Ab nach Guantanamo - DER SPIEGEL
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IRAK Ab nach Guantanamo

Mit der Drohung, sie nach Kuba zu deportieren, brachten US-Soldaten gefangene Anhänger Saddams zum Reden. Nach dem Tod seiner Söhne steigt die Hoffnung auf ein Ende des Widerstands.
• aus DER SPIEGEL 31/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Bevor das große, wilde Schießen in Mossul begann, wollen ein paar Nachbarn eine merkwürdige Beobachtung gemacht haben: Zwei vermummte Männer seien aus der Villa herausgekommen, in der wenig später die beiden Saddam-Söhne ihr Ende fanden, und in einem Mercedes-Taxi davongefahren. Seither hält sich das Gerücht in der Stadt, der Überlebenskünstler Saddam Hussein sei, wie so oft, im richtigen Augenblick auf die Flucht gegangen, vermutlich mit seinem ergebenen Fahrer Chalil Ibrahim Umar.

In Nachkriegszeiten haben Gerüchte Hochkonjunktur. Viele Iraker glauben in diesen Tagen den Amerikanern so gut wie nichts mehr. Mythen blühen, Verschwörungstheorien sprießen, die Angst vor der Zukunft macht die Gegenwart verdächtig. Deshalb löste auch die Nachricht vom Tod der beiden Saddam-Söhne zunächst ziemlich viel Ungläubigkeit aus. Beweise sollten her, dass Kussei und Udai wirklich im Sperrfeuer von 200 US-Soldaten den Tod gefunden hatten.

Das Pentagon zögerte denn auch nur kurz und veröffentlichte alsbald die Fotos, auf denen die beiden trotz Wunden und Entstellungen zu erkennen sind. Schließlich präsentierten US-Militärs am Freitagnachmittag die - eingestandenermaßen kosmetisch wieder hergerichteten - Leichen unter großem Journalistengedränge in einem Zelt am Bagdader Flughafen. »Für das irakische Volk«, sagte Verteidigungsminister Donald Rumsfeld zur Rechtfertigung der schaurigen Pentagon-Präsentation, »ist es wichtig zu wissen, dass sie tot sind und dass sie nicht wiederkommen.«

Beim Freitagsgebet in Bagdad spielte der Tod von Udai und Kussei kaum eine Rolle. In der schiitischen Muhsin-Moschee bedauerte der Imam lediglich, dass die Saddam-Söhne nicht lebend gefangen und vor ein Gericht gestellt wurden. So bleibt den gläubigen Muslimen nur die Hoffnung auf Munkar und Nakir, die Todesengel Allahs, die einen Gestorbenen je nach seinen Taten bereits im Grab peinigen können.

Eine Nebenwirkung lässt sich allerdings kaum vermeiden: Die veröffentlichten Bilder eignen sich bestens zur Bildung der Legende von den zwei Märtyrern, die einer Übermacht bis in den Tod Widerstand leisteten - irakische Che Guevaras. Ein arabischer Sender spielte inzwischen ein Video, in dem Saddam-Loyalisten Rache für den Tod der Söhne geloben.

Die Gefahr, dass die Brüder durch ihren Tod glorifiziert werden, sieht auch Mohammed Dschawad Ali, 53, Leiter des Zentrums für Internationale Studien an der Universität Bagdad: »Sie haben sich nicht ergeben, sondern sind im Kampf gegen die Amerikaner gestorben. Das macht sie in den Augen vieler zu Helden«, befürchtet der Professor für Politische Wissenschaften.

»Sehr glücklich« war Rahim Ahmed, 38, ein ehemaliger Geheimdienstoffizier, als er vom Tod der Brüder erfuhr. Doch allzu lange, fürchtet der Schiit, werde der Frieden nicht dauern: »Wenn sich die Lebensumstände nicht bald verbessern, wird es weitere Anschläge geben.«

Kein Wunder, dass sich in Bagdad allerlei Gerüchte ranken um die vermeintlichen Absichten der Amerikaner mit den Besiegten. Wie kann es sein, dass die einzige Supermacht auf Erden, die beispiellose Präzisionswaffen besitzt und sich ihrer organisatorischen Effizienz rühmt, noch immer nicht die zivile Grundversorgung des Landes mit Strom und Wasser sichergestellt hat? Will sie nicht oder kann sie nicht?

