KUWEIT Die versteckten Amerikaner
Hamad Sair al-Ansi, 35, so munkelte vor 14 Tagen die »Kuwait Times«, muss ein Irrer gewesen sein. Morgens früh um halb sieben war er mit seinem kleinen grauen Toyota in Abdali aufgetaucht, dem letzten Nest vor der irakischen Grenze. Er ließ alle Wachen stehen, gab Gas und brach durch ins Reich von Saddam Hussein.
Beduinentracht habe er getragen - das sei das Letzte, was man über ihn gehört habe. Ein stolzer Wüstensohn, gewiss, aber ein Mann mit der Krankenakte einer Nervenklinik. Auch Chalid al-Schimmiri, 26, meldeten vergangene Woche die Agenturen, sei geisteskrank. Der kuweitische Polizist hatte auf dem Highway nach Riad mit seiner Dienstwaffe zwei amerikanische Soldaten angeschossen und schwer verletzt. Dreimal bereits, so hieß es aus der Umgebung der Ermittler, sei der Mann in psychiatrischer Behandlung gewesen.
Selbst Anas al-Kandari, 21, und Dschassim al-Hadschiri, 26, hatte das Staatsfernsehen zunächst nur als »Narren« bezeichnet, als es Anfang Oktober vom bislang schwersten Attentat auf US-Truppen in Kuweit berichtete: Die beiden hatten während eines Trainings der Amerikaner auf der Golfinsel Feilaka einen Marineinfanteristen getötet und einen schwer verwundet, bevor sie selbst einem Schusswechsel zum Opfer fielen.
Vieles ist den Bewohnern des steinreichen Wüstenemirats am Persischen Golf schon vorgeworfen worden, vor allem von ihren weniger begüterten arabischen Brüdern: Arrogant und herablassend seien sie, von Milliarden und Abermilliarden an Petrodollar verdorben. An panarabischem Gemeinsinn fehle es ihnen, allzu bereitwillig hätten sie sich nach dem letzten Golfkrieg an ihre westlichen Befreier verkauft. Doch dass unter jungen Kuweitern nun plötzlich der Irrsinn grassiere, das dürften selbst die Missgünstigsten unter ihren Nachbarn kaum glauben.
Zu offensichtlich ist, in welchem Dilemma der wichtigste arabische Frontstaat vor einer möglichen Bodenoffensive Washingtons gegen den Irak wirklich steckt: Während die Erinnerung der Kuweiter an ihre Befreiung vom Besatzer Saddam Hussein nach knapp zwölf Jahren allmählich verblasst, wächst der Widerwille der Bevölkerung gegen die Präsenz der Amerikaner im Land. Die islamistische Opposition, stets vorhanden, doch in den Jahren nach der Invasion politisch an den Rand gedrängt, wittert erneut ihre Chance.
Für die Strategen im Pentagon drängt die Zeit. Von 6000 auf etwa 12 000 haben die USA in den vergangenen zwölf Monaten ihre Truppenzahl in Kuweit verdoppelt. Die meisten von ihnen sind, wie rund 50 ABC-Experten der Bundeswehr mit ihren »Fuchs«-Spürpanzern, in Camp Doha stationiert, einem gigantischen, fabrikähnlichen Militärlager zehn Autominuten nordwestlich der Hauptstadt.
Fast 2000 Quadratkilometer haben die Amerikaner für ihr Langzeit-Manöver »Desert Spring« absperren lassen. 3800 GIs trainieren derzeit, zum Teil nur wenige Kilometer von der irakischen Grenze entfernt, den Einsatz in vermintem Wüstengelände - von hier aus wird die Bodenoffensive gegen den Irak starten, sollte Washington seine Kriegsdrohungen gegen Bagdad in die Tat umsetzen.
Doch so zahlreich die Amerikaner auch sein mögen - aus dem Straßenbild Kuweits sind sie so gut wie verschwunden. Seit dem Anschlag von Feilaka Anfang Oktober gilt für den Großteil der Truppe praktisch Ausgehverbot. Hinter den meterhohen Stacheldrahtzäunen von Camp Doha, so berichten Insider, kämpfen die Soldaten mit zynischen Witzen gegen den aufkommenden Lagerkoller an: Warum es so einfach ist, irakische Kampfpiloten auszubilden? »Man braucht ihnen nur das Starten beizubringen.«
Das Pentagon bemüht sich, den Druck auf Bagdad weiter zu verstärken, den Aufmarsch in der Region aber so unauffällig wie möglich zu organisieren. Als am vergangenen Montag mit Tommy Franks, Befehlshaber des U. S. Central Command, Luftwaffenchef John Jumper und Heereschef Eric Shinseki die versammelte amerikanische Generalität am Golf eintraf, erfuhren die Gastgeber in Bahrein, Saudi-Arabien und Kuweit lediglich in dürren Agenturmeldungen davon: Man wolle »den Jungs nur ein bisschen auf die Schulter klopfen« - Armee-Routine zu Thanksgiving.
