Karpfen rot-weiß - DER SPIEGEL
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HAUSTIERE Karpfen rot-weiß

Europa im Koi-Fieber: In diesen Wochen kommt die neue Lieferung der Zierkarpfen aus Japan. 30 000 Euro kosten die prächtigsten Exemplare. Und Grätenbrüche werden vom Facharzt kuriert.
• aus DER SPIEGEL 6/2003
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Der Tag der Karpfen-Ankunft beginnt mit einer Katastrophe: Zwei der mit japanischen Schriftzeichen bedruckten Pappkartons sind zusammengedrückt und von Wasser durchweicht. Der nahezu leblose Inhalt: jeweils ein Fisch im Wert von 3500 Euro.

Ein grüngelber, 70 Zentimeter langer »Midorigoi« und ein »Sanke« - weiß mit roten und schwarzen Flecken - liegen, kaum noch von Wasser bedeckt, in den Kisten und pumpen schwer mit den Kiemendeckeln. Schnell schneidet Bernhard Kaufmann die Fische aus den geplatzten Plastiksäcken. Dem Koi-Händler aus Klingnau an der deutsch-schweizerischen Grenze ist die Spannung anzusehen. »Diese Tiere waren 36 Stunden im Flugzeug unterwegs«, sagt der Schweizer. »Das zerrt jedes Mal wieder an den Nerven.«

Willkommen in der wunderlichen Welt der japanischen Koi, einer Welt, in der Fische nicht nur Fische sind, sondern Gefährten fürs Leben. Runde Karpfenmäuler sind hier zum Küssen da. Stimmt der Härtegrad des heimischen Teichwassers nicht, hängt der Haussegen schief. Kippt das Flossentier gar schwächlich auf die Seite, wird der Facharzt gerufen.

Nicht Karpfen blau, sondern Karpfen rot-weiß - so die Färbung des »Kohaku«, des Klassikers unter den Koi - heißt die Leidenschaft in Europas Gartenteichen. Ungewöhnlich sensibel, ungewöhnlich groß, ungewöhnlich schlau und ungewöhnlich teuer sind die Tiere. In Japan können Spitzen-Koi 13 Millionen Yen (100 000 Euro) kosten. Bis zu 30 000 Euro zahlen europäische Fisch-Liebhaber für besonders schöne Exemplare. Auch Superstar-Fahnder Dieter Bohlen ist stolzer Koi-Besitzer. Bei »Queen«-Sänger Freddy Mercury schwammen sogar 89 Stück im eigens angelegten japanischen Garten.

Jetzt, im Winter, ist Hochsaison für die Koi-Gemeinde. Gerade ist die jährliche Lieferung Frischfisch aus Japan eingetroffen. »Das Interesse ist riesig«, freut sich Kaufmann. 303 der wuchtigen Karpfen sind am Morgen in Klingnau per Luftfracht angekommen. Am Abend sollen nochmals 74 Stück Lebendfracht geliefert werden. Dann erwartet Kaufmann 230 seiner Kunden zum »Koi-Event«, der jährlichen Fischbeschau der Karpfen-Fans.

Hiroschima, Japan, drei Wochen zuvor: Kentaro Sakai, 28, greift wortlos zum Käscher. Zielsicher treibt er einen »Kohaku« in eine Auffangschüssel. »Ich kenne seine Blutlinie«, sagt er zufrieden.

Der Japaner ist Koi-Züchter aus Familientradition. Seit über hundert Jahren handeln die Sakais mit den Fischen, die in Japan erstmals um das Jahr 1000 nach Christus aus normalen Karpfen herausgezüchtet wurden. Über 130 Varietäten gibt es heute. Die Sakai-Farm ist einer der angesehensten Zuchtbetriebe Japans. 160 Teiche bewirtschaftet die Familie. Jahr für Jahr heben sie neue Becken im fruchtbaren Tonboden der Bergtäler aus: Denn das Geschäft mit Koi boomt. Rund zwei Drittel der Fische züchtet Sakai für den Export, vor allem nach Europa und Südostasien.

Ab September, bevor es in den Bergen kalt wird, treffen die Großkunden ein. Dann werden die Außenteiche geleert und die Koi in überdachten Zuchtbecken weiter gepäppelt. Auch Koi-Händler Kaufmann ist in dieser Saison nach Hiroschima gekommen. Was er an Sakai besonders schätzt: Kein Züchter sondert die Tiere strenger aus als diese Farm. Von zwölf Millionen Koi-Larven dürfen pro Jahr nur die besten 200 000 überleben. Das letzte Urteil über Tod und Leben fällt meist Kentaros Onkel: Stundenlang hockt er am Becken und sortiert die weniger prächtigen Exemplare aus. Sie enden als Fischfutter.

Kaufmann ist mit dem Koi-Großhändler Uwe Knoblauch unterwegs. Jeden Mittag müssen die beiden zwei Stunden lang mit den japanischen Züchtern speisen. Abends steht Karaoke auf dem Programm. Der Lohn des Gastfreundschafts-Marathons: Fische, die in Europa Spitzenpreise erzielen.

Zwei »Tancho« - Stückpreis bis 5800 Euro - hat Kaufmann beispielsweise eingekauft; ein roter Kreis auf der weißen Stirn dieser Fische erinnert an Nippons Sonnenbanner. Auch 21 »Kohaku« und 10 große »Sanke« sind dabei, das Weiß »so weiß wie frisch gefallener Schnee« (Kaufmann). In doppelten, mit Sauerstoff gefüllten Plastiksäcken werden die Tiere bald ihre Reise nach Europa antreten. Nicht viel länger als 48 Stunden darf die Karpfen-Odyssee um die halbe Welt dauern. Beim Transport kommt es daher auf nahtlose Logistik an: Der Flug führt über Singapur, wo die Koi über Nacht klimatisiert gelagert werden. Dann geht es weiter zu Kaufmanns Koi-Farm nach Klingnau.

