leben PAAR SUCHT TRAUMWOHNUNG
Vom Dach ihrer Mansardenwohnung aus sieht Julia Coy, 27, die Münchner Theresienwiese, den neuen Wolkenkratzer »City Tower« und die Schlote der Augustiner-Brauerei. Hier oben kann sie in die Ferne blicken und Feste feiern: Die verkohlten Feuerwerksraketen von der Silvesterparty liegen immer noch auf dem Blechdach.
Als Julia im Herbst 2001 von ihrem Studienjahr in Barcelona an die Technische Universität nach München zurückkehrte, waren die Aussichten weniger erfreulich. Die Geografiestudentin hatte weder Unterkunft noch ein Thema für ihre Diplomarbeit - und sie wusste, »dass die Wohnungssituation in München eine Katastrophe« ist.
Doch Not macht erfinderisch. »Schreib doch gleich darüber deine Diplomarbeit«, schlug ihr Freund Benjamin David vor. Also analysierte Julia »Chancen und Schwierigkeiten« der Studenten bei der Wohnungssuche in München. Der Titel: »Student sucht Zimmer«. Inzwischen hat sie das Diplom bestanden und eine Dachgeschosswohnung bekommen: 75 Quadratmeter, Wohnküche, Parkettboden.
Mit der Annonce »Junges Paar sucht Traumwohnung« überzeugten Julia und Benjamin die romantisch veranlagte Vormieterin. Sie überließ den beiden als Dreingabe ein wuchtiges, mit goldenen Kugeln behängtes Himmelbett. Und eine Tapete, verziert mit goldenen Kronen. »Das Wort >Traumwohnung< hat uns Glück gebracht«, sagt Julia. Glück, von dem viele Studenten nur träumen können.
Ein Makler hätte das Paar vermutlich ausgelacht: Zwei mittellose Studenten wollten »ein bisschen was Besonderes«. Ausgerechnet in München, der Stadt der Wies'n, der Weißwürste und der Wohnungsnot. »Ich zahle viel mehr, als ich eigentlich habe«, sagt Julia. Die 1000 Euro Warmmiete teilt sie sich mit Benjamin. Eine Umfrage der TU München, an der Julia mitgearbeitet hat, zeigt: Durchschnittlich rund 330 Euro musste ein Student im Wintersemester 2001/2002 in der bayerischen Landeshauptstadt für seine Unterkunft aufbringen. Jeder Fünfte zahlte mehr als 400 Euro.
Es sei an der Zeit, »Abiturienten, Hochschulwechsler und ausländische Studierende über die Situation am Münchner Wohnungsmarkt zu informieren und ihnen von einem Studium in München abzuraten«, lautet das Resümee der Diplomarbeit. Nicht nur horrende Preise machen die Wohnungssuche zur »blanken Hölle«, wie Julias Interviews mit Studenten ergaben: Wer in München eine Bleibe finden will, muss sich manche Schikane gefallen lassen.
Eine Art Casting erlebte Olga Sánchez, 25, die Wirtschaftsingenieurwesen studiert. Die Hausherrin erklärte beim Besichtigungstermin, sie könne sich ohne technische Gedächtnisstütze nicht die Gesichter aller Bewerber merken. Für Filmaufnahmen hatte sie extra eine Freundin als Assistentin engagiert. »Du kannst erzählen, was du willst«, lautete die Regieanweisung. Vor laufender Kamera sagte Olga: »Es wäre sehr schön, wenn du dich für mich entscheiden würdest.« Die Zuschauerin kam diesem Wunsch nicht nach.
Die Suche führte Olga weiter zu einer Wohngemeinschaft am Münchner Wettersteinplatz. Dort luden zwei junge Studentinnen zum Kennenlern-Dinner. Wer gern Pasta koche, sei besonders willkommen, hieß es in der Annonce. Das nahmen einige Bewerber wörtlich und brachten Nudelgerichte mit zur Wohnungsbesichtigung. Andere beschenkten die Gastgeber mit Wein oder Blumen.
Die Pasta blieb unberührt auf dem Küchentisch stehen, während die beiden Studentinnen mit etwa einem Dutzend Interessenten scherzten, Chips aßen und Wein tranken. Kurzzeitig wurde die Feierlaune getrübt von einer Mitbewerberin, die plötzlich in Tränen ausbrach und um ein Dach über dem Kopf flehte. Olga weinte nicht, hatte keine Geschenke mitgebracht - und bekam auch keinen Mietvertrag.
