DAS PHANTOM DER UNI - DER SPIEGEL
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entscheiden DAS PHANTOM DER UNI

IM UMKREIS DER BOCHUMER UNIVERSITÄT FAHNDET DIE POLIZEI NACH EINEM SERIENVERGEWALTIGER - MIT EINEM UMSTRITTENEN MASSEN-SPEICHELTEST.
• aus UNI SPIEGEL 5/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Eine Augustnacht im Jahr 2000, gegen null Uhr: Der Zug der U-Bahn-Linie 35 stoppt an der Station »Ruhr-Universität«. Eine Studentin steigt aus und will auf ihr dort abgestelltes Fahrrad steigen. Aber irgendjemand hat inzwischen den Sattel demoliert. Sie muss das Rad bis zum Wohnheim »Auf dem Kalwes« in der Kollegstraße schieben.

Der Weg ist zwar beleuchtet, ringsum aber stehen nur Büsche und Bäume: Um diese Zeit ist der Campus wie ausgestorben. Doch plötzlich taucht ein Mann auf, er packt die 24-Jährige, zerrt sie weg vom Fußweg in die Dunkelheit, versucht, sie zu vergewaltigen. Als eine lautstarke Gruppe von Studenten in der Nähe vorbeikommt, lässt er von seinem Opfer ab. Der Unbekannte verschwindet so schnell, wie er gekommen ist.

Für die Bochumer Polizei ist das Fall Nummer 16. Die unheilvolle Serie begann 1994 in der nahen Kleinstadt Sprockhövel. Auf einer großen Landkarte haben die Ermittler alle Tatorte markiert. Inzwischen kleben 21 rote Pfeile auf der Karte: Seit August 2000 sind noch fünf weitere Verbrechen gemeldet worden; das letzte im Dezember 2002.

Andrea Scheuten, Kriminaloberrätin bei der Polizei Bochum, ist Chefin der »Ermittlungskommission (EK) Messer«. Zusammen mit 18 Kolleginnen und Kollegen macht sie Jagd auf den Sexualverbrecher. Insgesamt 16 Vergewaltigungen, glauben die Ermittler, habe er seit 1994 begangen, seine Opfer meist vorher mit einem Messer bedroht.

Siebenmal waren Studentinnen der Ruhr-Universität Opfer des Unbekannten, die Taten ereigneten sich meist nachts auf dem menschenleeren Campus-Gelände. »Eigentlich ist es ja schön, dass um die Uni und die Wohnheime herum viele Grünflächen sind«, sagt Scheuten, »aber in dieser Abgeschiedenheit liegt nachts die Gefahr.«

Die Bochumer Betonburg, erste Universitäts-Neugründung der Bundesrepublik im Jahr 1962, ist das exakte Gegenteil einer idyllischen Campus-Uni. Sechsspurig und ohne Bürgersteig führt die Universitätsstraße stadtauswärts, in ihrer Mitte verlaufen die Schienenstränge der U 35. Zum Wohnheim Laerholzstraße können die Bewohner nicht an der beleuchteten Straße entlanggehen. Ein schmaler Fußweg verläuft parallel, abgeschirmt durch Bäume und Gebüsch. Im Laerholzwäldchen missbrauchte der Serientäter bislang zwei Studentinnen.

Im druckfrischen Asta-Info der Ruhr-Universität warnen die Studentenvertreter erstmals alle weiblichen Erstsemester vor dem »Uni-Phantom« ("Bild"). Kriminalistin Scheuten sprach im vergangenen November vor rund 400 Studentinnen und Studenten über den Stand der Ermittlungen - und gab Tipps, wie sich junge Frauen schützen können. »Wenn es sich nicht vermeiden lässt, nachts allein durchs Dunkle nach Hause zu laufen, sollten die Frauen übers Handy Kontakt zu einem Bekannten halten«, rät Scheuten. »Unsere Erfahrung zeigt außerdem, dass wehrhafte Opfer durchaus Chancen haben, die Tat zu verhindern.«

Wie die Studentin, die Ende 2002 frühmorgens von der Kneipe nach Hause will. Sie merkt, dass ihr jemand nachgeht, und beschleunigt ihre Schritte. Auch ihr Verfolger wird schneller, sie rennt, der Unbekannte lässt sich nicht abschütteln. Unvermittelt bleibt sie stehen, fährt herum. Darauf ist der Mann nicht gefasst, er strauchelt, greift nach der jungen Frau. Sie tritt ihm mit aller Kraft zwischen die Beine und kann fliehen.

Ob es sich in diesem Fall um den Gesuchten handelte, wissen die Ermittler nicht, weil kein Spurenmaterial vorhanden ist. Den Täter über einen DNS-Abgleich zu finden ist inzwischen die große Hoffnung der EK Messer. Schon 1998 bat die Bochumer Polizei 1300 Männer zum Speicheltest, doch keine der DNS-Proben entsprach den Täterspuren. Damals wurden nur Männer aus Sprockhövel zum Test aufgefordert, jener Kleinstadt, in der die Serie begonnen hat.

Diesmal ist der Kreis der Verdächtigen größer: Fast 10 000 Speichelproben will die Bochumer Polizei bis Ende des Jahres analysieren. Anhand der Tatorte hat ein britischer »Geo-Profiler« den wahrscheinlichen Wohnort des Verbrechers eingekreist. Alle Männer zwischen 25 und 40 Jahren, die dort wohnen oder gewohnt haben, sind schriftlich zum Test aufgefordert worden.

So geraten auch rund 900 Studenten und Uni-Mitarbeiter aus Bochum-Querenburg ins Visier der Fahnder - sehr zum Missfallen des Expertenteams für Grund- und Freiheitsrechte im links-alternativen Asta. »Hier wird die Unschuldsvermutung umgekehrt«, empört sich Asta-Referentin Hannelore Singalub. Wer die Speichelprobe verweigere, gelte automatisch als tatverdächtig.

Thilo Machotta jedenfalls will keine Speichelprobe abgeben. Der angehende Medienwissenschaftler passt durch Alter und früheren Wohnsitz ins Täterprofil, deswegen schickte ihm die Polizei vor kurzem eine Aufforderung zum Speicheltest. Statt einer Probe von der Mundschleimhaut lieferte Machotta ein Alibi: Zum Zeitpunkt einer der Taten war er auf einer Fachschaftstagung, bei der Polizei hat er die Teilnehmerliste eingereicht. Das beeindruckt die Beamten allerdings nicht; sie bestehen weiter auf der Probe. Ein Kommilitone, der Jura-Student Roman Boukes, will seine Weigerung notfalls bis zum Bundesverfassungsgericht durchfechten.

»Wir versuchen, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen, die den Test verweigern«, sagt Andrea Scheuten, »oft können wir ihre Bedenken zerstreuen.« Bleibt jemand bei seiner Weigerung und kann auch kein überzeugendes Alibi vorweisen, reicht die Polizei den Fall an die Staatsanwaltschaft weiter, das Landgericht kann dann einen Zwangstest anordnen.

Solange der Vergewaltiger nicht gefasst ist, greifen die Studenten zur Selbsthilfe. Der Asta will sich um bessere Beleuchtung auf dem Campus und um Selbstverteidigungskurse kümmern. In den Wohnheimen liegen Telefonlisten aus, über die Studentinnen Begleitung für den nächtlichen Heimweg anfordern können. Und das Frauenreferat verteilte einen Satz Trillerpfeifen.

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