Verdächtig gezuckt - DER SPIEGEL
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TERROR Verdächtig gezuckt

Wie in einem Räuber-und-Gendarm-Spiel lockten die Amerikaner einen Scheich nach Frankfurt - um ihn als Bin-Laden-Helfer festnehmen zu lassen.
Von Georg Mascolo und Andreas Wassermann
• aus DER SPIEGEL 4/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Für den ersten Deutschland-Besuch der beiden Herren aus dem Orient hatte sich die Staatsmacht alle Mühe gegeben. Als deren Maschine aus dem jemenitischen Sanaa am Dienstagmorgen der vorvergangenen Woche auf dem Frankfurter Flughafen landete, wartete am Gate schon ein Glaubensbruder.

Nur ein paar Schritte von hier, ließ der Mann Scheich Mohammed Ali Hassan al-Muajjad und dessen Sekretär Mohammed Jahja Sajid wissen, seien im feinen Sheraton-Hotel Zimmer reserviert - ideal, sich von der anstrengenden Reise zu erholen.

Die beiden Jemeniten checkten dankbar ein. Aber mit der Privatsphäre war es nicht weit her. Das Bundeskriminalamt (BKA) und die amerikanischen Kollegen vom FBI hatten für eine Sonderausstattung der besonderen Art gesorgt. Hochempfindliche Wanzen zeichneten jedes Wort auf, eine Miniatur-Videokamera registrierte jede Bewegung. Das Telefon auf dem Nachttisch war angezapft, der gemietete Mercedes verwanzt.

Drei Tage später saßen der Scheich, den die USA beschuldigen, ein Finanzier der Qaida zu sein, und sein Begleiter in Untersuchungshaft. US-Justizminister John Ashcroft dankte der Bundesregierung für ihre Hilfe (SPIEGEL 3/2003). Die Frankfurter Justiz hatte genehmigt, was die Strafprozessordnung hergibt. Und die Amerikaner hatten die beiden Jemeniten mit einer heiklen Operation, wie sonst nur im Rauschgifthandel üblich, in die Falle gelockt.

Auf die Idee waren die US-Behörden offenbar nach Vernehmungen von jemenitischen Qaida-Gefangenen in Guantanamo Bay gekommen. Für die USA steht seitdem fest - so haben sie es den Deutschen mitgeteilt -, dass der Scheich sich vor den Anschlägen des 11. September mehrfach mit Bin Laden traf und ihn mit Waffen, Geld und Freiwilligen für seinen Kampf versorgte. Seit 1997 sei er einer der wichtigen Unterstützer des Terrorführers, der obendrein in ähnlicher Form der palästinensischen Hamas helfe.

Aber im Jemen war der Mann nicht aus dem Verkehr zu ziehen. Als Imam der Hauptmoschee in Sanaa und mächtiges Mitglied einer Oppositionspartei ist Scheich Muajjad zu Hause eine Größe.

So meldete sich bei dem Vater von sieben Kindern im vergangenen Dezember ein alter Bekannter, ein Landsmann, der es inzwischen zu einem amerikanischen Pass und einem Wohnsitz in New York gebracht hatte. Der Mann offerierte großzügige Unterstützung von wohlhabenden Glaubensbrüdern im Westen. Man verabredete ein Treffen in Frankfurt. Der Freund aus New York versprach, rechtzeitig Tickets und ein Handgeld für die Reise zu schicken. Auch um ein Hotel wolle er sich kümmern.

Der Scheich und sein Sekretär beantragten Visa bei der deutschen Botschaft in Sanaa. Die für Antragsteller aus dem Jemen inzwischen übliche Sicherheitsüberprüfung verlief negativ - die Europäer hatten von den beiden noch nie etwas gehört.

Kaum waren die Jemeniten in Frankfurt, präsentierte der Freund aus New York einen der angeblich so großzügigen Mäzene. Der stellte sich als Said Scharif vor. Der Scheich bat zunächst nur um Geld für seine Großbäckerei in Sanaa, die hungrige Bedürftige unterstützt. Scharif insistierte, ob der Scheich das Geld nicht bitte auch für etwas radikalere Zwecke nutzen könne, etwa für militante Gruppen, die gewaltsam gegen die USA vorgehen. Er habe nur gute Kontakte zur Hamas, antwortete der Scheich vorsichtig. Doch Scharif ließ nicht locker - ob nicht ein bisschen auch an al-Qaida fließen könne?

Irgendwie muss der Festgenommene da verdächtig gezuckt und sonderbare Andeutungen gemacht haben. Für das FBI steht jedenfalls fest, der Scheich habe durchblicken lassen, dass er auch Bin Ladens Truppe bedienen würde. Ob sich das aus den Gesprächen wirklich heraushören lässt, wird jetzt das Oberlandesgericht Frankfurt entscheiden müssen. Den Richtern liegt ein Auslieferungsersuchen der USA vor.

Selbst unter Sicherheitsexperten innerhalb der Bundesregierung wachsen inzwischen die Zweifel daran, ob die Festnahme des Scheichs tatsächlich ein durchschlagender Erfolg im Kampf gegen den islamistischen Terrorismus war. Auffallend schmallippig verweist man in Berlin darauf, dass es Sache der Amerikaner sei, Beweise vorzulegen. Das Justizministerium hat in Washington schon um beschleunigte Bearbeitung gebeten.

Denn so vorteilhaft das gemeinsame Räuber-und-Gendarm-Spiel für das schwer ramponierte deutsch-amerikanische Verhältnis war, so gefährlich hat es die Lage für die Deutschen im Jemen gemacht. Die Botschaft in Sanaa hat begonnen, nicht unbedingt notwendiges Personal und Familienangehörige nach Hause zu fliegen.

GEORG MASCOLO, ANDREAS WASSERMANN

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