studieren FAKTOR MENSCH
Eigentlich gehört Dorothee Richter zu der Sorte Mensch, denen andere gern mal ihr Herz ausschütten. Mit einer Ausnahme: Kaum offenbart sie in einem zwanglosen Gespräch neuen Bekannten ihr Studienfach, erstirbt kurzfristig deren Mitteilungsbedürfnis. »Die glauben, ich durchschaue gleich ihre ganze Persönlichkeit und fühlen sich ertappt - wobei auch immer.«
Richter, 26, studiert in Jena Psychologie, doch ihre Mitmenschen versteht sie auch kurz vor dem Diplom »noch nicht ganz«. Zum Glück war ihr das schon vorher klar. Zwar bedeutet Psychologie »Seelenkunde«, aus dem Griechischen von »psyche« und »logos«, doch Seelenkundler gehen heute unzähligen Fragen nach, von denen sich die alten Griechen noch keinen Begriff machten.
Zehn Semester Psychologie führten Richter direkt in die Werkshalle von BMW Motorrad in Berlin. Für den Automobilkonzern begleitet die Studentin zwei Dutzend Industriemechanik-Azubis beim »Lernen lernen«. Statt im Frontalunterricht zu pauken, sollen die sich ihr Wissen selbst erarbeiten - Stoff für Richters Diplomarbeit. »Natürlich möchte ich dann Karriere machen«, sagt Richter, »am liebsten als Personalerin.«
»Bei uns ist die gesamte Autoindustrie vertreten«, freut sich Rüdiger Trimpop, in Jena Professor für Arbeits-, Betriebs- und Organisationspsychologie, kurz: ABO. Sein Lehrstuhl hat aber auch schon Projekte für die Deutsche Telekom, Siemens oder eine Großbäckerei angeworben.
Der Professor sieht beste Chancen für sein Fach: »Der Faktor Mensch gewinnt überall an Bedeutung: In den Unternehmen wird durch die Verdichtung der Arbeitswelt alles stressreicher. Die Führungskräfte kommen nicht mehr klar.« Familiäre Probleme, Scheidung, Leistungsdruck, Unsicherheit, Zukunftsangst - »der Bedarf, sich mit Zwischenmenschlichem zu beschäftigen, wächst«.
In vielen Bereichen seien die Fähigkeiten von Psychologen künftig gefragt. Im Gesundheitswesen etwa helfen sie sparen: Motivierte Patienten nehmen gewissenhafter ihre Pillen und liegen kürzer im Krankenhaus; in der Schule leisten sich die Finnen, die bei Pisa so erfolgreich waren, fünfmal mehr Psychologen als die Deutschen.
Psychologen entwickeln Lerntests, Marketing- oder Umfragemethoden. Sie suchen nach Strategien gegen Stress, untersuchen Verkehrsrisiken oder Suchtgefahren. Sie beraten Menschen in Lebenskrisen, Firmen bei der Einführung von Teamarbeit oder erstellen bei der Kripo Täterprofile.
Mit Analyse oder Traumdeutung haben Psychologiestudenten dagegen kaum etwas zu tun. Ohne weiteres können sie bis zum Diplom gelangen, ohne je von Sigmund Freud gehört zu haben. Wer anschließend Psychotherapeut werden will, muss eine teure Ausbildung anhängen, die zwei bis sechs Jahre dauert.
Für manchen Anfänger, der Selbsterfahrung oder gruppendynamische Übungen erwartet, ist das ein Schock. Immerhin gaben bei einer Umfrage über die Motive für die Wahl des Studienfachs 60 Prozent an, sie wollten »anderen Menschen helfen«. In Wirklichkeit dauert es aber ziemlich lange, bis angehende Psychologen in ihrem Studium einen echten Menschen vor sich haben.
In den ersten vier Semestern besteht das Studium zu einem gewichtigen Teil aus Mathe, vor allem Statistik. Dazu kommen Biologie, Neurophysiologie, aber
auch differenzielle Psychologie, Entwicklungs- und Sozialpsychologie. Als verrufen gilt unter manchen Studierenden die Methodenlehre: Fragebögen, Interviewtechnik, Testverfahren.
