Die Schlachtenbummler - DER SPIEGEL
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KRIEG Die Schlachtenbummler

Bagdads Bewohner rechnen mit dem Krieg, aber sie fürchten ihn nicht. Eine seltsame Gelassenheit beherrscht die Stadt, vor den Bomben kommen die Waffeninspektoren, die Journalisten und die Friedensengel - Überläufer aus dem Lager der Angreifer. Von Uwe Buse
• aus DER SPIEGEL 50/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Kathy Kelly war vor elf Jahren da, als die Wüste brannte. Sie war vor vier Jahren da, als Bomben auf Bagdad fielen. Und sollte die Stadt im kommenden Jahr wieder zum Ziel amerikanischer Bomber werden, wird sie auch da sein.

Kathy Kelly wird vor einem Zelt im Zentrum der Stadt stehen, klein, schmal und zerbrechlich. Sie wird die Einschläge der Bomben sehen, die Explosionen hören, und sie wird so etwas wie Glück empfinden, weil sie weiß, dass ihr Leben einen Sinn hat.

Das war nicht immer so.

Ende der siebziger Jahre lebte die Amerikanerin Kathy Kelly in einem Apartment in einem angenehmen Viertel Chicagos. Damals war sie Mitte 20, arbeitete tagsüber als Lehrerin und empörte sich abends über die Ungerechtigkeiten der Welt. Sie las Mahatma Gandhi, Martin Luther King und fragte sich irgendwann, warum sie hier saß, las und diskutierte, während Gandhi und King etwas getan hatten.

Sie gab ihre Wohnung und ihren Job auf und zog ins Zentrum der Stadt, wo jugendliche Gangster herrschten, die ihre Meinungsverschiedenheiten nicht mit Argumenten, sondern mit Kugeln austrugen. Hier arbeitete sie als Lehrerin. Aber Gandhi und King hatten mehr gewagt.

Ende der achtziger Jahre kletterte Kelly über den Zaun einer militärischen Anlage im US-Bundesstaat Missouri. Vor ihr lag offenes Gelände, aus der Erde ragten weiße Pfähle. Jeder Pfahl markierte einen Bunker, in dem eine Interkontinentalrakete steckte. Kelly trug eine Tasche voller Maiskörner mit sich, sie streute die Körner auf den Boden - als ein Symbol des Lebens, das über den Tod siegt.

Nach wenigen Minuten nahmen Militärpolizisten sie fest, ihre Personalien wurden aufgenommen, eine Anzeige erstattet.

Kelly kletterte wieder über den Zaun. Und wurde festgenommen.

Sie kam wieder. Und wieder. Und wieder.

Ein Gericht verurteilte sie zu einem Jahr Freiheitsstrafe.

Aber Gandhi und King hatten mehr gewagt.

Ende 1990 kam Kellys Ehemann in seine Wohnung, der Anrufbeantworter blinkte, er hörte die Stimme seiner Frau: »Warte nicht auf mich. Ich bin im Irak.«

Ihr Ziel war eine Ansammlung von Zelten in der Nähe des Dorfes Judajjidat an der irakisch/saudi-arabischen Grenze. Als Kelly Mitte Januar aus dem Bus stieg, lebten in dem Camp 71 Ausländer. Sie hatten Klos in den Sand gegraben, Zelte aufgestellt, eine Platzordnung verfasst, dann warteten sie auf den Krieg.

Sie planten ein Sit-in am Rande Iraks, um die Bomber zu behindern und um ein Zeichen zu setzen. Sie hatten kein Telefon, sie konnten mit niemandem Kontakt aufnehmen, nicht mit ihren Familien und Freunden. Nicht mit den Medien. Manchmal kamen Einheimische aus dem Dorf, um die verrückten Fremden zu besichtigen.

Schließlich zogen Flugzeuge über sie hinweg, Bomben schlugen nicht weit von ihnen ein, und es erschien ein Bus, aus dem ein irakischer Soldat stieg. Der teilte mit, dass er den Befehl habe, sie von diesem Ort fortzubringen, notfalls mit Gewalt. Kelly und ihre Freunde leisteten Widerstand, gemäß ihren Überzeugungen. Sie malten ein Schild, auf dem stand in Englisch und Arabisch: Wir haben uns entschlossen, hier zu bleiben. Dann setzten sie sich in den Sand, hielten das Schild hoch und ließen sich einer nach dem anderen von den Soldaten in den Bus tragen.

