Wer kann, packt die Koffer - DER SPIEGEL
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Wissenschaft + Technik Wer kann, packt die Koffer

Hongkong im Ausnahmezustand: Das tödliche SARS-Virus legt das öffentliche Leben lahm. Vor allem die Durchseuchung des berüchtigten Wohnblocks E schürt die Panik.
• aus DER SPIEGEL 15/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als sie begann, diese unheimliche Sache, da zögerte Tung Chee-hwa, Block E zum Gefängnis zu erklären. Aber vielleicht war genau das ein Fehler? Hätte er, der Regierungschef von Hongkong, früher die Quarantäne über das Haus in Amoy Gardens verhängt, so werfen sie ihm jetzt vor, wären nicht an die 150 Bewohner aus dem fraglichen Block der Wohnanlage getürmt. Sie alle könnten Virusträger sein. Womöglich infizierte Menschen, abgetaucht in der unübersichtlichen Stadt - ein unkalkulierbares Sicherheitsrisiko.

Andererseits spitzt sich die Lage der restlichen Bewohner bereits jetzt nach knapp zwei Tagen Isolation zu, und die gehorsamen Bürger, die nach Tungs Anweisung in ihren Wohnungen ausharrten, machen daraus leider kein Geheimnis. »Wir sollen hier drin schön sitzen bleiben und sterben«, hatte ein Mr. Lee am Montag gegenüber Reportern am Telefon geschimpft. »Diese hirnlosen Regierungsfunktionäre wissen doch nicht mal, ob das Virus aus der Luft, aus unserem Wasser oder von toten Ratten kommt.«

Am Mittag fasst Tung seinen Entschluss: Die rund 240 verbliebenen Bewohner von Block E werden evakuiert. Auf dem Land stehen Feriensiedlungen leer, dort sollen sie hin, je schneller, desto besser. Es ist Dienstag, der 1. April. Spätestens an diesem Tag nennen die Zeitungen Asiens die SARS-Krise in einem Atemzug mit dem Irak-Krieg.

Die Regierung propagiert den Gebrauch von Schutzmasken. Der Regierungschef selbst tritt ohne Mundschutz vor die Presse. Er macht ein ernstes Gesicht, er legt die Fingerspitzen bedächtig aneinander, er spricht gedämpft. Nur keine lauten Töne. Schon vor Ausbruch der Seuche zeigte die Beliebtheitskurve des Stadtchefs von Chinas Gnaden steil nach unten. Wahrscheinlich ahnt Tung, dass er seinen Kampf um Popularität in der Metropole nun endgültig verloren hat.

Tung ist kein Charismatiker, der inmitten der Katastrophe zu Halt und Trost spendender Überlebensgröße anschwillt wie Rudolph Giuliani in New York. Die Hongkonger aber vergleichen sich in diesen Tagen mit den Bürgern New Yorks am 11. September. Eine Stadt am Rande des Nervenzusammenbruchs: Schulen und Universitäten bleiben geschlossen. Hotels, Restaurants und Plätze sind menschenleer. Manche Hongkonger hamstern panisch Lebensmittel; Gerüchte kursieren, denen zufolge die Supermärkte geschlossen oder gar die ganze Stadt unter Quarantäne gestellt werden könnte. Wer es sich leisten kann, packt eilig die Koffer und verlässt die Stadt.

Wie fast immer um den Totengedenktag lastet ein graues Wolkenmassiv auf den Hochhausschluchten. Bald beginnt die Regenzeit. In der feuchten Luft hängt der Geruch von Nudelsuppe und neuerdings auch die Chlorfahne der Desinfektionsmittel. Hygienehinweise kleben in nahezu jedem Hausflur: »Dieser Lift wird fünfmal am Tag sterilisiert«; »Beim Niesen die Hand vor den Mund«.

