leben ZIEMLICH ABGEDREHT
Ein Saftkarton hat den Filmdreh gerettet, aber das sieht ja später im Kino keiner. Die quaderförmige Packung mit einem Liter Apfelsaft baumelt fest gezurrt am hinteren Ende der Filmkamera als Gewicht, damit das Gerät nicht nach vorn über die Schulter von Kamerastudentin Yoliswa Gärtig, 27, kippt. Eine Notlösung, schließlich ist dies schon die dritte Kamera. Die erste war kaputt, die zweite passte nicht zum Monitor, die dritte ist nur etwas vorderlastig.
Ohne Improvisieren läuft kein Abschlussfilm von Filmhochschülern. Das Budget ist schmal, das Team besteht fast nur aus Studenten, alle unbezahlt. An allem wird gespart, an der Technik, am Team, am Essen, nur nicht an der Motivation. Wer umsonst arbeitet, will wenigstens gute Laune haben, vor allem, wenn die Kamera spinnt und alle genervt sind von der Warterei am Set.
Das weiß auch Produktionsleiterin Nina Knott, 26. Mit dem Kurzfilm »Jetlag« macht sie nach dreieinhalb Jahren an der Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) in Potsdam-Babelsberg ihr Diplom. Im Studium hat sie sich, wie es im Studienführer heißt, »produktionsorganisatorische Kenntnisse« angeeignet - wie man ein 42-köpfiges Team bei Laune hält, steht da nicht.
Altbauwohnung, Prenzlauer Berg, Berlin. Für zwei Drehtage ist dies die Wohnung von Belle, einer Webdesignerin, gespielt von der Schauspielerin Salome Noah. Belle hat am Flughafen den falschen Mann abgeholt, statt des neuen Mitbewohners sitzt nun der Globalisierungsgegner Sebastian, gespielt von Toks Körner, in ihrem Wohnzimmer, was zu Spannungen führt.
Um Viertel nach sieben beginnt die erste Probe, drei Stunden später der Dreh. Ein halbes Dutzend Leute turnt im Schlafraum herum, immer wieder müssen Requisiten umgeräumt, Kostüme zurechtgezupft, der Ton eingestellt, die Nasen der Darsteller nachgepudert werden.
Nach der zehnten Wiederholung einer Szene liegen bei manchem im Team die Nerven blank. Nur Nica Junker, Regiestudentin im siebten Semester, bleibt ganz gelassen. Es ist ihr dritter Film, und mit jedem, sagt sie, wird sie lockerer. Wenn das Team murrt, darf man es nicht überstrapazieren, gerade nicht am Anfang.
»Die ersten Tage sind die Hölle«, sagt Set-Aufnahmeleiter Michael Dorn. Gestern haben sie 16 Stunden gedreht, erlaubt sind höchstens 13. Einige im Team meckern schon, der Drehplan sei zu eng. Und überhaupt: Wo bleibt das Mittagessen? Es ist schon halb vier. Doch statt Lachshäppchen vom Catering-Service gibt's hausgemachte Schnittchen mit Gurke und selbst gebackenen Kuchen von der Oma der Regisseurin.
Produktionschefin Nina setzt sich mit dem 1. Aufnahmeleiter Bernd Reinink an den Küchentisch und macht mit ihm die Disposition für den nächsten Tag. Nicht alles lässt sich vorher planen, manchmal platzen längst erteilte Drehgenehmigungen, weil der Sachbearbeiter in der Straßenverkehrsbehörde plötzlich krank ist und sein Kollege von nichts weiß. Das Handy klebt fest am Ohr in diesen Tagen. Ganz schön viel Diplomarbeitsstress für die angehende Film- und Fernsehwirtschaftlerin. Natürlich hofft sie, dass der Film später nicht im Archiv der Potsdamer Hochschule verstaubt, sondern wenigstens mal auf Kurzfilmfestivals läuft.
Viele Träume verbinden sich mit der Filmerei. Studenten, die ihr Diplom machen, hoffen auf den Durchbruch, die Entdeckung oder einfach auf Geld für das nächste Projekt. Quereinsteiger, darunter auch viele aus anderen Fachrichtungen, sehen in solchen No-Budget-Produktionen ihre Chance beim Film.