Während sich Kathy Kelly an all das erinnert, sitzt sie in der Lobby des »Fanar«-Hotels in Bagdad und lächelt oft, weil sie weiß, wie seltsam und sinnlos diese Dinge klingen müssen für Ungläubige, die den Sinn gewaltfreien Widerstands bezweifeln. Kelly ist mager, die Haut ihrer Hände ist dünn wie Pergament. Sie fastet regelmäßig und ausdauernd, als wolle sie Buße tun für die Tatsache, dass sie in einer privilegierten Ecke der Welt geboren wurde.

Noch ist sie allein in Bagdad, aber in den nächsten Tagen und Wochen werden die Mitglieder ihres »Iraq Peace Teams« eintreffen. Sie kommen aus Italien, Frankreich, den USA, und es sind Männer und Frauen wie Kelly, Fundamentalisten des Friedens, die sich nicht mit der Tatsache abfinden wollen, dass der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika die ganze Welt zu seinem Hinterhof erklärt hat.

Sie sind nicht einverstanden mit der Rollenverteilung, die der Präsident vornahm, als er das Drehbuch des internationalen Konflikts entwarf: Die Amerikaner spielen die Guten, die Iraker die Bösen. Kelly und ihre Freunde sind übergelaufen zum Feind.

Sie tun das, weil sie glauben, dass der gewaltlose Protest, der Indien die Unabhängigkeit brachte und den Schwarzen in den USA die Bürgerrechte, auch die Menschen im Irak vor den amerikanischen Besatzern retten kann.

Bis der Krieg beginnt, wird Kelly in ihrem Hotelzimmer sitzen und Briefe und Artikel gegen das Unrecht schreiben, das ihr Präsident im Irak begeht und das vom Rest der Welt toleriert wird. Unermüdlich wird sie das Embargo attackieren, das die Vereinten Nationen vor zwölf Jahren gegen den Irak verhängten. Kelly nennt es eine Massenvernichtungswaffe. Und damit dieser Satz nicht nur eine Provokation ist, sondern ein Argument, zitiert sie die amerikanische Professorin Joy Gordon.

Gordon habe ausgerechnet, dass der Irak - unter der Aufsicht der Uno - in den vergangenen sechs Jahren Erdöl im Wert von etwa 57 Milliarden Dollar verkauft habe. Ein Viertel dieser Summe floss als Kriegsentschädigung an Kuweit, ein Teil liegt auf den Konten der Uno, die das »Oil for Food«-Programm verwaltet.

Importiert in den Irak wurden bislang Güter im Wert von 23 Milliarden Dollar. Umgerechnet auf die Einwohnerzahl des Irak seien das pro Person und pro Jahr Waren im Wert von 170 Dollar. Gordon schreibe, dass dies weniger als die Hälfte des Pro-Kopf-Einkommens von Haiti sei, eines der ärmsten Staaten der westlichen Welt.

Kriegsgegner und Ausländer wie Kelly sind zurzeit häufig in Bagdad unterwegs. Sie wollen sich ein Bild machen von der Krise, von der Stadt und von den Menschen, die dort wohnen. Mit Bussen und Autos fahren sie durch eine intakte Stadt, in der nur noch Gedenkstätten an vergangene Kriege erinnern. 134 Brücken haben die Ingenieure Saddam Husseins nach dem Golfkrieg wieder aufgebaut. Beschädigte Gebäude wurden abgerissen und trotzig neu errichtet. Nahe dem Zentrum der Stadt wachsen zwei riesige Moscheen in den Himmel. Sie sollen Allah preisen und Saddam Hussein stützen, der den starken Glauben der Iraker als politische Waffe nutzt.

