Die Guten waten im Blut - DER SPIEGEL
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KINO Die Guten waten im Blut

Hollywoods Bosse setzen wieder auf den Western - weil das klassische Genre schlichte, große Gefühle erlaubt, weil es Stars wie Kevin Costner optimalen Spielraum bietet und eine Moral beschwört, die in die Zeit passt: Zivilisatorischer Fortschritt lässt sich oft nur mit archaischer Gewalt erzwingen.
• aus DER SPIEGEL 11/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es ist ein weiter Weg nach Osten. Ein Mann, der bei der US-Kavallerie gedient hat, verlädt sein Pferd auf ein Schiff und überquert mit ihm den Atlantik. Ein Scheich hatte ihn herausgefordert: Bei einem Pferderennen, das sich fast 5000 Kilometer durch die arabische Wüste erstreckt, soll der Reiter aus dem fernen Westen gegen die übermächtige Konkurrenz aus dem Nahen Osten antreten. Nach mehreren Monaten, die ihn und seinen Mustang an den Rand der totalen Erschöpfung treiben, geht er als Erster durchs Ziel - ein Cowboy besiegt den Orient.

Die Story klingt, als hätten die Cowboys im Weißen Haus ihrer Phantasie einfach mal die Zügel schießen lassen: Der tapfere Vorreiter der westlichen Welt ist gewiss ein Held, wie er George W. Bush gefällt. Doch den Mann gab es wirklich: Er hieß Frank T. Hopkins, war einer der legendären Pony-Express-Kuriere und gewann auf seinem Mustang Hidalgo 1889 ein Langstreckenrennen gegen die besten Reiter der Beduinen - mit mehreren Tagen Vorsprung.

Die abenteuerliche Geschichte wurde soeben verfilmt: In der Disney-Produktion »Hidalgo« spielt Viggo Mortensen, der auch in den »Herr der Ringe«-Filmen durch das Reich des Bösen galoppiert, den Helden. Dies ist der Stoff, aus dem die Traumfabrik liebend gern Filme macht, und doch entdeckte sie ihn erst jetzt - eine mythische Figur des Westerns ist Hopkins nie gewesen.

Das liegt unter anderem daran, dass die Klassiker dieses Genres - überwiegend entstanden in den dreißiger bis fünfziger Jahren - in der Regel die Eroberung des Westens feierten. Nun aber scheint es, als blicke Hollywood unter dem Eindruck des 11. September lieber in die andere Richtung - nach dem Motto: »Go east, young man!«

Der Film »Hidalgo«, der voraussichtlich im Sommer in die US-Kinos kommt, ist nicht der einzige Versuch, die Heroen der amerikanischen Pionierzeit, die seit den sechziger Jahren nur noch gelegentlich auf der Leinwand erschienen, cineastisch wiederzubeleben. Etwa zehn Filme, die sich mit der US-Geschichte zwischen 1836 und 1890 beschäftigen, befinden sich zurzeit in verschiedenen Phasen der Produktion - mit Budgets von bis zu 80 Millionen Dollar.

Das ist eine gewaltige Investition in ein Genre, das seit Jahren träge vor sich hin trabte. Ausnahmeerfolge wie die von Kevin Costner ("Der mit dem Wolf tanzt«, 1990) oder Clint Eastwood ("Erbarmungslos«, 1992) setzten jeweils nur für kurze Zeit das Verdikt außer Kraft, der Western sei wegen der Wiederkehr immergleicher Motive und

der Fixierung auf den schlichten Gegensatz von Schurken und Gerechten hoffnungslos ausgereizt und antiquiert.

Der Einsturz der Twin Towers aber kehrte in den USA in vielerlei Hinsicht das Unterste nach oben: Die Katastrophe hat den Sinn für einfache Gefühle und Helden ebenso neu entfacht wie die Sehnsucht nach einer übersichtlichen Welt, in der die Guten zuschlagen und gewinnen - und mit einem Male wirkt das Western-Genre wieder höchst zeitgemäß.

Die Helden aus Amerikas Pioniertagen sind fast immer mit der Verteidigung ihres eigenen oder der Eroberung fremden Territoriums beschäftigt; sie wollen sich für erlittenes Unrecht rächen und kennen doch die Notwendigkeit von Gesetz und Ordnung; sie möchten ihren Freiheitsdrang ungehemmt ausleben, finden aber nur im Zusammenschluss Sicherheit.

Den Widerstand des Westerners, sich der Gesellschaft und ihren Regeln zu fügen, verkörpert George W. Bush, der texanische Rancher und Trotzkopf der Weltgemeinschaft, geradezu in Reinkultur - auch und gerade wenn er sich anschickt, den Schurken Saddam zu bestrafen.

