ÄGYPTEN-BERATER Geheim, privat, persönlich
Der Staatssekretär des Bonner Auswärtigen Amtes, Professor Walter Hallstein, wird sich in Kürze mit einem schweren Vorwurf auseinanderzusetzen haben: Er habe auf die enge Zusammenarbeit mit einem Mann Wert gelegt, von dem seine eigenen untergebenen Beamten offiziell nichts halten dürfen.
Gleichzeitig wird zur Debatte stehen, wie sorglos prominente Angehörige des AA mit den doch keineswegs festgegründeten deutsch-britischen Beziehungen umgehen, darüber hinaus, wie auch noch die Freundschaft zwischen Ägypten und der Bundesrepublik durch doppelgleisiges Gegeneinander getrübt wird.
Der technische Chefberater deutscher Abstammung bei der ägyptischen Regierung und Leiter des Central Planing Board in Kairo, Dr. Wilhelm Voß, genießt das Vertrauen Walter Hallsteins in einem Ausmaß, dessen sich nicht einmal alle deutschen Botschafter rühmen dürfen, obwohl Walter Hallstein einer der höchsten Beamten der Bundesrepublik Deutschland ist und obwohl Wilhelm Voß prominenter Wehrwirtschaftsführer des Großdeutschen Reiches war*).
Die ägyptische Laufbahn des Dr. Wilhelm Voß begann mit einer »Bescheinigung über die Dringlichkeit von Ausreisegenehmigungen«, datiert vom 22. Februar 1951, unterzeichnet vom Staatssekretär des Bundesministers für Wirtschaft, Dr. Schalfejew. Sie hatte folgenden Wortlaut:
Herr Dr. Wilhelm Voss, Rottach-Egern, Fürstenstraße 116, beabsichtigt, mit seinem Mitarbeiterstab und den dazugehörigen Familienangehörigen nach Ägypten auszureisen. Die Ausreise liegt im dringenden wirtschaftlichen Interesse der Bundesrepublik. Ich bitte, der Bedeutung dieser Reise bei der Bearbeitung der Paßanträge Rechnung zu tragen.
Mit solcher Unterstützung trat Dr. Wilhelm Voß als Chef der Experten sein Amt in Ägypten an. Er wurde einflußreicher Berater des Generals Nagib.
Seine Beziehungen zu höchsten Bonner Kreisen vernachlässigte er darüber nicht. Bei dem damaligen Vortragenden Legationsrat und heutigen neuernannten, aber noch nicht abgereisten deutschen Botschafter in Indonesien, Helmut Allardt, mit dem Voß nach Kriegsende zusammen im Internierungslager gesessen hatte, fand er dabei hilfreiche Unterstützung.
In Kairo ist bekannt, daß Dr. Voß und seine engste Umgebung über ihre intimen Beziehungen zu höchsten Bonner Stellen
*) Laut Nachschlagewerk: »Wer leitet? Die Männer der Wirtschaft und der einschlägigen Verwaltung« von 1941/42 hatte Wilhelm Voß im Dritten Reich folgende Positionen inne: Vorsitzender des Vorstandes Reichswerke AG. für Waffen- und Maschinenbau »Hermann Göring«, Berlin; Vorsitzender des Aufsichtsrates und Arbeitsausschusses Simmering-Graz-Pauker AG. für Maschinen-, Kessel- und Wagenbau, Wien; Steyr-Daimler-Puch AG., Steyr; Vorsitzender des Aufsichtsrats Omnipol Handels-AG., Wien; Stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrats Rheinmetall-Borsig AG., Berlin; Mitglied des Aufsichtsrats Veitscher Magnesitwerke AG., Wien; Präsident des Verwaltungsrats Omnipol SA., Mailand; Präsident des Verwaltungsrats und Vorsitzender des Exekutiv-Komitees AG. vorm. Skoda-Werke, Pilsen, Prag; Eisenwerke Podbrezova., Preßburg; Mitglied des Verwaltungsrats und Vorsitzender des Exekutiv-Komitees Explosia, Explosivstoff-AG., Prag; Synthesia, Chemische Werke AG., Prag; Waffenwerke Brünn AG., Brünn; Vorsitzender des Verwaltungsrats Avia AG. für Flugzeugindustrie, Prag; Erste Brünner Maschinen-Fabriksgesellschaft, Brünn; Omnipol AG., Prag; Präsident Deutsch - Slowakische Gesellschaft, Berlin. des Lobes voll waren. Dort kann man erfahren, daß der Leiter der politischen Abteilung des Außenamtes, Botschafter Herbert Blankenhorn, Dr. Wilhelm Voß brieflich gebeten hat, bei seinem nächsten Deutschlandbesuch doch mal wieder ins Palais Schaumburg hineinzuschauen.