Während ihrer Spaziergänge durch die zwei wichtigsten Einkaufstraßen Bagdads sehen die Ausländer Internet-Cafés, und in den Auslagen der Geschäfte staunen sie über Computer von Dell und Compaq, die identisch sind mit denen, die in New York, Berlin und Paris angeboten werden. Vor den Restaurants parken große BMW- und Mercedes-Limousinen.

Die Besucher sehen keine Schlangen vor den Geschäften. Keine Hamsterkäufe, keine Panik. Sie hören nur selten Gespräche, die um den Angriff der Amerikaner kreisen. Das einzig sichtbare Zeichen des angekündigten Krieges sind die Geschütze der irakischen Luftabwehr auf den Dächern von Regierungsgebäuden.

Bewegen sich Irak-Touristen außerhalb des Zentrums, können sie die Armut sehen. Geschäfte sind nicht mehr als ein Schuppen mit ein paar Regalen, in denen Metallteile vor sich hin rosten oder verstaubte Kekspackungen liegen.

Fünfmal am Tag rufen die Muezzine der Stadt zum Gebet, und die Einwohner folgen dem Aufruf. Doch es scheint, als verhindere die Erinnerung an den westlichen Wohlstand, in dem die meisten Iraker vor dem Embargo und vor dem iranisch-irakischen Krieg lebten, die Fanatisierung der Massen. Briten werden auf den Straßen nicht verflucht als Kriegshelfer Amerikas, sie werden überschwänglich begrüßt wie wohlhabende und hoffentlich freigiebige Verwandte, die sich viel zu lange nicht haben blicken lassen. Das gilt auch für Amerikaner, solange sie ihre Regierung und den angekündigten Krieg nicht verteidigen. Die einzige Gruppe, die offen verflucht wird, sind die Israelis. Bin Laden halten viele nicht für einen Alliierten, sondern für einen gefährlichen Irren.

Ein Amerikaner wird besonders freundlich empfangen. Es ist Peter Arnett, der CNN-Korrespondent, der während des Golfkrieges vom Dach des »Raschid«-Hotels sendete. Arnett ist in der Stadt, weil ein amerikanischer Sender ein Porträt über ihn produziert. Wie vor elf Jahren steht er in Bagdad, blickt in die Kamera und spricht mit seiner tiefen Stimme ein paar Sätze ins Mikrofon. Dann wird die Kamera ausgeschaltet, und Arnett gibt sein Mikro einem Techniker: »Früher habe ich das für zehn Millionen Zuschauer gemacht. Heute muss ich mich über eineinhalb Millionen freuen.« Arnett arbeitet nicht mehr für CNN. Er vermisst den Golfkrieg. Der Krieg war gut zu ihm. Er hat ihn reich und berühmt gemacht. Arnett plant, zunächst einmal in der Hauptstadt seines Lebens zu bleiben.

Die Deutschen Matthias Engelke, Thomas Krahe, Angelika Schneider und der Österreicher Reinhard Eckert sind vor ein paar Tagen mit einem Bus aus Amman, der Hauptstadt Jordaniens, eingetroffen. Ihre Reise begann in Deutschland, sie sind die Abgesandten der deutschen Sektion des Internationalen Versöhnungsbundes, einer kirchlichen Einrichtung. Eine Woche lang haben sie sich freigemacht von ihren Berufen als Pfarrer und Drogenberater, nun touren sie mit einem dicht gedrängten Programm durch Bagdad.

Morgens geht es zum Empfang ins Ministerium für religiöse Angelegenheiten, dann zum Amarija-Bunker, in dem während des Golfkriegs eine Bombe einschlug und der heute eine nationale Gedenkstätte ist. Dann weiter ins Kinderkrankenhaus von Bagdad, zur Moschee der Hanafiten, zum Erzbischof der Assyrer, und am Ende des Tages laufen sie über den Markt, um »normale Iraker zu treffen«.

Schließlich sitzen sie an einem Tisch in ihrem Hotel, vor sich Wasser und Tee, und diskutieren über die Krise und die Möglichkeiten, sie zu lösen. Sie sind der Spähtrupp der deutschen Friedensbewegung. Sie verabscheuen das Embargo, sie hoffen auf den Erfolg der Waffeninspektoren, sie fordern eine OSZE für den Nahen Osten, und sie wollen dafür sorgen, »dass der Kollateralschaden, falls es doch zum Krieg kommt, ein Gesicht erhält«.

