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DIE JOBKRISE BEDROHT AUCH IMMER MEHR UNI-ABSOLVENTEN. DOCH ES GIBT NOCH ATTRAKTIVE NISCHEN AUF DEM ARBEITSMARKT.
• aus UNI SPIEGEL 6/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die neue Firmenzentrale der Boston Consulting Group (BCG) in München gleicht eher dem Foyer eines Luxushotels. An der Rezeption in der imposanten Atriumhalle nehmen zwei freundliche Damen den Gast in Empfang. Vorbei an einer schicken Cafeteria geleiten sie ihn zu gläsernen Aufzügen, die in die hypermodernen Büros und auf die Dachterasse mit Blick über die bayerische Metropole führen.

Etliche Büros in dem edlen Bau warten noch auf adäquate Besetzung: Die renommierte Consultingfirma will allein im kommenden Jahr bis zu 150 Hochschulabsolventen anwerben. Eine Chance haben laut BCG-Geschäftsführer Martin Koehler allerdings nur Einserkandidaten. »Außerdem«, erläutert der Topberater die Unternehmensphilosophie, »sollten die Bewerber ihren Horizont über das rein Fachliche hinaus durch Auslandserfahrung oder soziales Engagement erweitert haben.«

Wer einen der begehrten Jobs ergattert, kann sich glücklich schätzen. Die meisten Normalstudis können von einer Karriere bei hochkarätigen Unternehmen wie BCG zurzeit nur träumen.

Jahrzehntelang galt ein akademischer Abschluss in Fächern wie Betriebswirtschaft, Informatik oder Jura als Eintrittskarte in die schöne neue Arbeitswelt der »High Potentials«, die schnellen beruflichen Aufstieg, üppige Einkommen und gesellschaftliche Anerkennung versprach. Bis vor zwei Jahren, dem Höhepunkt des Booms in der Telekommunikation, im Internet oder am Neuen Markt, zahlten Unternehmen wie etwa der Mobilfunkanbieter Viag Interkom oder die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG sogar Kopfprämien bis zu 20 000 Mark für die begehrten Nachwuchskräfte.

Aus und vorbei. Seit selbst Großunternehmen wie die Deutsche Telekom oder Bayer Tausende von Stellen abbauen, machen die Jungakademiker persönliche Bekanntschaft mit dem Phänomen Arbeitslosigkeit, das sie bisher allenfalls als Seminarthema zu behandeln hatten. »Der >war for talents< ist fürs Erste vorbei«, konstatiert der Düsseldorfer Personalberater Hubert Johannsmann.

Allein seit September vergangenen Jahres ist die Zahl jobsuchender Akademiker in Deutschland um mehr als 40 000 auf über 220 000 Bewerber gestiegen. Mit einer Arbeitslosenquote von rund vier Prozent liegen die studierten Berufsanfänger zwar noch immer deutlich unter dem allgemeinen Schnitt. Für die Betroffenen ist das jedoch nur ein schwacher Trost. »Ich wäre froh, wenn ich überhaupt Bewerbungen schreiben könnte«, erzählt die Kölner Biologin Astrid Martens, 32, »aber in meiner Branche gibt es so gut wie keine Stellenangebote mehr.«

Notgedrungen absolvierte die Naturwissenschaftlerin ein Praktikum bei der Wissenschafts-Pressekonferenz in Bonn - ohne Salär. Doch nun ist sie, ein Jahr nach erfolgreicher Promotion, erneut auf Jobsuche. »Die Firmen stellen, wenn überhaupt, nur noch Leute mit Berufserfahrung ein«, klagt sie, »doch wo soll ich die hernehmen ?«

Auch der Allendorfer Diplom-Politologe Tuncay Öztürk, 26, der sein Studium in Marburg vergangenen Mai abschloss, fühlt sich um seine Zukunftschancen betrogen. »Als ich mit meiner Ausbildung anfing, hieß es, die Berufsaussichten in der Medienbranche wären gar nicht so schlecht«, erinnert er sich. Nach gut einem Dutzend Absagen von Verlagen und PR-Agenturen liegt er nun seinem Vater, einem Gießereiarbeiter, auf der Tasche. »Die geistige Elite zum Nichtstun zu verdonnern«, meint der Sohn, »ist für die künftige Entwicklung Deutschlands katastrophal.«

Beide Hochschulabsolventen gehören zu Berufsgruppen, die durch die aktuelle Wirtschaftsflaute besonders stark gebeutelt sind. Doch auch Juristen und Betriebswirte, deren Abschlüsse noch vor kurzem als Lizenz für eine steile Karriere galten, tun sich bei der Jobsuche zunehmend schwer (siehe Grafik).

