Das große Fressen - DER SPIEGEL
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TV-SHOWS Das große Fressen

Fernsehsender haben einen neuen Boom-Markt entdeckt. Nach Psychologen, Anwälten und Richtern werden nun die Köche verheizt. Neue Formate haben den verarmten und verausgabten New-Economy-Single fest im Blick. Ist der Trend zum Kochen eine Folge der Rezession?
• aus DER SPIEGEL 27/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Deftig geht's zu, wenn TV-Koch Alfons Schuhbeck vor die Kamera tritt. Die Volksmusi läuft vom Band, das Fett trieft vom Krustenbraten, und Elmar Wepper imitiert laut grunzend ein Schwein. Wepper war früher ein beliebter Schauspieler ("Unsere schönsten Jahre"). Jetzt ist er Dauergast in »Schuhbecks Hausmannskost für Feinschmecker« und stopft sich dort »sauguate Sachn« mit bloßen Händen in den Mund.

Die Mordsgaudi im Bayerischen Fernsehen wirkt ungefähr so authentisch wie der »Original bayerische Leberkäs« für den Supermarkt, den der Sternekoch im Ruhrpott produzieren ließ. Aber das macht nichts. Das Spektakel ist regelmäßig ein Publikumshit.

Nicht anders ergeht es seiner Konkurrenz: Beherzt drängt derzeit auf den Bildschirm, wer nur irgendwie einen Kochlöffel halten kann und sich zwischen Olio und Aioli nicht allzu sehr verhaspelt. Denn nach Pfarrern und Psychologen, Anwälten und Richtern werden im Fernsehen nun Köche und Kochdarsteller verheizt - über ein Dutzend Formate sind inzwischen auf Sendung.

Der WDR versucht es schon mal mit einem Pommesbuden-Besitzer, der sich als Starkoch beweisen soll ("Fake - Schwindeln will gelernt sein"). ProSieben stellt zielgruppengerecht einen ziegenbärtigen DJ-Verschnitt ins Studio ("Zacherl: Einfach kochen!"). Bei Viva landete der ehemalige Teenie-Schwarm Tobias Schlegl in der Küche und feiert dort »Das jüngste Gericht«. Und nicht einmal die ganz Kleinen werden verschont: Ende August starten »Die Super-Köche« auf Super RTL; 26 Folgen für die Sechs- bis Zwölfjährigen sind geplant.

Kochen, so viel ist sicher, wird zu einem Erfolgsrezept der Saison. Die meist am Fließband produzierten Shows passen den Programmplanern bestens ins Konzept. Sie sind schnell. Sie sind billig. Und sie schaffen ziemlich reibungslos, was sonst erst selten funktioniert - die einigermaßen elegante Verbindung von Programm und Kommerz. Der Abspann mancher Sendung liest sich wie ein Who's who der Nahrungsmittel- oder Porzellanindustrie. Besonders clever haben es die Landwirte gemacht: Die einst schwerfällige Bauernlobby CMA ("Fleisch ist ein Stück Lebenskraft") hat sich kurzerhand mit Viva verbündet.

Das große Fressen ist eine Folge der Rezession. Cocooning, Rückzug ins Private, Kuscheln und Köcheln lauten die Schlagworte zum Trend. Salzkartoffeln statt Sushi: Die einstigen Stars der goldenen New-Economy-Zeit müssen wieder zu Hause essen statt im Restaurant.

Nur wissen sie leider nicht, wie das geht. Flugs haben die TV-Manager diese Marktlücke erkannt und reagiert. Die neuen Kochshows haben darum den wahlweise verarmten, vereinsamten oder verausgabten Single stets fest im Blick. Ihr kulinarisches Manifest fängt deshalb wieder ganz unten an: auf der Straße.

ProSieben-Mann Ralf Zacherl, 32, etwa ist für seine Sendung schon proletarischselbstbewusst an die Tankstelle gefahren, um dann aus Dosenkartoffeln, Bifi und Eiern eine Frittata zu rühren. »Man muss Hemmungen abbauen«, sagt der Berliner Gastronom ("Weinbar Rutz"), der schon mal einen Michelin-Stern bekommen hat. Diese Masche hat sich auch im täglichen »Kochduell« auf Vox bewährt: Dort müssen Küchenchefs im Wettstreit aus Zutaten für zehn Euro Essbares brutzeln.