Der Zivilisationsprozess, der mit der Domestizierung des Individuums einhergeht, kostet im Western stets Blut. So ist es auch in den neuen Filmen dieses Genres, die Hollywood gerade produziert: Die Helden müssen den zivilisatorischen Fortschritt mit archaischen Mitteln erzwingen.

In »Open Range« kämpfen Kevin Costner und Robert Duvall als Viehtreiber gegen einen Farmer, der nach dem Faustrecht regiert. »Der Film erzählt, wie eine von Gewalt geprägte Lebensweise zu ihrem Ende kommt«, beschreibt Costner sein neues Werk. »Gleichzeitig handelt ''Open Range'' von einem Verhaltenskodex zwischen Freunden, der auch die Bereitschaft einschließt, das eigene Leben zu opfern.«

So massiv wie seit drei Jahrzehnten nicht mehr kehrt Hollywood in jene Zeit zurück, die für die Nation identitätsstiftend war. Zurück an die »frontier«, jene unsichtbare Grenze, an der sie die Werte, auf die sie sich bis heute stützt, blutig erkämpfte - es geht also an die Fundamente des amerikanischen Selbstbewusstseins, das am 11. September nachhaltig erschüttert wurde.

So verfilmt Disney gerade die Schlacht um Alamo neu: Im Jahr 1836 wehrten sich 189 Texaner in einer Missionsstation nahe San Antonio 13 Tage lang gegen eine mexikanische Übermacht von mehreren tausend Soldaten und starben den Opfertod für die Unabhängigkeit ihres Staates. Zuletzt hatte sich John Wayne diesen Stoff 1960 mit hartem Griff angeeignet. »Wir bewundern die Mexikaner«, heißt es dort, »auch wenn wir sie töten.«

Der Kampf der Texaner ging als Inbegriff des heroischen Freiheitskampfes in den amerikanischen Mythen-Kanon ein - als die Schlacht, die man verlieren muss, um den Krieg gewinnen zu können. Diese Lesart erlaubt Hollywood nun einen flotten Dreischritt durch die Geschichte der USA: Alamo - Pearl Harbor - Ground Zero.

Der Stoff sei wie geschaffen für das neue Bedürfnis der Amerikaner nach Patriotismus, schwärmte denn auch Disney-Chef Michael Eisner, machte über 100 Millionen Dollar für die Neuverfilmung locker und ließ in der Wüste von Texas gewaltige Sets errichten. Doch dann schaute er sich die Drehbuchfassung des Autors John Sayles ("Lone Star") etwas genauer an und entdeckte statt strahlender Helden fast nur Glücksritter und Alkoholiker.

Bei seiner Entzauberung der Ereignisse weiß Sayles die Historiker auf seiner Seite: Der Mythos, dass sich die Männer von Alamo opferten, damit Sam Houston, Oberbefehlshaber der Texaner, Zeit gewann, um die verstreuten Verbände zu einer schlagkräftigen Truppe zu vereinen, hält den neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen kaum noch stand. Viele der Männer in der Missionsstation waren gedungene Söldner, die ein paar Dollar verdienen, aber gewiss nicht ihr Leben verlieren wollten.

»Die Fronten waren nicht so klar gezogen, wie sie bisher im Kino immer dargestellt wurden«, sagt Sayles. »Auch innerhalb der verschiedenen Lager gab es Grabenkämpfe. Ich hoffe, dass sich diese Komplexität der Ereignisse, der wir im Drehbuch gerecht werden wollten, auch noch später im fertigen Film finden wird.«

Daran muss er nun erhebliche Zweifel haben: Disney engagierte einen neuen Autor für eine weitere Überarbeitung, überwarf sich mit dem Regisseur Ron Howard ("A Beautiful Mind"), dem ein düster-realistischer Film vorschwebte, und reduzierte das Budget um mehr als ein Drittel.

Und doch dürfte das Studio zu spüren bekommen, dass sich der Western nicht so einfach vereinnahmen lässt: Wie seine Helden verfügt auch das Genre selbst über einen ausgeprägten Starrsinn.

Im Western, so heißt es landläufig, könne man an der Farbe des Hutes erkennen, ob ein Mann gut oder böse sei. Doch je älter das - seit über 100 Jahren bestehende - Genre wurde, desto häufiger und zunehmend tiefer verlief die moralische Grenze durch das Innenleben der Helden.

»Es war eiskalter Mord«, sagt Bush-Idol John Wayne in John Fords Spätwestern »Der Mann, der Liberty Valance erschoss« (1962), nachdem er einen gesuchten Verbrecher hinterrücks niedergestreckt hat, »aber ich kann trotzdem schlafen.«

In diesen kernigen Satz aber mischt sich Wehmut. Denn der »Duke« weiß, dass er seinesgleichen getötet hat: einen Mann, der genauso wild und unbezähmbar war wie er selbst. In der Geschichte des Westerns lernten die Helden ihre Gegner - ob Outlaws, Indianer oder Mexikaner - mehr und mehr zu respektieren, weil sie sich in ihnen wiedererkannten.