»Danach ist jeder Psychologiestudent in der Lage, das Telefonbuch auswendig zu lernen«, witzelt Trimpop. Er empfiehlt, die ersten vier Semester stur durchzuhalten. »In der Zeit springen 30 Prozent ab. Das sind die, die gleich jemanden aufs Sofa legen wollen und stattdessen lernen sollen, wie ein Gehirn funktioniert. Danach macht es Spaß.«
Im Hauptstudium, so spotten manche, trennen sich die Wege - zwischen Helfertypen, die sich zur Not auch für ein dürftiges Sozialarbeitergehalt anderer Leute Probleme aufhalsen, und denjenigen, die in der Industrie Geld verdienen wollen und vom ersten BMW träumen. Trimpop formuliert das lieber anders: »Der Kliniker konzentriert sich auf das Einzelschicksal - ein psychosomatisch erkranktes Mobbingopfer. Der Arbeitspsychologe fragt, was das Unternehmen gegen Mobbing machen kann. Die einen reparieren, die anderen gestalten.«
Mit dem Klischee vom Helfersyndrom braucht dem Jenaer Institutsdirektor Rainer Riemann erst gar keiner zu kommen. »Das ist genauso platt wie die Vorstellung, Psychologiestudenten hätten alle selbst eine Macke.« Leicht genervt steckt sich Riemann eine knittrige Selbstgedrehte an. »Man erwartet nicht mehr, dass wir uns im ersten Semester im Stuhlkreis an den Händen fassen«, sagt er paffend. Schließlich sei auch die Wirkung des Numerus clausus nicht zu unterschätzen.
Schon lange ist die Psychologie eine Domäne der Einserabiturienten. Wer die derzeit geforderten 1,5 bis 2,1 im Abi schafft, gehört erfahrungsgemäß nicht zu denjenigen, die mit ihren Problemen nicht fertig würden. Selten zuvor war der Ansturm auf Riemanns Fach größer: In diesem Wintersemester hatte die ZVS bundesweit 3717 Studienplätze unter 14 487 Bewerbern zu verteilen. Nur jeder Vierte bekam einen Platz.
Maria Puschbek, 19, hatte Glück. Schon im zweiten Semester durfte sie mit Test-Bilderbüchern durch Jenaer Kindergärten ziehen, um die Entwicklung von Vorschulkindern zu untersuchen. Jetzt hat sie bei Riemann ihren ersten Hiwi-Vertrag unterschrieben: Eine Zwillingsstudie soll Aufschluss darüber geben, in welchem Maß Gene soziale Einstellungen beeinflussen. »Das CDU-Gen gibt es natürlich nicht«, erklärt Riemann, »aber Konservatismus oder Autoritarismus lassen sich in ihrer Herkunft durchaus nach Anlage und Umwelt trennen.«
Eins von Riemanns Spezialgebieten ist die Persönlichkeitsmessung, ein methodisch kompliziertes Verfahren, an dessen Ende der Mensch als Punkt in einem Koordinatensystem aus fünf Persönlichkeitsachsen hervorgeht. »Ein Fass ohne Boden«, stöhnt Henrik Turk aus dem fünften Semester. »40 Variablen. Welche davon ist wichtig?« Dass Psychologie ein Laberfach ist, meint Henrik, könne wirklich nur denken, wer keine Ahnung hat.
Warum das Fach trotzdem unter diesem Ruf leidet, erklärt Amélie Mummendey: »Jeder Mensch ist Sozialpsychologe«, eröffnet die Professorin ihre Vorlesung. »Nehmen Sie an, im Bus setzt sich ein komischer Typ Ihnen gegenüber. Sie machen sich Gedanken, bilden eine Theorie - schon sind Sie psychologisch tätig.«
Der Küchenpsychologe kommt jedoch oft zu Fehleinschätzungen. »Das Kapital des Profis ist seine Methodenkompetenz. In der Wirtschaft ist das oft gefragter als Kenntnisse im Handelsrecht«, trichtert Mummendey den Anfängern im Hörsaal ein und gibt ein Beispiel: Auf die Frage: »Haben Sie was gegen Ausländer?«, werde kaum jemand eine ehrliche Antwort geben. Um herauszubekommen, ob in einer Wohngegend fremdenfeindliche Einstellungen vorherrschen, ließen Forscher in Telefonzellen frankierte Briefe liegen, teils mit einheimisch klingenden Adressaten und Absendern, teils mit fremdländischen. Am Ende hatten deutlich mehr Telefonzellenbesucher »einheimischen« Absendern den Gefallen getan, den verlorenen Brief einzuwerfen.
Exaktere Antworten verlangt die Biopsychologie auf ihre Fragen: Wie funktionieren Nervensystem, Sinnesorgane und der Stoffwechsel? Wie fühlt, denkt, lernt oder kommuniziert der Mensch?
Als Wilhelm Wundt 1879 in Leipzig das weltweit erste Institut für experimentelle Psychologie gründete, glaubten seine Kollegen, der berühmte Naturwissenschaftler werde in ein paar Jahren die menschliche Psyche erforscht haben. Heute ahnen Wundts Erben, dass sie dieses Ziel wohl nie ganz erreichen werden.