Untergeordnete Beamte des Außenamtes - so heißt es in Kairo - warnen ahnungs los deutsche Industrielle und Offiziere vor einer Zusammenarbeit mit Dr. Wilhelm Voß, während ihr eigener Staatssekretär Walter Hallstein eng mit Dr. Voß zusammenarbeitet.
Es ist am Nil bekannt, daß der deutsche Angestellte der ägyptischen Regierung, Wilhelm Voß, und damit der Diener einer ausländischen Macht, monatelang aus dem Auswärtigen Amt ihn interessierenden chiffrierten Schrift- und Telegrammverkehr zwischen der deutschen Botschaft in Kairo und der Bonner Zentrale bezogen hat und daß er, wenn versehentlich eine Stockung eintrat, bestimmte Schriftstücke »anforderte«.
Dr. Wilhelm Voß hatte nach zweijähriger Tätigkeit seine Verbindungen auch in anderer Richtung ausgebaut.
Unter dem Datum »Cairo, 11. 3. 1953« und dem Vermerk »top secret« schrieb Dr.
Wilhelm Voß an den inzwischen abgesetzten »Lt. Col. Kamal Abd El Hamid, Min of War and Marine, Cairo«, in Englisch:
»Sir ... als ich im Januar dieses Jahres in Deutschland war, nahm ich Kontakt auf mit dem Oberkommando der neuen deutschen Streitkräfte. Zweck und Ziel auf beiden Seiten war es, wenn möglich eine zukünftige Zusammenarbeit vorzubereiten und für unsere Arbeit hier insbesondere neueste Dienstvorschriften, Instruktionen, Ideen usw. über Organisation, Bewaffnung, Taktik usw. zu erhalten.
»Durch den Umstand, daß ich einige der kompetenten Offiziere in Bonn persönlich sehr gut kenne, erreichte ich die private Vereinbarung mit ihnen, Schritt für Schritt eine Zusammenarbeit vorzubereiten und uns mit ihren Dienstvorschriften, Instruktionen usw. zu unterstützen. Es ist natürlich verständlich, daß diese Tatsache absolut streng geheim behandelt werden muß, nur privat, persönlich und vertraulich zwischen den Offizieren in Bonn und mir beziehungsweise meinen persönlichen Abgesandten.
»In eben dieser Angelegenheit bat ich Oberst Ferchl, als er vor einiger Zeit eine Reise nach Deutschland machte, meine
Freunde in Bonn aufzusuchen und Dokumente, Dienstvorschriften usw. zu empfangen. Das tat er, und er erhielt eine Menge sehr wichtiges Material, das nützlich ist für unsere Arbeit und für die ägyptischen Streitkräfte. Ich habe nun die unverzügliche Auswertung dieses Materials angeordnet, um es allen Experten zugänglich zu machen, die es angeht, und um es dann mit unseren besonderen Vorschlägen den ägyptischen Streitkräften zugute kommen zu lassen.
»Im Hinblick auf die Tatsache, daß diese Dienstvorschriften usw. von großer Bedeutung für die ägyptischen Streitkräfte sind, bitte ich dringend, daß die Kosten für die Reise des Oberst Ferchl von der ägyptischen Regierung bezahlt werden d. h. die Flugkarten nach Deutschland und zurück und die üblichen Spesen für sieben Tage.«
Nun ist sehr die Frage, ob Staatssekretär Hallstein gut beraten war, auf Dr. Wilhelm Voß mehr zu setzen als auf seinen Botschafter. Während Voß gute Beziehungen zu Nagibs Leuten unterhielt, war offenkundig, daß Oberstleutnant Nassir den deutschen Botschafter bevorzugte. Durch Nassirs Machtübernahme ging denn auch der Einfluß von Dr. Voß auf ein Minimum zurück. Die neuen Machthaber entließen zahlreiche Offiziere der bis dato etwa 60 Köpfe starken deutschen Expertengruppe.
Bei den Marineexperten in Alexandrien unter Kapitän Bechtholdsheim wurden im vergangenen Monat Hausdurchsuchungen und Leibesvisitationen durch ägyptische Polizei ausgeführt, und Ministerpräsident Oberstleutnant Nassir sagte - wie aus Industriekreisen verlautet - wörtlich über Dr. Wilhelm Voß: »Er ist ein Lügner, und Sie können mich zitieren.«