leben »LEBEN MIT DEM HIT«
Vom Wintersemester an können 25 Studenten an der Popakademie Baden-Württemberg in Mannheim das Fach Popmusikdesign belegen, das nach 6 Semestern mit dem Bachelor abschließt. Inga Humpe, 47, und Tommi Eckart, 38, gehören zu den erfolgreichsten Vertretern der neuen deutschen Elektro-Pop-Szene. Zuletzt veröffentlichten sie das Album »In wirklich«.
UniSPIEGEL: In Mannheim wird jetzt der Beruf Popmusiker gelehrt. Ist das absurd oder sinnvoll?
Humpe: Klingt vielleicht erst mal absurd, weil es neu ist. Aber warum nicht, man kann ja auch Malerei lernen. Es geht auch bei Pop darum, Techniken zu vermitteln.
Eckart: Wenn ich all das, was ich mir in den vergangenen 20 Jahren selbst beibringen musste, hätte studieren können, wäre vieles wohl schneller gegangen.
UniSPIEGEL: Was hätten Sie gern gelernt?
Eckart: Songs und Texte zu schreiben. Arrangements, Aufnahmetechniken. Den Weg von der ersten Idee bis zum fertigen Album. Von all dem weiß man am Anfang nicht viel, auch wenn man noch so musikversessen ist. Allein die Art und Weise, wie man die Lieder für ein Album zusammenstellen kann, ist spannend.
Humpe: Aufgepasst, er entwickelt gerade einen Lehrplan! Aber das Gute an so einem Studium ist doch, dass mehr Transparenz hergestellt wird. Popmusik wird viel zu sehr mystifiziert.
UniSPIEGEL: Gehört das mystische Element nicht zum Pop dazu?
Humpe: Sicher, alle großen Künstler, ob Schauspieler oder Musiker, bewahren sich auch im Ruhm ein Restgeheimnis. Aber man sollte es damit auch nicht übertreiben.
UniSPIEGEL: Haben Sie studiert?
Eckart: Ich habe Jura studiert und abgeschlossen. Ich dachte ja immer, dass Musikmachen kein Beruf ist. Ein Instrument spielt man zur Freude, und lernen muss man was Anständiges, dachte ich.
Humpe: Ich war auf der Schauspielschule. Hatte Gesangsunterricht und parallel dazu meine Band Neonbabies. Der wahre Unterricht fand jeden Abend im Übungsraum statt.
UniSPIEGEL: Was macht den Künstler aus? Kann man Originalität trainieren?
Eckart: Die Aufgabe des Künstlers besteht darin, Emotionalität umzusetzen. Den Mut zu finden, die eigenen Themen und Visionen ernst zu nehmen.
Humpe: Man muss auch lernen, zu seinen Schwächen zu stehen. Ein Persönlichkeitsstärkungskurs im ersten Semester täte gut. Und um originell zu werden, sollte man erst mal das Kopieren trainieren. In meiner Schule gäb''s da Sonderkurse.
UniSPIEGEL: Warum soll man kopieren?
Humpe: Weil man alles durchs Nachmachen lernt. Selbst das Sprechen. Man sollte sich einen Song vornehmen, den man supertoll findet, und zuerst einmal analysieren, was man daran so mag, und dann versuchen, etwas Ähnliches zu schreiben. So mache ich das manchmal bis heute.
Eckart: Über das Programmieren von Drumbeats habe ich eine Menge durch den Song »Pump up the Volume« von M/A/R/R/S gelernt. Das war eine neue Art von Beats, völlig anders als die klassischen Schlagzeugtechniken, die ich gewohnt war. Wie bei »Jugend forscht« hab ich es so lange zerlegt, bis ich kapiert hatte, wie das funktioniert.
Humpe: Und ich entdecke ja auch immer wieder etwas Neues, das fasziniert. Ein Popmusiker muss sich ständig inspirieren lassen: Filme, Bücher, Bilder - die Möglichkeiten sind unbegrenzt. Wir sind gerade auf klassische Musik gestoßen. Barock ist ja wie Disco. Unglaublich tuntig und glamourös. Toll!
UniSPIEGEL: Viele berühmte Popmusiker sind von Managern und Plattenfirmen schon mal über den Tisch gezogen worden. Sollte der Popmusiker nicht auch Jura und Wirtschaftskurse belegen?
Eckart: Er sollte sich schon klarmachen, was passiert, wenn die Musik fertig ist. Eine Ahnung haben von den Abläufen danach, also wie das Business funktioniert. Ein BWL-Kurs wäre sinnvoll.
Humpe: Aber das sollte für den Anfang Nebensache bleiben. Wichtiger ist, dass einer erst mal einen anständigen Song schreiben kann. Natürlich ist es wichtig zu wissen, woran eine schlechte Plattenfirma zu erkennen ist.
UniSPIEGEL: Nämlich?
Humpe: Immer am Chef. Ist der fies, taugt der Laden auch nichts. In den Plattenfirmen ist das Niveau von Geschäftsführung bis Marketing oft katastrophal.
UniSPIEGEL: Woran liegt das?
Humpe: Die sind eben alle nur noch an Geld interessiert und haben von Musik oder Künstlerbetreuung höchstens in Ausnahmefällen eine Ahnung. Sony hat angeblich 600 000 Euro dafür bezahlt, dass sie für den Big-Brother-Container den Titel-Song beisteuern durften. Dass der trotzdem kein Hit geworden ist, hat mich sehr gefreut.
UniSPIEGEL: Sollten die Studenten sich in der Pop-Geschichte auskennen?
Humpe: Unbedingt. Es gibt da sehr gute Fachliteratur, die man gelesen haben sollte. Etwa das Buch »Hit Men« oder »The Operator« über die Karriere des Medienunternehmers David Geffen.
UniSPIEGEL: »Hit Men« beschreibt die finsteren Aspekte der Musikindustrie und der Hitparadenmanipulationen. Ist so eine Lektüre zu Beginn einer Karriere nicht eher motivationshemmend?
Humpe: Das muss ein Musiker schon aushalten, sonst kommt er nicht weit.
UniSPIEGEL: Warum sollte ein Jungtalent sich ein Studium antun, wenn es auch durch Teilnahme an einer Fernsehshow zum Pop-Superstar werden kann?
Eckart: Weil das nicht von Dauer ist. Es ist bloß ein Modephänomen.
Humpe: Alexander ist doch bloß erfolgreich, weil er wie der dritte Schumi-Bruder aussieht. So was sollte man nicht unterstützen.
Eckart: Bei einem wie Daniel Küblböck, der ja recht lustig ist, lehnen viel weniger die Person ab als die Maschinerie, die dahinter steht. Aber für die Stars wird es mit ihrem Erfolg auch immer schwerer.
UniSPIEGEL: Warum? Allein um den Erfolg geht es doch.
Humpe: Wer Studenten beibringt, einen Hit zu produzieren, sollte ihnen auch erklären, wie man damit lebt. Ein Popmusiker muss es ertragen können, so einen Bestseller immer wieder runterzuleiern. Es kann eine Qual sein, mit so einer Nummer zu leben. Nicht wenige Künstler haben ihre größten Erfolge gehasst.
UniSPIEGEL: Sollte das Popstudium auch Psychologie beinhalten?
Humpe: Auf jeden Fall. Wer Erfolg will, sollte sich schon mal um einen Therapeuten bemühen.
* Popakademie-Geschäftsführer Hubert Wandjo (r.), Udo Dahmen,Dirk Metzger (l.).