Es war um 12.28 Uhr am vergangenen Donnerstag. Bundestagsvizepräsident Hermann Otto Solms trug den Abgeordneten nüchtern vor, sie müssten nun über den Antrag mit der Drucksachennummer 15/1135 abstimmen. Es ging um die Aufhebung der Immunität eines Kollegen: Jürgen W. Möllemann, 57, einst Star in der FDP und sogar Vizekanzler der Bundesrepublik Deutschland. Die Parlamentarier hoben die Hände, der Antrag ging durch.
Ungefähr zur selben Zeit startete auf dem kleinen Flugplatz Marl-Lohmühle in Nordrhein-Westfalen eine kleine Propellermaschine vom Typ Pilatus Porter. An Bord unter anderem: der leidenschaftliche und überaus erfahrene Fallschirmspringer Möllemann.
Etwa um 12.50 Uhr wurde der Liberale dann in der Nähe von Marl gefunden. Tot.
Ein Augenzeuge berichtet, es sei eine Gruppe aus der Maschine gesprungen. »Alles lief reibungslos, wir beobachteten, wie sich die Schirme öffneten. Möllemann war gut an den Initialen J. W. M. auf dem Hauptschirm zu erkennen.« In etwa 600 Meter Höhe habe sich dann Möllemanns Schirm von ihm gelöst. »Er muss ihn abgetrennt haben«, so der Mann, ein erfahrener Fallschirmspringer. Der Notschirm öffnete sich nicht.
Der Tod Möllemanns ist eine Tragödie, die in der Geschichte der Bundesrepublik allenfalls mit dem tödlichen Drama um den ehemaligen schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Uwe Barschel 1987 zu vergleichen ist. Denn Möllemann starb wie der Christdemokrat Barschel auf dem Höhepunkt einer Affäre um Parteien, Macht, Intrigen und Geld.
Einer der besten Freunde Möllemanns mochte freilich nicht an Freitod glauben: »Das ist keiner, der sich aus dem Leben stiehlt«, sagt Uwe Tönningsen, Inhaber der Agentur PR + Text in Münster, die Möllemann einst mitgründete. Am Donnerstagabend eine Woche zuvor hatten beide Familien noch in Möllemanns Haus miteinander zu Abend gegessen. »Na wann bist du das letzte mal gesprungen«, hatte Möllemann den Fallschirmspringer-Kameraden Tönningsen begrüßt.
Möllemann habe häufiger von der »Achterbahn des Lebens« gesprochen, so sein Freund: »mal rauf, mal runter«. Und in den letzten Monaten hätten ihm die politischen Turbulenzen schwer zu schaffen gemacht: »Er war nicht mehr der Alte«, so Tönningsen.
»Kämpfen, Kämpfen, Kämpfen« war Möllemanns Lebensmotto, und anderes blieb ihm in seiner ebenso steilen wie abenteuerlich wechselhaften Karriere auch kaum übrig, in der es der Grundschullehrer aus Münster bis zum Vizekanzler der Republik brachte.
1970 war er in die FDP eingetreten, 1972 schon saß er im Bundestag. Beim Bruch der sozial-liberalen Koalition unterstützte er seinen Ziehvater Hans-Dietrich Genscher - und wurde 1982 Staatsminister in dessen Auswärtigem Amt. Vier Jahre war er Bundesbildungsminister, 1991 übernahm er das Wirtschaftsressort.
Die Karriere hinterließ ihre Spuren bei Möllemann: Immer wieder betäubte er sich mit Medikamenten und Alkohol. »Wenn Möllemann keine Politik macht, geht er kaputt«, so sein langjähriger Weggefährte Fritz Goergen. Politik als Sucht, das war es bei Barschel - und eben auch bei Möllemann.
Weil er sich bei deutschen Handelsketten für einen von seinem Schwippvetter entwickelten Einkaufschip einsetzte, musste er 1993 zurücktreten. Das war keineswegs Möllemanns einzige Affäre. Der politisch außerordentlich talentierte Liberale hatte ein seltenes Gespür dafür, sich in Szene zu setzen - und Parteifreunde zu brüskieren. Er machte etwa Regimen in Libyen und Nordkorea seine Aufwartung. Seine Leidenschaft galt dem deutsch-arabischen Verhältnis.
Doch Vermutungen, dass dieses Engagement nicht nur politischer Überzeugung entsprang, wollten nie verstummen. In den vergangenen Monaten etwa hatten sich Hinweise verdichtet, dass Möllemann mit seiner Firma Web/Tec anrüchige Geschäfte in Nahost gemacht haben könnte. Die Justiz musste sich mit dem Verdacht beschäftigen, dass er bei einem umstrittenen Panzer-Deal mit Saudi-Arabien Schmiergeld kassiert haben könnte.
Das politische Aus kam im letzten Bundestagswahlkampf - und der Anfang vom Ende war eine Aktion, mit der Möllemann eigentlich wieder ganz nach oben wollte. Im September 2002, kurz vor den Wahlen, ließ er 8,4 Millionen anti-israelische Flyer in NRW verteilen. Damit, so Kritiker, habe er am rechten Rand Wählerstimmen abgreifen wollen.
Die politische Bewertung wich freilich schnell einer anderen Frage - wo nämlich das Geld für den Flyer herkam, knapp eine Million Euro. Möllemann tischte mehrere Versionen auf. Freunde und Sympathisanten hätten auf ein Sonderkonto eingezahlt, dann ließ er mitteilen, das Geld stamme aus seinem Privatvermögen. Das sei ihm »die Sache wert« gewesen.
Steuerfahnder und Staatsanwälte, die gegen ihn Verfahren wegen des Verdachts auf Steuerhinterziehung und des Verstoßes gegen das Parteiengesetz einleiteten, waren freilich schon bald auf eine andere Spur gestoßen: Bei der luxemburgischen Filiale der Banque Nationale de Paris existierte ein Konto auf Möllemanns Namen, auf das über Jahre Geld von ausländischen Banken aus floss. Und etwa zehn Tage vor der Flyer-Aktion wurden von diesem Konto eine Million Euro abgehoben, in bar. Möllemann bestritt jeden Zusammenhang.
Nun waren die Fahnder auf der Suche nach Dokumenten, die Licht in das Dunkel bringen konnten, dafür musste freilich erst Möllemanns Abgeordneten-Immunität aufgehoben werden. Und die Fahnder hatten einen sehr gründlichen Plan - schließlich wollten sie an 25 Orten zugreifen, in Deutschland, Liechtenstein, Luxemburg, Spanien.
Und um 12.28 Uhr am Donnerstag bekamen sie das O.K. des Bundestages dafür.