Wie etwa Set-Runnerin Britta Schrader, 28. Morgens schmiert sie Brote fürs Team, nachmittags verteilt sie Schokolade und Bonbons, um alle bei Laune zu halten. Sie hat Deutsch und Geschichte studiert, wollte aber nicht sofort nach dem ersten Staatsexamen ins Referendariat, sondern »noch mal was ganz anderes machen«. Film hat sie gereizt, weil sie »Menschen für etwas begeistern möchte - ob als Lehrerin oder mit einem Film«. Die Dreharbeiten, findet sie, »sind wie eine Klassenreise«.
Regisseurin Junker will sich bei der Erzählweise ihres 17,5-Minuten-Films an Bildern des asiatischen Pop Cinema orientieren, etwa »Chungking Express« von Wong Kar-wai - sehr bunt, sehr surreal, gedreht mit unterschiedlichen Farbfiltern, extremen Schnitten und Lichtwechseln. Nach dem Dreh wird das Material im Studio in Babelsberg noch aufwendig nachbearbeitet, mit Videosequenzen, Comics, Stopptricks.
Für den Film hat die Filmhochschule 10 000 Euro bereitgestellt. Das ist ein No-Budget. Roland Emmerich verpulvert das Mehrfache an einem Drehtag. Trotzdem wird mit einem ziemlich großen Stab gedreht, darunter allein sechs Beleuchter, dazu Regieassistenten, Kameraleute, Tonmeister, Set-Runner, Leute für Maske, Kostüm und Szenenbild - die meisten sind Kommilitonen aus anderen Studiengängen der Filmhochschule.
»Bei einem Studentenfilm habe ich die Möglichkeit, mich auszuprobieren und einen eigenen Stil zu entwickeln«, sagt Nica Junker, »und ich darf mir auch mal Fehler erlauben.« Im Studium bleibt vieles theoretisch oder technisch, es sei denn so bekannte Regisseure wie Tom Tykwer oder Pepe Dankwart betreuen praktische Übungen.
Abfertigungshalle Flughafen Tempelhof in Berlin. Der Tag fängt ziemlich beschissen an. Der Fahrer vom Lkw mit der Technik hat verpennt und kommt eine Stunde zu spät. Aufnahmeleiter und Beleuchter haben nur ein paar Stunden geschlafen, warten und sind sauer. Auch Nina, aber sie sagt nur: »Das kann passieren.« Jetzt bloß kein Geschrei, kein Ärger, keine Hektik. Cheeeese! Britta kommt gleich wieder mit Keksen.
»Wir machen uns fertig zur Probe«, ruft Aufnahmeleiter Michael Dorn, »alle auf Anfang bitte.« Die Szene: Sebastian kommt an. Belle glaubt, er sei ihr neuer Mitbewohner und nimmt ihn mit. Zweimal müssen sie abbrechen, die Kamera läuft nicht, die Schauspieler kommen von der falschen Seite.
»Wir machen noch einen Take, reißt euch zusammen, wir haben nicht mehr viel Zeit«, mahnt Michael das Team. »Kamera ab?«, »Kamera läuft!«, »Ton ab?«, »Ton läuft!« »Klappe, Dreh 4b,1,6!« Nach etwa 30 Sekunden: »Danke, aus!«
WIE KOMME ICH ZUM FILM?
Hochschule für Fernsehen und Film München: www.hff-muc.de
Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf in Potsdam-Babelsberg: www.hff-potsdam.de
Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg: www.filmakademie.de Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin: www.dffb.de
Im Wintersemester 2001/2002 waren in den Fächern Film/Fernsehen 2244 Studenten eingeschrieben.
Literatur:
»Berufe in Film und Fernsehen": CD-ROM; W. Bertelsmann Verlag, Bielefeld 2001; 14,90 Euro.
Praktikumsplätze am Set gibt es in der Rubrik »Inserate« unter: www.dreharbeiten.de