»Das Misstrauen geht tief, bis hin zur Paranoia«, meint sogar Paul Wolfowitz. Der stellvertretende Verteidigungsminister, der den Krieg wie kein Zweiter in der Regierung von George W. Bush militärisch vorantrieb, ist gerade von einer Inspektionstour durch den Irak zurück. Von überschwänglicher Hoffnung auf ein rasch blühendes Land, dem Nahen Osten zur Nachahmung, ist bei Wolfowitz momentan wenig zu spüren: »Wir müssen unsere Ernsthaftigkeit unter Beweis stellen«, lautet sein Resümee.

Ein erster Nachweis ist der Besatzungsmacht in Mossul gelungen. Die Erschießung der beiden mörderischen Saddam-Söhne - Udai, 39, hieß wegen seines wahllosen Sadismus »der Wolf«, der kaltblütigere Kussei, 37, »die Schlange« - ist aus amerikanischer Sicht ein Lichtblick nach den vielen Rückschlägen der jüngsten Zeit. In der ersten Euphorie war sogar von einem »Wendepunkt« für Nachkriegszeit und Unfrieden die Rede.

Die Amerikaner wiegten sich schnell in der Hoffnung, dass jetzt noch mehr Einheimische Informationen - »Walk-ins« im CIA-Sprachgebrauch - liefern, wer aus der alten Nomenklatura auf welchen Wegen wohin geflohen ist. Denn ohne Kollaborateure geht offenbar wenig. In Mossul entfaltete ein Kopfgeld von je 15 Millionen Dollar auf Udai und Kussei Überzeugungskraft. Auf Saddam sind 25 Millionen ausgesetzt.

Doch in den Tagen nach dem Feuergefecht blieb erst einmal alles beim Alten. Die Frequenz der Anschläge auf US-Konvois, auf Truppenteile oder einzelne Soldaten ließ keineswegs nach. Im Gegenteil: Die Anschläge nahmen sogar eher zu - Rache für den Tod der Saddam-Söhne. Nach wie vor stirbt durchschnittlich mindestens ein GI pro Tag.

Dass Saddam noch vor dem Einmarsch der Interventionsarmee zum Widerstand auch nach der Niederlage aufrief, gilt den Amerikanern nunmehr als gesichertes Wissen. Dabei hatten die Köpfe des alten Systems, so geht ihre Schlussfolgerung, den Irak unter sich in Einflusssphären aufgeteilt.

Udai, Saddams ältester Sohn, wäre nach dieser Logik für die Fedajin, eher eine Gangsterbande als die Spezialtruppe einer regulären Armee, verantwortlich geblieben. Kussei, der jüngere Sohn, der äußerlich mehr seinem Vater glich, sollte die Reste der Republikanischen Garde und des Geheimdienstes um sich scharen. Kuriere sollten mit Geld, Nachrichten und Anweisungen die Verbindung zwischen den verschiedenen Zweigen der Guerilla aufrechterhalten.

Zu den 150 engsten Mitarbeitern Saddams, die sich - zum Teil nach Absprache mit ihrem Boss - schon vor dem Einmarsch der Amerikaner in Sicherheit brachten, gehörte auch Vizepräsident Taha Jassin Ramadan. Ihm war die Aufgabe zugefallen, nach der Niederlage eine schlagkräftige Terrortruppe außerhalb des Irak aufzubauen.

Den Amerika-Feinden unter den Revolutionswächtern im benachbarten Iran sollte er eine weltweit operierende »Front zur Rettung islamischer Werte« schmackhaft machen, was die radikalsten Kräfte in Iran grundsätzlich begrüßen würden. Auf diese Weise, so Ramadan, könnte ein vor allem in Europa und Nordamerika operierendes Untergrundnetz geschaffen werden, das verhasste Politiker eliminieren und Sabotageakte durchführen soll.

Wenn diese Guerillatheorie stimmt - und von ihrer Richtigkeit sind das Pentagon und die Militärführung im Irak überzeugt -, könnte nach dem Tod der Saddam-Söhne der Widerstand im Land nun allmählich nachlassen. Um ihn aber ganz zu brechen, müsse erst noch Saddam gefunden werden, sagt Wolfowitz, »das ist das Wichtigste, was wir jetzt tun müssen«.

Die amerikanischen Besatzer haben ziemlich lange gebraucht, bis sie die Schlagkraft der Widerstandsgruppen erkannten und eine Strategie zu ihrer Bekämpfung entwickelten. In den vergangenen sechs Wochen haben sie drei Offensiven gestartet - mit großem Erfolg, wie die Kommandeure meinen.

Der erste Angriff Anfang Juni lief unter dem Namen »Peninsula Strike« und galt versprengten Resten der Armee in Dhuluija, einem Städtchen mit Sunniten-Mehrheit zwischen Bagdad und Tikrit. Aus den Vernehmungen ihrer Gefangenen zogen die Amerikaner Rückschlüsse auf die Rolle, die gehobene Ränge in der Baath-Partei bei Waffenbeschaffung, Nachwuchsanwerbung und Finanzierung der Anschläge auf US-Soldaten spielten.

