FREIZEIT Mit der Achterbahn zum Mars
Das Einkaufszentrum bleibt fürs Publikum gesperrt. Hier gäbe es den schauerlichsten Eindruck von den Weiten des Universums: zwei gewaltige Hallen mit Platz für gut 120 Läden links und rechts, eine Fläche so groß wie vier Fußballplätze. Und überall ist es still. Bis heute hat sich kein Geschäft hier ansiedeln wollen. Der ganze Trakt ist leer wie das Weltall hinter den Magellanschen Wolken.
Umso lauter kracht das Leben gleich nebenan. Dort geht gerade, unterm selben Dach, ein regensicherer Weltraumrummel in Betrieb: der größte Freizeitpark seiner Art in Europa. Die Besucher lassen sich von Simulatoren im Sonnensystem herumschleudern. Sie sehen von einer Mondbasis aus dem Erdaufgang zu. Oder sie rumpeln in kleinen Gondeln durch eine Raumstation, vorbei an randalierenden Robotern. Zwischendurch gehen die Leute essen oder ins Multiplex-Kino.
Und dann wären sie eigentlich überreif für ein nettes Einkaufserlebnis - das war der Plan für den »Space Park«, eine kolossale Betonburg im Bremer Stadtteil Gröpelingen. Der Bau sollte von weither die Leute locken zu einer neuen Spielart des Geldausgebens: zur Symbiose von Rummel und Bummel.
Aus dem Einkaufen ist erst einmal nichts geworden. Die Suche nach Mietern verlief ohne Erfolg; der Geschäftswelt fehlt wohl der Glaube ans Kosmische. So muss der Freizeitpark, genannt »Space Center«, allein sein Glück versuchen. Die Frage ist: Lässt sich mit bloßer Illusionstechnik, und sei sie noch so aufwendig, der Tourismus in Gang bringen? Kann man wirklich mit fast anderthalb Millionen Besuchern im Jahr rechnen? Die Prognosen beharren immer noch auf einem Ansturm dieses Ranges - darunter geht es auch kaum, wenn der Riesenbau sich annähernd tragen soll.
Die Fahrgeschäfte sind fertig, wenigstens zum größeren Teil. Nun kann das Publikum (für 18 statt 22 Euro) die noch lückenhafte Anlage inspizieren. Die richtige Eröffnung findet dann im Februar statt.
Eine andere Lösung als dieser Alleingang war kaum denkbar - abgesehen vom Abriss des ganzen Monumentalbaus. In diesem Fall aber könnte man wohl gleich das Bundesland Bremen zumachen.
Die Hallen am Ufer der Weser haben rund 600 Millionen Euro verschlungen - von der »teuersten Ruine Deutschlands« knarzte »Bild«. Das Geld kam zu zwei Dritteln von privaten Investoren, angeführt von der Immobilienfirma Degi, einer Tochter der Dresdner Bank. Der klamme Stadtstaat hat sich aber auch nicht lumpen lassen: 100 Millionen Euro kostete es, das ehemalige Werftgelände baufertig zu sanieren. Hinzu kamen knapp 30 Millionen an Zuschüssen und zuletzt noch einmal Anlaufkredite für den neuen Betreiber, die kalifornische Profun-Gruppe. Diese war erst im vorigen Jahr, nach dem Rückzug des Vorgängers, eingestiegen. Der Preis war unwiderstehlich: ein Euro. Mit ganzen 50 000 Euro haftet Profun für Verluste.
Bremen käme nicht so leicht davon. Im schlimmsten Fall wären etwa 185 Millionen Euro an Steuergeldern verloren, nicht eingerechnet die laufenden Kosten für den schieren Unterhalt eines Bauwerks von 66 000 Quadratmeter Grundfläche.
»Wir sind verdammt zum Erfolg«, sagt der Bremer Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel. »Sonst hieße es in Berlin gleich wieder, wir setzten hier alles in den Sand.« Den »Space Park« bezahlt nämlich im Grunde der Bund. Bremen bezieht seit 1994 eine milliardenschwere »Sanierungshilfe« für den zerrütteten Haushalt. Im nächsten Jahr läuft die Förderung aus. Dann bittet der Bundesfinanzminister zur Bilanz. Bösewichter meinen, der ewig bedürftige Stadtstaat habe sein Recht auf Selbständigkeit bereits verwirkt.
