entscheiden JEDER IST VERDÄCHTIG
Als Oliver Wolst am 5. November 2002 beim US-Generalkonsulat in Frankfurt ein Visum für sich und seine Frau beantragte, hielt er das noch für eine reine Formsache. Zum Jahresanfang 2003 wollte der promovierte Physiker am Xerox Palo Alto Research Center in Kalifornien anfangen und einen ultravioletten Halbleiterlaser entwickeln. Es war Anfang April, als der hoch qualifizierte Wissenschaftler seine Stelle endlich antreten konnte. Bis dahin lebte er von Arbeitslosengeld und wohnte mit seiner hochschwangeren Frau bei seinen Eltern. Er hatte das Gefühl: »Bei den US-Behörden renne ich gegen eine Gummiwand.«
Laserexperten sind den Konsulatsbeamten nämlich suspekt. Sie gehören zum Kreis derjenigen, die von der US-Einwanderungsbehörde seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 besonders überprüft werden. Doch davon ahnte Wolst, 30, nichts. Wie er warten derzeit überall auf der Welt Austauschstudenten und Wissenschaftler endlos auf ihr Visum. Ob und wann sie es bekommen, scheint einem Lotteriespiel zu gleichen.
Schuld daran ist eine Mischung aus verschärften Visabestimmungen, überforderten Konsulatsmitarbeitern, technischen Problemen und allgemeiner Terrorangst. Visaverfahren verzögern sich um Wochen, manchmal Monate, oder Visa werden gar nicht mehr vergeben. Betroffen sind davon Studenten ebenso wie Spitzenforscher.
Nach Angaben der Association of International Educators (Nafsa) - eines weltweit tätigen akademischen Austauschdienstes - lehnten die US-Konsulate im vergangenen Jahr mehr als jeden vierten Antragsteller für ein Studentenvisum ab. An mehr als der Hälfte aller US-Hochschulen verspäteten sich ausländische Studenten wegen der Visaverzögerungen zum Semesterbeginn im Herbst 2002, ermittelte das Institute of International Education in einer Umfrage.
Die amerikanischen Wissenschaftsverbände warnen schon vor ernsten Konsequenzen für Forschung und Entwicklung in den USA. In einem offenen Brief vom 2. Mai schrieb Marlene M. Johnson, Executive Director der Nafsa, an US-Außenminister Colin Powell: »Wenn wir uns eine Wiederholung der Ereignisse vom letzten Jahr erlauben, werden wir das Image eines offenen Landes, das die hellsten Köpfe willkommen heißt, schwer beschädigen.«
In einem weiteren Brandbrief hatte der Präsident der National Academy of Sciences, Bruce Alberts, bereits im vergangenen Jahr »ernste, unbeabsichtigte Folgen für Amerikas Wissenschaft« wegen der verschärften Einreisebestimmungen befürchtet.
Bis zu den Terroranschlägen vom 11. September hatten Austauschstudenten kaum Probleme mit dem Visum. Zwar musste man schon früher Fragen beantworten wie die, ob man in die USA einreise, »um gegen die Ausfuhrbestimmungen zu verstoßen oder staatsgefährdende, terroristische oder sonstige rechtswidrige Handlungen zu begehen« - aber darüber konnte man lachen. Heute verstehen die Immigration Officers keinen Spaß mehr.