In den sechziger Jahren ging die Trennschärfe zwischen Gut und Böse weitgehend verloren - nicht nur im Italowestern, in dem die aus Europa stammenden Helden oft und gern über Leichen gingen.

Genau in der Zeit, als die amerikanische Nation zum ersten Mal das Gefühl hatte, einen ungerechten Krieg zu führen, fiel im

Western die letzte Grenze: die zwischen Freund und Feind.

In »Die gefürchteten Vier« - einem der erfolgreichsten Western der sechziger Jahre, der Anfang des 20. Jahrhunderts spielt - reiten vier Cowboys unter der Führung Burt Lancasters im Auftrag eines texanischen Ranchers über die Grenze nach Mexiko, um dessen Frau (Claudia Cardinale) aus den Händen von Desperados zu befreien.

Die anfängliche Überzeugung, auf der richtigen Seite zu kämpfen, geht den Helden mehr und mehr verloren, je näher sie ihrem Ziel kommen. »Es ist immer dieselbe Geschichte«, sagt Lancaster an einer Stelle des Films. »Die Guten gegen die Bösen. Fragt sich nur, wer die Guten sind.«

Am Ende stellen die vier Helden fest, dass sie unter Vorspiegelung falscher Tatsachen auf eine lebensgefährliche Mission in ein fremdes Land geschickt wurden und dass ihr Auftraggeber der wahre Übeltäter ist: Der texanische Bösewicht will den schnauzbärtigen Rebellen, der sich schwer verletzt und hilflos im Wüstenstaub wälzt, einfach abknallen - ein Remake dieses Films ist vorerst wohl nicht zu erwarten.

Als Regisseur Richard Brooks im Oktober 1965 mit den Dreharbeiten dieses Westerns begann, lag die Stärke amerikanischer Truppen in Südvietnam bei knapp über 150 000 Soldaten. Als der Film in die Kinos kam, hatte sie sich verdoppelt. »Die gefürchteten Vier« ist ein später Western und ein früher Vietnam-Film.

Das rebellische Potenzial, das der klassische Western in der zweiten Hälfte der Sechziger entfaltete, entlud sich schließlich 1969 in den Blutbädern von »The Wild Bunch": Sam Peckinpahs nihilistischer Abgesang auf das Heldentum des Westerners führte das Genre an einen vorläufigen Endpunkt. Und in Wahrheit dürfte es hinter diesen Entwicklungsstand kein Zurück mehr geben.

Doch schürt Hollywood tatsächlich Kriegsbegeisterung mit seiner Neuauflage des Genres? Fest steht, dass sich mehrere der neuen Produktionen mit den leidvollen Erfahrungen von Amerikanern beschäftigen, die im Namen der Freiheit in den Kampf zogen. »Gods and Generals«, im letzten Monat in den USA angelaufen, rekonstruiert mit der Schlacht von Antietam den blutigsten Tag des amerikanischen Bürgerkriegs: Am 17. September 1862 fanden bei Sharpsberg in Maryland mindestens 4000 Amerikaner den Tod.

In »Cold Mountain«, den Anthony Minghella ("Der englische Patient") nach einer Romanvorlage von Charles Frazier inszenierte, muss ein verwundeter Südstaatler (Jude Law) im letzten Jahr des Bürgerkriegs in North Carolina durch Blut waten, um sich einen Weg zur Frau seines Herzens (Nicole Kidman) zu bahnen.

Eine Nation, die im Krieg mit sich selbst ist und nur die Sprache der Gewalt spricht, porträtiert Martin Scorsese in seinem Gangster-Epos »Gangs of New York«, das in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts spielt und gerade in den Kinos läuft: Die Regeln des wilden Westens galten, so zeigt Scorsese, lange auch im vermeintlich zivilisierten Osten der USA.

Eine originelle Variante des heroischen Schemas bietet »The Last Samurai«, der im Dezember in die US-Kinos kommen wird. Darin spielt Tom Cruise einen Veteranen des amerikanischen Bürgerkriegs, der in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts im Auftrag der Firma Winchester nach Japan reist, um dort moderne Kriegführung zu lehren.

Tatsächlich verläuft der kulturelle Transfer dann in die andere Richtung. Der Held lernt einen für ihn neuen Ehren- und Verhaltenskodex kennen und zieht am Ende das Schwert der Kanone vor.

Man darf also hoffen, dass sich das Kino nicht zum Steigbügelhalter einer simplen Glorifizierung der rauchenden Colts erniedrigen lässt: Im Western gehen ideologische Schnellschüsse häufig nach hinten los. LARS-OLAV BEIER

* Mit Jude Law und Nicole Kidman, Tom Cruise, Kevin Costner undRobert Duvall.* Mit Burt Lancaster und Claudia Cardinale.

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