzlich hat etwa Isak Katali, der stellvertretende Minister für Land, Umsiedlung und Landgewinnung, erklärt, die Regierung würde die Landlosen nicht unter Kontrolle halten können, sollten diese rebellieren. Das würde Rust in seinen schlimmsten Befürchtungen bestätigen.
Dabei haben Namibias kommerzielle Viehzüchter dem Staat seit der Unabhängigkeit mehr als 900 Farmen zum Kauf angeboten. Katalis Ministerium aber erwarb nur jedes achte Gut. Die angedienten Weideflächen seien zu klein, zu verbuscht, zu verkarstet, begründet Katali die staatliche Kaufunlust. Und Präsident Nujoma schimpft, die Farmer würden Wucherpreise für ihr Land verlangen. Jetzt soll der Etat für den Ankauf von Ranches von jährlich 20 auf 100 Millionen namibische Dollar (etwa 10 Millionen Euro) erhöht werden; dabei war er bis zum vergangenen Jahr nicht ein einziges Mal ausgeschöpft worden.
Wie in Simbabwe, so scheint es, werden nun auch in Namibia weiße Landwirte zu Sündenböcken für eine seit Jahren nur schleppend vorangetriebene Landreform gemacht. Denn die Regierungspartei ist zerstritten, muss sich aber 2004 zu den Präsidentschaftswahlen stellen. Und kein Thema eignet sich besser, die Partei zu einen, als das einer gerechteren Verteilung von Grund und Boden.
Dass es Nujoma dabei jedoch um eine Wiedergutmachung historischen Unrechts geht, bezweifeln selbst die eigentlichen Opfer kolonialen Landraubs, die Stämme der Herero, Nama und Damara. Für die von den Deutschen unterworfenen Hirtenvölker hat die Regierung noch selten Interesse gezeigt.
So forderte John Tjikuua, 71, ein Leben lang, dass die Besitzverhältnisse in Namibia nicht so bleiben können, wie sie sind. Der Stammeschef der Herero von Okakarara lebt am Fuß des Waterbergs, jenes Hochplateaus, das einst seinen Vorfahren zu einem Waterloo wurde; ein sandiger Flecken Erde ist heute der Weidegrund für seine Ziegen und Rinder.
Jahrzehntelang hatten die Herero widerstandslos hingenommen, dass sich die Ende des 19. Jahrhunderts aus dem deutschen Kaiserreich zugewanderten Händler und Jäger ihrer Weidegründe bemächtigten. Am 12. Januar 1904 erhoben sie sich schließlich; fünf Tage später erreichte der Aufstand Omaruru. Gut bewaffnete Trupps stürmten die Farmen ihrer Herren und mordeten binnen weniger Tage an die hundert Siedler. Bei der anschließend von Kaiser Wilhelm II. angeordneten Strafexpedition starben bis zu 60 000 Herero, drei Viertel der damaligen Bevölkerung. Die meisten von ihnen verdursteten in der wasserlosen Ebene nordöstlich des Waterbergs.
Die Nachfahren der Überlebenden fristen heute, wie Tjikuua, ihr Dasein in überweideten Reservaten oder ernähren sich in Vorstadtslums vom Verkauf selbst gebrauten Biers. Eine Rückübereignung der ehemaligen Herero-Weidegründe zwischen Namib- und Omahekewüste zu Preisen, die auch für Reservatsbewohner erschwinglich wären, scheiterte bisher an der mangelnden Bereitschaft der neuen Eigner, für Sünden der Vergangenheit zu zahlen.
Dennoch ist Tjikuuas Misstrauen gegenüber der Regierung Nujoma größer als der Wunsch, alte Rechnungen gewaltsam zu begleichen. »Wir wollen dieses Land doch nicht zerstören, sondern aufbauen«, sagt er. Er träumt von Fleischfabriken und Gerbereien in Okakarara. Und wer anders als die Weißen verfügt über die notwendigen Mittel, bei deren Aufbau zu helfen?
Vom namibischen Staat jedenfalls erwartet der Herero schon lange keine Hilfe mehr. Bisher habe die Regierung alle aufgekauften Farmen an Ovambos verteilt, beschwert sich Tjikuua, und seinen Herero nur schwer zu kultivierendes Land überlassen.
Die Folgen der verpfuschten Landreform bekommt auch Rust im 250 Kilometer entfernten Omaruru täglich zu spüren: Immer häufiger brechen Wilddiebe in die afrikanische Idylle von Etendero ein.
Doch mit der Ungewissheit leben Namibias weiße Farmer schon seit Generationen. Und so wird auch Rust bleiben und sich Mut zusprechen mit dem Satz: »Wer weiß, was in zehn Jahren ist.« Mit dieser Devise hatten schon Vater, Großvater und Urgroßvater ausgeharrt. BIRGIT SCHWARZ