Die vier am Tisch träumen von einer Gegenöffentlichkeit, sie erinnern an Studenten der sechziger Jahre, die eine bessere Welt herbeidemonstrieren wollten. Diesmal sind die Haare kürzer, und das geschundene Volk sind nicht die Vietnamesen. Aber der Feind ist immer noch derselbe.

In ein paar Tagen werden sie zurückreisen und in Deutschland Bericht erstatten. Den selbstmörderischen Pazifismus von Kathy Kelly nennen sie sinnvoll. Ob sie zum Krieg nach Bagdad zurückkehren, ob sie Teil des menschlichen Schutzschildes gegen amerikanische Bomben sein wollen, werden sie sich überlegen.

Sollte es zu einem neuen Krieg kommen, wird Mohammed Jahja Abbas die Hauptstadt nicht verlassen. Er ist hier groß geworden, er erträgt das Landleben nicht, und er hat sich, wie viele Iraker, an den Krieg gewöhnt.

Während der ersten Angriffe im Golfkrieg reagierte Abbas mit seiner Familie noch panisch, und sie alle rannten verwirrt umher. Doch schon wenige Tage später beherrschten sie die fatalistische Routine, der sie auch im kommenden Krieg folgen werden. Wenn die Sirenen losheulen, verteilten sie sich auf mehrere Zimmer und warteten. Das ist ihre ganze Überlebensstrategie. Sie werden keine Wasservorräte anlegen, sie werden keine Lebensmittel horten.

Abbas erzählt, dass während des 70stündigen Bombardements im Dezember 1998 das Leben in der Stadt weiterging. Hochzeiten wurden gefeiert, Abendessen zubereitet, und nicht einmal der Strom fiel aus. »Wir sind es gewohnt, von den Amerikanern bombardiert zu werden«, sagt Abbas, und es klingt, als redete er über eine Naturkatastrophe, die ihn und seine Stadt regelmäßig heimsucht und die man einfach nur erdulden muss. Nach dem Ende der Operation »Desert Fox« begruben die Menschen in Bagdad 68 Leichen.

Abbas' Haus liegt in einem Viertel abseits des Zentrums, das früher einmal kleinbürgerlich war und jetzt arm ist. Die Straßen sind eng, die Häuser schmal, die Fassaden spröde, und ein paar Jungs spielen zwischen ihnen Fußball. Die meisten sind barfuß, einer will ein zweiter Zé Roberto werden.

Abbas' Haus ist zwei Stockwerke hoch, in jedem sind drei Räume. Besucher werden in das Wohnzimmer im Erdgeschoss geführt, in dem rot gemusterte Polstermöbel und ein Couchtisch kaum Platz zum Gehen lassen. An einer Wand hängt eine Neonröhre, in der Ecke neben der Tür steht eine Kommode.

In Deutschland wäre das der Platz für den Fernseher, hier steht auf dem Möbel ein großes Porträt von Saddam Hussein. Er lacht wie auf vielen anderen Plakaten, mit denen er das Land tapezieren lässt, trägt einen schneeweißen Anzug und könnte ein schlechter Zauberer auf einer Betriebsfeier sein.

Über 30 Jahre lang arbeitete Abbas als Amtmann in einem irakischen Ministerium. Er führte ein bescheidenes Leben, damals, vor dem Beginn des Embargos und vor dem iranisch-irakischen Krieg, aber er war zufrieden. Er besaß ein Auto, und er konnte es sich leisten, mit seiner Familie vor der Sommerhitze in den Norden des Irak zu fliehen, in ein Ferienhaus in den Bergen. Damals fuhr er auch ins Ausland, wo Iraker gern gesehene Gäste waren, denn der irakische Dinar war hart wie die deutsche Mark. Tauschte Abbas damals einen Dinar, erhielt er drei Dollar. Heute braucht er 2000 Dinar, um einen Dollar zu besitzen.