Für sein Praktikum bei der Telekom in der Nähe von New York nutzte Marc Sausen, 23, den Service der Austauschorganisation Council on International Educational Exchange (CIEE). Das half nicht viel. Statt am 5. Mai erschien der Deutsche erst zwei Wochen später zur Arbeit, weil das Visum nicht kam. »Wir können dagegen nichts machen«, sagt Kurt Gamerschlag, Geschäftsführer des CIEE. »Alles Kurzfristige geht nicht mehr.«
Besonders stört Gamerschlag das computerisierte »Student and Exchange Visitor Information System«, kurz Sevis, das Anfang dieses Jahres eingeführt wurde. Amerikanische Universitäten müssen sämtliche verfügbaren Informationen über Gaststudenten und Bewerber an die US-Behörden weiterleiten. Nur wer in den Sevis-Datenbanken registriert ist, bekommt ein Visum. »Das System funktioniert aber nicht richtig«, sagt Gamerschlag. »Manchmal sind die Daten falsch, oder die Studenten tauchen überhaupt nicht auf. Dann gibt es so lange kein Visum, bis das Problem geklärt ist.«
Selbst wenn die Datenübermittlung an die Konsulate reibungslos geklappt hat, ist das noch lange keine Garantie für ein Visum. Nach den Anti-Terror-Gesetzen müssen die Konsulatsbeamten seit Januar 2002 jeden Antrag, der suspekt erscheint, nach Washington schicken.
Experten aus Fachgebieten, die auf der so genannten Technology Alert List stehen, sollen besonders streng kontrolliert werden. Nuklearphysiker, Radartechniker, Mikrobiologen, aber auch Architekten oder Geografen sind dort aufgeführt. Auch Personen aus den »Schurkenstaaten« wie Kuba, Iran, oder Nordkorea stehen prinzipiell unter Verdacht.
Bis zum Sommer 2002 galt: Wenn das US-Außenministerium nicht innerhalb von 30 Tagen Einspruch gegen den Antrag erhob, durfte die Botschaft oder das Konsulat das Visum ausstellen. Weil die Behörden aber merkten, dass sie mehr Zeit für den Sicherheitscheck brauchen, hoben sie diese Regelung auf. Nun stapeln sich die Anträge.
Der russische Physiker Michail Jurkow forscht seit vier Jahren am Deutschen Elektronen-Synchrotron in Hamburg. »Ich reise viel, ich brauche meinen Ausweis«, sagt er. Weil die US-Behörden aber mehr als einen Monat für sein Visum benötigten, verpasste er im Herbst 2002 eine internationale Konferenz.
»Etliche internationale Meetings sind deshalb schon ausgefallen oder in ein anderes Land verlegt worden«, berichtet Wendy White von der National Academy of Sciences. Solche Treffen seien oft kurzfristig angesetzt und stünden nicht Monate im Voraus fest. Es sei somit gar nicht möglich, sich ein Vierteljahr vorher um ein Visum zu kümmern.
Die deutschen Austauschorganisationen und Auslandsämter an den Universitäten registrieren bereits, dass die Studenten sich nach Alternativen zu den USA umgucken. »Wir haben neuerdings mehr Anfragen für Australien, Neuseeland oder Kanada«, sagt Mehdy Naficy vom Deutsch-Amerikanischen Institut in Heidelberg. Gleiches beobachtet Annette Flach, Leiterin des Auslandsamts an der Fachhochschule Mannheim. Die Studenten seien verunsichert. Insbesondere bei den Praktikumsplätzen in den naturwissenschaftlichen Fächern oder in Elektrotechnik seien die Bedenken groß, registriert Flach.
Für die amerikanische Wissenschaft ist diese Entwicklung katastrophal. Studenten aus anderen Ländern stellen einen wesentlichen Anteil an den US-Hochschulen und haben erheblich dazu beigetragen, dass die USA als Forschungsland Nummer eins gelten. Im Jahr 2002 waren an US-Unis rund 583 000 ausländische Studenten eingeschrieben. Fast ein Drittel aller Doktortitel in den Natur- und Ingenieurwissenschaften werden laut der American Association for the Advancement of Science an Ausländer verliehen. In Physik kommt fast jeder zweite Student aus dem Ausland.
Vielleicht nicht mehr lange. IPASS, ein weiteres Überwachungssystem, soll bald sicherstellen, dass Studenten, die ein potenzielles Risiko sein könnten, überhaupt keinen Zugang mehr zu sensiblen Forschungsfeldern bekommen. Und ab Anfang nächsten Jahres erwartet selbst Einreisende mit Visum nach den Plänen der Bush-Regierung eine nicht gerade einladende Begrüßungsformel: Ihre Fingerabdrücke, bitte.