Patron der Märtyrer
Die Warnung des Premiers war unmissverständlich. »Wenn sich die Palästinenser ruhig verhalten, wird ihnen nichts geschehen«, erklärte Ariel Scharon schon vor Wochen auf die Frage, ob Israel im Schatten eines Irak-Kriegs verschärfte Militäroperationen in den Palästinensergebieten plane. »Im Golfkrieg 1991«, erinnerte er bissig, »haben sie ja auf den Dächern getanzt, als die ,Scuds' auf Haifa und Tel Aviv fielen.«
Diesmal hielt sich der Jubel für den Regenten von Bagdad zunächst in Grenzen. Dann aber schwenkten vor allem im Gaza-Streifen doch wieder Tausende von Demonstranten und Schulkindern die irakische Flagge und riefen: »Tod Amerika! Tod Bush!« Oder: »Wir opfern unsere Seele und unser Blut für Saddam Hussein.«
Vielerorts in den Palästinensergebieten ist Saddam weitaus beliebter als Jassir Arafat. Der Despot aus Bagdad, der gern den Schutzpatron der Palästinenser gibt, gehört zu den Hauptfinanziers der palästinensischen Revolte. Auch in seiner TV-Ansprache nach Beginn der US-Angriffe stachelte er die Palästinenser auf, indem er »Irak und Palästina« in einem Atemzug als Schicksalsgemeinschaft nannte.
Mit Erfolg: Die palästinensische Hamas, die für die schlimmsten Terroranschläge gegen Israel verantwortlich ist, verdammte die US-Offensive gegen Bagdad als »neuen Kreuzzug gegen die gesamte islamische Welt« und rief auf zum »Heiligen Krieg gegen die US-Kreuzfahrer«. Anhänger im Gaza-Streifen antworteten vorigen Freitag wie gewünscht: »Brennt Tel Aviv nieder.«
Die Hamas gehört zu den Hauptprofiteuren des Finanzsegens, den Saddam palästinensischen »Märtyrern« zukommen lässt. Rund 35 Millionen US-Dollar flossen seit Beginn der zweiten Intifada so vor allem an Familien von radikalen Kämpfern. Die Zuwendungen sind fein gestaffelt: Familien von Selbstmordattentätern etwa erhalten 25 000 Dollar, sonstige Militante 10 000. Verwundete bekommen 1000 Dollar Schmerzensgeld. Noch vergangene Woche ließ Saddam im Gaza-Streifen öffentlich Schecks verteilen. »Selbst in dieser schwierigen Stunde vergisst Präsident Saddam Hussein seine Leute in Palästina nicht«, tönte Ibrahim Saanin, Generalsekretär der Pro-Saddam-Front im Gaza-Streifen.
Die offene Provokation steigerte die Sorge, der Diktator in Bagdad erwarte für seine Großzügigkeit nun blutige Dankesschuld. Aus Furcht vor Anschlägen hielt Israel die Palästinensergebiete deshalb streng abgeriegelt. Premier Scharon warnte die Extremisten davor, den Krieg als Bühne für neuen Terror auszunutzen.
Die Palästinenser dagegen fürchten ihrerseits, die kommenden Wochen könnten »zu den blutigsten im israelischpalästinensischen Konflikt werden«, so der palästinensische Arzt und Hilfsdienst-Koordinator Mustafa Barghuti. Neben der Angst vor noch härteren Militärrepressalien machten bei den Palästinensern vor allem Gerüchte über mögliche Vertreibungen die Runde.
Zwar musste Israel seinem Freund George W. Bush versprechen, den finalen Angriff gegen Saddam möglichst nicht durch spektakuläre Operationen gegen Palästinenser zu gefährden. Deshalb bleibt es vorerst auch weiter ein Tabu, Jassir Arafat anzutasten. Doch auch so ist die Lage in den besetzten Gebieten schon schlimm genug. Zu häufig werden bei Israels Jagd auf Terroristen auch unbeteiligte Frauen, Kinder und alte Menschen getötet. Rund 18 Prozent aller Toten auf palästinensischer Seite, räumte selbst Israels Militär kürzlich ein, sind Zivilisten.
Die Ernennung von Mahmud Abbas ("Abu Masin") zum ersten palästinensischen Premier nährt gleichwohl die Hoffnung, es könne endlich wieder ein Dialog zwischen Israelis und Palästinensern beginnen. Scharon schätzt Abu Masin als verlässlichen Gesprächspartner. Sogar über die neue Intifada hinweg hielt der bullige Israeli Kontakt zu dem stillen zweiten Mann der Palästinenser. Abu Masin sei »ein pragmatischer Führer, der willens ist, einen anderen Kurs zu steuern als Arafat«, lobt Scharon-Sprecher Raanan Gissin und stellt baldige Treffen in Aussicht.
Selbst US-Präsident Bush sah, kurz bevor er den Marschbefehl für seine Truppen gab, plötzlich wieder eine »neue Chance« im festgefahrenen Nahost-Friedensprozess. Der gemeinsam mit der Uno, Europa und Russland ausgearbeitete Fahrplan zu einem Palästinenser-Staat, die so genannte Roadmap, könne nun aktiviert werden, lockte Bush. Doch vergangene Woche schien seine Initiative schon wieder verpufft, enttarnt als reine Vorkriegstaktik. »Die einzige Landkarte, die Bush jetzt interessiert, ist der Weg nach Bagdad«, so ein israelischer Diplomat. »Fragen Sie lieber wieder nach dem Krieg«, hieß es auch in der Tel Aviver US-Botschaft.
Israel ist ein Aufschub nur recht. Scharon hat in Washington schon Dutzende von Änderungen lassen. Sogar von einem »unabhängigen« Palästinenser-Staat sei keine Rede mehr, heißt es. Die Roadmap selbst tat Sprecher Gissin als »unverbindliches Arbeitspapier« ab.
Ohnehin setzt Israel darauf, dass nach dem Ende Saddams die Karten in Nahost neu gemischt werden - und den Palästinensern dann gar nichts anderes mehr übrig bleibt, als in einen Waffenstillstand einzuwilligen. ANNETTE GROSSBONGARDT