»Viel frische Luft und Gymnastik«, ruft Shing Wai-kwong über die Schulter nach hinten und kurbelt die Fensterscheiben seines rot-weißen Taxis noch weiter herunter. »Was soll ich sonst tun, um mich zu schützen? Wenn einer hier drin hustet, würde ich am liebsten den Wagen stehen lassen.« Shings Sohn ist neun. Die Mutter hat ihm verboten, mit anderen zu spielen. »Mein Junge wäscht sich jetzt ständig die Hände«, sagt Shing. »Die Menschen rücken voneinander ab. Habt Ihr in Deutschland nicht auch zwei Fälle?«

Kein Mensch steigt mehr ohne Not in einen halb vollen Fahrstuhl, aber ohne Lifte kommt man in Hongkong praktisch nirgendwohin: 6,7 Millionen Menschen auf 1098 Quadratkilometern. Ein niedriges Hochhaus hat hier 25 Stockwerke. Bis zur 10. Etage kann man gerade noch die Luft anhalten.

Leslie Cheung fährt bis in den 24. Stock. Er ist vielleicht an diesem Dienstagabend der einzige Mensch in ganz Hongkong, dem SARS nichts mehr anhaben kann. Um 18.41 Uhr klettert er im Fitnesscenter des Hotels Mandarin Oriental über die gelb gekachelte Balkonbrüstung und lässt sich fallen. Leslie ist Schauspieler, ein Pop-Idol. Er sieht merkwürdig unversehrt aus, wie er auf dem Rücken am Fahrbahnrand der Connaugth Road liegt. Dieses Bild hätte es sicher in die Abendnachrichten geschafft, wenn ein Fotograf zur Stelle gewesen wäre. Aber die meisten Kamerateams der Stadt haben sich jetzt ja drüben in Kowloon vor Block E postiert.

Einen Moment lang verdrängt dort die Nachricht von Leslies Tod alles andere. »Das ist schlimmer als die verdammte Seuche«, sagt Mei Lin, Assistentin beim Lokalsender TVB. Aber dann bewegt sich etwas in Block E, neben dessen Glastür im Schein der Neonröhren sich noch Haufen von Hilfsgütern für die Quarantäne türmen: Reis, Toilettenpapier, Putzmittel. Die Evakuierung steht unmittelbar bevor. »Auf Wiedersehen, bleiben Sie gesund, genießen Sie Hongkong«, verabschiedet sich Mei hastig hinter ihrer Maske. »Nein, bitte verstehen Sie, kein Händeschütteln in dieser Situation.«

Für einen Augenblick ist nur noch das Brummen von Generatoren zu hören und das Flüstern des Reporters von TVB News, der schnell noch einmal mit dem gelben Leuchtschriftzug »Block E« im Hintergrund seinen Aufsager übt. Dann kommen die Ersten aus dem gekachelten Eingang - ein Mann mit einem Kleinkind auf dem Arm. Der Kopf des Kindes verschwindet fast ganz hinter dem Mundschutz. Ohne einen Blick für die Fotografen geht der Vater im Blitzlichtgewitter durch ein Spalier aus grün Uniformierten auf einen der vorgefahrenen weißen Mitsubishi-Kleinbusse zu.

Der Nächste ist ein alter Mann mit einer karierten Weste. Dann kommt eine Familie, die Eltern haben leichte Reisetaschen dabei, das Kind hält einen gelben Spielzeugbus. Aus den Abluftschächten der Klimaanlage, die den Atem und den Küchenbrodem der Menschen aus Block E umwälzt, tröpfelt Kondenswasser auf die Reporter vor der Absperrung herab. Der Nachrichtenmann von TVB schaut erst auf den Tropfen, der an seinem marineblauen Jackettkragen haftet, dann blickt er nach oben und verdreht die Augen.

Noch weiß niemand genau, warum das Virus sich gerade in diesem der 17 Türme von Amoy Gardens stärker ausbreitete als irgendwo sonst in Hongkong. Die Stadt gleicht einer einzigen Plantage für Wohnraum aus Beton. Unterkünfte, so gleichförmig und eng wie Legebatterien.

Hier in Amoy Gardens lebt die Mittelklasse. Es sind gepflegte Wohnkomplexe - keine Gegend, in der sich Schimmel durch die Wände frisst und auf 40 Quadratmetern eine sechsköpfige Familie noch einen Winkel für den Untermieter abteilt.