Niemand dürfte für die Zurückhaltung der Amerikaner dankbarer sein als die Kuweiter. Die Herrscherfamilie Sabbah trifft die Zuspitzung der Nahost-Krisen seit dem 11. September 2001 zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Scheich Dschabir al-Ahmed al-Sabbah, 74, Emir seit 25 Jahren, ist nach einem Herzinfarkt gesundheitlich schwer angeschlagen und verbrachte im vergangenen Winter mehrere Monate in einer Klinik in England.
Noch schlimmer steht es dem Vernehmen nach um Kronprinz und Ministerpräsident Scheich Saad al-Abdullah al-Sabbah, 72. Der Premier, so erzählen Vertrau-
te, sei so hinfällig, dass er zum Teil seine eigenen Minister nicht mehr erkenne und Gästen selbst im heiligen Fastenmonat Ramadan Tee und Kaffee angeboten habe.
Zum eigentlichen Regenten von Kuweit ist unterdessen Vizepremier Sabbah al-Ahmed al-Sabbah, 73, aufgestiegen, seit 1963 auch Außenminister des Landes. Ihn halten westliche Beobachter für einen der fähigsten Politiker am Golf, einen »Meister der Balance«, der es wie wenige verstehe, die unterschiedlichen Gruppen im Land zu steuern. Scheich Sabbah al-Ahmed allerdings trägt seit Februar 2000 einen Herzschrittmacher. »Mental sind sie fit«, nimmt Staatsminister und Familienmitglied Mohammed al-Sabbah seine Vettern in Schutz: »Wir brauchen politische Führer und keine Akrobaten.«
Gleichwohl hängt die »Große Entscheidung« - so die Chiffre der kuweitischen Presse für die anstehende Machtablösung - wie ein Damoklesschwert über dem Emirat. Im Gegensatz zu den meisten anderen arabischen Staatschefs haben es die Regenten im Kuweiter Sif-Palast nämlich mit einem höchst vitalen und einflussreichen Parlament zu tun.
Seit 1999 stellen die Islamisten mit 20 Abgeordneten die stärkste Gruppe der 50 Mitglieder zählenden Nationalversammlung. Welchen Ärger sie der Regierung machen können, bekam der Emir vor drei Jahren zu spüren, als er per Dekret das Frauenwahlrecht einführen wollte. Die Islamisten lehnten ab: Höchstens zehn Prozent aller Frauen seien überhaupt für das Wahlrecht, so Hussein al-Muteiri, Abgeordneter der radikalen Salafi-Bewegung: »Und auch die nur, weil sie gerade in die Wechseljahre gekommen sind.«
Unter Kuweits politischen Führern, so westliche Diplomaten, sei Muteiris Weltbild womöglich in der Minderheit, in der breiten Bevölkerung hingegen denke die Mehrheit wie er. Etwa drei Viertel der gut 800 000 Kuweiter neigten dem konservativen Lager zu, die De-facto-Herrschaft der Gemäßigten seit dem Ende des letzten Golfkriegs stehe auf wackligen Beinen.
Denn keineswegs alle Fundamentalisten in Kuweit spielen das parlamentarische Spiel mit. Zwölf Kuweiter sitzen derzeit unter dem Verdacht der Mitgliedschaft im Terrornetzwerk al-Qaida im Gefangenenlager des US-Stützpunktes Guantanamo auf Kuba ein. Dutzende, womöglich Hunderte weitere Gefolgsleute Osama Bin Ladens, so schätzen Experten, könnten aber unerkannt aus den Bergen Afghanistans nach Kuweit zurückgekehrt sein.
Wie schwer es fällt, die jungen Terrorveteranen dingfest zu machen, zeigt das Beispiel eines der beiden Feilaka-Attentäter: Als die Polizei ihn wenige Wochen vor seiner Tat zu einem Gespräch vorlud, erschien Anas al-Kandari nicht etwa in der lockeren Tracht der Taliban, sondern im gleichen Aufzug, in dem die hippen reichen Kuweiter Söhne abends durch die Shopping Malls ihrer Väter streifen: Blue Jeans, Designerhemd, Goldkettchen und im Mund einen Kaugummi.
Dass selbst Kandari, der Prototyp des golfarabischen Afghanistan-Kämpfers, wieder freigelassen wurde, halten Vertreter des westlich orientierten Kuweit indes für ein Zeichen heimlicher Kooperation des Regimes mit dem wachsenden Fundamentalismus. Als im Juni bekannt wurde, dass die Regierung einen millionenschweren Prozess finanzierte, mit dem Familien kuweitischer Guantanamo-Gefangener Rechtsbeistand und Hafterleichterungen für ihre Angehörigen einklagen wollten, löste das einen Skandal aus: Die Regierung, so der Vorwurf, instrumentalisiere die Fundamentalisten im politischen Kleinkrieg gegen die mächtigen, liberal ausgerichteten Kaufmannsfamilien.
