VERBRECHEN Unglaublich real
Gebraucht wurde ein passendes Opfer. Wie muss einer aussehen, der seine Menschenwürde wegwirft, sich schlachten und anschließend aufessen lässt wie ein Tier? Der in ein marodes Gutshaus fährt, sich das Geschlechtsteil abtrennen lässt, um es gemeinsam mit seinem Peiniger zu verspeisen?
Das Bild des Bernd Jürgen B. war schnell gezeichnet.
Das Opfer des »irren Menschenfressers« von Rotenburg hatte »nicht nur Vorlieben für perverse Sexspiele«, der Computerspezialist ließ sich zudem auspeitschen und mit Gewichten quälen; selbst »Sex mit Urin und Exkrementen« war für ihn »kein Tabu«. Bei ständigen nächtlichen Streifzügen durchs Berliner Strichermilieu hatte sich der »Sklavenhund« »möglicherweise mit Aids infiziert«, Befriedigung konnte er nur in »Demütigungen« finden, bis hin zur »extremsten Unterwerfung«.
So erschien der gewollte, qualvolle Tod eines Menschen nur konsequent - Mord durch einen Kannibalen, erzogen von einer »Todes-Hexe«.
Aus Aussagen der Nachbarn, angeblicher Freunde und einer Heerschar anonymer Informanten speiste sich jenes reale Horrormärchen, das den Rahmen bisher bekannter Fiktion zu sprengen drohte. Im Schwarz-Weiß der Schlagzeilen stanzte sich Deutschland eine jener Geschichten zurecht, die moderne Gesellschaften von Zeit zu Zeit brauchen, um zu wissen, woran sie mit sich sind.
Ähnlich wie im Todesfall des kleinen Joseph in Sebnitz war der Pakt zwischen Medien und Publikum denkbar einfach: Mit dem Alibi einer Tat, deren Anatomie »einzigartig in der Kriminalgeschichte« ist, wurde nur zu gern geglaubt, was besonders unglaublich klang.
Doch das ist zu einfach.
»Das Einzige, was stimmt, ist Bernds Name«, sagt Bettina L. zur Berichterstattung über ihren früheren Lebensgefährten und besten Freund, der in ihren Augen mit jeder Headline ein Stück mehr entmenschlicht wird. Auch die Ermittlungen der Polizei über den Tathergang decken sich nicht mit den Mutmaßungen.
Die Anwaltsgehilfin und der Computerexperte lernten sich im Oktober 1996 kennen, verliebten sich ineinander und zogen ein halbes Jahr später zusammen.
»Lieb, verantwortungsbewusst und sofort da, wenn man ihn brauchte«, so beschreibt L. Bernds Persönlichkeit. »Ein Kuscheltyp«. Nächtelang haben die beiden geredet, Musik gehört und Wein getrunken, bis Bettina eines Tages merkte: »Scheiße, du liebst diesen Mann über alles.«
Der Alltag, den das Paar in der gemeinsamen Wohnung in Berlin-Tempelhof verbrachte, hatte die Leichtigkeit einer sorglosen Normalität zwischen Gleitzeitarbeit, abendlichem TV-Programm und gelegentlichem Essengehen beim Chinesen. Im Urlaub zogen sie durch Floridas Freizeitparks, unbeschwert »wie große Kinder«. Selbst nach der Trennung blieb eine herzliche Freundschaft: »Wir konnten über alles reden, hatten Schlüssel für die Wohnung des anderen und keine Geheimnisse.«
So erzählte Bernd Jürgen B. seiner Freundin auch, dass er sich in einen Mann verliebt habe. Das Coming-out sei weder besonders spektakulär noch anrüchig in irgendeiner Form gewesen.
Bernd sei offen mit seinem Schwulsein umgegangen, habe seinen damaligen Partner auf der Straße geküsst und sich eine Regenbogenfahne aufs Auto geklebt.
Bernd schien glücklich mit seinem neuen Leben zu sein - und betrachtete die Tatsache, schwul zu sein, mitunter mit einer Portion Selbstironie. »Er hatte einen Heidenspaß daran, im Fitnessstudio als einziger Mann in der Frauen-Stepp-Gruppe mitzumachen«, erzählt Bettina, »und die Frauen fanden es cool, dass er sich das traut.«
Fast täglich telefonierten Bernd und Bettina miteinander und trafen sich häufig - bis im März vergangenen Jahres etwas scheinbar Belangloses passierte, das sich im Nachhinein als Indiz für eine Veränderung in Bernds Psyche erweisen könnte: Der zuverlässige, korrekte Freund vergaß Bettinas Geburtstag. Als sie ihn kurz darauf anrief, habe er sich knapp mit den Worten »Habe einfach zu viel Arbeit« entschuldigt.
Drei Tage später war Bernd Jürgen B. spurlos verschwunden. In der Nacht vom 9. auf den 10. März 2001 kam er einfach nicht nach Hause - etwas, was nach Angaben von Bettina L. nie zuvor geschehen sei. In seiner Wohnung fehlte nichts - nicht der Reisepass, keine Tasche, keine Zahnbürste. Er hatte lediglich etwas Geld, eine Armbanduhr und sein Siemens-Handy, mit dem man MP3-Musik abspielen konnte, mitgenommen.
»Auch dass er seine Sachen verkauft hat, stimmt nicht«, sagt Bettina L. Sein altersschwaches Auto habe er bereits ein knappes Jahr vor seinem Verschwinden weggegeben, für eine symbolische Mark. Das angeblich kurz zuvor gemachte Testament sei nach Polizeiangaben schon im Januar aufgesetzt worden.
