VERBRECHEN Völlig neue Dimension
Wo die Bombe explodieren sollte, darüber stritten sie noch: Die Baustelle des neuen jüdischen Kulturzentrums am Münchner Jakobsplatz war in der engeren Wahl, doch auch in der Nachbarschaft hatten die Neonazis der »Kameradschaft Süd« bereits »geeignete Gebäudetypen« ausgespäht, die sie, so Ermittler, in die Luft sprengen wollten. Und es gab eine ganze Liste mit den Adressen jüdischer und muslimischer Einrichtungen.
Ein blutiger Anschlag war geplant, so viel scheint festzustehen, ein Attentat von grausigem Ausmaß, ähnlich dem Oktoberfest-Anschlag von 1980. Die Rechtsextremisten um den Anklamer Martin Wiese, 27, dachten wohl sogar daran, ihre Bombe während der Grundsteinlegung für das jüdische Zentrum am 9. November, dem Jahrestag der Reichspogromnacht, zu zünden. Bundespräsident Johannes Rau, der jüdische Zentralratsvorsitzende Paul Spiegel und Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber sollten bei der Feier sprechen.
Die Münchner Polizei konnte das Attentat verhindern: Am Dienstag vergangener Woche fanden Ermittler im Süden der Stadt 14 Kilogramm Standard-Sprengstoff, 1,7 Kilogramm hochexplosives TNT, mehrere Handgranaten, Schusswaffen und alle Instrumente zum Bau einer Rohrbombe. Das reicht, um den Zirkel um die »Kameradschaft Süd« als Terrorgruppe zu verdächtigen. Am Donnerstagabend zog deshalb Generalbundesanwalt Kay Nehm den Fall an sich.
Der bayerische Innenminister Günther Beckstein warnt nun vor einer »völlig neuen Dimension« der rechten Gewalt - dazu kommt, dass die Anschlagspläne in Bayern keineswegs der erste Beleg dafür sind, dass sich die braune Szene gezielt mit Sprengstoff versorgt: Bereits seit fünf Jahren fahndet das Landeskriminalamt Thüringen etwa nach den abgetauchten Rechtsextremisten Uwe Böhnhardt, 25, Beate Zschäpe, 28, und Uwe Mundlos, 30; Beamte waren in Jena auf ein Depot mit einsatzbereiten Rohrbomben und 1,4 Kilogramm TNT gestoßen. Weil das Bombentrio bis heute nicht gefasst wurde, droht die Tat zu verjähren.
Der Münchner Fall könnte gleichwohl eine Zäsur sein - so weit ist die jüngere Neonazi-Generation bislang noch nie gekommen. Die letzten spektakulären Bombenanschläge verübten höchstwahrscheinlich Jung-Rechte 1998 auf das Berliner Grab von Heinz Galinski und 1999 auf die Wehrmachtsausstellung in Saarbrücken.
Auch die »Nationale Bewegung«, auf deren Konto in Brandenburg mehrere Brandanschläge gehen, ist seit 2001 nicht mehr in Erscheinung getreten.
Die Ruhe war aber offenbar trügerisch. Die Gruppe um Martin Wiese soll seit Monaten in der Szene agitiert haben: Man müsse »mehr tun, als nur in Fanzines zu labern«. Mal »was Richtiges« machen.
Wiese ist für die Ermittler dabei die zentrale Figur. Der Mann aus Mecklenburg-Vorpommern, der vor drei Jahren nach München zog, ist inzwischen zu »einem der bekanntesten Neonazi-Führer Bayerns« (Verfassungsschutz) aufgestiegen. Bei ihm fand die Münchner Polizei eine Auflistung von jüdischen und muslimischen Häusern in München, dazu die Adressen der Moscheen und Gebetshäuser und den Namen eines griechischen Treffpunkts. Aber auch Sturmhauben, Propagandamaterial und zwei Mauser-Pistolen, Kaliber 7.65 Millimeter.
Doch den eigentlichen Fund machten die Ermittler nach der Festnahme Wieses - im Versteck des bereits am 19. Juli inhaftierten Alexander Metzing, 27, der einen Aussteiger brutal misshandelt hatte. In einer Schreinerei soll der gebürtige Luckenwalder in einer Sporttasche den fast einsatzbereiten Sprengsatz mit 1,7 Kilogramm TNT gebunkert haben.
Einmal in Haft, zeigte sich derweil dessen Kompagnon Wiese ausgesprochen gesprächig. Auch seine Angaben führten die Ermittler auf die Spur von drei Brandenburger Militaria-Sammlern, die nun verdächtigt werden, alte Granaten beschafft zu haben, aus denen die Neonazis anschließend das TNT herausschabten.
Einer der Verdächtigen, ein langjähriges NPD-Mitglied, hortete vier Pistolen, Munition und Sprengstoffreste. Einen anderen Waffennarren führten die Bundesanwälte am Freitag in Karlsruhe den Ermittlungsrichtern vor. Auch Wieses Freundin Ramona Sch. und sein Mitbewohner Karl-Heinz S. sitzen jetzt hinter Gittern.
In den nächsten Wochen will die Münchner Sonderkommission »TNT« weitergraben im braunen Sumpf um die Kameradschaft Süd. Denn die soll intensive Kontakte zu Neonazis aus der ganzen Republik und nach Osteuropa gepflegt haben. Die drängendsten Fragen für die Fahnder: Welche Hintermänner vermittelten den Sprengstoff, wer sind die Geldgeber - und vor allem: Gibt es noch andere Kameraden mit einem derartigen Bombenarsenal? CONNY NEUMANN,
SVEN RÖBEL, HOLGER STARK
* Am 12. Juli 2002 bei einer Kundgebung gegen Antisemitismus inMünchen.