Doch jetzt haben hier auch die letzten Läden und Restaurants ihre Gitter heruntergelassen. Nur die Apotheke hat noch geöffnet. Sandra Chang hockt in Block Q im 21. Stock. »Meine Schwiegermutter hat uns schon aufgefordert, zu ihr aufs Land zu kommen«, berichtet sie am Telefon, Besuch wünscht sie nicht. »Aber wenn wir infiziert sind, würden wir das Virus nur dort verteilen.« Sie und ihr Mann haben beschlossen zu bleiben, aus Verantwortungsgefühl, sagt sie.

In Sandras Bekanntenkreis husten viele: »Sie wissen ja, die Regenzeit.« Sandra spürt ein Kratzen im Hals, seit ein paar Tagen schon. Aber in die Apotheke oder gar zum Arzt traut sie sich nicht. »Die behalten mich doch gleich da.« Durchs Fenster kann sie die Sicherheitskräfte und Kammerjäger beobachten. Die tragen Mützen mit der Aufschrift »Pest control« und haben Giftspritzen dabei. Ratten und Mäuse sind als Überträger im Gespräch, Tauben auch.

Aber alle Erklärungen ergeben keinen rechten Sinn: In Block E verbreitet sich das Virus nicht, wie Epidemiologen es erwartet hätten, horizontal in allen acht Apartments auf einer Etage. Verseucht waren in vielen Stockwerken nur die Apartments Nummer sieben und acht.

Am Mittwochmorgen nach der Evakuierung hört Herr Ma, dass nun Fachleute den versiegelten Block E nach möglichen Virusquellen absuchen. Ma ist Monteur. Er hat in Amoy Gardens Rohre verlegt, auch in Block E. Vielleicht hört ihm jetzt endlich mal jemand zu. Seit Tagen versucht er, irgendwelchen Behördenmenschen am Telefon zu erklären, dass viele Bewohner in ihren Mini-Badezimmern selbst die Wannen ausbauen, um Platz für Dusche und Waschmaschine zu schaffen. Dabei passiere jede Menge Pfusch, meint Ma. Aber die Anzugträger im Gesundheitsamt könnten ja kein U-Rohr von einer Knieverbindung unterscheiden.

Herr Ma will seine Erklärung für die vertikale Bewegung des Virus bei den Leuten von der Wohnungsbaugesellschaft loswerden, die vor dem versiegelten Eingang auf einem Campingtisch ein Informationsbüro aufgebaut haben. »Sie müssen schon mit den Behörden reden«, weisen sie Herrn Ma zurecht. Doch Ma gibt sich nicht zufrieden. Für jeden, der es sehen will, klappt er im Block gegenüber den grünen Kunstrasen beiseite, zeigt auf Kanaldeckel und Lüftungsrohre. Dann kramt er ein Blatt Papier hervor und skizziert Rohrverbindungen und Grundrisse: »Nummer sieben und acht«, sagt er, »teilen sich jeweils ein Fallrohr.«

Im Prince of Wales Hospital findet Gavin Joynt am späten Mittwochnachmittag endlich ein paar Minuten Zeit für die Patientendokumentation. Der Mediziner aus Südafrika ist Direktor der Intensivstation. Vor gut zwei Wochen hatten sie hier den ersten SARS-Toten. Seither überschlagen sich die Ereignisse. Joynt hält die Hose seiner grünen Arbeitskluft mit einem geknoteten Seil auf Taille. Seine blonden Haare sind verschwitzt, die Augenlider hinter den Brillengläsern leicht gerötet vor Erschöpfung. In jedem seiner 28 Betten liegen Virusopfer. »Wenn die Ansteckungsraten nicht sehr schnell drastisch sinken, gehen uns hier die Intensivbetten aus.«