Tanke statt Toskana heißt deshalb der Schlachtruf für die neuen Heimchen am Herd, die nun alles sturmreif schießen, was Fernsehköche über Jahrzehnte mühsam erarbeitet haben: vom »Käs-Fondue«-Rezept, das Schlagersänger Vico Torriani ("Ananas aus Caracas") schon in den Sechzigern in die Kameras schmetterte, bis zum »Schweinsbraten Bellevue« der einstigen Präsidenten-Gattin Christiane Herzog.

Anführer ist Jamie Oliver. Der weltweit erfolgreichste Fernsehkoch aus London hat seine BBC-Show »The Naked Chef« wie einen Videoclip inszeniert und wirkt so munter-anarchisch wie bisher nur der Koch der »Muppets-Show« (beim Küchenchef von Kermit und Miss Piggy flatterten mitunter die Hühner mit großem Hallo wieder aus dem Kochtopf heraus).

Über sechs Millionen Menschen schauen in England zu, wenn Oliver, 28, in Schottland seinen Muschel-Lieferanten besucht oder mit einem alten VW-Bus nach Cornwall fährt und zwischen dem Surfen »echt cool und total simpel« Joghurt mit Heidelbeermarmelade zusammenrührt.

Oliver ist Sohn eines Pub-Besitzers. Seine schlichte Kochphilosophie ("Du kannst jeden Joghurt nehmen") verkauft sich bestens. Dutzende Länder haben die Serie übernommen; in Deutschland RTL II. Seine Bücher garantieren Millionenauflagen. Sainsbury's, die Supermarktkette, will mit Oliver-Kampagnen sogar einen Mehrumsatz von einer Milliarde Pfund erwirtschaftet haben.

Unter Hochdruck fahnden deshalb Chefredakteure von der ARD bis Vox nach einer deutschen Variante des britischen Küchen-Wunders. »Jamie ist Weltklasse. Ein Popstar. Der Wahnsinn of a Lifetime«, schwärmt etwa Vox-Chef Hans Demmel, der sich von heimischen Kandidaten nun oft und ordentlich bekochen lässt.

Es gebe »ein absolutes Casting-Fieber«, schwärmt der Hamburger Nachwuchskoch Tim Mälzer. »Alle suchen den jungen, hübschen Frauenliebling«, sagt Köche-Agentin Manuela Ferling. Nur leider: Einen Typen wie Oliver hat zumindest Vox noch nicht gefunden. »Jamie ist die Stecknadel im Heuhaufen«, sagt Demmel.

Aber vielleicht gibt's anderswo in der Welt noch Konzepte zum Kopieren? Umfangreiche Analysen etwa der Kölner Medienagentur Hoenisch & Krayl listen für die Branche auf, was den Zuschauer demnächst erwarten könnte.

Fast alles ist bereits erprobt: vom Essen für Amerikaner auf Abenteuertour ("Appetite for Adventure") bis zum Chefkoch, der - ebenfalls in den USA - auf Anruf das Abendessen rettet ("Food 911"). In »Cooking Thin« gibt's noch die Anleitung zum Abnehmen, während »Two fat ladies« den Anti-Trend feiert: zwei dicke Engländerinnen, die sich etwa auf Autobahnraststätten gegen den Diätwahn stemmen und sich für die herzhafte Küche erwärmen.

Selbstverständlich haben in Deutschland auch die Alten den Braten gerochen. Die bewährten Kräfte der Toskana-Fraktion werden ihren Herd nicht kampflos jungen Krawallköchen räumen.

Alfred Biolek zum Beispiel: Der Ex-Talker konzentriert sich nach dem Ende von »Boulevard Bio« jetzt ganz aufs profitable Plaudern über deutschen Weißwein ("oft unterschätzt") und Rezepte wie »Penne Verdura« ("Mmmmh! Wunderbar!").

»Alfredissimo!«-Kochbücher, -videos, -Pastateller oder -Geschirrtücher machen seine 1994 gestartete Sendung zum pfiffigen Geschäftskonzept. Seinen Kochvertrag beim WDR hat Bio bereits bis Ende 2004 verlängert.