Noch bis Mitte der neunziger Jahre galt der Öffentliche Dienst als Hauptabnehmer für Jura-Absolventen. Vor allem in den neuen Ländern fanden Hunderte von Juristen attraktive Stellen als Berater und Richter. Auch die Industrie buhlte um junge Rechtswissenschaftler, die bei Börsengängen oder Fusionen dringend gebraucht wurden.

Doch seit die Börsenblase geplatzt ist und in der Industrie eine ungeahnte Pleitewelle grassiert, gibt es allenfalls für Insolvenzexperten reichlich zu tun. Bei den großen Wirtschaftskanzleien kommen nur noch Absolventen unter, die ein Prädikatsexamen vorweisen können. Doch das sind gerade mal 10 bis 15 Prozent eines Jahrgangs.

Schlimmer noch als die Juristen hat es die Betriebswirte erwischt: Allein in den ersten neun Monaten des Jahres, hat die Bonner Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) der Nürnberger Bundesanstalt errechnet, sank die Zahl der angebotenen Jobs um ein Drittel. Gefragt sind, wenn überhaupt, nur noch Examenskandidaten mit dem Schwerpunkt Marketing, Vertrieb oder Controlling.

Fachkenntnisse allein, das musste auch der Münchner Diplomkaufmann Matthias Petzold, 29, erkennen, reichen schon lange nicht mehr aus, um bei seiner Wunschfirma zu landen. Der Logistikexperte hat sein Studium an der Universität Paderborn mit einer Zwei abgeschlossen - und kassiert auf seine Bewerbungen trotzdem nur Absagen. »In der gegenwärtigen Krise werden kaufmännische Führungsaufgaben von den Ingenieuren einfach miterledigt«, musste der Berufseinsteiger frustriert feststellen.

Dass er als Althumanist Griechisch und Latein beherrscht, entlockt potenziellen Arbeitgebern zumeist nur ein müdes Lächeln. Nun schaltet er selbst Anzeigen: »Junger Dipl.-Kfm su. Einstiegspos., bundesweit flexibel«.

In ihrer Not klicken die Jungakademiker häufig bekannte Internet-Portale wie Monster.de, Westerwelle.de, Jobpilot oder Stepstone an. »Finden Sie den Job Ihres Lebens« oder »direkt zum Traumjob«, werden die Ex-Studis dort hofiert. Der Hamburger Jobberater Westerwelle, der mit dem FDP-Chef nicht nur den Namen, sondern auch die Vorliebe für vollmundige Ankündigungen teilt, verspricht: »Wir begleiten Sie vom Hörsaal bis in den Chefsessel.«

Doch die marktschreierischen Parolen stehen zuweilen in krassem Gegensatz zu den Vermittlungserfolgen. »Wenn ich als Berufsbezeichnung >Politologe< eingebe«, ärgert sich der Allendorfer Berufsanfänger Öztürk, »ist das Angebot zumeist gleich null.«

Ähnlich niederschmetternde Erfahrungen hat der Wuppertaler Diplom-Ingenieur André Streu mit dem neuen Suchmedium gemacht. »In meinem Bereich werden oft nicht einmal Traineeprogramme angeboten«, rügt der Elektronik- und Automatisierungsexperte. Wird er von der Personalabteilung eines Unternehmens doch einmal aufgefordert, die Bewerbungsmappe einzureichen, erhält er die Unterlagen meist schon nach kurzer Zeit wieder zurück. »Die Fachabteilungen nehmen in der Regel eben doch lieber Bewerber mit längerer Berufserfahrung, weil sie sich so die Kosten für die Einarbeitung sparen.«

Glaubt man Willi Fuchs vom Verein Deutscher Ingenieure (VDI), kann Streu sich trotzdem noch glücklich schätzen. Der Internet-Fan gehört zu einer Berufsgruppe, die nach Ansicht des VDI-Direktors trotz der Konjunkturschwäche noch die besten Chancen auf einen Job hat. »Vor allem bei mittelständischen Unternehmen«, rät er Berufsanfängern, »werden noch immer Elektrotechnik- oder Maschinenbauingenieure gesucht.« Gute Beschäftigungsmöglichkeiten böten auch neue Geschäftsfelder wie die Laser- oder Glasfasertechnik.

Wenig Sorgen um ihre Zukunft müssen sich offenbar auch voll ausgebildete Diplom-Informatiker machen. »Die hohe Zahl der in der Statistik ausgewiesenen Arbeitslosen täuscht«, meint Cornelia Winter von der Gesellschaft für Informatik, »weil dort auch angelernte Quereinstieger verzeichnet sind.« Wer sich für das schwierige Studium entscheidet und bis zum Ende durchhält, kann fast immer mit einer Festanstellung rechnen, berichtet die IT-Expertin: »Die Zahl arbeitsloser Informatiker können Sie an zwei Händen abzählen.«