»Der politische Islam«, so heißt es in Zeitungskommentaren, »regiert die Straße in Kuweit. Keiner möchte es sich mit den Islamisten verderben. Nicht einmal das Innenministerium. Also lässt es sie in Ruhe.« Kleinlautes Schweigen herrschte, als vor zwei Wochen herauskam, dass der Anfang November verhaftete Abd al-Rahim, nach CIA-Erkenntnissen al-Qaidas Kommandochef für die Golfregion, nicht etwa in der mutmaßlichen Terrorhochburg Jemen, sondern in Kuweit festgenommen worden war.
Um Kritik aus dem Weg zu gehen, wurde dem prominentesten Kuweiter im Umkreis Bin Ladens, dem flüchtigen Qaida-Sprecher Suleiman Abu Gheith, vor einem Jahr immerhin die Staatsbürgerschaft entzogen. »Wir sind schließlich kein Polizeistaat«, entschuldigt Innenminister Mohammed Chalid al-Sabbah sonstige Nachsicht seiner Behörden. Diese Milde gilt freilich nur für kuweitische Staatsbürger, die weniger als die Hälfte der zwei Millionen Bewohner des Golf-Emirats stellen.
Dass nicht etwa der politische Extremismus unter den 1,2 Millionen ausländischen Gastarbeitern den Staat außer Kontrolle bringen kann, dafür glaubt die Regierung durchaus gesorgt zu haben: Den 400 000 Palästinensern etwa, die einst Sahneposten in der kuweitischen Wirtschaft innehatten, ist nicht nur Jassir Arafats unüberlegte Parteinahme für Saddam Hussein während der Golfkrise zum Verhängnis geworden. Sie wurden bis auf wenige tausend des Landes verwiesen, weil sie als notorische Störenfriede gelten. Christen aus dem Libanon sind an ihre Stelle getreten - politisch scheinbar ebenso unverdächtig wie die auch in den anderen Golf-Emiraten geschätzten Filipinos
und hinduistischen Inder, die den muslimischen Pakistanern vorgezogen werden.
Im arabischen Vergleich sei Kuweit immer noch ein sehr offener Staat, sagt Ahmed Dscharallah, Herausgeber und Chefredakteur der Tageszeitungen »al-Sijassa« und »Arab Times«. Diese Offenheit mache das Land anfällig »für politische Fanatiker und andere, die uns schaden wollen«.
Kuweit könne durchaus noch etwas lernen - vom ägyptischen Staatspräsidenten Husni Mubarak etwa, der die radikalen Muslimbrüder ins Gefängnis gesperrt und damit für Ruhe gesorgt habe. Im Übrigen, so Dscharallah, sei al-Qaida nicht die Hauptsorge der arabischen Welt. Die gelte neben dem Palästinakonflikt vor allem dem nördlichen Nachbarn Kuweits, dem »Wahnsinnigen von Bagdad«.
Eine Billion Dollar hätten Saddams Feldzüge die Araber gekostet, rechnet Dscharallah vor - allein 600 Milliarden der Golfkrieg und 300 Milliarden der von Kuweit mitfinanzierte Krieg des Irak gegen Iran. »Saddam«, so sagt er, »hat nicht nur das Image der Araber in der ganzen Welt ruiniert, er hat auch das Ansehen des Islam zerstört.«
Die Kuweiter fürchteten sich nicht mehr vor irakischen Panzern und Raketen: »Nur dieses biologische und chemische Zeug macht uns Angst. Doch nach allem, was wir von den Amerikanern hier hören, wird dieser Spuk bald vorbei sein.« In diesem Punkt deckt sich das Weltbild des liberalen Establishments in Kuweit zumindest mit den Ansichten der bekennenden Islamisten im Land.
Zwar vermute er erneut die Hand des »Feindes Israel« hinter den Kriegsplänen Washingtons, warnt Issa al-Schahin von der mächtigen Islamisch-konstitutionellen Bewegung. Dennoch rate er seiner Regierung, die Amerikaner beim gewaltsamen Regimewechsel in Bagdad zu unterstützen.
Letztlich gehe es darum, das irakische Volk vor »der säkularen Diktatur zu retten und ein Regime einzusetzen, das die Freiheit voranbringt und seine Nachbarn unterstützt, statt sie zu bedrohen«.
VOLKHARD WINDFUHR, BERNHARD ZAND
* Mit Generalstabschef Ali al-Mumin nach einem Anschlag imNovember.* Emir Scheich Dschabir (2. v. r.), Vizepremier Sabbah al-Ahmed(r.) und Parlamentssprecher Dschassim al-Charafi (2. v. l.) zuBeginn der Parlamentssaison im Oktober.