»Affen und Schweine« - DER SPIEGEL
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»Affen und Schweine«

In einem Propaganda-Video feiert al-Qaida die Attentäter - und ködert so neues Personal.
• aus DER SPIEGEL 44/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Zwei der Männer, die auf dem Boden sitzen, tragen Turban, ein dritter eine dunkle Wollmütze. Einer lacht, ein anderer streicht sich über das bärtige Kinn und blickt verträumt auf den grellgrünen Teppich.

An der Wand hängt ein großer Papierbogen: »Die Zerstörung Amerikas« steht da in arabischer Schrift, darunter, wie von Kinderhand gemalt, eine Karte der USA, krumm und schief - und dennoch ein deutlicher Hinweis, dass in diesem Raum gerade der größte Terroranschlag der Geschichte vorbereitet wird.

Die drei Männer heißen Walid al-Schari, Hamsa al-Ghamdi und Mohald al-Scheri. Der erste flog am 11. September um 8.45 Uhr in der von Mohammed Atta gelenkten Boeing 767 in den Nordturm des World Trade Center. Die beiden anderen rasten 18 Minuten später in der von Marwan al-Shehhi geführten Maschine in den Südturm.

Zuvor waren die Gotteskrieger gefilmt worden, im so genannten Haus der Märtyrer im afghanischen Kandahar. Die Szene ist Teil eines bemerkenswerten Filmdokuments, 62 Minuten lang und von erstaunlicher Bildqualität. Das Werk der Qaida-Propagandaabteilung, das dem SPIEGEL und SPIEGEL TV vorliegt, erzählt erstmals aus Tätersicht die Anschläge von New York und Washington.

Es beginnt mit Bildern des brennenden Pentagon, unterlegt von religiösen Gesängen und Versen aus dem Koran. Und es endet - wie es sich für einen ordentlichen Film gehört - mit einem Abspann und dem Hinweis auf die Produktionsfirma: al-Sahab, zu Deutsch: »die Wolke«.

Die Stimmen der Sprecher dürften westlichen Geheimdienstlern bekannt vorkommen: Osama Bin Laden und der inzwischen verhaftete Ramzi Binalshibh kommentieren persönlich die Heldentaten der »19 Märtyrer des 11. September«.

»Sie haben nicht nur die Türme des World Trade Center und das Pentagon zerstört. Das wäre zu einfach gewesen«, textet Bin Laden. »Nein, sie haben das Symbol der Tyrannen unserer Zeit und deren Werte zerstört.«

Der Kampf der Gotteskrieger gegen die »amerikanischen Kreuzritter und deren Kollaborateure in unseren Regionen« ist das Leitmotiv des Videos. Jeder der 19 Verschwörer wird erwähnt und metaphernreich gewürdigt. So lobt Bin Laden den jungen Hamsa al-Ghamdi, dieser habe den Koran in sich aufgenommen, wie »der Korb vom Baum herunterfallende Datteln auffängt«.

Dann beschreibt Binalshibh mit weicher Stimme, wie er und seine Mitstreiter in Kandahar die Anschläge vorbereitet haben. Fast gerührt berichtet der Qaida-Terrorist von der »liebevollen und brüderlichen Atmosphäre«, die dort geherrscht habe: »Diese Helden wurden nur von Gottes Liebe angetrieben, um das zu erreichen, was nicht nur für ihre Nation, sondern für die gesamte Weltbevölkerung von großer Bedeutung sein wird.«

Während des Kommentars beugen sich die Terroristen über Flugbücher und Gebrauchsanweisungen für Cockpit-Instrumente und markieren auf Landkarten Washington und das Pentagon.

Die Heldenverehrung dient einem bestimmten Zweck: Seit Jahren setzt al-Qaida solche Propagandavideos zur Rekrutierung neuer Kämpfer ein. Über verschlungene Wege werden die Filme nach Europa geschleust - oft in Form von CD-Roms. Später kursieren dann Kopien der Kopien im Umfeld radikaler Moscheen, etwa in Deutschland, Frankreich und England.

