surfen SCHNURLOS IN GEORGIA
Es liegt was in der Luft in Athens, dieser College-Kleinstadt tief in Georgia, gut zwei Autostunden von Atlanta entfernt. Mit bis zu elf Megabit pro Sekunde sausen hier die Datenpakete durch die drückende Südstaaten-Schwüle. Völlig lautlos und fast unsichtbar, abgesehen von grauen Funkverteilerboxen an Laternenmasten. Ein kabelloses Highspeed-Internet-Datennetz, auch WiFi für Wireless Fidelity genannt, überträgt Online-Daten bis zu 200-mal schneller als eine analoge Modemverbindung.
Datenfunk auf dem Campus ist schon an vielen Universitäten, nicht nur in den USA, so normal wie einst das schwarze Brett. Doch Scott Shamp, Professor am New Media Institute der Universität von Georgia in Athens (UGA), hat auf Anregung eines Studenten auch gleich die Innenstadt von Athens in eine Funk-Internet-Wolke eingehüllt. Die Wireless Athens Georgia Zone (WAGZone) versorgt zusätzlich zum Uni-Gelände fast die gesamte angrenzende historische Altstadt mit kostenlosen kabellosen Web-Zugängen. 30 Studenten haben bei dem Low-Budget-Projekt mitgeholfen - die Aktion dient nämlich der Wissenschaft.
»Das ist unser Sandkasten, in dem wir heute schon mit dem Internet von morgen experimentieren«, sagt Shamp, dem nur 80 000 Dollar zur technischen Umsetzung zur Verfügung standen. Stolz verweist er daher darauf, dass keine »State of the Art«-, sondern bestenfalls »State of the Wal-Mart«-Technik zum Einsatz kam. »Mitsamt der Funkboxen, die das Internet-Signal an einen zentralen Web-Server weiterleiten, wurde das alles von Studenten entwickelt - aber nicht nur für Studenten«, so Shamp.
Doch die Technologie steht in Athens eigentlich im Hintergrund. Vielmehr konzentriert sich das Projekt auf die Nutzung des WiFi-Netzes und die sozialen Auswirkungen, die mobile Informationen als ständiger Begleiter auf die Menschen haben. »Das WiFi-Netz verändert hier alles«, sagt Initiator Shamp. »Das Uni-Leben, das Studieren, die Leute und vor allem die Stadt.«
Auf dem Campus mit mobilen Funk-Netzcomputern permanent online zu sein, gehört an der UGA längst zum Studienalltag - ganz egal, ob in der Bibliothek, der Cafeteria oder auf dem grünen Herty Field. Diese Mobilität verringert nicht nur die Warteschlangen an den öffentlichen Web-Terminals, sondern verändert auch die Hörsäle.
So werden in verschiedenen Seminaren hochschuleigene Laptops mit WiFi-Karten und Web-Handhelds als Unterrichtswerkzeug an Studenten ausgegeben. Das bringt nicht nur den Vorteil, dass etwa Mitschriften elektronisch verfasst oder online abgelegte Arbeitspapiere abgerufen werden können. »Damit verbessern wir auch die Interaktionsmöglichkeiten«, sagt Shamp. »Außerdem stellen wir sicher, dass während der Vorlesung nicht mit eigenen Geräten ziellos gesurft oder gechattet wird, sondern das Netz unterrichtsrelevant genutzt wird.« Zum Herbstsemester schafft die Uni 200 zusätzliche Pocket-PC an, um auch größere Vorlesungen mit Online-Unterstützung abhalten zu können.
Athens gehört zur Spitze der Wireless-Internet-Bewegung an Universitäten. WiFi-Seminar-Experimente, bei denen etwa das Antwortverhalten von Studenten während der Vorlesung via Web-Rechner analysiert wird, sind zwar nichts gänzlich Neues mehr. Doch die eigentliche »mobile digitale Revolution«, die Shamp preist, spielt sich in Downtown Athens ab.
Denn für die Innenstadt hat der umtriebige WiFi-Professor seine Studenten rund zwei Dutzend Anwendungen für eine kabellos vernetzte City entwickeln lassen, die von Restaurants über Kneipen, Einzelhändler und Galerien bis zur örtlichen Tourismusbehörde alle möglichen Bereiche der Athens-Community in das Funk-Netz einbeziehen.
