Amboss im Grab - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 69 / 109

ARCHÄOLOGIE Amboss im Grab

Wurde Stonehenge von Gastarbeitern errichtet? Forscher entdeckten nahe dem berühmten Steinkreis das Skelett eines Alpenbewohners.
• aus DER SPIEGEL 8/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es war Steinzeit und wohl früher Morgen, als der Gastarbeiter mit seinem Fellboot in See stach. Nach England, über hohe Wellen, ging die Reise. In Stonehenge machte er Rast. Auf der saftigen Ebene herrschte Hochbetrieb. Schweißnasse Ur-Briten schoben Steinquader herum, andere planierten mit Geweihschaufeln eine Prachtstraße. Auch die bis zu 40 Tonnen schweren Sarsenblöcke im Innern des Steinrings wurden damals gerade aufgerichtet.

All das sah der Fremde mit Wohlgefallen - obwohl er Zahnschmerzen hatte. Sein Skelett weist einen Abszess am Kiefer auf. Mit etwa 40 Jahren starb er. Das Grab liegt fünf Kilometer vom Heiligtum entfernt - fast ein Logenplatz fürs Jenseits.

Wenige Meter weiter steckte ein weiteres Gerippe in der Erde. Es ist sein Sohn, kräftig auch er. Der Bursche starb noch früher, mit etwa 25 Jahren. Die Ursache für seinen Tod ist unbekannt.

Bereits am 3. Mai vergangenen Jahres hatten Forscher der Firma Wessex Archaeology die Doppelgruft entdeckt. Bis nachts um zwei Uhr, im Licht von Autoscheinwerfern, bargen sie rund 100 Grabbeigaben: Wildschweinhauer, Keramik, 16 Pfeilspitzen kamen zu Tage - und auch blinkender Haarschmuck. Es sind die ältesten Goldobjekte, die je in Britannien gefunden wurden.

Den Knaller lieferte jetzt die Gebiss-Analyse. Anhand der Sauerstoffisotope im Zahnschmelz lässt sich ermitteln, was für Trinkwasser ein Mensch zu sich genommen hat. Beim »König von Stonehenge« war es Quellwasser aus den Alpen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit stammt der Tote aus der Schweiz, Bayern oder Westösterreich.

Ein Jodler im heiligen Britenhain? Londons Boulevardpresse nahm''s gallig mit Humor. »Achtung!«, schnarrte der »Daily Express": »Großes britisches Monument womöglich von Deutschen errichtet.« Ein anderes Blatt stufte den Fremden als »Erfinder des Schweizer Armeemessers« ein.

Die hiesige Presse spaßte, Stonehenge sei in Wahrheit ein »Bierzelt« ("taz"), errichtet von »Bratwurst-Ötzi«. »Stone me«, schallte es zurück, das sei fast so, »als hätte der erste Cricketspieler Lederhosen getragen«.

Die Archäologen, vereint in lauterer Freude, ließ das Gekabbel kalt. Endlich liege ein klarer Beweis vor, dass in der Steinzeit ein »transnationaler Reiseverkehr« im Gange war, wie der Hallenser Vorgeschichtler François Bertemes erklärt.

Nur: Was zog den Alpenmann in die Ferne? Wieso wagte er die Seefahrt über den Kanal? Auch diese Fragen scheinen mittlerweile geklärt. Der Mann war ein Waffenschmied, der den Insulanern die Arbeit mit Hammer und Amboss beibrachte. Er konnte Kupfer und Gold verhütten.

Fünf Keramiktöpfe, einst wohl mit würzigem Gebräu gefüllt, haben die Experten

auf die richtige Spur gebracht. Zerschlagen lagen sie in der Gruft. Die Gefäße sind typische »Glockenbecher«. Um 2400 vor Christus tauchen diese bauchigen Gefäße schlagartig in ganz Europa auf. Meistens liegen sie in den Gräbern von abseits beerdigten Männern.

Was für Sonderlinge wurden hier bestattet? »Das war lange eines der großen Rätsel der Vorgeschichte«, erklärt Bertemes, »jetzt wissen wir: Hinter den Glockenbecherleuten verbergen sich hoch spezialisierte Handwerker, die quer durch Europa zogen.« Ausgangspunkt der Bewegung sei Spanien gewesen, von wo aus die jungen Schmiede »wie moderne Zigeuner« loszogen. So verbreitete sich die Metallkunst bis nach Schweden und Polen.

Auch der Hüne von Stonehenge war solch ein Wandergesell. Drei Kupfermesser (hergestellt in Frankreich und Spanien) lagen neben dem Skelett. Neben seinem Rücken fand sich ein Amboss aus Hartgestein.

Unstrittig ist, dass der Fremde spätestens um 2300 vor Christus England erreichte - und ein Tal der Ahnungslosen betrat. Die ansässigen Bauern steckten noch tief in der Steinzeit. Sie kannten weder Kupfer noch Gold und schälten ihr Gemüse mit dem Flintschaber.

Der Zampano aus den Alpen zeigte ihnen nun, was Sache war. Anhand grüner Malachitkrümel, die er am Boden fand, schloss er auf nahe gelegene Kupferadern. Geschickt erhitzte er das Erz im Tonofen, dessen Glut der Sohn mit einem mundstückbesetzten Blasrohr anfachte. Glutspäne stoben, als der Abrand auf den Amboss kam. Ähnlich ging der Spezi beim Gold vor, das er mit Sieben aus goldtragenden Flüssen gewann.

Chapeau! Solche Talente müssen die Ur-Briten beeindruckt haben. Während sie Monolithe stemmten, kam plötzlich ein Zauberer daher, der aus kleinen Fluss-Nuggets Edelmetall kochte. Die Schmiede der Urzeit hätten den Ruf von »Magiern und Alchimisten« genossen, erklärt der Chefausgräber Andrew Fitzpatrick.

Am Bau von Stonehenge war der »deutsche Immigrant« ("Express") aber wohl kaum aktiv beteiligt. Nicht nur, dass bereits um 3000 vor Christus die ersten Pfähle für diesen Großtempel in den Boden gerammt wurden. Der Schmied aus den Alpen litt auch an einer schlimmen Verletzung.

Knochenanalysen ergaben, dass die linke Kniescheibe des Skeletts zertrümmert ist. Das Bein war steif. MATTHIAS SCHULZ

* Archäologen der Firma Wessex Archaeology bei der Bergung des"Königssohnes« aus dem Nebengrab.

Zur Ausgabe
Artikel 69 / 109

Mehr lesen über