DOKTOR VON DER STANGE - DER SPIEGEL
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denk mal! DOKTOR VON DER STANGE

• aus UNI SPIEGEL 4/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Alles wird schneller. Autos, Computer, Beziehungen, Kriege. Nur an der Uni ist der Fortschritt noch immer eine Schnecke. Die Studiendauer nähert sich asymptotisch dem Rentenalter. Mit lächerlichen Tricks versuchen die Kultusminister, der Tendenz zur Vergreisung an den Hochschulen entgegenzuwirken - mit Gebühren für Langzeitstudenten oder mit Juniorprofessuren. Bachelor, das soll jetzt der Schnellgang durch die Uni sein? Der Weg zu Diplom, Doktor oder Dozentenstelle kann viel kürzer sein. Es ist Zeit, sich von der Lebenslüge unseres Hochschulsystems zu befreien: dass es eines Studiums bedarf, um als Akademiker Erfolg zu haben. Immer mal wieder hört man von Postboten im Chirurgenkittel, die ihren durch die Mühle des Medizinstudiums gedrehten Kollegen nicht nur das Messer reichen können, sondern sie mühelos an die Wand schnipseln. Gerade war zu lesen: Jahrelang leitete ein falscher Doktor das Labor des Max-Planck-Instituts für Aeronomie und erforschte Strato- und Ionosphäre, ohne da oben wie auch am Boden Schaden anzurichten. Im Gegenteil, seine Vorgesetzten versichern, er habe seine Arbeit sehr gut gemacht. Warum sind das noch immer die Ausnahmefälle? Weil solche mutigen Selfmade-Akademiker in unserer Gesellschaft kriminalisiert werden. Soeben stand in Berlin ein Schauspieler vor Gericht, der nicht nur einem BWL-Professor verblüffend ähnlich sah, sondern hin und wieder auch dessen Rolle übernahm - ohne größere Probleme. Wegen angeblicher Terminschwierigkeiten des Originals spielte der Kleindarsteller gegenüber promotionsinteressierten Damen und Herren den Doktorvater, nicht ahnend, wie der Angeklagte beteuert, dass sein Auftraggeber einen betrügerischen Handel mit Doktorhüten betrieb. Der Mann mimte völlig überzeugend den viel beschäftigten Prof, der seine Studenten schnell los werden möchte ("Was, Sie wollen promovieren? Worüber denn?"). Es ist eben einer der größten wissenschaftlichen Irrtümer, dass Wissenschaft etwas mit Wissen zu tun haben muss. Gunta Saul-Soprun, übrigens eine echte Diplomsoziologin, die Möchtegern-Professoren bei der Karriere berät, hat es erforscht: Nur zu 33 Prozent zählt bei einer Berufung der Inhalt, der Rest sind Präsentation und Kontakte. Wie sie das herausgefunden hat? Hundertprozentig durch Kontakte.

Michael Schmidt-Klingenberg
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