»Ihr Neocortex enthält 10 bis 20 Milliarden Neuronen und Ihr Kleinhirn noch mal so viel«, rechnet Stefan Kölsch den Anfängern im Hörsaal 18 vor. »Bei 1000 Synapsen pro Neuron übersteigt die Zahl der Verschaltungsmöglichkeiten in Ihrem Kopf wahrscheinlich die Anzahl der Atome des Universums.«
Raunen geht durch den Saal, ein Anflug von Verzweiflung. »Was ist ein Neocortex?«, fragt jemand. Kölsch, nach ein paar Semestern in Harvard nun mit 32 Jahren ans Leipziger Max-Planck-Institut berufen, ist sich dessen bewusst, dass am Ende nur eine kleine Gruppe den Neurowissenschaften treu bleiben wird: »Das ist was für Idealisten.«
In Leipzig ist die Psychologie den Naturwissenschaften zugeordnet. Anderswo, etwa in Jena, gehört sie zu den Geistes- und Sozialwissenschaften. Um aus etwa 50 Studienorten den richtigen auszuwählen, ist es gut, so etwas vorher zu wissen. Anika Scheube etwa wechselte von Potsdam über, weil die klinische Psychologie in Leipzig mit ihrer gediegenen diagnostischen Ausbildung einen guten Ruf genießt - für Karrieristen trotzdem kein gutes Sprungbrett: Im Krankenhaus machen die mächtigen Mediziner den Psychologen häufig ihren Kompetenzbereich streitig.
Dennoch sehen hier viele ihre Zukunft als Kliniker. So ist kein Platz mehr frei im Seminarraum 12: Harry Schröder führt in die Gesundheitspsychologie ein. Heute geht es um die subjektiven Seiten des Krankseins bei Krebspatienten: »Wie nehme ich einem Kranken seinen Ekel vor Essen? Wie kann ich sein Schmerzerleben beeinflussen?«
Der Professor, der selbst mit Krebskranken arbeitet, beschreibt, wie die Krankheit Integrität und Würde des Patienten angreift. Wer in solche Themen eintaucht, für den kann das Studium doch noch sehr persönliche Erfahrungen bereithalten. Scheube, 23, hat eine Ferienfreizeit für Geschwister von krebskranken Kindern mitgemacht. Jetzt untersucht sie in ihrer Diplomarbeit deren Ängste und Aggressionen, aber auch die Energien, die solch eine schlimme Situation bisweilen freisetzt. »Ich habe doch viel über mich selbst gelernt«, meint Scheube, »nicht in Vorlesungen, aber in den Praktika.«
Wie Scheube sind viele Kommilitonen unzufrieden damit, dass ganzheitliche Ansätze im Studium manchmal weniger Wertschätzung genießen als der biologistisch-zergliedernde Blick auf den Menschen, etwa, wenn Psychologen die Gefühlswelt mit Reaktionszeitmessungen erkunden.
Theda Ohlenbusch schreckt das wenig. Ein Bündel Kabel mit EEG-Elektroden in der Hand des Dozenten weckte ihren Forschergeist. Jetzt sitzt Ohlenbusch, 26, im Zimmer ihres Profs und bespricht mit Erich Schröger ihre Diplomarbeit: »Behaviourale und elektrophysiologische Distraktionseffekte bei Musikern und Nichtmusikern«. Welche Elektroden soll sie für die Reaktionszeitmessungen verwenden? Wie sind die Standardreize definiert?
Am Ende könnten die Messungen zeigen, ob bestimmte Strukturen im Arbeitsgedächtnis bei Musikern besser ausgebildet sind. Wenn ja, hofft die Amateurmusikerin, könnte das ein Argument für mehr Schulmusik sein. »Aber das ist Grundlagenforschung, von der Praxis meilenweit entfernt.«
Ohlenbuschs Kommilitonin Daniela Sammler, 24, testet, wie Emotionen im Gehirn freigesetzt werden, wenn sie Probanden etwas Heiteres von Bach oder Schwermütiges von Dvorák präsentiert.
Im ersten Semester, erinnert sich Sammler, hatte sie »die klassische Vorstellung von der Couch im Kopf. Menschen helfen war mir wichtig«. Jetzt, nach etlichen Semestern Neuroforschung, erinnerte sie sich wieder an ihren anfänglichen Impuls für die Studienfachwahl. Bei Sprachtests mit hirngeschädigten Schlaganfallpatienten und Unfallopfern merkte sie: Um Menschen unter solchem Leidensdruck fördern zu können, braucht sie wiederum psychologisches Einfühlungsvermögen. »Mein Wunsch, Menschen zu helfen, wird sich doch erfüllen«, sagt Sammler, »wenn auch ganz anders, als ich mir das anfangs vorgestellt hatte.«
* Bei einem EEG-Test.