Manche Angebote lehnte Olga auch freiwillig ab. Für einen düsteren Kellerraum, voll gestellt mit Kisten, Skiern und einem Klavier, wollte sie keine 255 Euro Miete bezahlen. Es dauerte vier Monate, ehe sie ein Zimmer fand. Kein Einzelfall: Fast jeder vierte Student braucht länger als drei Monate, um eine Wohnung zu finden, ergaben Julias Berechnungen, die auf der Umfrage der TU München basieren. 14 Prozent hasteten länger als ein halbes Jahr von einer Wohnungsbesichtigung zur nächsten.
In ihrer Not lassen sich viele Studenten auf Behelfslösungen ein: Die Informatikstudentin Tanja Scherzl, 25, wohnte für 250 Euro Warmmiete in einem Schrebergartenhaus in München-Solln. Ein 29-Jähriger hatte per Anzeige eine Mitbewohnerin gesucht. »Strom war da«, berichtet Tanja, »mit dem Wasser gab's aber manchmal Probleme.« Ebenso mit dem jähzornigen Mitbewohner, der sie bereits drei Wochen nach dem Einzug brüllend und »ohne wirklichen Grund« verjagte. Danach lebte Tanja für fast vier Monate bei einer Freundin in der Küche, ehe sie ihre heutige Wohnung beziehen konnte. Am Küchentisch lernte sie für ihre Prüfungen, nachts schlief sie auf einer Couch.
Ihre Kommilitonin Stephy Rottmaier, 23, suchte sogar anderthalb Jahre und führte mindestens 300 Telefonate, bis sie eine Bleibe gefunden hatte. So lange wohnte die Geografiestudentin weit außerhalb bei ihren Eltern. Mehr als eine Stunde dauerte die tägliche Fahrt mit Bus und S-Bahn zur Universität. Von einer Zimmerbesichtigung am Goetheplatz, 24 Quadratmeter für 290 Euro, ging sie ohne Vertrag wieder nach Hause.
Sie hatte nicht mitgeboten, als sich plötzlich eine Versteigerung um das begehrte Objekt entwickelte. Zunächst verschwanden 2 der rund 20 Bewerber mit der Vermieterin, einer älteren Dame, in einem Zimmer. Nach kurzer Unterredung teilten sie ihren Konkurrenten triumphierend mit: »Wer auch 360 Euro zahlen will, kann reingehen.«
Je mehr Zeit verstrich, desto mehr schraubte Stephy ihre Ansprüche nach unten. Inzwischen wohnt sie auf elf Quadratmetern in einem Kellerraum in München-Pasing - für 210 Euro. Und selbst diese Unterkunft verdankt sie nur den Kontakten von Bekannten. »Wenn man hier niemanden kennt«, sagt sie, »hat man keine Chance, eine Wohnung zu diesem Preis zu finden.«
40 Prozent der Unterkünfte werden über Freunde und Verwandte vermittelt. Nur knapp ein Drittel der Münchner Studenten findet eine Bleibe über Zeitungsannoncen. Andere werden mit Hilfe von Studentenwerk, Maklern, öffentlichen Aushängen oder dem Internet fündig. »Du hast als Student durchaus Chancen, eine Wohnung zu bekommen«, sagt Julia Coy, »es muss nur jemand hinter dir stehen.«
Die meisten Vermieter setzen bei Mietverträgen mit Studenten eine Bürgschaftserklärung der Eltern voraus. Das stellt Studenten vor eine heikle Frage: Sollen sie ihre Eltern zur Wohnungsbesichtigung mitbringen? Deren gesichertes Einkommen erweckt das Vertrauen der Hausverwalter. Studenten-WGs reagieren hingegen allergisch, so Julia, wenn »die Mutter mit Studienanfänger-Töchterchen« auftaucht. Wer die Eltern mitbringt, gilt als WG-untauglich.
Für Wohngemeinschaften gelten eigene Gesetze. Sie machen mehr Lärm, bekommen öfter Besuch und nutzen die Wohnung stärker ab - behaupten zumindest Vermieter. Das fand Julia im Gespräch mit Münchner Hausverwaltern heraus. Einer davon quartiert Studenten-WGs bevorzugt in einem Haus an der Landsberger Straße ein. Auf der einen Seite tobt der Hauptstraßenverkehr, auf der anderen Seite rauschen Züge vorbei. »Das ist ein Haus, das schaut alt aus«, erklärt der Hausverwalter. Der Ausländeranteil sei relativ hoch. Seiner Ansicht nach die ideale Bleibe für Studenten: »Da wird das dann integriert.«
»Selbst Schuld«, wer sich bewusst auf solche Verhältnisse einlässt, findet Julia. Schließlich könne man ja auch woanders als in München studieren: »Mich zwingt niemand, hier zu wohnen.«
Simon Hage