Es ist der weniger bekannte Part einer Medienstrategie, die die Terror-AG seit langem verfolgt. Der andere Teil konzentriert sich darauf, die westliche Welt regelmäßig mit immer neuen Bin-Laden-Videos zu versorgen.

Wann genau die bizarren Szenen in Kandahar aufgenommen wurden, lässt sich heute schwer ermitteln. Bis aus dem Rohmaterial ein fertiger Film entstanden ist, verging nach den Anschlägen wohl knapp ein Jahr.

Er sei gerade dabei, eine eigene Dokumentation zum Jahrestag des 11. September zusammenzustellen, vertraute Binalshibh bereits im April 2002 Yosri Fouda an, dem Londoner Korrespondenten des arabischen Fernsehsenders al-Dschasira. Zuvor hatte Binalshibh gemeinsam mit Chalid Scheich Mohammed den Journalisten per Handy in ein so genanntes safe house in Karatschi dirigiert.

Dort präsentierte er Fouda stolz den Inhalt eines grauen Koffers. Darin seien seine »Hamburg-Souvenirs«, erzählte er ihm: CD-Roms, Landkarten der US-Ostküste, Fluganleitungen und Englischbücher. Alles Gegenstände, die er aus der Wohnung in der Hamburger Marienstraße mitgenommen habe.

Fouda filmte den Kofferinhalt. Später entdeckte er genau diese Gegenstände im Propaganda-Video - in Sequenzen mit weiß gewandeten Männern, die Flugpläne studieren.

So deutet manches darauf hin, dass Binalshibh hier selbst Regie geführt hat.

Al-Dschasira-Mann Fouda erfuhr zudem von Chalid Scheich Mohammed, dass 18 der 19 Attentäter Video-Testamente hinterlassen hätten. Zwei dieser Vermächtnisse sind im Film zu sehen: das von Ahmed al-Hasnawi, der in dem in Pennsylvania abgestürzten Flugzeug saß, und das von Abd al-Asis al-Umari, der mit Mohammed Atta in den Nordturm flog.

Umari sitzt an einem Tisch, im Hintergrund hängt ein Foto des Pentagon. Es falle ihm nicht leicht, sein Testament zu verlesen, beginnt er, sein Kopf sei voller Gedanken in diesem Moment des Endes. Mehr als 35 Minuten dauert seine Erklärung, er sagt Sätze wie: »Ich beschloss, mich auf diesen Weg zu begeben, nachdem die Enkel von Affen und Schweinen, die Juden und Christen, sich an die muslimischen Frauen heranmachten, ihnen ihre Würde nahmen und sie schlugen.«

Bin Laden lobt den Heldenmut des jungen Kämpfers: »Die Wirkung seiner Tat war wesentlich effizienter als viele Millionen Bücher, die zur Stärkung des Islam geschrieben worden sind.«

Mit dem Umari-Testament endet der Film, danach folgt ein Hinweis auf weitere Werke aus dem Hause al-Sahab: »Zu unseren Produkten zählt auch ein Band zum Anschlag auf den amerikanischen Zerstörer USS ,Cole'.« Von den Anschlägen auf die US-Botschaften in Nairobi und Daressalam von 1998 exis-tierten, so die Werbung der Terroristen, ebenfalls Videos.

Man dürfe sich die Qaida-Propagandaabteilung nicht wie eine normale Produktionsfirma mit Büro- und Schneideräumen vorstellen, erklärt der französisch-algerische Journalist und Islamistenkenner Mohammed Sifaoui. Al-Sahab sei extrem mobil, gedreht werde mit kleinen Videokameras, geschnitten am Laptop.

So scheint eines nun gewiss: Wo immer al-Qaida-Kämpfer operieren, sind Kameras dabei - der Terror ist nicht nur global, sondern auch multimedial geworden. BRITTA SANDBERG

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