Auch der Topstar unter den Hausfrau-Idolen langt kräftig zu. Johann Lafer ist Österreicher und Sternekoch im Hunsrück ("Stromburg"). Wäre die Gastro-Szene so etwas wie der Neue Markt im Börsenboom, dann wäre Lafer ihr Held: Fernsehpräsenz misst sich bei ihm wie eine Aktie, die vorerst nur eine Richtung kennt: nach oben. Von »über 60 TV-Stunden« (1996) ist die Kurve laut Firmenprospekt zuletzt auf »über 170 TV-Stunden« (2002) gestiegen. Es fehlen auch nicht die Haffaesken Zeichen des Erfolgs. Zwei Hubschrauber (Marke »Johann Lafer Heli Gourmet") stehen »ausgestattet vom Feinsten« für den Meister und seine besten Fans bereit.

Möglich macht all dies ein ausgeklügeltes Business-Modell. Daheim im rheinischen Guldental brauchen die Ü-Wagen von ARD oder ZDF/3sat nur an sein privates TV-Studio anzudocken; fünf bis sechs Monate im Jahr wird fast täglich mit einem der Sender gedreht. Fürs ZDF führt ein freier Regisseur, der sonntags die Gottesdienste im Zweiten inszeniert, Lafer durchs jeweilige Programm. Er stellt die Kameras ab, wenn der Chefkoch ("Warum klebt das Scheißding da?") mal ein Problem mit dem Biskuitboden auf dem Backpapier hat. Und er hält drauf, wenn es riecht und dampft und der Pudding gelingt und Lafer jubelt wie ein Kind.

Auch für seine Sponsoren ist das ein Fest. Stylisten etwa von WMF sorgen schon vor Ort dafür, dass die Firmenprodukte vor den öffentlich-rechtlichen Kameras in bestem Glanz erscheinen.

Rüdiger Ziegler ist Kommunikationschef von Unilever. Sein Unternehmen ist mit Iglo, Langnese, Rama und Knorr eines der ganz großen der Branche. Mit den Zusammenhängen zwischen Kochshows und Kommerz kennt sich Ziegler deshalb sehr gut aus. Noch heute ist er stolz darauf, dieses Genre bei RTL schon in den Achtzigern miterfunden zu haben. Für die Sendung »Komm doch mal in die Küche« hat er sogar an den Drehbüchern mitgewirkt.

»Das war damals neu. Jeder experimentierte. Logos, Schleichwerbung - was geht, was geht nicht?«, erinnert sich Ziegler an die Gründerzeit.

Zwei Jahrzehnte später geht eigentlich alles. Neben Unilever sind allein bei ProSieben auch Bosch, das Modelabel Guess und das Möbelhaus Stilwerk als Sponsoren und Ausstatter dabei.

Sie alle haben auf Ralf Zacherl gesetzt. Und insgeheim wohl den deutschen Jamie Oliver erhofft - Titel, Outfit und Sendeort (eine heruntergekommene Kölner Fensterfabrik) des Berufswilden weisen ja auch in diese Richtung.

Doch so weit ist es, trotz anständiger Quoten und manchmal provokanter Sprüche ("Aus Scheiße kann ich Pralinen machen"), bis jetzt noch nicht gekommen. Und das hat mit seinem bislang allzu betulichen Umgang mit Gästen und Gerichten zu tun. Selbst Bios Plaudereien wirken wie ein Thriller, wenn etwa Berlins Regierungschef Klaus Wowereit bei Zacherl ein Dessert bereitet: »Klaus macht jetzt mal den Quark in die Schüssel.«

Als »hipp, unkonventionell, genial, ein Popstar in der Küche« hat ProSieben seinen neuen Einheizer vermarket.

Aber vielleicht ist Fernsehdeutschland dafür noch nicht bereit. Womöglich ist ja nicht einmal die Entwicklung vom Toast Hawaii zum Olivenöl »extra virgine« richtig verdaut. In ihrem »Kochduell«, berichtet Moderatorin Britta von Lojewski, hagelt es bereits »wütende Pamphlete«, wenn ein Koch die Soße mit bloßem Finger probiert: »Das ist der größte Frevel.«

Insofern verhält sich Zacherl nur marktgerecht. »Ich kann mit Hausfrauen richtig gut kochen«, sagt der wildeste Koch des deutschen Fernsehens. FRANK HORNIG

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