CHINA Bein und Busen
Zehn Zentimeter sind es, die das Leben von Monika Guo, 23, verändern sollen - zehn Zentimeter, die ihr im Beruf und in der Liebe helfen sollen. Denn die junge Frau ist nur 1,50 Meter klein - was sie als schweren Makel empfindet.
Nun hockt sie, mit rosa T-Shirt und schwarzer Hose bekleidet, auf Bett 27 in der Orthopädie der Xinhua-Klinik von Hangzhou und wartet auf den nächsten Morgen. Dann wird Doktor Zhang Wanzhong zur Säge greifen und ihr beide Unterschenkel durchtrennen. Dies ist der Anfang einer langwierigen und schmerzhaften Prozedur, die sie auf 1,60 Meter vergrößern soll.
Guo ist kein Einzelfall. Und die Klinik in Hangzhou ist nur eine von mehreren im Reich der Mitte, die auf solche Eingriffe spezialisiert sind. Alle haben lange Bewerberlisten - immer sind die Kunden gut betuchte Chinesinnen und Chinesen, die sich zu klein fühlen oder sich verschönern lassen wollen. »Wir operieren im Jahr 20 bis 30 Patienten«, sagt Chirurg Zhang. Es könnten mehr sein, wäre die Station nicht mit normalen Fällen ausgelastet, die zum Teil auf den Fluren liegen müssen.
Für viele ist die Operation nicht eine Frage der Eitelkeit, sondern der bitteren Notwendigkeit, wie sie glauben. Betriebswirtin Guo hält sie sogar für die Gelegenheit ihres Lebens. Sie hofft: »Wenn ich größer bin, habe ich bessere Aussichten auf eine gute Stelle und vielleicht auf einen schickeren Freund.«
Seit in China der Kapitalismus eingezogen ist, herrscht ein harter Verdrängungswettbewerb um attraktive Arbeitsstellen. Der revolutionäre Einheitslook der Armeemäntel und Mao-Anzüge ist passé, im Beruf zählen nicht mehr allein Parteitreue, Beziehungen und Fähigkeiten, sondern auch das Erscheinungsbild.
Der 1997 verstorbene KP-Reformer Deng Xiaoping hätte mit seinen 153 Zentimetern heutzutage wohl kaum reüssiert. Obwohl verboten, verlangen viele Firmen und Ministerien von den Bewerbern eine Mindestgröße. Wer zum Beispiel in Chinas diplomatischen Dienst will, darf nicht kleiner als 160 Zentimeter (Frauen) oder 170 Zentimeter (Männer) sein. Guo: »Ich bin genauso qualifiziert wie andere. Wenn ich aber mit anderen Kandidaten in einer Schlange stehe, werde ich wegen meiner Größe von vornherein aussortiert.«
Bettnachbarin Sharon Lin, 21, die ihre Operation schon fast drei Monate hinter sich hat und nun Stunde um Stunde abwechselnd die Beine mit 19 Pfund schweren Gewichten belastet und die Knie mit Hilfe eines elektrischen Apparats beugt und streckt, denkt ähnlich: »Ich will eine faire Chance«, sagt die Studentin der Landschaftsplanung. Vor dem Eingriff war auch sie 1,50 Meter groß.
Fast sechs Monate lang wird die Schnittstelle täglich einen Millimeter auseinander gezogen, damit sich zusätzliche Knochenmasse bildet und das Bein auf diese Weise länger wird. Die Risiken dieses von dem russischen Chirurgen Gawril Ilisarow entwickelten Verfahrens, versichert Arzt Zhang, seien gering; über Misserfolge schweigt er sich allerdings aus.
Dass die Operation rund 30 000 Yuan (3100 Euro) kostet, schreckt Guo und Lin ebenso wenig wie die Aussicht, neun Monate im Bett liegen und danach ein Vierteljahr an Krücken humpeln zu müssen. Guo: »Was ist ein Jahr Schmerz gegen ein ganzes Leben voller Qualen?«
Aber nicht nur die Körpergröße ist im Kampf um gute Jobs wichtig, sondern auch gutes Aussehen. Was in anderen Staaten Asiens längst üblich ist, kommt deshalb auch in China in Mode: Vor allem Frauen versuchen, ihr Äußeres zu korrigieren. Das Geschäft mit der Schönheit boomt, immer mehr Kliniken öffnen ihre Tore.
Besonders populär: rundere Augen, höhere Nasenrücken, größere Busen, erotischer Lippenschwung. Viele Kundinnen spekulieren auf Karrieren als Models, Schauspielerinnen und TV-Journalistinnen oder wollen einfach nur dem Schönheitsideal der Personalchefs nahe kommen. Für die oft im Berufsleben diskriminierten chinesischen Frauen, sagt Qi Xiaoyu, Professorin an der Pekinger Frauenhochschule, »sind Aussehen und Alter entscheidende Faktoren bei der Anstellung«.
Um besser auszusehen, opfern die Chinesinnen Tausende von Yuan. Eine neu geformte Nase kann rund 10 000 Yuan (1033 Euro) kosten. »Unser Umsatz steigt ständig«, sagt Bao Huai, Marketingmanager des EverCare-Hospitals in Pekings Norden. An den Wänden des Flachbaus mit 20 Betten hängen Frauenakte und Fotos von fünf Patientinnen, deren Nasen sich auffällig ähneln. Das private Institut hat inzwischen Filialen in Harbin und Tianjin eröffnet.
Hao Lulu, 24, gehört zu den besten Kundinnen. Die Modejournalistin will sich innerhalb von sechs Monaten ein völlig neues Aussehen verpassen lassen. Die Ärzte der EverCare-Klinik nennen die Frau mit dem Pferdeschwanz und dem Handy um den Hals bereits »das Projekt«, nachdem sie Augenlider gerundet, die Nase modelliert, Fett im Gesicht und Falten am Hals beseitigt haben. Bauchpartie, Hüften und Haaransatz sollen in den nächsten Wochen folgen.
Die neue Wohlgestalt ist allerdings gewöhnungsbedürftig: So wie etwa der um 180 Gramm Silikon-Gel beschwerte Busen. Hao: »Ohne BH habe ich das Gefühl, ich müsste ihn festhalten, damit er nicht herunterfällt.« ANDREAS LORENZ