Auch der private Computer des Siemens-Ingenieurs enthielt nichts auch nur annähernd Verdächtiges. Lediglich auf Bernds Arbeitsstelle bei Siemens fehlte der Umschlag mit seinem neuen Computer-Passwort, das aus Sicherheitsgründen in regelmäßigen Abständen geändert wird.
Noch am Samstag, dem 10. März, schaltete Bernds Lebensgefährte die Polizei ein. Beamte des Landeskriminalamtes leiteten unter der Vorgangsnummer 010310/4776-1 eine Vermisstensache ein und fahndeten nach dem Computerexperten.
Am Handy meldete sich nur die Mailbox; eine der letzten Telefonnummern, die Bernd gewählt haben muss, gehörte einem Bekannten, der im März nach Kuba gereist war. War der 43-Jährige ausgebrochen? Hatte er sich in die Karibik abgesetzt? Weder Recherchen am Flughafen, noch in den Krankenhäusern führten weiter. Auch der anfängliche Verdacht der Polizei, Bernd könne Opfer eines Mordes aus Habgier geworden sein, erwies sich als falsch. Fahnder des LKA überprüften mit Leichenhunden, ob ein toter Mensch in Bernds Wohnung gelegen hatte - Ergebnis negativ. Auch winzige Blutpartikel im Badezimmer stammten wohl eher von einer Verletzung beim Rasieren.
Niemand in Bernds Berliner Umfeld wusste, dass der Computerspezialist zu diesem Zeitpunkt bereits in Kontakt zu dem Mann gestanden hat, der ihn später töten sollte. Bernds Entscheidung, sich umbringen zu lassen, muss, wenn überhaupt, äußerst kurzfristig gefallen sein.
Ein »Doppelleben über einen längeren Zeitraum« hält nicht nur Bettina L. für »undenkbar«. Auch die Ermittler gehen inzwischen fest davon aus, dass Bernd Jürgen B. bereits am Tag nach seinem Verschwinden ums Leben gekommen ist.
Von Berlin aus, so die Ermittlungen, sei er mit dem ICE nach Kassel-Wilhelmshöhe gefahren. Sein späterer Peiniger Armin M. habe ihn dort abgeholt und anhand eines Fotos erkannt, das Bernd Jürgen B. ihm zuvor elektronisch übermittelt habe.
Auf der knapp einstündigen Fahrt zum Gutshof in Rotenburg sollen die Männer die Einzelheiten der geplanten Tötung besprochen haben.
Im Fachwerkhaus habe B. dann Schlaftabletten eingenommen. Da die Wirkung ausblieb, habe man die Sache zunächst abgebrochen und sei zurück nach Kassel gefahren. B. hatte sich am Bahnhof bereits eine Rückfahrkarte gekauft, als er Armin M. kurz darauf mitgeteilt haben soll, dass er es doch noch einmal versuchen wolle.
Angeblich auf B.s Verlangen fuhren die Männer ein zweites Mal nach Rotenburg. In einer Apotheke kauften sie neue, stärkere Schlaftabletten. Gegen 18.30 Uhr sei es dann im Fachwerkhaus zu der Amputation des Geschlechtsteils gekommen.
Nach Aussagen von Armin M. habe Bernd Jürgen B. anschließend gebeten, ihn allein und unter Einfluss der Medikamente sterben zu lassen, bevor die geplante Schlachtung im eigens dafür hergerichteten Schlachtraum auf dem Dachboden stattfinden sollte.
Von 18.30 Uhr bis in die frühen Morgenstunden des nächsten Tages sei Bernd Jürgen B. auf Grund seiner Verletzung verblutet. Er habe von M. ausdrücklich verlangt, dass der keine Ambulanz alarmiere. Erst als Bernd Jürgen B. kein Lebenszeichen mehr von sich gegeben habe, so die Aussage von M., sei er zum angeblich erbetenen zweiten Teil der Tat - der Schlachtung vor laufender Kamera - geschritten.
Die Anzeige eines österreichischen Medizinstudenten, weitergegeben vom Bundeskriminalamt, brachte die hessischen Fahnder anderthalb Jahre später auf M.s Spur. Am 10. Dezember, gegen 9.00 Uhr, vollstreckten Beamte der Kripo Bad Hersfeld einen Durchsuchungsbeschluss wegen des Verdachts der Gewaltverherrlichung. Die Polizisten sicherten M.s Laptop sowie diverse CDs und nahmen M. zum Verhör mit, das bis gegen Mittag dauerte. Über die Tötung verlor der kein Wort.
Anschließend fuhr Armin M. zurück nach Rotenburg und vereinbarte einen Termin mit seinem Anwalt. Am Nachmittag stellte er sich freiwillig der Polizei, die ihn noch in der Kanzlei festnahm.
Bei weiteren Durchsuchungen im maroden Gutshof entdeckten die LKA-Fahnder B.s Siemens-Handy. Die Armbanduhr des Opfers soll Armin M. am Handgelenk getragen haben. Die Gegenstände und das Geld, erklärte M., habe ihm Bernd Jürgen B. vor seinem Tod geschenkt.
M. ist geständig und nach Ermittler-Angaben »kooperativ«; Indizien für weitere Taten hätten sich bisher nicht erhärten lassen. So gilt der Fall - zumindest kriminalistisch - weitgehend als geklärt.
Nachvollziehbare Motive für die Tat und eine Antwort auf die Frage, wie und warum sich so kurzfristig ein Abgrund in Bernd Jürgen B.s Seele auftun konnte, werden wohl immer im Dunkeln bleiben. SVEN RÖBEL, THOMAS HEISE