In dieser Lage kämpft nun das »Space Center« um die Gunst der Besuchermassen. Sollte es scheitern, so liegt das wohl nicht an der Unterhaltungstechnik in den Hallen. Niemand kann sagen, das Publikum werde hier zu wenig bedröhnt, beflimmert und gerüttelt. Auf 22 000 Quadratmetern türmen sich Projektoren, Monitore und Lautsprecher; es gibt Raumschiffsimulatoren auf hydraulischen Stelzenbeinen und neueste Vorspiegelungstechnik. Die Leute erleben ein stampfendes, brummendes Tollhaus der Illusionen.
Da ist zum Beispiel die Achterbahn, genannt »Galaxie Express": In weiten Schleifen windet sie sich durch den wankelförmigen Bau. Der Bauchkitzelfaktor der Strecke ist zwar begrenzt, denn bis zur Decke hinauf sind es nur 14 Meter - zu wenig selbst für den kleinsten Looping. Das macht aber nichts. Denn sobald die Fahrgäste ihren Helm überstülpen, haben sie nur noch den eingebauten Bildschirm vor Augen, der das bescheidene Erlebnis furios vergrößert: zu einem Flug durchs ganze Sonnensystem.
Die Wagen sind kaum um die erste Kurve gerollt, da stieben die Passagiere schon vorbei an der Internationalen Raumstation. Wenig später werden sie überm Mars in einen heftigen Sturm geraten, und am Ende durcheilen sie mit knapper Not das Trümmergestöber des Asteroidengürtels.
So eine Achterbahn ins Virtuelle hat es noch nicht gegeben. Der Film zur rasanten Fahrt stammt von dem Münchner Trickspezialisten Josef Kluger. Technisch sei es kein Problem, sagt Kluger, ein kurzes Gefälle der Bahn zu verwandeln in einen Sturzflug von 30 Kilometern dem Mars entgegen. Der Passagierkörper ist leicht zu betrügen. Einmal in Bewegung, registriert er nur noch die Kurswechsel. Geht es jäh ein wenig hinab, kann der Film ihm einen endlosen Sturz vorgaukeln - bis zur nächsten Aufwärtskrümmung.
Die Bilder müssen allerdings genau zur Bewegungsfolge passen. Von den zehn Wagen, die im Zugverband dahinrollen, bekommt deshalb ein jeder seine eigene Variante des Films zugespielt: zeitversetzt und zudem im Tempo angepasst. Denn kein Kurvenerlebnis gleicht genau dem anderen. Wenn
der erste Wagen nach der Biegung wieder beschleunigt, fährt der letzte umso schneller hinein.
Sobald die Technik einmal eingerichtet ist, bietet die virtuelle Achterbahn einen ersprießlichen Vorteil. Die Reiseroute lässt sich jederzeit auswechseln; ein neuer Film genügt. Auch ein Weltraumflug von doppelter Länge ist denkbar; dann rattern die Wagen eben zweimal über die Strecke.
Gleich nebenan ist zu sehen, dass auch die alte Geisterbahn noch neuartige Kurzweil hergibt. Unter dem Namen »Planet Quest« rollen die Wagen hier, wie es heißt, ins Innere einer unbekannten Zivilisation. Schillernde Riesenkreaturen schlängeln sich durch die Finsternis auf die Passagiere zu. Und der vorausfahrende Wagen wird wahrhaftig von einem qualligen Alien verschlungen.
Das Geschehen spielt sich auf verteilten Leinwänden ab; Stereobrillen lassen es räumlich erscheinen. Wenn der Wagen vorbeikurvt, dreht sich auch die Projektion auf der Leinwand. Dem Zuschauer kommt es vor, als blickte er aus verschiedenen Winkeln in dieselbe Szenerie.
Die anderen Angebote entstammen fast alle dem üblichen Rummelsortiment - vom Imax-Kino bis zum senkrechten Katapult, hier zum »Space Shot« verklärt. Dafür wimmelt es von fernsehbekannten Außerirdischen: Die TV-Serien »Stargate« und »Star Trek« sind mit eigenen Spektakeln vertreten.
Wer die Stationen alle nacheinander abklapperte, wäre freilich verdutzt, wie schnell er wieder draußen ist. Etwa 20 Minuten netto dauert der ganze Spaß. Die Betreiber schleusen deshalb das Publikum sorgsam gebremst durch den Parcours. Bevor die Besucher zum Beispiel ins »Raumschiff« der bösen Borg verschleppt werden (ab Februar im Programm), ist ein ausführliches Vorspiel zu absolvieren: Über Bildschirme und Lautsprecher bekommen die Wartenden ausgemalt, wie die Aliens näher rücken, während schon dräuend der Boden vibriert. So wird die Wartezeit zwanglos dem Vergnügen hinzugeschlagen.
