GEWERKSCHAFTEN Zum Davonlaufen
Der Mann lebt von einer Gewerkschaftsrente, aber er trägt noch immer die feinsten Anzüge der Organisation. Er sieht sich in einer »Zuschauerrolle«, doch sein Telefon klingelt im Minutenabstand. Er habe »nichts zu sagen«, sagt er, wenngleich alle seinen Rat suchen.
In der tiefsten Krise der IG Metall erlebt ausgerechnet ihr früherer Vorsitzender Franz Steinkühler ein erstaunliches Comeback. Vor zehn Jahren war der schillernde Gewerkschaftsführer mit der Vorliebe für schnelle Autos und teure Restaurants über dubiose Insidergeschäfte mit Daimler-Aktien gestolpert. Nun, da sich seine Gewerkschaft im Streit zwischen Traditionalisten und Modernisierern zu zerlegen droht, steht der Verstoßene plötzlich wieder mitten im Geschehen.
Mal trifft er sich mit IG-Metall-Vize Jürgen Peters in einem verschwiegenen Hotel, mal telefoniert er mit IG-Metall-Chef Klaus Zwickel. Dann wieder parliert er mit dem Stuttgarter Bezirksleiter Berthold Huber, der ihm einst als Büroleiter in der Frankfurter Gewerkschaftszentrale diente. Schon wird Steinkühler als Schlichter ins Gespräch gebracht oder gar als Übergangschef bis zum nächsten Gewerkschaftstag.
Dass es dazu kommt, hält nicht einmal der Vielgefragte selbst für möglich. Aber dass die Planspiele zeigen, in welch selbstmörderischen Machtkampf sich seine Gewerkschaft verbissen hat, daraus macht er keinen Hehl. »Die IG Metall befindet sich in einem Selbstzerfleischungsprozess.«
Auch deshalb sucht er nach Lösungen - und zieht dafür seit Monaten im Hintergrund die Strippen. Vor allem den wichtigen Betriebsräten und Bevollmächtigten aus seinem einstigen Hausbezirk Baden-Württemberg hat der umtriebige Gewerkschafter in zahlreichen Gesprächen und Telefonaten seine Linie nahe gebracht.
Damit die Organisation nicht zerfällt, müssten unbedingt beide Lager in der künftigen Führung vertreten sein: der Hardliner Peters als Nummer eins und der Reformer Huber als dessen Vize. Und weil es so Tradition ist in der IG Metall, dass der zweite Vorsitzende den ersten beerbt, könne Huber später umso gestärkter selbst an die Spitze rücken.
Zugleich erklärte Steinkühler jedem, wen er für den monatelangen Personalstreit an der Spitze für verantwortlich hielt: Zwickel. Habe der nicht seine Abneigung gegen Peters gepflegt statt zu integrieren? Sei er zuletzt nicht im eigenen Vorstand ohne Mehrheit gewesen? Habe er im Richtungskampf zwischen Traditionalisten und Modernisierern nicht eine Niederlage nach der anderen erlebt?
Die Sticheleien gegen den ungeliebten Nachfolger hatten Erfolg. Als Zwickel im April erneut versuchte, Peters als Vorsitzenden in spe zu kippen, erlebte er die schwerste Schlappe seiner Amtszeit. Mehrere Vorstandsmitglieder, auch aus Baden-Württemberg, stimmten anders, als sie es Zwickel signalisiert hatten. Stattdessen einigte sich das Gremium auf die Tandem-Lösung, zu der Steinkühler stets geraten hatte.
Kein Wunder, dass Peters seinen Mentor aus dem Hintergrund nun erneut zu Hilfe ruft. Steinkühler, so schlug er auf der Vorstandssitzung am Dienstag vergangener Woche vor, soll in einem IG-Metall-eigenen Untersuchungsausschuss mitarbeiten, der die Verantwortung für das Streikdesaster im Osten klären und
ihn selbst damit quasi amtlich entlasten soll.
Doch das wird schwierig. Allzu deutlich zeigen interne IG-Metall-Papiere, dass der Vize für die Fehler des Tarifkampfes die Hauptverantwortung trägt:
* Peters hat den Streik gegen erhebliche Bedenken durchgesetzt. Außer seinem Vertrauten, dem Berliner Streikleiter Hasso Düvel, standen alle übrigen ostdeutschen Bezirksleiter dem Arbeitskampf skeptisch gegenüber.
* Noch in der Vorstandssitzung Mitte Mai hatten Peters und Düvel die Lage »optimistisch« beurteilt und die Zahl streikfähiger Betriebe »groß genug« genannt. Wenige Tage später stellte sich heraus, dass die IG-Metall weit weniger Firmen in den Konflikt führen konnte als geplant.
* Zwickel habe den Streik gestoppt, um Peters zu schaden, streuen die Truppen des Vize. In Wahrheit hat Peters dem Beschluss, den Streik »geordnet zu beenden«, ausdrücklich zugestimmt.
Und Steinkühler? Nach dem offenen Machtkampf der vergangenen Woche ist offenbar auch er nicht mehr so sicher, ob sich sein favorisiertes Personalmodell noch halten lässt. »Ich habe ein Führungstandem aus Jürgen Peters als ersten und Berthold Huber als zweiten Vorsitzenden immer für die beste Lösung gehalten«, sagt er. Doch wer ihn Ende vergangener Woche fragte, ob das noch gelte, bekam zur Antwort: »Kein Kommentar.« Nur eines verheimlicht Steinkühler nicht: dass er die Schlammschlacht an der Gewerkschaftsspitze schlicht zum Davonlaufen findet.
Wenn derzeit etwas über die IG Metall im Fernsehen komme, sagt der Ex-Chef, »dann ziehe ich meine Laufschuhe an und gehe joggen«. MICHAEL SAUGA
* Am 8. Juli am Rande der Vorstandssitzung der Gewerkschaft inFrankfurt.