Die Zeit der Graufüchse
Schwerfällig, fast wie in Zeitlupe, bricht die viermotorige Transportmaschine aus dem nachtschwarzen Himmel. Wenig später rollt sie auf der provisorischen Dschungelpiste aus.
Wie ein gigantisches Fischmaul sperrt die »Hercules« der U. S. Air Force ihre riesige Heckklappe auf. Zwei Dutzend schwer bewaffnete Uniformierte springen heraus. In Windeseile rollen sie Paletten mit Munition, Verpflegung und Ausrüstung aus dem gewaltigen Flugzeugbauch.
Es dauert nur Minuten, bis der geheimnisvolle Flieger wieder im Mondlicht entschwebt. Derweil bereiten sich die Bewaffneten auf ihren Einsatz vor: Zwei A-Teams der Green Berets, der knochenharten Kommandoeinheit der U. S. Army, gehen im kolumbianischen Urwald auf Terroristenjagd.
Die Geheimoperation ist eine von vielen, zu denen weltweit Special Operations Forces (SOF) des Pentagon ausrücken. Nebenziel des Aktivismus: der ungeliebten, konkurrierenden CIA auf diesem Gebiet möglichst wenig Spielraum lassen.
Vergangenen September unterzeichnete der Oberbefehlshaber George W. Bush - top secret - die National Security Presidential Directive 18, in der er seine Militärs zu weltweiten Undercover-Einsätzen ermächtigt. Um 20 Prozent, auf sechs Milliarden Dollar, sollen die Mittel für den geheimen Kampf der amerikanischen Special Forces aufgestockt werden.
Von Afghanistan bis zu den Philippinen, von Kolumbien bis zum Irak führen die Eliteeinheiten von US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld Krieg gegen den Terrorismus: Sie trainieren Verbündete, bereiten Einsätze vor - und immer öfter kämpfen sie selbst auf schmutzigen Schlachtfeldern gegen Drogenbarone, Freischärler, Glaubenskrieger und Revoluzzer.
Manche dieser Einsätze, wie der Hinterhalt in Afghanistans Schah-i-kot-Bergen, bei dem sieben Special Forces ihr Leben verloren, enden blutig. Andere gehen aus wie der Unglücksflug eines amerikanischen Verbindungsflugzeugs, das vorvergangene Woche von kolumbianischen Rebellen womöglich abgeschossen wurde: Zwei Insassen, einer von ihnen Amerikaner, wurden erschossen, drei US-Berater in den Dschungel verschleppt.
Unzählige andere Einsätze jedoch verlaufen ohne Verluste. Sie bleiben den Augen der Öffentlichkeit im Schattenreich des Terrorkriegs verborgen. Hier zeigt sich das »asymmetrische« Kriegsbild der Zukunft, der Kampf gegen einen Gegner, der aus dem Hinterhalt angreift und kaum in offener Feldschlacht zu stellen ist.
Rund 44 000 Soldaten hat das Pentagon für diesen Zukunftskrieg dem Special Operations Command auf dem MacDill-Luftwaffenstützpunkt in Florida unterstellt. Die früher von den Teilstreitkräften eifersüchtig gegeneinander abgeschirmten Elitesoldaten sollen nun gemeinsam rund um den Globus zum verdeckten Krieg antreten.
Bereits im Jahr vor den Anschlägen des 11. September 2001, so das US-Verteidigungsministerium, operierten Einheiten der SOF in »150 Ländern und ausländischen Territorien«. Sie erledigten 8 Kriseneinsätze, nahmen in 69 Staaten an insgesamt 132 Trainings- und Ausbildungsprogrammen teil, führten im Drogenkrieg 131 Missionen in 27 Ländern durch und waren in 20 Staaten an Minenräumaktivitäten beteiligt. »Durchschnittlich dienten zu jeder Zeit fast 5300 Soldaten der Special Operations Forces in 64 Ländern.«
Jede Teilstreitkraft bildet ihre eigenen Elitetruppen aus. Die Rangers der Army sind auf überfallartige Einsätze etwa gegen feindliche Flugplätze oder andere wichtige, befestigte Ziele trainiert. Aufklärung, Hinterhalte und Nachtoperationen auch per Gleitschirm gehören zu ihren Spezialitäten. Binnen 18 Stunden müssen diese meist in Kompaniestärke operierenden Spezialisten bereit sein für den Einsatz an jedem Punkt der Erde.
Die Fernspäher der Green Berets arbeiten vorwiegend in zwölfköpfigen A-Teams. Jedes Mitglied beherrscht mindestens zwei Waffensysteme perfekt, hat Spezialkenntnisse in Fremdsprachen. A-Teams sollen wochenlang unentdeckt im feindlichen Hinterland operieren.
Für den Einsatz zu Wasser, zu Land und aus der Luft durchlaufen die Navy Seals (Sea, Air, Land) die wohl härteste Kampfschwimmerausbildung weltweit. Im Vietnam-Krieg waren die Seals berüchtigt für ihre nächtlichen Überfälle auf Dörfer, in denen Vietcong-Kämpfer vermutet wurden.
Die Luftwaffe betreibt eigene Geschwader für Sonderoperationen, die für Geheimaufträge umgerüstete Flugzeuge und Hubschrauber fliegen. So setzten Transporter vom Typ MC-130H Combat Talon II nachts Ranger über einem afghanischen Flugplatz ab.
Eine andere Spezialeinheit, die Delta Force, gilt als so supergeheim, dass das Pentagon nicht einmal ihre Existenz bestätigen mag. Die Sondertruppe zur Terrorabwehr bereitet sich mit Nahkampftraining, Erstürmung von Flugzeugen und Gebäuden sowie dem Entschärfen von Zündern aller Art für Kampfaufträge auf engstem Raum vor.
Noch tiefer im Schattenreich der unkonventionellen Kriegsführung tummelt sich »Grey Fox«, eine Agententruppe, die nach dem Teheraner Geiseldrama von 1979 vom Pentagon ins Leben gerufen wurde. Die Graufüchse gehörten zu jenen Spezialisten, die an der Seite der Special Operations Group der CIA noch vor Kriegsbeginn in Afghanistan Ziele auskundschafteten und Verbündete suchten.
Pentagon-Boss Donald Rumsfeld war frustriert darüber, dass die Masse seiner Spezialeinheiten Gewehr bei Fuß abwarten musste, bis die 007-Agenten der CIA Afghanistan eroberungsreif gemeldet hatten. Seither drängt er massiv in das Terrain des amerikanischen Auslandsgeheimdienstes und lässt bereits den Aufbau einer direkt ihm unterstehenden nachrichtendienstlichen Abteilung planen.
Die Proactive, Preemptive Operations Group, im Militärslang P2OG abgekürzt, soll künftig die Wühlarbeit von CIA und Spezialeinheiten der Militärs koordinieren, den elektronischen Cyberkrieg führen sowie Spionage-, Tarn- und Täuschoperationen leiten. Im Washingtoner Kongress sehen Kritiker darin den Versuch, mit diesem Supergeheimdienst jene gesetzlichen Auflagen zu umgehen, die einst der aus dem Ruder laufenden CIA auferlegt wurden.
Andere Kritiker fürchten gar schlimme Exzesse: Die neue Supertruppe soll »Reaktionen provozieren« von mutmaßlichen Terroristen, um diese dann besser bekämpfen zu können, heißt es in Pentagon-Dokumenten über P2OG. Die Vereinigung Amerikanischer Wissenschaftler verbreitet die Befürchtung: »Die regen Terrorakte an, um dann die Täter zu schnappen.« SIEGESMUND VON ILSEMANN