Nach der zweiten Offensive, »Desert Skorpion«, wollen die Amerikaner Fluchtwege für die Überreste der alten Garde verbaut haben. Außerdem sollen dabei jede Menge Juwelen und Bargeld sichergestellt worden sein.

Diese zweite Offensive verschaffte dem amerikanischen Militär zudem erstmals einen genaueren Überblick über die verblüffend große Zahl der Gegner - die Guerilla heißt seither im US-Jargon »Gang der 9000«. Als Konsequenz sieht das Central Command nun davon ab, Ende Juli die gesamte 3. Infanteriedivision nach Hause zu schicken. Die Soldaten werden noch gebraucht.

Die dritte Offensive, »Soda Mountain«, zielte auf die mittlere Ebene der Baath-Partei, die offenbar die Widerstandsgruppen trägt und deren Anschlägen Richtung gibt. Bei den Verhören habe sich herausgestellt, schreibt die »Washington Post«, dass die Gefangenen Bescheid wussten, wie die Meistgesuchten aus der untergegangenen Diktatur ihrer Entdeckung entgehen.

Die Vernehmer hatten ihre Gefangenen vor die Alternative Guantanamo oder Plaudern gestellt - entweder Deportation in das amerikanische Gefangenen-Camp auf Kuba oder Geheimnisverrat. So habe das Militär im »Schneeballsystem« Wissen angesammelt und ausgewertet. Und so sei der Schutzwall um Saddam und seine Söhne langsam aufgebrochen.

Hinzu kamen die Informanten. Einer von ihnen, vermutlich Nawaf Seidan, bei dem die ungebetenen Gäste schon 23 Tage zuvor Quartier genommen hatten, lieferte den entscheidenden Tipp. Der Rest hätte leichtes Spiel sein können - war es aber nicht.

Offenbar schenkten die US-Soldaten, die zuerst Zutritt zur Villa im Norden Mossuls verlangten, dem Informanten keinen rechten Glauben. Denn merkwürdigerweise gingen sie ein hohes Risiko ein: Vier von ihnen zogen sich prompt Verletzungen zu, als Kussei und sein 14 Jahre alter Sohn Mustafa sowie Udai und dessen Leibwächter plötzlich das Feuer eröffneten.

Die Jagd auf die Saddam-Clique liegt eigentlich bei der geheimnisumwitterten Task Force 20, die vor allem aus Elite-Einheiten wie Navy Seals und Delta Force sowie der CIA besteht. Doch nach einer Bilderbuchaktion der fähigsten Spezialisten, die das amerikanische Militär aufzubieten hat, sah die Fünf-Stunden-Schlacht gegen vier Flüchtlinge, die lediglich leichte Handfeuerwaffen besaßen, nicht gerade aus.

Die kleine amerikanische Streitmacht, am Ende 200 Kommando-Soldaten, unternahm drei Versuche, ins Haus einzudringen. Eine Panzerabwehreinheit schoss schließlich das abgeriegelte obere Stockwerk mit zehn Tow-Raketen in Trümmer. Einer der vier, angeblich der Teenager-Sohn Kusseis, lebte in diesem Augenblick noch und feuerte weiter um sich, bis auch er erschossen wurde.

Natürlich würde das Pentagon die eher stümperhafte Erstürmung der Villa gern zur Sage vom heldenhaften Kommando-Unternehmen ummünzen. Doch dagegen sprechen der Augenschein und zu viele Fakten. Hinzu kommt, dass Amerikas Bedarf an neuen Irak-Legenden vorerst gedeckt zu sein scheint.

Für den sich langsam abzeichnenden Stimmungswandel in den USA - auch hier wird eine erbitterte Debatte über den Kriegsgrund geführt - zeigt nun ein Mann Unverständnis, der bisher nicht als Anhänger George W. Bushs aufgefallen ist, Bill Clinton. »Wissen Sie, jeder macht mal Fehler, wenn er Präsident ist«, erklärte er in einem CNN-Interview.

Anstatt weiter nach richtigen oder falschen Gründen für den Krieg zu bohren, empfiehlt der erfahrene Ex-Präsident, das Ende des anhaltenden Unfriedens zu beschleunigen: »Wir sollten uns jetzt darauf konzentrieren, das Richtige zu tun.«

GERHARD SPÖRL, ANDREAS ULRICH, VOLKHARD WINDFUHR

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