Unterdessen ist drinnen bei den Borg noch die Kohorte der zuvor Verschleppten in Arbeit. Dort schlottern die Leute auf hydraulischen Wackelsitzen und warten darauf, dass die Unholde ihr Bewusstsein kapern. Dabei ist auch altmodische Mechanik für Spezialeffekte gut: Ein eisiges Lüftchen, im rechten Moment an den Hals gepustet, macht den Grusel komplett - zumal, wenn dann ringsum 800 schauerliche Stimmen erschallen: »Sie sind jetzt Borg!«
Von den Herrlichkeiten des wirklichen Weltraums oder gar seiner Erforschung ist dagegen im »Space Center« wenig zu sehen. Dabei wollte Bremen sich hier ursprünglich als »Stadt der Raumfahrt« präsentieren; schließlich entsteht im heimischen Werk der Firma EADS das europäische Forschungsmodul für die Internationale Raumstation.
Aber dem ganz großen Publikum wollten die Betreiber nicht mit Sonden und Satelliten kommen, mit Pulsaren oder Schwarzen Löchern. Stattdessen ist der Bremer Weltraum reich bevölkert mit Klingonen und Borg, und überall sausen Raumschiffe mit Warp-Antrieb herum, die »Swusch!« machen. Was ist dagegen die reale Raumfahrt mit ihren leeren Galaxien und ihrem untermotorisierten Fuhrpark?
Der gelernte Kernphysiker Wolfgang Wilke, Sprecher des »Space Center«, sagt es so: »Erst müssen wir die Marke etablieren. Dann können wir uns mehr um die Doktorarbeitsthemen kümmern.« Wilke war es, der vor Jahren die Gründungsidee für einen Raumfahrtpark hatte. Nun steht er auch zu dem Effekte-Spektakel, das daraus geworden ist: »Dafür muss man sich nicht entschuldigen.«
Es gab nicht viel Kritik in Bremen, abgesehen von der Lokalausgabe der »taz« und ein paar Grünen im Landesparlament. »Das wird nicht funktionieren«, sagte deren Abgeordnete Helga Trüpel. »Und wenn doch, macht es die Innenstadt kaputt.«
Die regierende Großkoalition aus CDU und SPD ließ sich nicht beirren. Der Unterhaltungsmarkt wankelmütig? Die Einnahmen unsicher? Die Besucherprognosen weit überzogen? Die Planer blieben bei ihren Plänen. Es herrschte der Glaube an die schiere Größe des Projekts, an die Zauberkraft des Übermäßigen.
Bremen hat es ja auch nicht leicht: Als die Werftindustrie dahingeschwunden war, stand das Bundesland ohne Zukunft da. Seitdem probiert es eine nach der anderen aus, meist indem es viel Geld in die vermutete Richtung wirft. So kam etwa die Innenstadt zu einem Musical-Palast, dessen erste zwei Produktionen bereits gescheitert sind.
Nicht alle Investitionen zur Abwendung des Ruins gingen jammervoll aus. »Der Technologiepark an der Uni«, sagt Ökonom Hickel, »ist ein großer Erfolg geworden. Aber natürlich schauen jetzt alle nur auf den ,Space Park''.«
Dort steht nicht nur die Zukunft des Stadtstaates auf dem Spiel. Erprobt wird auch ein Modell für die Zukunft der Freizeitbranche: ein Betonkoloss weitab vom Zentrum, gefüllt mit Modulen aus dem globalen Baukasten der Rummelindustrie. Wenn so ein Monument der Ortlosigkeit in Bremen überlebt, dann kann man überall alles veranstalten - vorausgesetzt, es blitzt und kracht. So gesehen ist der »Space Park« eine Wette auf eine Zukunft, in der gebeutelte Kommunen einander mit immer teureren Hightech-Palästen die launigen Touristen abjagen.
Das Risiko ist enorm. Muss man überhaupt so hoch pokern? Es wäre auch eine Nummer kleiner gegangen, wie im selben Bundesland ersichtlich wurde: Das »Universum Science Center«, eröffnet im September 2000, benötigte nur rund 20 Millionen Euro an Zuschüssen. Die glitzernde Muschel bietet solide Wissenschaft auf kinderfreundliche Weise - von der begehbaren Gebärmutter bis hin zu dem überaus beliebten Flüsschen mit verschiebbaren Strömungshindernissen. Und das Publikum kommt in Scharen: anderthalb Millionen in den ersten drei Jahren.
Für das Steuergeld, das im »Space Park« steckt, hätte Bremen neun Attraktionen der Universum-Klasse haben können.
MANFRED DWORSCHAK
* Links: Computeranimation mit Besuchern.