Etwa das WiFi-Touristen-Infosystem: Matt Dellinger, 22, hat mit drei Studienkollegen einen virtuellen Reiseführer für Besucher mit Web-Handhelds initiiert, der Informationen und digitale Videoclips zu kulturhistorischen Gebäuden in der City bietet. »Hier liegen schließlich die Wurzeln von Bands wie R.E.M. oder den B-52's«, sagt Dellinger. »Und das führt natürlich viele Besucher nach Athens.«
Derzeit arbeiten Shamps Jungakademiker auch an einem intelligenten Parkinfosystem. So sollen mobile Web-Rechner nicht nur freie Parkplätze, sondern etwa auch abgelaufene Parkuhren anzeigen. Die lokale Polizei plant, Verkehrs- und Katastrophenschutzhinweise für Innenstadt-Surfer verfügbar zu machen. Kneipen und Restaurants können ihre Tagesmenüs oder »Happy Hour«-Termine in die WAGZone einspeisen, Geschäfte über Sonderangebote oder sonstige Aktionen informieren - und so dient das Open-Air-Netz gleichfalls der Wirtschaftsförderung. »Das hilft besonders Innenstadt-Shops auf der ersten Etage ohne Schaufenster«, sagt Michael Lachowski, Betreiber der Designer-Boutique »Candy« in der East Clayton Street. Aber auch die Galeristin Sandi Turner von Mercury Art Works, die den bekannten kalifornischen Multimedia-Künstler Eames Demetrios für eine interaktive Ausstellung seines Projekts »Kymaerica« nach Athens locken konnte, freut sich über die neue Technik: »Diese Installation wäre ohne die WAGZone nicht möglich.«
Doch Downtown Athens ist bei weitem nicht nur WAGZone, sondern vor allem auch Party-Zone. 33 Bars und Musikkneipen im Umkreis von neun Blocks wollen Szenegänger gezählt haben. Und das allnächtliche Treiben, das kaum vor 23 Uhr beginnt, wird nun ebenfalls vom WiFi-Experiment unterstützt. Julie Grundy hat etwa ein Programm mitentwickelt, über das sich gastierende Bands präsentieren und während eines Gigs mit Fans Verbindung aufnehmen können. Musikkneipen-Gänger mit Web-Handhelds haben so etwa die Möglichkeit, sich Songs zu wünschen oder Liedtexte, Video-Interviews und Soundproben abzurufen. »Künftig kann man überall in Downtown via Taschen-PC herausfinden, wer wo und wann spielt und ob einem die Musik auch gefällt«, erklärt die frisch graduierte Grundy.
Da selbst das beste Konzert ohne Begleitung kaum Spaß macht, hat ihr Kommilitone Daniel Lunde, 23, den Dienst »Rendezvous« mitentwickelt. »Wenn ich in die Altstadt komme, kann ich damit online sehen, wo sich die Kumpels aufhalten oder Vorschläge senden, wo man sich später treffen könnte«, sagt Lunde. »Diese Kommunikation ist viel einfacher, schneller und günstiger, als alle einzeln per Handy anzurufen«, pflichtet ihm Studienkollege und »Rendezvous«-Fan Barrett Malone, 23, bei. Auch Malone hat sich für das WiFi-Projekt enagiert und einen interaktiven Begleitdienst für Sportveranstaltungen aufgebaut, der Digi-Videoclips von Events sowie Hintergrund-Infos zu Sportlern auf portable Web-PC überträgt.
Bei aller Begeisterung für die vor allem auf WiFi-Handhelds zugeschnittenen Funkdienste sieht man diese Geräte auf dem Campus wie in der City noch selten. Bislang verfügt erst ein Bruchteil der Einwohner von Athens über die einige hundert Dollar teuren, webfähigen Minicomputer. Die weit verbreiteten Laptops mit WiFi-Technik - Shamp zufolge besitzt wohl mindestens jeder dritte Student ein solches Notebook - sind dagegen nicht gerade praktische Begleiter beim Stadtbummel oder der Kneipentour.
»Damit die Anwendungen eine wirklich breite Nutzerschaft finden, müssen die Preise für Online-Taschencomputer die 100-Dollar-Marke unterschreiten«, meint Amit Agrawal, 25, Informatik-Doktorand und als Systemadministrator für die WAGZone-Technik verantwortlich. »Erst dann wird das WiFi-Netz das Leben hier wirklich verändern.«