Joynt hat alle gesehen, die auf seiner Station an dem Virus starben. »Jeder Einzelne glaubte, er werde zu den 95 Prozent gehören, die diesem Alptraum entrinnen und ins Leben zurückkehren.« Aber ab einem bestimmten Zeitpunkt müssen die wirklich schweren Fälle künstlich beatmet werden. Wenn dann die Entzündung das Lungengewebe weiter zerstört, hilft auch das nicht mehr. »Die Patienten ersticken vor unseren Augen.«

Gleich zu Anfang, als noch niemand wusste, was hier auf sie alle zukommen würde, hatten sich im 8. Stock des Krankenhauses Dutzende Ärzte und Krankenschwestern angesteckt, auch in Joynts Team. Ein Kollege, Henry Chan, kam knapp durch. »Als ich meine Lunge auf dem Röntgenbild sah, begriff ich, dass es ernst war«, sagt er. »Kurz darauf war ich halb bewusstlos und hatte nicht mehr genug Kraft, um mir

Sorgen zu machen.« Beim Chef der Intensivstation hat sich einiges angestaut. Jetzt redet er sich in Fahrt: »Wollen Sie echte Helden sehen?« Er deutet über den Flur zum Pausenraum, wo zwei seiner Mitarbeiter schweigend auf einem abgewetzten Ledersofa sitzen und Tee trinken. »Dort drüben sind welche. Sie kommen zur Arbeit. Alle.« Vor ein paar Tagen berichteten die Zeitungen über die ersten Fälle von öffentlicher Diskriminierung gegenüber Krankenhausangestellten. Auch in den Familien der Mediziner grassiert die Angst.

»Sie fragen nach meinem Privatleben?« Joynt reißt die Augenbrauen hoch. »Welches Privatleben?« Seit Wochen schlafen manche in der Station auf dem Fußboden, um ihre Familien nicht zu gefährden. Wer noch nach Hause geht, legt den Mundschutz nicht ab und vermeidet Körperkontakte. Ihm selbst war bald klar, dass er ab sofort eine Gefahr für seine Familie darstellte. »Meine Kinder hatten heute ihren ersten Schultag.« Joynt lacht kurz und bitter: »In Mailand, Italien.« Seine Frau hat dort Verwandte. Sie war Hals über Kopf mit den beiden Großen und dem Baby abgereist. Wie lange es dauern wird, bis Joynt seine Familie wiedersieht? »Sehr lange, fürchte ich.«

»Überlegen Sie mal: Ich könnte mich heute infiziert haben«, sagt Joynt. »Vielleicht wüsste ich es in fünf Tagen. Genug Zeit, um 150 Leuten die Hand zu schütteln. Jeder der auch nur etwas Hirn besitzt, muss Angst haben. Ich jedenfalls habe welche - um mich, um Hongkong, um die ganze Welt. Es ist eine heraufdämmernde Katastrophe, und wir sind mittendrin.«

Dieses Gefühl würde der Regierungschef gern zerstreuen, als er im Foyer des Regierungsgebäudes um 18.43 Uhr vor die Presse tritt - wenn er nur wüsste, wie. Tungs Goldbrille ist leicht beschlagen, während er von seinem Redemanuskript jene Mitteilung abliest, vor der sich alle hier gefürchtet haben: Die WHO hat eine offizielle Reisewarnung nach Hongkong ausgesprochen. Von heute an gilt die Stadt in der Welt als infizierte Zone.

»Sir, welche Folgen wird die Seuche für unsere Wirtschaft haben?«, fragt eine Reporterin. Tung richtet sich sehr gerade auf: »Wir haben jetzt eine größere Sorge«, sagt er mit fester Stimme und pocht auf sein Rednerpult. »Wir müssen den Kampf gegen das Virus gewinnen, und das werden wir auch. Keine weiteren Fragen, bitte.«

Am Tag nach Tungs Pressekonferenz meldet das Prince of Wales Hospital den 17. SARS-Toten der Stadt. Es ist Lau Tai-kwan, 56 Jahre alt. Er war Kinderchirurg. BEATE LAKOTTA, ANDREAS LORENZ

* Am Informationsstand der Wohnungsbaugesellschaft von AmoyGardens.

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