Wie viele andere Menschen in Bagdad trägt Abbas sein Geld nicht in einem Portemonnaie mit sich herum, sondern er transportiert es in einer Plastiktüte, manchmal auch in einem Karton zum Geldwechsler, der es nicht zählt, sondern wiegt. Seit kurzem druckt die irakische Bank statt der 250-Dinar-Scheine auch 10 000-Dinar-Scheine, weil die Menschen es leid waren, ihr Geld in Tüten mit sich herumzutragen.

63 Jahre alt ist Abbas heute. Vor drei Jahren ging er in Rente, aber weil ihm der Staat keine Pension zahlt und er zu wenig verdiente, um sich etwas fürs Alter zurückzulegen, baute er sich einen Karren, mit dem er in einer Geschäftsstraße Bagdads steht. Hier schmiert und verkauft er Sandwichs. Zeigen mag er den Karren nicht. Es ist ihm peinlich.

Morgens um fünf beginnt er seinen Arbeitstag, nach zwölf Stunden kehrt er zurück, und an guten Tagen verdient er 15 000 Dinar, etwa sieben Euro. Die Hälfte spart er, um am Monatsbeginn die Miete für das Haus zahlen zu können, der Rest reicht, zusammen mit den Lebensmittelkarten des Staates, zum Überleben. Zu mehr allerdings nicht. Einen Wagen kann sich Abbas nicht mehr leisten, einen Urlaub schon gar nicht, und für die Medikamente, die er braucht, reicht das Geld auch nicht. Sein Sohn flieht vor diesem ärmlichen Leben täglich in das Fitnessstudio des Polizeisportclubs.

Das Studio liegt in der ersten Etage eines Einkaufszentrums, auf dem Weg zum Kraftraum hört man schon von weitem Eisen auf Eisen schlagen. Wie Fadhil, Abbas' Sohn, arbeiten etwa ein Dutzend Männer an ihren Körpern, die irgendwann dem von Arnold Schwarzenegger gleichen sollen. Ihr Idol posiert auf vergilbten Plakaten.

Der Boss des Studios sitzt an einer Rudermaschine und sagt, er werde sich nicht vor den Amerikanern verkriechen. Er werde gegen sie kämpfen, Mann gegen Mann, wenn sie den Mut dazu haben und nicht wieder nur in ihren Flugzeugen hocken und ihn mit Bomben bewerfen.

Die Bodybuilder wissen, dass ihr Sport ein amerikanischer Sport ist. Und dass ihr Vorbild in die Vereinigten Staaten von Amerika auswanderte, um dort Karriere zu machen. Sollten amerikanische Soldaten durch Bagdads Straßen gehen, würde der Studioboss versuchen, so viele wie möglich zu töten. Sollten amerikanische Filmemacher ihm eine Rolle in einem Hollywood-Film anbieten, würde er sie annehmen.

Und so denken auch diejenigen Muskelprotze, die sich in diesem Studio stark machen, weil sie zur Republikanischen Garde Saddam Husseins gehören. Sie sind in der seltsamen Lage, dass sie so sein wollen wie der Feind. Sie träumen von Kühlschränken, so groß wie Vorratskammern, von einem Haus in der Vorstadt, und den klapprigen Kia würden sie gern gegen einen glänzenden Cadillac eintauschen. Sie hören Michael Jackson, sehen im Kino die »Titanic« untergehen und bejubeln die artistischen Prügeleien von Jackie Chan und die Sprüche von Mel Gibson. Sie haben nicht bemerkt, dass die Amerikaner bereits in ihr Land einmarschiert sind.

Vielleicht ist das zwiespältige Verhältnis der Iraker zu Amerika ein Grund, warum sie weltoffen sind und die Uno-Waffeninspektoren willkommen heißen, die von der Regierung als Spione Washingtons beschimpft wurden.

In den Tageszeitungen Bagdads wird zufrieden berichtet, dass die Inventarisierung des industriellen und militärischen Potenzials des Irak ohne Probleme verläuft, dass die Inspektoren die Zusammenarbeit mit den irakischen Behörden loben. Und selbst wenn die Inspektoren im Konvoi durch die Stadt rasen wie es sonst nur die herrschende Clique wagt, stehen die Iraker bloß ein wenig verwundert im Staub der Kolonne und erzählen, dass Saddam zur Zeit nagelneue Geländewagen von Toyota verschenkt. Er hofft, so Loyalität kaufen zu können.