Dort wartet bereits die Kundschaft. Aus Deutschland, der Schweiz, Frankreich, Liechtenstein und Österreich haben sich Besucher für Kaufmanns »Koi-Event« angekündigt. »Koi-kichi«, Karpfen-verrückt, nennen sie sich selbst. Für Liebhaber sind die Fische pure Leidenschaft.

Paul Buser aus dem schweizerischen Gipf-Oberfrick etwa ist einer von denen, die sich den Tag freigenommen haben, um Kaufmanns Neuzugänge in Augenschein zu nehmen. 30 Koi nennt Buser bereits sein Eigen. Daheim kann er sie direkt vom Frühstückstisch aus im Indoor-Teich betrachten. Fünf verschiedene Filterstufen für das Teichwasser hat Buser im Keller installiert. Die Wassertemperatur liegt konstant bei 20 Grad. Nitritgehalt und Wasserhärte überwacht der Chemiker penibel.

Die Fische danken es ihm: Viele der Tiere erkennen Buser am Schritt und kommen sofort angeschwommen, wenn er sich dem Teich nähert. Lieblings-Koi »Veronika« - benannt nach Busers Frau - ist schon 30 Jahre alt. »Irgendwann gehören die Fische zur Familie«, bekennt der Koi-Enthusiast: »Wenn ich mich eine Stunde zu den Koi setze, ist das wie eine Woche Urlaub.«

Oder Ehepaar Widmer aus dem schweizerischen Gockhausen: In Widmers sorgsam angelegtem Gartenteich mit Unterwasserscheinwerfern, Holzbrücke und Fischreihern aus Gusseisen tummeln sich Dutzende der wertvollen Karpfen. Die kostbarsten Exemplare sind über den Winter in einem Bassin mit wärmerem Wasser im Keller untergebracht. Einen Teil der Garage haben Widmers als Krankenlager für parasitengeplagte Fische freigeräumt. Dafür mussten sie sogar eines ihrer drei Autos abschaffen.

»Wenn wir Ehestreit haben, dann nur wegen der Fische«, witzelt Fritz Widmer. Sehr zahm und gesellig seien die Tiere, schwärmt der emeritierte Professor für Verfahrenstechnik - aber auch anspruchsvoll. Ehefrau Marisa hat eines der Tiere besonders ins Herz geschlossen: »Das ist der erste Fisch, der eingeäschert wird, wenn er mal stirbt.«

Für die Tierärztin Sandra Lechleiter aus Stuttgart sind derlei Liebesbekenntnisse Alltag. Sie hat sich auf die exotischen Flossenträger spezialisiert. »Eine persönliche Beziehung zu den Tieren ist unvermeidlich«, sagt Lechleiter. »Viele meiner Kunden schmusen mit ihren Fischen und freuen sich, wenn die an ihren Füßen rumschnullern«, so die Tierärztin.

Lechleiter kümmert sich um die Wehwehchen der Luxusfische. Hautinfektionen desinfiziert sie mit Wasserstoffperoxid. Zur Wundabdeckung dient Haftsalbe aus der Hundezahnmedizin. Schwächelt der teure Karpfen, spritzt sie Echinacea als Immunstimulanz.

Auch in schwereren Fällen greift die Tierärztin ein. Grätenbrüche von Flossenstrahlen etwa werden geschient. Selbst CT-Aufnahmen - Kosten: 500 Euro pro Tomogramm - fertigt Lechleiter bei Bedarf an. Die Patienten werden dazu betäubt und außerhalb des Wassers behandelt.

Verletzung, erklärt Lechleiter, drohe den Tieren allenthalben. Blitzschlag im Gartenteich, Sauerstoffnot durch ausgefallene Pumpen und Angriffe durch Katzen oder Fischreiher nennt die Fisch-Doktorin als Ursachen für Koi-Notfälle. Manchmal indes kommt jede Hilfe zu spät. Über hundert der »sauteuren« Karpfen hat etwa Dieter Bohlen schon an den »Scheiß-Fischreiher« verloren. Auch im Fall jener Fischdiebe, die vergangenes Jahr im südpfälzischen Arzheim einen Koi-Teich plünderten, war jeder Reanimationsversuch für die Tiere zwecklos: Offenbar unwissend um den Wert der Karpfen, nahmen die Diebe die Fische kurzerhand aus, um sie später zu essen.

In Kaufmanns Klingnauer Koi-Farm ist mit schweren Unfällen nicht zu rechnen. In schmucklosen, aber funktionellen Becken bietet der Händler seine Fische feil. Nachdem Sandra Lechleiter die japanischen Neuzugänge auf Kiemen- und Hautsaugwürmer untersucht hat, sind die Importtiere fit für den »Koi-Event«. Unter den Augen der Kunden werden die Weltenbummler in ein großes »Showbecken« entlassen. Mächtige Karpfenleiber in allen Farben ziehen dann im sorgsam geklärten Süßwasser gemächlich ihre Runden.

»Wie viele Leute haben wohl ein Haus mit Gartenteich?«, sinniert Kaufmann mit Blick auf den Zukunftsmarkt. 650 000, lautet die Antwort für Deutschland, rund 40 000 davon sind Koi-tauglich.

PHILIP BETHGE, WIELAND WAGNER

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