Heiß begehrt könnten schon bald auch wieder angehende Lehrer sein. Ein Großteil der Pädagogen geht - Durchschnittsalter 47 Jahre - in den nächsten Jahren in Pension. »Sie suchen einen Beruf mit Zukunft?«, wirbt schon jetzt der Berliner Bildungssenator Klaus Böger um Kandidaten für Jobs im Klassenzimmer: »Dann werden Sie Lehrer oder Lehrerin.«

Noch größer könnte demnächst der Mangel an approbierten Ärzten werden. Schon jetzt meidet ein Großteil der Mediziner die kärglich bezahlten Knochenjobs in den Krankenhäusern und entscheidet sich stattdessen für eine Beschäftigung in der Pharmazie oder Medizin-Informatik. Hält der Trend an, droht nicht nur in den neuen Bundesländern, sondern auch im Rest der Republik eine akute Unterversorgung der Patienten. »Durch die geplante Nullrunde der Bundesregierung«, kritisiert der Sprecher der Bundesärztekammer, Hans-Jörg Freese, »verliert der Beruf künftig eher noch weiter an Attraktivität.«

Neuere Untersuchungen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) oder der Lehrergewerkschaft GEW haben ergeben, dass ähnliche Engpässe demnächst auch in anderen Einsatzbereichen von Universitäts- oder Fachhochschulabgängern drohen. Bis 2010, prognostizieren die GEW-Experten, fehlen in Deutschland bis zu einer viertel Million neu ausgebildeter Akademiker.

Hauptgrund für die schon jetzt absehbare Malaise ist nach Erkenntnissen der OECD die Bildungsmüdigkeit vieler Jugendlicher, die lieber eine Facharbeiterlehre absolvieren, als sich fünf Jahre lang an überfüllten Hochschulen duchzuschlagen. Während in Großbritannien, Japan oder den USA immerhin jeder dritte junge Mensch einen Universitätsabschluss erwirbt, sind es in Deutschland nur 19 Prozent eines Altersjahrgangs. »Alle verfügbaren wissenschaftlichen Arbeitsmarktprognosen deuten darauf hin«, bekräftigt auch Manfred Bausch von der Bonner ZAV, »dass langfristig die Nachfrage nach Personal mit Hochschulausbildung zu Lasten von geringer Qualifizierten wieder ansteigen wird.«

Den Jobsuchenden von heute nutzt das wenig. Arbeitsmarktexperten empfehlen Berufseinsteigern deshalb, sich verstärkt bei kleineren und mittelgroßen Unternehmen zu bewerben. Sie bieten zwar oft nicht so gute Gehälter und Aufstiegschancen wie Großkonzerne, dafür aber mehr Handlungsfreiheit und kürzere Entscheidungswege.

Wer sein Glück trotzdem bei begehrten Großkonzernen wie Siemens, Lufthansa oder BMW versuchen will, sollte zunächst die hauseigenen Internet-Seiten und Jobportale anklicken. Der Autobauer BMW schreibt schon jetzt sein gesamtes Stellenangebot mit Ausnahme der Führungskräftepositionen zuerst im Netz aus. Auch die Lufthansa, die im nächsten Jahr 600 Jungakademiker einstellen will, darunter allein 100 Ingenieure, nutzt vorwiegend ihr Karriereportal »Be-Lufthansa.com«, um die Bewerber auszuwählen.

Selbst der Siemens-Konzern, der vor allem in den Kommunikationssparten kräftig Stellen abbaut, bietet hochkarätigen Hochschulabsolventen Einstiegschancen - und rekrutiert Kandidaten ebenfalls bevorzugt über seine Website »Siemens.de/career«. Im soeben angelaufenen Geschäftsjahr will der Elektromulti rund 1600 Nachwuchskräfte einstellen, drei Viertel der Stellen sind auch dort Ingenieuren vorbehalten.

Die Anforderungen sind allerdings hoch. »Mit einer Vier im Examen kriegen Sie bei uns Probleme«, meint Eric Hampe, Chef der Recruiting-Abteilung Deutschland, diplomatisch. Gute Karten hat zudem, wer bei dem Konzern schon einmal als Werkstudent gearbeitet hat, mehrere Fremdsprachen oder Auslandserfahrung vorweisen kann.

Die aufregendsten Jobs hat zurzeit ein Arbeitgeber zu bieten, der seinen Nachwuchs bislang eher im Verborgenen rekrutierte und seit kurzem in der Öffentlichkeit um hochklassige Kandidaten wirbt - der Bundesnachrichtendienst (BND) in Pullach bei München. Wer das Schlapphut-Image der Behörde nicht scheut, bekommt unter der Internet-Adresse »www.bundesnachrichtendienst.de« einen ersten Eindruck, wie viele Fachabteilungen der Geheimdienst inzwischen unterhält. Gesucht werden neben Russisch-Dolmetschern, Luft- und Raumfahrttechnikern oder Software-Ingenieuren aktuell auch Politologen und Wirtschaftswissenschaftler.

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