All das erschwert eine Voraussage über das Verhalten der Iraker im Krieg. Die amerikanischen Befehlshaber hoffen auf eine schnelle Kapitulation. Die amerikanische Pazifistin Kathy Kelly wagt nicht zu sagen, ob die Menschen in Bagdad eher fliehen werden oder kämpfen. Der Deutsche Franz Bröckel dagegen glaubt zu wissen, was geschehen wird: »Die Iraker werden kämpfen.«

Bröckel ist Deutscher, sein Vater war Iraker, und aufgewachsen ist er in einem Vorort von Bagdad. Nach ihm benannte Bröckel seine Firma: Cobisa. Sie soll zurzeit die einzige deutsche Firma sein, die unter dem persönlichen Schutz des Präsidenten steht. Er sei der Waffenhändler Saddam Husseins, vermuteten deutsche Boulevardmagazine, und Bröckel lässt offen, ob ihn das freut oder empört. Er behauptet, ein persönlicher Freund des Diktators zu sein. Mit seiner Frisur, seinem Bart und seiner Brille sieht Bröckel aus wie ein entfernter Cousin des irakischen Führers. Oder wie sein begeisterter Fan.

Mit seiner Firma hilft Bröckel deutschen Unternehmen, Geschäftspartner im Irak zu finden, und er leitet sie durch den bürokratischen Dschungel der Uno, deren Mitarbeiter in New York darüber entscheiden, welches Geschäft mit dem Irak machbar ist und welches nicht. »Mehr machen wir nicht, alles ist völlig legal«, sagt Bröckel und hebt unschuldig die Hände.

Er sitzt im Café des »Raschid« vor einem Glas Tee, die Ärmel seines Hemdes rutschen hinunter, und an seinem linken Handgelenk ist eine goldene Uhr zu sehen. Auf ihrem Zifferblatt steht Universal Genève, darunter eine arabische Widmung. »Ist ein Geschenk von meinem Freund da an der Wand«, sagt Bröckel und zeigt auf ein Porträt, das einen jugendlichen Saddam zeigt. »Die Uhr gibt es nicht zu kaufen.« Bröckels Frau trägt eine ähnliche Uhr. Auch sie ist aus Gold, auch sie gibt es nicht zu kaufen. Auf ihrer Rückseite ist ein Metallplättchen eingelassen. »Das wurde gegossen aus den Gewehren der Märtyrer des iranisch-irakischen Krieges«, sagt Bröckel. Seine Stimme klingt stolz.

Bröckel will den Präsidenten schon mehrmals getroffen haben. Einmal besuchte der Deutsche einen Freund, es klingelte, und Saddam stand vor der Tür. Er fragte höflich, ob er hereinkommen dürfe, setzte sich an einen Tisch und erkundigte sich nach dem Befinden der Familie. »So ein Kerl ist er«, sagt Bröckel und zeigt wieder auf das Porträt an der Wand.

All die anderen Sachen, »die Ausländer über ihn sagen«, seien übertrieben, üble Nachrede oder Propaganda. Sicher würden die Telefongespräche im Irak abgehört, sicher gebe es Wanzen in den Zimmern, Überwachungskameras auf den Fluren und Geheimdienste, die Verdächtige überwachen. Aber all das gebe es in Deutschland auch.

Wie die kriegserprobten Iraker verschwendet Bröckel nur wenige Gedanken an den Krieg. Den kennt er. Als die Amerikaner 1998 die Stadt bombardierten, saß Bröckel im Bunker des »Raschid«. Nach dem Ende der Angriffe trat er vor das Hotel und sah die Spitze einer Bombe. Er nahm sie mit als Souvenir.

Bröckel beschäftigt die Frage, was nach diesem Krieg kommen wird. Uno-Protektorat? Amerikanische Besatzungszone? Oder verwandelt sich der Irak in ein zweites Somalia, in ein Land, in dem Warlords regieren? Und was wird dann aus seinen Geschäften?

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